Wohin verschwand Mitteleuropa? – Interview mit dem Historiker Robert Evans

Foto: pixabay.com

Die ungarische Tageszeitung Magyar Nemzet sprach mit dem Historiker Robert Evans, einem der bekan­ntesten britis­chen Experten der Geschichte Mittel- und Osteuropas der frühen Neuzeit sowie der Habsburgermonarchie und Ungarns. Im fol­gen­den die wichtig­sten Teile des Gesprächs.

- Wie wird Ungarn und die mit­teleu­ropäis­che Region in Großbritannien betra­chtet?

- Wir sind weit voneinan­der ent­fernt und das Karpatenbecken war aus poli­tis­cher Sicht für das Vereinigte Königreich sel­ten wirk­lich inter­es­sant, obwohl in den let­zten unge­fähr anderthalb Jahrhunderten eine gewisse Sympathie, vor allem in aris­tokratis­chen Kreisen, ständig bestand. Aber die ungarische Revolution und der Krieg von 1848–1849 ließen die britis­che Öffentlichkeit weit­ge­hend unbeein­druckt. Der ehe­ma­lige ungarische Außenminister Géza Jeszenszky erin­nert in seiner Studie über die britisch-ungarischen Beziehungen an die typ­is­chen Erscheinungen dieser Epoche, die sehr viel ver­raten. Demnach soll die Idee eines unab­hängi­gen Ungarns bei den Briten unge­fähr soviel Begeisterung aus­gelöst haben „wie in Debrecen oder Pest die Idee eines unab­hängi­gen Wales“. Die britis­che Politik hat haupt­säch­lich die Existenz eines ein­heitlichen Habsburgerreiches unter­stützt, um dadurch den rus­sis­chen Einfluss einzudäm­men und das europäis­che Gleichgewicht hal­ten zu kön­nen. Allerdings erregte die mas­sive Vergeltung nach dem Unabhängigkeitskrieg sowie Kossuths Besuch große Sympathie.

- Wie ist die aktuelle Situation?

- Infolge der Stärkung einer global ori­en­tierten Wahrnehmung ver­folgt die britis­che öffentliche Meinung diese Region kaum noch und die Politik for­muliert ihre Stellungnahmen in erster Linie in Anpassung an die Europäische Union. In der Tat ist die britis­che Politik weder durch Ungarn noch durch die Region beson­ders betrof­fen.

- Sie erwäh­n­ten in ihrer aktuellen Präsentation in Budapest, welchen Einfluss es in unserer Region und Ungarn gehabt hätte, wenn die sprach­liche und nationale Vereinheitlichung im 18. bis 19. Jahrhundert nicht bei den Deutschen, son­dern bei den mit­teleu­ropäis­chen Slawen einge­treten wäre. Warum stellte sich diese Frage?

- Es ist zu über­legen, dass bis zur franzö­sis­chen Revolution mehr als die Hälfte der Franzosen der Amtssprache nicht mächtig war. Im Jahr 1800 war fast die Hälfte der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs keltisch, d.h. hatte keine englis­che Nationalität. Im Prinzip bot sich also die gle­iche Chance für die Vereinigung der Slawen. Zudem haben viele in jener Zeit die slaw­is­che Sprachen als eine ein­heitliche Sprache mit Dutzenden von Dialekten betra­chtet. Es lohnt sich somit sich vorzustellen, wie anders zum Beispiel die aktuelle Situation im Karpatenbecken wäre, wenn zu jener Zeit das deutschsprachige Gebiet in ver­schiedene Dialektgebiete zer­fallen und bei den Slawen das Gegenteil einge­treten wäre. Manchmal spiele ich mit diesem Gedanken, was passiert wäre, wenn zu jener Zeit vielle­icht unter Mitwirken der Tschechen eine Art slaw­isch dominiertes Reich ent­standen wäre; es wäre leicht möglich gewe­sen, dass es im Laufe der Zeit auch ohne die Habsburger lebens­fähig gewe­sen wäre. So ein Staat ist zwar nie ent­standen, aber die Tschechen haben auch später eine wichtige Rolle bei den Zentralisierungsbestrebungen von Maria Theresia und Joseph II gespielt. Zum Teil ist die Folge dieser Zentralisierung, dass die Vereinigung der Slawen scheit­erte. Die poly­glotte Habsburgdynastie ver­suchte die deutsche Sprache über­all zur Amtssprache oder zumin­d­est zur all­ge­meinen Kommunikationssprache zu machen.

- Hätte der Trialismus keine Lösung brin­gen kön­nen, also die Einigung mit den slaw­is­chen Völkern?

- Dieses Konzept hatte keine wirk­liche Realität und wurde seit dem Ausgleich von 1867 durch die ungarische Politik ver­hin­dert. Man hatte klar gese­hen, dass sich der slaw­is­che Einfluss im Reich nach einiger Zeit sig­nifikant gestärkt hätte, was die ter­ri­to­ri­ale Integrität Ungarns gefährdet hätte. Den geplanten tri­al­is­tis­chen Reformen von Erzherzog Franz Ferdinand wären auch die deutschna­tional gesin­nten Österreicher im Wege ges­tanden, die zu Beginn des 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewan­nen, das deutsche Kaiserreich bewun­derten und die Dominanz der in der dama­li­gen Österreich sich in der rel­a­tiven Mehrheit befind­en­den Slawen befürchteten. Der Trialismus hätte deshalb den Zerfall eher beschle­u­nigt. Kaiser Karls Föderalisierungsbestimmungen hät­ten im Falle eines Separatfriedens im ersten Weltkrieg das Überleben der Monarchie vielle­icht noch ermöglichen kön­nen, doch im Oktober 1918 war der Herrscher damit zu spät daran. Es ist zudem fraglich, ob ein zer­stück­eltes Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg lebens­fähig gewe­sen wäre. Das Überleben wäre wahrschein­lich auf lange Sicht auch dadurch nicht gesichert gewe­sen, wenn die Mittelmächte den Krieg gewon­nen hät­ten, was bis 1918, also bis zum Kriegseintritt der Amerikaner, dur­chaus möglich gewe­sen wäre. Die „neue Ordnung“ in Mittel- und Osteuropa unter deutscher Führung begann jeden­falls 1918 konkrete Formen anzunehmen mit Vasallen wie das kün­stlich geschaf­fene Königreich Polen, Finnland, die von Deutschland abhängi­gen baltischen Staaten und die ukrainis­che Monarchie. Die Frage ist, welche Rangordnung die kriegs­geschwächte Donaumonarchie in dieser Konstellation innege­habt hätte. Vermutlich wären nach der ersten Euphorie des Sieges nur die früheren Probleme neu aufge­brochen.

- Bei uns flammt die Nostalgie für die Monarchie immer wieder auf. Lohnt es sich, aus­ge­hend von der Zusamenarbeit der Visegrád-Staaten, sich über ein engeres Zusammengehen Gedanken zu machen?

- Mitteleuropa als eigen­ständige Einheit hat unter den gegen­wär­ti­gen Bedingungen keine wirk­liche Chance. Höchstens dann, wenn die Europäische Union zusam­men­bräche. Im Notfall hinge viel von Polen ab, das nach wie vor eine starke Mittelmacht in der Region ist. In Polen ist seit den achtziger und neun­ziger Jahren ein Paradigmenwechsel zu beobachten: heute sind die Polen viel weniger ablehnend gegen die Tschechen oder sogar gegen Österreich. Es sollte jedoch auch nicht vergessen wer­den, dass seit den aufeinan­der­fol­gen­den Erweiterungen der EU, also in den let­zten zehn bis fün­fzehn Jahren, der Begriff „Mitteleuropa“ aus der öster­re­ichis­chen Presse und wahrschein­lich auch aus dem öster­re­ichis­chen Allgemeindenken fast voll­ständig ver­schwun­den ist. Es ist somit nicht undenkbar, dass in einem Notfall sich diese Länder jedes für sich und in zunehmen­dem Maße eher an Deutschland anbinden wür­den.

Quelle: mno.hu/hetvegimagazin/robert-evans-az-onallo-kozep-europanak-nincs-eselye-1374588

Print Friendly, PDF & Email

Für unseren täglichen Info-Brief kön­nen Sie sich hier anmelden.

Wenn Sie unsere Mission mit einer Spende unter­stützen wollen, kön­nen Sie dies gerne per PayPal oder auch in kon­ven­tioneller Form, per Bankzahlschein machen.


IBAN: HU48135555551355201000014057, BIC: KODBHUHB, „Unser Mitteleuropa“

Wir sind für jegliche Hilfe sehr dankbar!