Koloman Brenner: Die Politik ist der Klub der Kämpfer, die sich nicht für jeden Intellektuellen eignet

Koloman Brenner (Foto:alfahir.hu)

Die Partei Jobbik stellt sein intellek­tuelles Hinterland vor: ab Mai wird ihr neuer Abgeordneter, Sprachwissenschaftler und Universitätsdozent, Koloman Brenner im ungarischen Parlament sitzen, der nicht nur im uni­ver­sitären Bereich, son­dern auch im öffentlichen Leben der deutschen Minderheiten seit Jahrzehnten tätig und aktiv ist. Ist er Quotenintellektueller oder Quotendeutscher von Jobbik? Was sagt er zur Wahl Imre Ritters zum deutschen Nationalitätenabgeordneten? Kann er es schaf­fen, dass die deutschen Parteien sich mit der Partei Jobbik aus­tauschen? Großinterview an der Budapester Eötvös-Loránd-Universität.

Was haben Sie lieber? Im Parlament abzus­tim­men oder zu prüfen?

Ich habe keine Präferenzen. Das Parlament kenne ich noch nicht so gut, da ich nur seit eini­gen Tagen Abgeordneter bin. Im vol­lkomme­nen Einverständnis mit der Leitung der ELTE-Universität und des Germanistischen Instituts habe ich mich so entsch­ieden, dass ich beide Stellen behalte: die Universitätslehrer zählen zu den geset­zlichen Ausnahmen, wo dies zuge­lassen wird, so muss ich mein bish­eriges Leben nicht völ­lig aufgeben. Heute zum Beispiel been­den wir ger­ade das Semester mit Klausurschreiben.

Ich möchte meine wis­senschaftliche Tätigkeit auch nicht aufgeben. Vor ein paar Wochen wurde mein neuestes Buch mit dem Titel „Deutsche Minderheiten und Institutionen” veröf­fentlicht, das ich im Thema der Sprachpolitik und der Autonomie geschrieben habe. Auch das ist mit meiner Arbeit im Parlament ver­bun­den, da ich in diesen Tagen zum Vizevorsitzenden der Unterkommission der Autonomie der Kommission der Nationalen Zusammengehörigkeit gewählt wurde. Außerdem bin ich eben­falls Mitglied in der Außenpolitischen Kommission, und wurde Fraktionsdelegierter in der par­la­men­tarischen Generalversammlung des Europarats. Früher war ich als Experte der Sprachcharta des Europarats tätig. Also gibt es zahlre­iche Überschneidungen in meiner poli­tis­chen und wis­senschaftlichen Tätigkeit. Dies möchte ich auch in Zukunft beibehal­ten.

Warum sind Sie ger­ade in die Partei Jobbik einge­treten?

Ich bin übri­gens nicht einge­treten, ich wurde ersucht als außer­parteilicher Abgeordneter mitzu­machen. 2015 wurde ich zu einem Treffen von Intellektuellen ein­ge­laden, wo ich eine Gemeinschaft ken­nen­gel­ernt habe, die sowohl fach­lich als auch poli­tisch den von mir vertrete­nen Prinzipien nahe stand. Daraus resul­tierte die Zusammenarbeit. In zwei Bereichen habe ich Expertenaufgaben über­nom­men: im außen­poli­tis­chen Bereich, beson­ders bezüglich der Kontaktpflege mit deutschsprachi­gen Ländern, und an der Ausarbeitung des Bildungsprogramms von Jobbik war ich beteiligt, da ich früher lange Zeit als Prodekan, sowie als Sekretär der  geistes- und sozial­wis­senschaftlichen Kommission der Ungarischen Rektorenkonferenz tätig war. Also hatte ich einen Überblick auf die Hochschullandschaft und Bildungspolitik, und auch auf die Lage des Sprachunterrichts.

Solche fach­liche Gemeinschaften haben sich im Umkreis der Partei gestal­tet, wo ich gefühlt habe, dass ich angekom­men bin. Für die ehren­werte Aufgabe der Abgeordnetenkandidatur hat Gábor Vona mich im Juli let­zten Jahres ersucht. Damals habe ich alles über­dacht: es war keine leichte Entscheidung, da ich früher keine poli­tis­che Laufbahn anstrebte, ich über­haupt nicht daran gedacht habe. Obwohl ich mich für die Öffentlichkeit immer schon inter­essiert habe, zweiundzwanzig Jahre lang war ich Abgeordneter der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, aber es hat mich nie bewegt auch als Politiker tätig zu sein. Trotzdem habe ich es damals – wie heute – so eingeschätzt, dass in einer solchen poli­tis­chen Lage, in der die in Übermacht ste­hende Fidesz-Partei eine in Richtung Einparteiensystem zeigende Diktatur entste­hen lässt, es die Pflicht eines Intellektuellen ist die Rolle im öffentlichen Leben einzunehmen, die eigentlich auch ich als Parlamentsabgeordneter über­nom­men habe.

Kann man sagen, dass Sie ein Quotenintellektueller in einer großun­garischen Partei sind?

Absolut nicht. Ich denke, dass die frühere, in der Presse inten­sivierte, vere­in­fachte Rhetorik  von Jobbik oft über­be­w­ertet wird. Wenn wir uns die Wahlprogramme der Partei anse­hen –  schon aus dem Jahr 2010 oder 2014, nicht nur das Letzte – darin wer­den nicht nur die Auslandsungarn son­dern auch die ungar­ländis­chen Minderheiten detailiert ange­sprochen und erwähnt, auss­chließlich in den Jobbik-Programmen und bei den anderen Parteien fehlt diese Thematik. Also fühle ich in mir kein­er­lei „Quotenminderheitenposten”, hinzu kommt, dass es in der Fraktion mehrere deutschstäm­mige Abgeordnete gibt: Kollege Staudt, oder müt­ter­lich­er­seits István Szávay, der das auf seiner Webseite auch verkün­det, und natür­lich der neu gewählte Herr Vorsitzender, der übri­gens Sneider heißt.

In dieser Gemeinschaft hat es mir keine Spannung oder keinen Konflikt bere­itet und bedeutet, dass ich Angehöriger der deutschen Nationalität bin, das hat ein jeder akzep­tiert. Noch dazu haben die Fidesz-Medien während der Wahlkampagne ver­sucht, meine Abstammung zu the­ma­tisieren und auszunutzen: Das Habony-Medienimperium hat gegen mich eine heftige anti­deutsche Hetze geführt. Die Jobbik-Partei anzuk­la­gen, dass sie nicht genug national sei –  eben seit­ens der Fidesz-Partei, die als lib­erale Partei den Startschuss machte, und daran erin­nere ich mich noch sehr gut – ist eine ziem­lich krasse Zumutung, witzig, oder eigentlich tragisch.

Wenn wir schon über die Regierungsmedien sprechen: während der Kampagne wurde veröf­fentlicht, dass „der mit migrante­nalarmieren­den Waffen han­del­nde”, in Ungarn festgenommene Mario Rönsch früher als Gast von Jobbik im Parlament zu Besuch war, was auch die Partei nicht ver­leugnet.

Nicht darauf habe ich hingewiesen, aber als das passiert war, hatte ich mit Jobbik noch nichts zu tun.

Konnten Sie für Jobbik, abge­se­hen von Mario Rönsch, irgendwelche deutschen Kontakte aus­bauen? Haben Sie Beziehungen zu deutschen oder öster­re­ichis­chen Parteien?

Der genan­nte Herr hatte und hat keinen offiziellen Kontakt mit der Jobbik-Partei, übri­gens führt Jobbik ständige Verhandlungen auf ver­schiede­nen Ebenen auch im deutschen Sprachgebiet.  Offizielle, die Parteichefs erre­ichende Treffen hat­ten wir bisher nicht.

Das mit meiner Tätigkeit ver­bun­dene her­aus­ra­gende Treffen war beispiel­sweise unser Besuch mit Márton Gyöngyösi im ver­gan­genen Herbst in Südtirol. Dort wur­den wir vom Parlamentspräsidenten, dem vorigen Regierungschef der Region sowie von Autonomieexperten auf höch­ster Ebene emp­fan­gen. Aber auch dies brachte nicht den wesentlichen Durchbruch mit sich, der spek­takulär gewe­sen wäre, weil wir – wie auch in der ungarischen Innenpolitik so oft – einen solchen Weg bestre­iten müssen, der basiszen­tri­ert von unten aus­ge­hend sich entwick­elt.

Neuerdings hat sich jedoch die Beurteilung von Jobbik in den deutschsprachi­gen Medien geän­dert, an dieser Stelle möchte ich auf den in der öster­re­ichis­chen Tageszeitung „Die Presse” veröf­fentlichten Artikel hin­weisen, in dem Jobbik als Volkspartei deklar­i­ert wird. Auch ich hatte mehrere Fernsehauftritte in den let­zten Monaten im öster­re­ichis­chen Fernsehen, bei denen Jobbik in schlichter Einfachheit als recht­skon­ser­v­a­tive Partei apos­tro­phiert wurde, ohne extremen Attribute. Das ist ein Prozess, an dem wir noch arbeiten müssen, aber in den let­zten anderthalb-zwei Jahren hat eine ern­ste Veränderung bezüglich der Beurteilung von Jobbik auf inter­na­tionaler Ebene begonnen.

Mit welchen deutschen oder öster­re­ichis­chen Parteien möchten Sie kooperieren? Vielleicht würde die CSU zu Ihnen passen? Oder dürfte auch die AfD in Frage kom­men?

Jobbik ist offen für die Kontaktaufnahme mit all jenen Parteien, die Jobbik als Partner anse­hen.

Es scheint nicht so, als würde die AfD sie als Partner betra­chten, laut der AfD ist Jobbik eine unvertret­bare recht­sradikale Partei. Selbst die AfD-Politiker sind über­rascht, wenn sie hören, dass Jobbik im Vergleich zur Fidesz-Partei in eini­gen Fragen mehr zur Mitte tendiert.

Genau darüber habe ich gesprochen, dass es ein laufender Prozess ist, und dass sich eine Veränderung in den deutschen Medien ger­ade erst durch­setzt. Sie sind bei einem Stand von vor vier-fünf Jahren, auch sogar  zu Politikern ist es nicht unbe­d­ingt vorge­drun­gen. Insbesondere wird eine Neupositionierung vor den Europäischen Parlamentswahlen 2019 stat­tfinden. Wir kön­nen eben­falls die Bewegung von Fidesz aus der Europäischen Volkspartei hin­aus sehen. Jobbik wird immer mehr als eine nor­male nationale Volkspartei akzep­tiert. Nach einer bes­timmten Zeit wird es dazu führen, dass diese Beziehungen entste­hen.

Welcher von den öster­re­ichis­chen Parteien wür­den Sie näherkom­men wollen?

In der aktuellen Konstellation müssen wir zu den Regierungsparteien Beziehungen aus­bauen.

Aber zu welcher? Zur ÖVP, oder der FPÖ?

Zu bei­den.

Es wird eine harte Nuss. Die ÖVP, wie auch Fidesz, ist Mitglied der Europäischen Volkspartei, in der FPÖ ist Orbán ja sehr beliebt. Heinz-Christian Strache lobt Orbán in seinen Facebook-Posts regelmäßig.

Was die öster­re­ichis­chen Parteien über Viktor Orbán hal­ten, ist ihre Sache, das würde ich nicht kom­men­tieren. Aber die Frage war, mit wem Jobbik vorhat zusam­men­zuar­beiten. Zum Beispiel habe ich mich mit einem zuvor SPD-Innenminister von Baden-Württemberg per­sön­lich getrof­fen, er war als Innenminister gan­den­los und knall­hart, mit ihm kann man ent­lang von Anliegen und fach­poli­tis­chen Fragen  eine Partnerbeziehung aus­bauen. Wenn wir die ide­ol­o­gis­chen Parteibeziehungen als Grundlage nehmen, dann steht die CSU zu uns am näh­esten, und einige Teile der CDU, sowie die AfD. Jedoch sind die deutschen und öster­re­ichis­chen Beziehungen aus nation­al­strate­gis­cher Sicht zu wichtig, als dass wir diese nur durch ein ide­ol­o­gis­ches Filter betra­chten.

Was hat man in der Jobbik von Ihnen gel­ernt?

Meine Kollegen soll­ten dies­bezüglich befragt wer­den. Mein Eindruck ist, dass ich in der Fraktion ein­er­seits als ehe­ma­liger Mitglied der Universitätsleitung, ander­er­seits als Experte für die nationalen Minderheiten abso­lut voll­ste Anerkennenung genieße, meine Meinung ist für sie wichtig. Die Funktionen, wofür die Fraktion mich delegiert hat, beweisen, dass sie auf mich zählen. Wir haben eine sehr zusam­men­hal­tende, über beachtliche fach­liche Kompetenzen ver­fü­gende Fraktion. Jetzt, wo die Posten erneuert wur­den, wird sich eine gute Zusammenarbeit zwis­chen der Parteiführung und der Fraktion entwick­eln.

Wir wer­den zum uner­bit­tlichen Feind von Fidesz: andere Parteien sind für diese Position untauglich, da die kom­mu­nis­tis­chen Nachfolgeparteien noch mehr geschwächt und zer­fallen wer­den.

Es ist offenkundig und ersichtlich, wie sich die Einstellung der Parteien des 21. Jahrhunderts verän­dert hat. LMP und wir – auch wenn wir in vie­len Fragen nicht einer Meinung sind, – hal­ten einan­der für Partner in der Politik, sehen einan­der nicht als zu ver­nich­t­en­den Feind.

Ist LMP ihr sym­pa­this­chster Gegner?

Das ist so. Mit ihnen hat­ten wir fach­poli­tisch mehrere gemein­same Punkte, worüber wir uns gemein­sam Gedanken machen kön­nen.

Wenn Sie schon kein Quotennationalitätenangehöriger sind, sind Sie zumin­d­est Quotenintellektueller von Jobbik?

Beehren wir also die Intellektuellen, die die Fidesz-Partei mit ihrer abso­lut anti­in­tellek­tuellen Politik in den let­zten Jahren ver­stoßen hat, um nicht Jobbik dafür ver­ant­wortlich zu machen, Quotenintellektuelle für die Politik zu liefern.

Ein wesentlicher Teil der kon­ser­v­a­tiven Intellektuellen hat sich hin­ter Jobbik aufgestellt.

Wer? Nicht so viele geben dazu ihren Namen. Sie sitzen zumin­d­est im Parlament, aber wie sieht es mit den anderen aus?

Eine ehren­volle und son­der­bare Eigenschaft der Intellektuellen ist, dass ein Teil von ihnen in der Öffentlichkeit tatkräftig mitwirkt, ein anderer Teil kom­men­tiert nur die Geschehnisse in der Politik, und wieder andere arbeiten in ihrem Beruf so und in eine Richtung, die sie für richtig hal­ten. Diese Haltungen respek­tierend habe ich mein­er­seits den Entschluss gefasst, was ich für richtig halte: dass man sich vor das Haus stellen muss, und die öffentliche Rolle auf sich nehmen sollte. Aber die Politik ist der Klub der Kämpfer, und sie ist nicht für jeden Intellektuellen geeignet. Ich behaupte nicht, dass meine Entscheidung die bessere war, das muss ein jeder für sich entschei­den.

Von meiner ver­meintlichen Einstufung als Quotenintellektueller inner­halb der Partei weiß ich aber nichts, also selbst den Begriff würde ich ablehnen. Es ist unwürdig solchen Intellektuellen gegenüber, die am Programm von Jobbik hart mit­gear­beitet haben. In einer Fraktion soll man nicht nur die Strömungen einer Volkspartei darstellen, son­dern genauso die Zusammensetzung der Wählerbasis: unsere 26-köp­fige Fraktion spiegelt laut meiner Einschätzung beide sehr gut wieder. Ich bin stolz darauf, dass Jobbik in meiner Person einen solchen Abgeordneten hat, der beweist: es war nicht nur eine leere Parole, dass wir ein intellek­tuelles Hinterland haben, son­dern dieses existiert auch in der Realität, und aus ihren Reihen kon­nte Jobbik einen Politiker als Abgeordneten delegieren.

Und zugle­ich ihren eige­nen Deutschen.

Das habe ich schon erk­lärt: es gibt in jeder Fraktion  Angehörige der deutschen Minderheit.

Übrigens wer­den wir uns bald mit eini­gen Abgeordneten aus jeder Fraktion mit dem deutschen Nationalitätenabgeordneten Imre Ritter zusam­menset­zen. Also lassen wir lieber die Quotenfrage. Genauso würde ich auch den Aspekt der Frauenquote für ziem­lich verz­errt und unwürdig beurteilen und hal­ten, da die Fähigkeit für jede Frau gegeben ist, alles zu erre­ichen, was auch ein Mann kann. Weder die Nationalität noch die Zugehörigkeit zur jew­eili­gen gesellschaftlichen Gruppe sollte als rich­tungsweisend aufge­fasst wer­den.

Die Politik – und die Fraktion – sind dann gut, wenn sie das ganze poli­tis­che Spektrum aufzeigen, und der ganzen ungarischen Gesellschaft Botschaften über­mit­teln kön­nen. Mein intellek­tueller Hintergrund – das nicht daraus resul­tiert, dass ich ein Diplom habe, son­dern durch meine Laufbahn und meine Publikationen begrün­det ist – und meine Arbeit im Nationalitätenbereich legit­imieren die Aussagen, die ich jetzt als Politiker for­muliere. Das ist eine gute Wechselwirkung.

Betrachten Sie sich nicht her­vorge­hoben als den Abgeordneten der Ungarndeutschen? Von der Nationalitätenliste ist Imre Ritter ins Parlament gelangt – mit Ihrem Hintergrund läge es auf der Hand, dass Sie in einer ähn­lichen Rollenauffassung arbeiten.

Natürlich, als ungar­ndeutscher Abgeordneter behan­dele ich die Angelegenheiten der Ungarndeutschen her­vorge­hoben, ich halte es für meine Herzensangelegenheit. Als Mitglied der Außenpolitischen Kommission des Parlaments habe ich ja eine größere Affinität zu den deutschsprachi­gen Ländern, aber dies bedeutet nicht, dass ich mich konzen­tri­ert und eingeengt nur mit diesem Thema beschäfti­gen werde.

Also wür­den Sie ohne Probleme auch mit dem Fidesz-Mitglied Imre Ritter für die Deutschen zusam­me­nar­beiten?

Ich finde die Parteimitgliedschaft Imre Ritters ist kein Problem. Als unglück­lich empfinde ich jedoch, dass wenn nun die deutsche Minderheit nach lan­gen Jahrzehnten, aus eigener Kraft und mit eigenem Recht einen voll­berechtigten Abgeordneten ins Parlament schicken kann, und dies in der bre­it­eren Öffentlichkeit so aus­gelegt und inter­pretiert wird, dass es gelun­gen ist zusät­zlich noch ein Fidesz-Mandat zu gewin­nen.

Halten Sie eigentlich die Idee der Institution des Nationalitätenabgeordneten für wichtig?

Das Recht der par­la­men­tarischen Vertretung der Minderheiten ist eine in der Verfassung ver­ankerte Berechtigung. Meiner Meinung nach ist dieses ein natür­liches und wichtiges Recht. Das Minderheitengesetz aus dem Jahr 1993 hatte bere­its eine Bestimmung, wonach dies in einem eigen­ständi­gem Gesetz fest­gelegt wer­den sollte – da nichts unter­nom­men wurde, hat das ungarische Parlament für lange Jahre ver­säumte Rechtswidrigkeit began­gen. Die Fidesz-Regierung löste das Versäumnis mit dem 25%-Stimmenanteil-Mandat für Nationalitätenabgeordnete: diese Möglichkeit ist anhand der Größenordnung für die Roma und der deutschen Gemeinschaft real­is­tisch zu erlan­gen, in dem Fall, wenn sie für sich selbst die Registration und die Wahl organ­isieren.

Die Lösung ist nicht unbe­d­ingt mustergültig, da die Nationalitätenabgeordnetensitze zur Gesamtzahl des Parlaments nicht dazugerech­net wer­den, son­dern von den erwor­be­nen Mandaten der Landesliste der Parteien Plätze weg­nehmen und reservieren. Geschweige denn, dass wenn jemand für die Nationalitätenliste abstimmt, dann kann er nur eigene Abgeordnete von den Kandidaten der Parteien wählen, und kann seine Stimme für die Parteiliste nicht abgeben. Ich hoffe darauf, dass durch die Tätigkeit Imre Ritters als Abgeordneten die durch die öffentliche Meinung for­mulierte Überzeugung wider­legt wird, Wärter des Fidesz-Zweidrittels zu sein.

Ist aber nicht auch das gün­stige Mandat eine Art Quote? Sie sind eben­falls Ungarndeutscher, Ihr Gegenüber auch. Es kann sein, dass Sie ein fanatis­cher Konservativer sind, und der Sie Befragende ein fanatis­cher Liberaler. Wieso würde ein Nationalitätenabgeordneter ihn, den lib­eral Gesinnten gut vertreten, nur weil er auch Deutscher ist?

Es geht nicht darum. Sondern, dass Rechte auch für die Nationalitäten zugesichert wer­den soll­ten, die es garantieren, an der Ausübung der poli­tis­chen Macht Teil zu haben. Dieses begün­stigte Mandat birgt für die ungar­ländis­chen Nationalitäten die Chance, um sie aus dem Nachteil des Minderheitendaseins hin­auszube­gleiten, da sie ab ovo nicht alle Staatsbürger ansprechen kön­nen. Hierfür ste­hen unter­schiedliche recht­stech­nis­che Mittel zur Verfügung. Beispielsweise bezieht sich in Schleswig-Holstein die par­la­men­tarische Antrittsschwelle auf die dor­tige dänisch-friesis­che Minderheitenpartei nicht.

Für die Abbildung der weltan­schaulichen Vielfalt des Ungarndeutschtums ist die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen zuständig, in deren Körperschaft jeder frei eine Liste stellen kann, und bei den Vollversammlungen kann ein jeder seine eigene Weltanschauung vertreten. Ich war für zweiundzwanzig Jahre dort Abgeordneter, und denke, dass wir der inneren Bandbreite erwach­sen gegenüber standen. Eine andere Frage ist, dass dies aus dem Aspekt des Nationalitätenrechts nicht immer ein Glücksfall ist – im let­zteren Fall ist das ein­heitliche Auftreten gegenüber der jew­eili­gen Staatsmacht der Schlüssel zum Erfolg.

Zwei Ungarndeutsche sitzen bei diesem Tisch und sprechen in per­fek­tem Ungarisch miteinan­der. Wie deutsch sind eigentlich die Ungarndeutschen, haben sie eine wahrhaftige Beziehung zu Deutschland?

Meinerseits kön­nen wir ohne Weiteres gerne deutsch weit­er­ma­chen!

Von mir aus!

Ich gehöre zu denen, die mit sechs Jahren ungarisch gel­ernt haben. Vorwiegend spreche ich deutsch, auch mit meinen ungar­ndeutschen Kollegen bei Jobbik. Die Sprachverwendung der Ungarndeutschen ist ein bedeu­tungsvolles wis­senschaftliches Thema, die sich im his­torisch-sozialen Umfeld fort­laufend-beständig her­aus­ge­bildet hat. Bis 1949 war das Ungarndeutschtum de jure, anschließend auch de facto entrechtet.

Die Weitertradierung der klas­sis­chen Sprachvermittlung wurde unter­brochen – die deutsche Sprache und Kultur ver­suchen wir nun zu revi­tal­isieren. Zwei Angaben möchte ich her­vorheben: Wenn wir die Statistik der Volkszählung analysieren, zeigt sich die Tendenz, dass seit dem Systemwechsel die Anzahl der sich als Angehörige der deutschen Minderheit beken­nen­den Menschen fort­laufend steigt. Seit 2000 wächst, zwar nur ger­ing, aber auch die Zahl deren, die Deutsch als Muttersprache angeben.

Teil der Revitalisierung ist auch, dass es bere­its dreißig solche Kindergärten und Grundschulen in Ungarn gibt, die in der Trägerschaft der lokalen deutschen Selbstverwaltung ste­hen.

Die in der Bildungspolitik sehr neg­a­tive Prozesse aus­lösende KLIK-Politik (die zen­tral­is­tis­che Bildungspolitik der Fidesz-Regierungen) hat für die Ungarndeutschen einen pos­i­tiven Effekt, da zahlre­iche Selbstverwaltungen die Institutionen lieber den lokalen deutschen Selbstverwaltungen über­lassen, anstatt den gesicht­s­los-unbekan­nten Budapester KLIK-Leitern das Feld zu räu­men.

Aber gibt es eine tat­säch­liche Beziehung zwis­chen Deutschland und den aus­lands­deutschen Minderheiten? Im Umfeld des sich mit dem Thema beschäfti­gen­den CDU-Bundestagsabgeordneten hat man uns damals gesagt, dass es nicht so modisch sei sich mit dem Thema auseinan­derzuset­zen, auch  in der CDU nicht, weil dies als über­flüs­siger Patriotismus gelte.

Unsere Einordnung in die „geduldete Kategorie” ist eine Eigentümlichkeit der deutschen Innenpolitik. Ich möchte hinzufü­gen, dass es seit den 1990ern einen Beauftragten für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten gibt, der auch für die Spätaussiedler zuständig ist.

In der let­zten Zeit bemerke ich eine rel­a­tive Entwicklung: es gibt schon ein Koordinationsbüro, Informationshefte wer­den veröf­fentlicht, aber Fakt ist, dass die deutschen Minderheiten keine so große Rolle in Deutschland spie­len, wie für Ungarn die Auslandsungarn.

Nicht nur in der deutschen Innenpolitik, auch in den öffentlichen Diskussionen nicht.

Der Bund der aus Ostmitteleuropa ver­triebe­nen Deutschen hat über eine par­la­men­tarische Partei im Bundestag ver­fügt, das war der Gesamtdeutscher Block / Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten. Im heuti­gen Deutschland gibt es fast keinen Menschen, in dessen Verwandtschaft es keine ver­triebe­nen Deutsche gibt –  wir sprechen über mehr als zehn Millionen Vertriebene. Diese Partei wurde 1961 in die CDU eingeschmolzen. Es war offen­sichtlich, dass diese Frage nach der deutschen Wiedervereinigung erneut the­ma­tisiert wer­den sollte, aber in öffentlichen Diskussionen erscheint davon nur so viel, dass viele Deutsche nach der Wende aus Russland gekom­men sind.

Die zu Hause untere­inan­der rus­sisch sprechen, weil sie kaum deutsch kön­nen, und die AfD wählen, viel sei ihnen nicht zu ver­danken, meint die Öffentlichkeit.

Wer in einem demokratis­chen Rechtsstaat egal für wen abstimmt, soll die Privatangelegenheit eines jeden Wahlbürgers sein. Dass der wesentliche Teil der aus Russland gekomme­nen Deutschen den aus­geglich­enen kon­ser­v­a­tiven Standpunkt der AfD für sich sym­pa­thisch findet, wun­dert mich nicht, weil sie genau das sagen, was die CDU vor zwanzig Jahren schon ver­laut­barte. Ich erin­nere mich noch an solche CDU-Slogans, wie „Kinder statt Inder”. Wenn das heute ein AfD-ler sagen würde, würde er gle­ich als Nazi apos­tro­phiert.

Die deutsche poli­tis­che und Medienelite sind so stark nach links gerückt, dass ich die unlängst mit dem Auftreten der AfD begin­nende Korrektion wohl für einen gesun­den Prozess halte.

Ich ver­stehe die aus der his­torischen Vorgeschichte stam­mende  Motivation der linken Tendenzen, aber ich halte es für wichtig, dass eine mod­erne patro­tis­che Denkweise des 21. Jahrhunderts auch in Deutschland gestal­tet wer­den soll.

Gedankenexperiment: wären Sie in Deutschland Politiker, in welcher Partei wären Sie Mitglied?

Vom von mir gesproch­enen mit­tel­bairischen Dialekt auge­hend würde ich den kon­ser­v­a­tiven Flügel der CSU stärken.

In anderen Bundesländern wür­den Sie schon nicht so begeis­tert in die CDU ein­treten.

Das stimmt.

FDP – rechter Flügel?

Zum Beispiel. Oder der in die Mitte tendierende Flügel der AfD. Aber es ist mit der ungarischen Politik nicht so leicht ver­gle­ich­bar. In Österreich würde ich zwis­chen dem rechten Flügel der ÖVP und dem Mittelflügel der FPÖ zögern. Ich ver­stehe, dass solche Fragen für Journalisten inter­es­sant sein kön­nen, aber wir sprechen über ganz andere innen­poli­tis­che Entwicklungsgeschichten durch­lebte Parteien, mein­er­seits sind diese nur unge­fähre Positionen.

Was für deutsche lit­er­arische Werke wür­den Sie dem neuen Vorsitzenden von Jobbik, Tamás Sneider empfehlen, wodurch er sich zur Führung rüsten kön­nte?

Auf jeden Fall die Klassiker: Goethe und Schiller.

Oder Faust, wie er seine Seele dem Teufel verkauft?

Nein! Ich habe an die moralis­chen und poli­tis­chen Entscheidungen gedacht, welche in diesen Dramen erscheinen, und womit alle Politiker kon­fron­tiert wer­den müssen.

Quelle: azonnali.hu/cikk/20180517_politika-harcosok-klubja-nem-valo-minden-ertelmiseginek-brenner-koloman-az-azonnalinak

 

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