Wohin verschwand Mitteleuropa? – Interview mit dem Historiker Robert Evans

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Die ungarische Tageszeitung Magyar Nemzet sprach mit dem Historiker Robert Evans, einem der bekanntesten britischen Experten der Geschichte Mittel- und Osteuropas der frühen Neuzeit sowie der Habsburgermonarchie und Ungarns. Im folgenden die wichtigsten Teile des Gesprächs.

– Wie wird Ungarn und die mitteleuropäische Region in Großbritannien betrachtet?

– Wir sind weit voneinander entfernt und das Karpatenbecken war aus politischer Sicht für das Vereinigte Königreich selten wirklich interessant, obwohl in den letzten ungefähr anderthalb Jahrhunderten eine gewisse Sympathie, vor allem in aristokratischen Kreisen, ständig bestand. Aber die ungarische Revolution und der Krieg von 1848-1849 ließen die britische Öffentlichkeit weitgehend unbeeindruckt. Der ehemalige ungarische Außenminister Géza Jeszenszky erinnert in seiner Studie über die britisch-ungarischen Beziehungen an die typischen Erscheinungen dieser Epoche, die sehr viel verraten. Demnach soll die Idee eines unabhängigen Ungarns bei den Briten ungefähr soviel Begeisterung ausgelöst haben „wie in Debrecen oder Pest die Idee eines unabhängigen Wales“. Die britische Politik hat hauptsächlich die Existenz eines einheitlichen Habsburgerreiches unterstützt, um dadurch den russischen Einfluss einzudämmen und das europäische Gleichgewicht halten zu können. Allerdings erregte die massive Vergeltung nach dem Unabhängigkeitskrieg sowie Kossuths Besuch große Sympathie.

– Wie ist die aktuelle Situation?

– Infolge der Stärkung einer global orientierten Wahrnehmung verfolgt die britische öffentliche Meinung diese Region kaum noch und die Politik formuliert ihre Stellungnahmen in erster Linie in Anpassung an die Europäische Union. In der Tat ist die britische Politik weder durch Ungarn noch durch die Region besonders betroffen.

– Sie erwähnten in ihrer aktuellen Präsentation in Budapest, welchen Einfluss es in unserer Region und Ungarn gehabt hätte, wenn die sprachliche und nationale Vereinheitlichung im 18. bis 19. Jahrhundert nicht bei den Deutschen, sondern bei den mitteleuropäischen Slawen eingetreten wäre. Warum stellte sich diese Frage?

– Es ist zu überlegen, dass bis zur französischen Revolution mehr als die Hälfte der Franzosen der Amtssprache nicht mächtig war. Im Jahr 1800 war fast die Hälfte der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs keltisch, d.h. hatte keine englische Nationalität. Im Prinzip bot sich also die gleiche Chance für die Vereinigung der Slawen. Zudem haben viele in jener Zeit die slawische Sprachen als eine einheitliche Sprache mit Dutzenden von Dialekten betrachtet. Es lohnt sich somit sich vorzustellen, wie anders zum Beispiel die aktuelle Situation im Karpatenbecken wäre, wenn zu jener Zeit das deutschsprachige Gebiet in verschiedene Dialektgebiete zerfallen und bei den Slawen das Gegenteil eingetreten wäre. Manchmal spiele ich mit diesem Gedanken, was passiert wäre, wenn zu jener Zeit vielleicht unter Mitwirken der Tschechen eine Art slawisch dominiertes Reich entstanden wäre; es wäre leicht möglich gewesen, dass es im Laufe der Zeit auch ohne die Habsburger lebensfähig gewesen wäre. So ein Staat ist zwar nie entstanden, aber die Tschechen haben auch später eine wichtige Rolle bei den Zentralisierungsbestrebungen von Maria Theresia und Joseph II gespielt. Zum Teil ist die Folge dieser Zentralisierung, dass die Vereinigung der Slawen scheiterte. Die polyglotte Habsburgdynastie versuchte die deutsche Sprache überall zur Amtssprache oder zumindest zur allgemeinen Kommunikationssprache zu machen.

– Hätte der Trialismus keine Lösung bringen können, also die Einigung mit den slawischen Völkern?

– Dieses Konzept hatte keine wirkliche Realität und wurde seit dem Ausgleich von 1867 durch die ungarische Politik verhindert. Man hatte klar gesehen, dass sich der slawische Einfluss im Reich nach einiger Zeit signifikant gestärkt hätte, was die territoriale Integrität Ungarns gefährdet hätte. Den geplanten trialistischen Reformen von Erzherzog Franz Ferdinand wären auch die deutschnational gesinnten Österreicher im Wege gestanden, die zu Beginn des 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewannen, das deutsche Kaiserreich bewunderten und die Dominanz der in der damaligen Österreich sich in der relativen Mehrheit befindenden Slawen befürchteten. Der Trialismus hätte deshalb den Zerfall eher beschleunigt. Kaiser Karls Föderalisierungsbestimmungen hätten im Falle eines Separatfriedens im ersten Weltkrieg das Überleben der Monarchie vielleicht noch ermöglichen können, doch im Oktober 1918 war der Herrscher damit zu spät daran. Es ist zudem fraglich, ob ein zerstückeltes Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg lebensfähig gewesen wäre. Das Überleben wäre wahrscheinlich auf lange Sicht auch dadurch nicht gesichert gewesen, wenn die Mittelmächte den Krieg gewonnen hätten, was bis 1918, also bis zum Kriegseintritt der Amerikaner, durchaus möglich gewesen wäre. Die „neue Ordnung“ in Mittel- und Osteuropa unter deutscher Führung begann jedenfalls 1918 konkrete Formen anzunehmen mit Vasallen wie das künstlich geschaffene Königreich Polen, Finnland, die von Deutschland abhängigen baltischen Staaten und die ukrainische Monarchie. Die Frage ist, welche Rangordnung die kriegsgeschwächte Donaumonarchie in dieser Konstellation innegehabt hätte. Vermutlich wären nach der ersten Euphorie des Sieges nur die früheren Probleme neu aufgebrochen.

– Bei uns flammt die Nostalgie für die Monarchie immer wieder auf. Lohnt es sich, ausgehend von der Zusamenarbeit der Visegrád-Staaten, sich über ein engeres Zusammengehen Gedanken zu machen?

– Mitteleuropa als eigenständige Einheit hat unter den gegenwärtigen Bedingungen keine wirkliche Chance. Höchstens dann, wenn die Europäische Union zusammenbräche. Im Notfall hinge viel von Polen ab, das nach wie vor eine starke Mittelmacht in der Region ist. In Polen ist seit den achtziger und neunziger Jahren ein Paradigmenwechsel zu beobachten: heute sind die Polen viel weniger ablehnend gegen die Tschechen oder sogar gegen Österreich. Es sollte jedoch auch nicht vergessen werden, dass seit den aufeinanderfolgenden Erweiterungen der EU, also in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, der Begriff „Mitteleuropa“ aus der österreichischen Presse und wahrscheinlich auch aus dem österreichischen Allgemeindenken fast vollständig verschwunden ist. Es ist somit nicht undenkbar, dass in einem Notfall sich diese Länder jedes für sich und in zunehmendem Maße eher an Deutschland anbinden würden.

Quelle: http://mno.hu/hetvegimagazin/robert-evans-az-onallo-kozep-europanak-nincs-eselye-1374588