Das römische Reich ging wie Europa unter

Der fol­gende Text stammt von Professor Dr. Alexander Demandt, er lehrt Alte Geschichte an der Freien Universität Berlin. 

Im Frühjahr 376 n. Chr. erschien am römis­chen Kaiserhof im syrischen Antiochia eine Gesandtschaft der Westgoten aus der Provinz Moesia nahe der Donaumündung. Die Germanen berichteten, aus Innerasien sei ein wildes Reitervolk, die Hunnen, erschienen, habe die Ostgoten nördlich des Schwarzen Meeres besiegt und den Westgoten ein gle­iches Schicksal ange­droht. Diese seien geflo­hen, stün­den jetzt am Nordufer der Donau und bäten als friedliche Flüchtlinge um Aufnahme ins Reich.

Im Kronrat wur­den Bedenken laut, aber die Fürsprecher set­zten sich durch. Das Reich kon­nte Zuwanderer als Siedler, Steuerzahler und Söldner brauchen, und zudem habe der Kaiser die Pflicht, in christlicher Nächstenliebe nicht nur an das Wohl der Römer zu denken, son­dern für alle Hilfsbedürftigen Sorge zu tra­gen. Die Genehmigung wurde erteilt, die Grenze geöffnet, und die Goten kamen. Der römis­che Statthalter suchte die Ankömmlinge zu zählen, aber die Aktion geriet außer Kontrolle. Tag für Tag pen­del­ten die Fähren über den Fluss, der Zeitgenosse Ammianus Marcellinus schreibt: zahl­los wie die Funken des Ätnas.

Sehr bald gab es Versorgungsprobleme. Römische Geschäftsleute ver­langten über­höhte Preise, man ver­langte, schreibt Ammian, für einen toten Hund einen Fürstensohn. Die Goten began­nen zu plün­dern, es kam zu Scharmützeln. Verstärkung erhiel­ten die Goten aus den römis­chen Bergwerken, in denen große Zahlen von ger­man­is­chen Gefangenen arbeit­eten. Sie schlossen sich den Landsleuten an. Es gab Kämpfe, die Grenztruppen wur­den geschla­gen, der Kaiser um Hilfe gerufen. Valens erschien mit dem Reichsheer des Ostens. Am 9. August 378 kam es bei Adrianopel, dem heute türkischen Edirne, zur Schlacht. Das römis­che Heer wurde von den Germanen zusam­menge­hauen, der Kaiser fiel. Sein Nachfolger Theodosius musste den Fremden 382 Land anweisen, wo sie nach eigenem Recht lebten. Die Donaugrenze aber war und blieb offen. Immer neue Scharen drangen ins Reich. Im Jahre 406 war auch die Rheingrenze nicht mehr zu hal­ten. Die Völkerwanderung war im Gang. Die Landnahme endete erst mit dem Einbruch der Langobarden in Italien 568.

Die Aufnahme der gotis­chen Flüchtlinge 376 war poli­tisch nichts Neues. Rom war immer frem­den­fre­undlich. Schließlich war nach der Überlieferung schon Äneas, der Stammvater, selbst ein Zuwanderer aus Troja gewe­sen. Als Romulus die Stadt grün­dete, eröffnete er auf dem Palatin ein Asyl, bevölk­erte es mit Asylanten beliebiger Herkunft und machte sie zu Römern. In fol­gen­der, his­torischer Zeit war es ein Grundsatz römis­cher Politik, jeden, der tüchtig war, aufzunehmen. Dazu zählte unter anderem das große, hochberühmte Patriziergeschlecht der Claudier, aus dem später vier Kaiser her­vorgin­gen. Einer von ihnen, Kaiser Claudius, hat unter Hinweis darauf den Galliern das volle Bürgerrecht ver­liehen.

Die regionale Ausdehnung des Römerreiches brachte es mit sich, dass die Römer keine eth­nis­che Nation, son­dern eine Rechtsgemeinschaft waren, ver­bun­den durch Kaiser, Heer und Verwaltung, durch die Sprache und eine hochen­twick­elte Zivilisation. Die Wirtschaft blühte auf, erregte aber nun auch die Begehrlichkeit der Barbaren jen­seits der Grenzen, zumal der Germanen. Sie waren arm, kinder­re­ich, kriegerisch und wan­der­freudig und strebten ins Imperium, wo Land und Beute lock­ten. Das begann um 100 v. Chr. mit den Kimbern und Teutonen, die mit Weib und Kind von der Nordsee los­zo­gen und nur mit Mühe abzuwehren waren.

Seit Cäsar schwankte die Germanenpolitik zwis­chen Abwehr und Aufnahme, der Bevölkerungsdruck aus dem Norden war Dauerthema. Cäsar ver­trieb den nach Gallien einge­drun­genen Swebenkönig Ariovist, heuerte aber ger­man­is­che Reiter für seine Hilfstruppen an. Unter Augustus kam es zur ersten Übernahme ganzer Stämme, so der Ubier ins Hinterland von Köln. Die Kaiser bis zu Nero hiel­ten sich eine ger­man­is­che Leibwache, weit­ere Ansiedlungen fol­gten, unter Tiberius vierzig­tausend, unter Nero ange­blich hun­dert­tausend. Das set­zte sich fort. Die Neulinge erhiel­ten Land und lebten als Bauern. Durch Handel mit den Städten und den Kriegsdienst lern­ten sie Latein, sie ver­mis­chten sich mit den Provinzialen, verehrten die gle­ichen Götter wie sie und waren in der zweiten Generation inte­gri­ert. Mit der Constitutio Antoniniana 212 erhiel­ten sie das römis­che Bürgerrecht.

Die Einbürgerung der Germanen min­derte den Bevölkerungsdruck auf die Grenzen, kon­nte ihn aber nicht beheben. Von Augustus bis Domitian kam es immer wieder zu Einfällen. Der Plan, Germanien bis zur Elbe zu unter­w­er­fen, scheit­erte im Teutoburger Wald. Domitian sah sich um 80 n. Chr. genötigt, den Limes zu errichten, eine Militärgrenze gegen das unkon­trol­lierte Eindringen der Fremden. Ganz zu ver­hin­dern war es nicht. Seit Marc Aurel gin­gen die Plünderungszüge wieder los und wur­den bedrohlich, als im 3. Jahrhundert sich die Großstämme der Alamannen, Franken und Sachsen bilde­ten, den Limes durch­brachen, Gallien und Italien heim­suchten, während im Osten die Goten hausten und 251 Kaiser Decius besiegten. Kriegstechnisch waren die Römer immer über­legen, aber durch den Söldnerdienst und den Zugriff auf römis­che Waffen waren die Germanen nun auf gle­ichem Niveau. Sie mod­ernisierten ihr Kriegswesen gewis­ser­maßen mit römis­cher Entwicklungshilfe.

Die Römer ver­suchten das Problem mit den Fremden homöopathisch zu lösen, indem sie nach alt­be­währter Manier Germanen gegen Germanen ein­set­zten. Das machte keine Schwierigkeiten, denn bei den Stammesfehden im Inneren Germaniens kämpften sowieso stets Germanen gegen Germanen. Der Einsatz von Söldnern war ökonomisch sin­nvoll. Die Provinzialen, bei denen der Kriegsdienst höchst unbe­liebt war, kon­nten sich der Produktion wid­men; und die Germanen, die lieber Blut als Schweiß ver­gossen, dien­ten und ver­di­en­ten im Heer.

Während immer größere Kontingente ange­wor­ben wur­den, kon­nte es nicht aus­bleiben, dass ger­man­is­che Krieger in Kommandostellen aufrück­ten. Unter Constantin finden wir die ersten ger­man­is­chen Heermeister im Generalsrang. Auf der Führungsebene kam es zu Verschwägerungen, sogar mit dem Kaiserhaus. Es ent­stand eine römisch-ger­man­is­che Militäraristokratie, ein geneal­o­gis­ches Netzwerk von Verbindungen, durch die alle Entscheidungsträger irgend­wie miteinan­der ver­sippt waren. Während der let­zten hun­dert Jahre des Gesamtreiches lag die poli­tis­che Führung bei Germanen wie Merobaudes, Bauto, Stilicho, Rikimer und Gundobad. Die Kaiser in ihren gut beheizten Palästen in Ravenna, Rom und Konstantinopel ver­loren die Verbindung zur Armee und damit ihre Macht. 476 schickte Odovakar als römis­cher Offizier den let­zten Kaiser des Westens in den Ruhestand.

Man sollte nun annehmen, dass die Einbürgerung der Fremden zu einer Integration führen müsste, wie es drei­hun­dert Jahre lang der Fall war. Aber je mehr Germanen kamen und je höhere Posten sie errangen, desto schwieriger wurde das. Neid kam auf. Ressentiments machten sich bemerk­bar. Die bär­ti­gen Germanen in ihren lan­gen Hosen und Pelzen wur­den das Odium des Barbarentums nicht los, ihr Aussehen gren­zte sie als Fremde aus und ihr ari­an­is­ches Bekenntnis galt als Ketzerei. Gesetze gegen Mischehen, fremde Tracht und falschen Glauben zeigen die Stimmung. Fremdenfeindliche Literatur, Massaker und Mordaktionen richteten sich gegen die Germanen, die man aber nicht mehr loswurde und auf die man auch nicht verzichten kon­nte, denn sie stell­ten die besten Kontingente. Die Regierung ver­lor die Kontrolle über die Provinzen, das staatliche Waffenmonopol war nicht aufrecht zu erhal­ten. Eine Unzahl an Verordnungen erg­ing, aber sie wur­den nicht mehr aus­ge­führt, die Exekutive ver­sagte, die überkom­plizierte Bürokratie brach zusam­men.

Die Sachsen über­nah­men Britannien, die Franken Gallien, die Alamannen Obergermanien. Italien wurde von den Ostgoten, Spanien von den Westgoten, Nordafrika von den Vandalen besetzt. Auf dem Balkan herrschte Turbulenz, der Osten war durch Glaubenskämpfe zer­ris­sen. Die Provinzialen, über­all in der großen Mehrheit, waren poli­tisch hand­lung­sun­fähig, im lan­gen Kaiserfrieden gewöhnt, regiert und geschützt zu wer­den. Jetzt in der Not gewann die Sorge um das Seelenheil Vorrang. Die Kirche erset­zte den Staat, die Klöster bewahrten die Reste des Bildungsgutes. Die Städte, in denen die Grundbesitzer wohn­ten, ver­armten. Das kul­tur­tra­gende Bürgertum ver­schwand – die Germanen inter­essierten sich mehr für Waffen als für Bücher –, das Bildungswesen blieb ihnen als Fremden fremd. Die Verkehrswege zu Land wie zu Wasser waren nicht mehr sicher, der für den Wohlstand wichtige Fernhandel erlahmte. Naturalwirtschaft machte sich breit. Die Wasserleitungen zer­fie­len, die Bäder kon­nten nicht mehr beheizt, Straßen und Brücken nicht mehr aus­gebessert wer­den, über den Rhein gab es nur noch Fähren.

Es ist eine alte Frage, weshalb die reiche, hochen­twick­elte römis­che Zivilisation dem Druck armer, bar­barischer Nachbarn nicht standge­hal­ten hat. Man liest von Dekadenz, von einer im Wohlstand bequem gewor­de­nen Gesellschaft, die das süße Leben des Einzelnen erstrebte, aber den vitalen und aktiven Germanenhorden nichts ent­ge­gen­zuset­zen hatte, als diese, von der Not getrieben, über die Grenze strömten. Überschaubare Zahlen von Zuwanderern ließen sich inte­gri­eren. Sobald diese eine kri­tis­che Menge über­schrit­ten und als eigen­ständige hand­lungs­fähige Gruppen organ­isiert waren, ver­schob sich das Machtgefüge, die alte Ordnung löste sich auf.

Kurzinterview und Quelle: www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/untergang-des-roemischen-reichs-das-ende-der-alten-ordnung-14024912-p3.html

Print Friendly, PDF & Email

Für unseren täglichen Info-Brief kön­nen Sie sich hier anmelden.

Wenn Sie unsere Mission mit einer Spende unter­stützen wollen, kön­nen Sie dies gerne per PayPal oder auch in kon­ven­tioneller Form, per Bankzahlschein machen.


IBAN: HU48135555551355201000014057, BIC: KODBHUHB, „Unser Mitteleuropa“

Wir sind für jegliche Hilfe sehr dankbar!