Was wussten die Deutschen?

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WAS WUSSTEN DIE DEUTSCHEN?

von Prof. Dr. Alfred de Zayas

76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt­krieges und 74 Jahre nach Verkün­dung des Nürn­berger Urteils bleibt der Holo­caust ein kaum zu begrei­fendes Mega­ver­bre­chen, einzig­artig im Nihi­lismus, in der missi­ons­ar­tigen Durch­füh­rung, in den Mecha­nismen der Tarnung und Geheim­hal­tung, schließ­lich in seiner Bedeu­tung für die deut­sche Iden­tität und seinen Impli­ka­tionen über das deut­sche Problem hinaus.

Eine Anzahl Studien ist darüber veröf­fent­licht worden, jedoch erweisen sie sich in mancherlei Hinsicht als unbe­frie­di­gend, da wich­tige Fragen nicht gestellt, unge­nü­gend unter­sucht oder anachro­nis­tisch inter­pre­tiert werden. Beson­ders umstritten ist die Frage des „Wissens“ bei den Beamten, Soldaten, bei der Bevöl­ke­rung. War der Holo­caust ein „offenes Geheimnis“, wie manche Histo­riker postulieren?

Alle Erwach­senen, die 1933–1945 im Reich lebten, wussten, dass das Regime eine viru­lente anti­jü­di­sche Haltung vertrat, die im Gefolge der „Macht­er­grei­fung“ offen und gewaltsam hervor­trat. Die Nürn­berger Gesetze von 1935 waren bekannt; viele wurden Zeugen der Reichs­kris­tall­nacht vom 9. November 1938. Viele hörten die drohende Rede Hitlers vom 30. Januar 1939. Muss der Histo­riker daraus folgern, dass der Durch­schnitts­deut­sche auch über die „Endlö­sung“ Bescheid wusste, oder dass er damit einver­standen war? Beinhaltet das Wissen, dass das Regime anti­jü­disch gesinnt war, auch notwen­di­ger­weise das Wissen von den Unge­heu­er­lich­keiten, die sich in den Jahren 1941–45 vor allem in Terri­to­rien außer­halb des Reichs ereignet haben? Im Laufe des Krieges hat eine Anzahl Deut­scher zwei­fellos von Mosa­ik­steinen des Horrors erfahren. Aber die gele­gent­liche Beob­ach­tung, dass jüdi­sche Mitbürger einen gelben Stern trugen oder dass während des Krieges jüdi­sche Mitbürger abge­holt wurden, ist etwas wesent­lich anderes als das Wissen, dass ein Plan vorlag, diese Menschen zu ermorden. Man muss sich in die Zeit versetzen. Das Leben im Reich – unter stän­digen Bombar­die­rungen aus der Luft und durch andere Gefahren und Denun­zi­an­tentum erschwert – war mit schweren Sorgen belastet. Jede Familie hatte Ange­hö­rige an der Front. Wie hoch war die Bereit­schaft, auf Indi­zien zu reagieren? War eine psycho­lo­gi­sche Fähig­keit, diese Indi­zien zu erkennen, über­haupt vorhanden?

Zur Verdeut­li­chung des Problems: In Amerika wurden etwa 120.000 Nach­barn japa­ni­scher Herkunft und etwa 30.000 Menschen deut­scher und italie­ni­scher Abstam­mung von ihren Häusern abge­holt und in diverse Lager in Amerika abtrans­por­tiert, wo sie viele Inter­nie­rungs­jahre verbrachten. Es war unmensch­lich, sogar gesetz­widrig, aber kein Ameri­kaner, der mitan­ge­sehen hat, dass sein Nachbar abge­holt wurde, kein Ameri­kaner, der die Züge oder Busse gesehen hat, hat jemals gedacht, dass diese Menschen ermordet werden könnten. Man müsste schon para­noid oder verrückt sein, um zu vermuten, dass der Abtrans­port von Menschen in Lager mit Völker­mord gleich­zu­setzen sei. Jeder in Amerika hat gedacht, dass die Japaner und Deut­sche aus Gründen der natio­nalen Sicher­heit irgend­wohin gebracht werden sollten. Nun waren die Verei­nigten Staaten in den 40er Jahren eine verhält­nis­mäßig offene Demo­kratie, wo man hätte protes­tieren können, jedoch haben nur wenige Ameri­kaner jemals nach dem Wohl­ergehen der Depor­tierten gefragt.  Keiner macht die ameri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung für dieses Versäumnis oder für den mangelnden Wider­stand verant­wort­lich. Zum Vergleich war Deutsch­land keine Demo­kratie sondern eine tota­li­täre Diktatur, wo Kritik, insbe­son­dere alles, was als „Wehr­kraft­zer­set­zung“ galt, mit Gefängnis, Zucht­haus oder KZ, ja mit dem Tod bestraft wurde, so wie in allen Zwangs­re­gimes, wo die Bevöl­ke­rung einge­schüch­tert ist, und nur wenige es wagen nachzufragen.

Einige Deut­sche, die Kenntnis über den Holo­caust erlangten, befanden sich bereits in Oppo­si­tion oder gingen gerade deshalb in den Wider­stand. Ein wich­tiges Zeugnis des „Wissens“ stammt von Helmuth James Graf von Moltke, der im Amt Ausland/Abwehr bei Admiral Canaris arbei­tete. Auch wenn man vermuten könnte, dass Moltke wegen seiner dienst­li­chen Posi­tion sehr viel mehr hätte wissen müssen, scheint auch er nur Bruch­teile des Horrors erfahren zu haben. In einem Brief an seinen Freund, Professor Lionel Curtis von All Souls College, Oxford, datiert vom 25. März 1943 – also zu einem Zeit­punkt, in dem die Massen­morde in den Vernich­tungs­la­gern schon etwa ein Jahr in Gang waren, bringt Moltke sein Entsetzen über die Morde zum Ausdruck:

„Selbst in Deutsch­land wissen die Menschen nicht, was vor sich geht. Ich glaube, dass mindes­tens neun Zehntel der Bevöl­ke­rung nicht weiß, dass wir Hundert­tau­sende von Juden ermordet haben. Sie glauben immer noch, dass die Juden abge­son­dert irgendwo ein Leben führen, genauso wie früher auch, nur etwas weiter im Osten … viel­leicht etwas ärmli­cher, aber ohne Luft­an­griffe. Wenn Sie diesen Menschen sagen würden, was wirk­lich geschehen ist, würden sie antworten: Sie sind halt ein Opfer der briti­schen Propa­ganda: Erin­nern Sie sich doch nur einmal, welch lächer­liche Dinge [gemeint sind ‚abge­hackte Kinder­hände‘] die Briten über unser Vorgehen in Belgien 1914 bis 1918 abge­son­dert haben“.

Weiter berichtet Moltke im Brief:

„Wir haben vom Bau eines großen Konzen­tra­ti­ons­la­gers in Ober­schle­sien gehört, welches für 40–50000 Personen ange­legt ist, von denen monat­lich 3–4000 getötet werden sollen. Aber selbst ich bekomme alle diese Infor­ma­tionen nur in recht vager, undeut­li­cher und unge­nauer Form, obwohl ich mich ja bemühe, so etwas herauszufinden.“

Bereits in den 70er Jahren begann ich, in der Zentral­stelle der Landes­jus­tiz­ver­wal­tungen in Ludwigs­burg und im Bundes­ar­chiv nach Indi­zien und Beweise zu suchen. Ich befragte Zeit­zeugen, u.a. Holo­caust Über­le­bende, Wider­stands­kämpfer, aber auch Wehr­macht­sol­daten, Diplo­maten, und Beamte. Sehr aufschluss­reich war etwa ein Inter­view mit Botschafter a.D. Dr. Werner von Hentig, der Kenntnis von Juden­er­schie­ßungen der SS in Niko­lajew erhalten hatte. 1975–79 leitete ich ein DFG-Projekt am Institut für Völker­recht der Univer­sität Göttingen mit der Aufgabe, 226 Akten­bände der Wehr­macht Unter­su­chungs­stelle für Verlet­zungen des Völker­rechts (eine Behörde in der Wehr­macht­rechts­ab­tei­lung) auszu­werten. Zwei Arbeits­ta­gungen in Göttingen und Köln wurden in 1977 und 1978 gehalten, in denen auch das Wissen, Wissen-können, und Wissen-wollen der „Endlö­sung“ erör­tert wurde, mit dem Ergebnis, das man gene­rell erkannte, dass die Geheim­hal­tung weit­ge­hend erfolg­reich gewesen war, auch wenn es zuge­ge­be­ner­maßen Gerüchte, Feld­post­briefe, und Auslands­sender gab.

Nürn­berger, Ausch­witz und Treb­linka  Prozesse

Was belegen die Nürn­berger Akten über das „Wissen“ bei den Beamten, Soldaten, der Bevöl­ke­rung, den Opfern? Man erfährt, dass die „Endlö­sung“ geheime Reichs­sache war. Wie erfolg­reich war die Geheim­hal­tung? Es gab aber immerhin Gerüchte, Feld­post­briefe, auslän­di­sche Radio­sen­dungen. Wie viele Menschen haben gewusst und was haben sie getan, bzw. tun können? In den NS-Prozessen bemühte sich die Anklage, fest­zu­stellen, wer, was, wann und wieviel wusste. Tausende SS- und Wehr­macht-Doku­mente, Akten des Innen­mi­nis­te­riums, Auswär­tigen Amtes wurden dem Gericht vorge­legt. Die Akten enthalten auch die Antworten von Zeit­zeugen, belas­teten und unbe­las­teten. Ihre Zeug­nisse wurden von der Anklage und Vertei­di­gung hinter­fragt. Das Gericht versuchte, den Kreis der Wissenden zu beweisen, jedoch wurde dies nur bei wenigen in den Urteilen fest­ge­halten. Die Ergeb­nisse meiner eigenen Forschung decken sich mit dem Votum des ameri­ka­ni­schen Rich­ters Leon Powers im XI. Nach­fol­ge­pro­zess (Wilhelm­strassen-Prozess):

„Das Beweis­ma­te­rial hat gezeigt, dass das Ausrot­tungs­pro­gramm unter strengster Geheim­hal­tung gehand­habt wurde. Hitler wies Himmler münd­lich an und befahl ihm, die Aktion anlaufen zu lassen. Himmler suchte sich die Leute sorg­fältig aus, die mit ihm arbeiten und die Ausrot­tungen durch­führen sollten und verpflich­tete sie zur Geheim­hal­tung; abge­le­gene Orte wurden ausge­sucht und wurden dadurch getarnt, dass man sie mit nahe­ge­le­genen Arbeits­la­gern iden­ti­fi­zierte, und der Plan wurde mit dem bestimmten Zweck und Vorsatz durch­ge­führt, vor dem deut­schen Volk und allen, die nichts mit dem Unter­nehmen zu tun hatten, die Vorgänge zu verbergen.”. 

Einige Histo­riker behaupten trotzdem, dass man „hätte wissen müssen“.

Es lohnt sich, dazu einige Nürn­berg-Doku­mente in Erin­ne­rung zu bringen, so die Posener Rede Hein­rich Himm­lers vom 4. Oktober 1943 an SS-Einge­weihten. Er sprach über das, was er als „Juden­eva­ku­ie­rung“ bezeichnete:

„Unter uns soll es einmal ganz offen ausge­spro­chen sein, und trotzdem werden wir in der Öffent­lich­keit nie darüber reden.… Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht – ‚das jüdi­sche Volk wird ausge­rottet‘ … Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deut­schen, und jeder hat seinen anstän­digen Juden… Von allen, die so reden, hat keiner zuge­sehen, keiner hat es durch­ge­standen. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durch­ge­halten zu haben, und dabei – abge­sehen von Ausnahmen mensch­li­cher Schwä­chen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschrie­benes und niemals zu schrei­bendes Ruhmes­blatt unserer Geschichte…“

So makaber wie abstrus in Denk­weise und Diktion hat die Rede aller­dings weit­rei­chende Impli­ka­tionen. Es geht daraus hervor, dass Himmler wusste, dass der Durch­schnitt­deut­sche „seinen anstän­digen Juden“ hatte. Deshalb auch die Notwen­dig­keit der Geheim­hal­tung. Keiner sollte von den Morden erfahren, nur dieje­nigen, die unmit­telbar mit der Vernich­tung zu tun hatten. Derje­nige der etwas wusste, durfte nichts davon weiter erzählen. Derje­nige, der durch Zufall etwas erfuhr, durfte nicht weiter fragen, denn  Führer­be­fehl Nr. 1 vom 11. Januar 1940 stipulierte:

„a) Niemand soll Kenntnis haben von geheimen Dingen, die nicht in seinen eigenen Aufga­ben­be­reich gehören. 
b) Niemand soll mehr erfahren, als er zur Erfül­lung der ihm gestellten Aufgabe wissen muss. 
c) Niemand soll früher Kenntnis erhalten, als es für die ihm gestellten Oblie­gen­heiten notwendig ist. 
d) Niemand darf mehr oder früher geheim zuhal­tende Aufträge an nach­ge­ord­nete Stellen weiter­geben, als dies zur Errei­chung des Zwecks unver­meid­lich ist.“

Aus der Posener Rede geht hervor, dass Himmler nicht einmal seiner SS traute. Im zweiten Treb­linka Prozess 1965 erfuhr das Gericht, dass, im Jahre 1943, als sich etwa zwei­hun­dert SS-Leute zur Front melden wollten, weil sie die seeli­sche Belas­tung der Juden­morde nicht mehr aushielten – es war sogar zu vielen Selbst­morden gekommen – Himmler dies wegen der Geheim­hal­tung ablehnte:

„Ich kann es nicht zulassen, dass der Kreis der wenigen SS-Führer, die in diese Aufgabe hinein­ge­zogen sind und die deshalb auch diese Dinge völlig für sich allein tragen müssen, durch dauernde Front­ver­set­zungen und Verän­de­rungen erwei­tert und verän­dert wird. Die Geheim­hal­tung ist in diesem Fall das Entschei­dende… Wir können heute diesen Schritt selbst dem Führer­korps der SS noch nicht geschicht­lich begründen. Sie würden manches nicht verstehen und nur die Tatsa­chen an sich werten. Erst ein weiter Abstand zu diesen Dingen, viel­leicht erst nach Jahr­zehnten, viel­leicht erst nach einer Zeit der schärfsten Diffa­mie­rung dieser Tat wird den Stand­punkt gewinnen, der für die Notwen­dig­keit dieser Aufgabe allein richtig ist.“

Die Nürn­berger Akten belegen den konse­quenten Versuch der NS-Regie­rung, die Wahr­heit gegen­über den Juden, den Deut­schen und der Welt­öf­fent­lich­keit zu verbergen. Die Ange­klagten behaup­teten, über den Holo­caust „nichts gewusst“ zu haben. War dies nur eine Zweck­be­haup­tung? Haben alle gelogen, oder nur einige? Kann man die Behaup­tung mit Beweisen entge­gen­treten? Unter den Haupt­an­ge­klagten in Nürn­berg erklärte Groß­ad­miral Karl Dönitz, über die KZs und Inter­nie­rungs­lager aber nichts über die Vernich­tungs­lager gewusst zu haben:

„Ich habe, und mit mir die ganze Kriegs­ma­rine, das ist meine Über­zeu­gung, von der Menschen­ver­nich­tung, die mir hier durch die Ankla­ge­schrift, bezie­hungs­weise was die Konzen­tra­ti­ons­lager anbe­langt, nach der Kapi­tu­la­tion im Mai 1945 bekannt­ge­worden ist, nichts gewusst.“

Viel­leicht erscheint die Haltung von Dönitz für den Leser im Jahre 2011 erstaun­lich oder unglaub­würdig. Aber was ist unwahr­schein­li­cher als die Tatsache, dass die deut­sche Gestapo in Lublin es war, die im Jahre 1943 die Morde in Lublin-Majdanek entdeckte und um Aufklä­rung der Morde ersuchte? Dann ermit­telte ein mit der Unter­su­chung von Korrup­ti­ons­fällen beauf­tragter SS-Richter, Dr. Georg Konrad Morgen. Er leitete Verfahren gegen SS-Führer u.a. Unter­sturm­führer Maxi­mi­lian Grabner, Sturm­bann­führer Rudolf Höss und Ober­sturm­bann­führer Adolf Eich­mann ein. Wie erklärt sich diese Schizophrenie?

Am 7. und 8. August 1946 sagte Morgen vor den Nürn­berger Rich­tern aus:

„Ich berich­tete als erstem meinem unmit­tel­baren Vorge­setzten, dem SS-Grup­pen­führer Nebe, als Chef des RKPA. Nebe war ein außer­or­dent­lich schweig­samer Mann, aber man sah, wie ihm bei meinem Bericht buch­stäb­lich die Haare zu Berge standen. Sein Schweigen wurde stei­nern. Er sagte, ich müsse sofort diese Sache Kalten­brunner vortragen. Der Chef des Haupt­amtes SS-Gericht, Ober­grup­pen­führer Breit­haupt, war eben­falls in außer­or­dent­li­cher Erre­gung, und sagte, er werde sofort oder alsbald zu Himmler fahren…“

Auf die Frage von Dr. Pelck­mann (Vertei­diger für die SS), „Haben Sie diese Dinge noch anderen Kreisen der SS mitge­teilt?“,  antwor­tete Morgen: „Nein, mir kam es darauf an, die Leute zu unter­richten und für meine Auffas­sung zu gewissen, die wirk­lich etwas zu sagen hatten…Außerdem war ich durch den Grund­be­fehl Nummer 1 über Geheim­hal­tung staats­wich­tiger Sachen gebunden, konnte mich also nur an die Haupt­amts­chefs persön­lich wenden. Jeder Fehler, der mir unter­laufen wäre bei Einbe­zie­hung anderer Stellen, hätte schwerste Folgen gegen mich gehabt, einen Vorwand meinen Feinden gegeben und damit die Unter­su­chungen in die Länge gezogen… außer dem Haupt­amts­chef der SS wurde sonst niemand unterrichtet .“

Auf die Frage Pelck­manns: „Haben Sie es nicht für Ihre Pflicht gehalten, die Welt­öf­fent­lich­keit zu benach­rich­tigen oder irgendwie Ihrem Gewissen Luft zu machen, zu schreien ‚Mord‘?“ antwor­tete Morgen: „Dazu hätte es des Zuganges zu den tech­ni­schen Mitteln bedurft, nämlich Presse und Rund­funk, die ich nicht hatte. Wenn ich das an jeder Stra­ßen­ecke bekannt­ge­geben hätte, dann hätte mir das niemand geglaubt, weil dieses System die mensch­liche Fassungs­kraft über­steigt. Man hätte mich als Irrsin­nigen eingesperrt.“

In einem Affi­davit vom 13. Juli 1946 stellte Morgen fest: „Aus persön­li­chem Vortrag habe ich später ersehen, dass von den geschil­derten Vorgängen selbst Haupt­amts­chefs der SS keine Ahnung hatten. Wie der Chef des Haupt­amtes SS-Gericht, SS-Ober­grup­pen­führer Breit­haupt, und mein letzter Gerichts­herr nach meiner Verset­zung, der Chef des Rasse- und Sied­lungs­haupt­amtes, SS-Ober­grup­pen­führer Hilde­brandt. Erst recht konnten wegen der unheim­li­chen Technik andere SS-Ange­hö­rige gerin­geren Dienst­grades, die örtli­chen Stapo­stellen und erst gar nicht die Truppe und die Bevöl­ke­rung [davon] erfahren.“

Morgen wurde auch zeuge im Pohl Prozess (Fall IV) und im Frank­furter Ausch­witz-Prozess. Am 9. März 1964 beschrieb er die Tarn­prak­tiken und den Versuch, selbst die jüdi­schen Opfern zu täuschen: „Die Rampe sah aus wie jede andere Rampe auf einem Güter­bahnhof auch. Es war nichts Beson­deres daran festzustellen…Die Ankömm­linge mussten aussteigen und ihr Gepäck absetzen. Männer und Frauen mussten sich getrennt aufstellen…Rabbiner und sons­tige bedeu­tende jüdi­sche Persön­lich­keiten wurden sofort ausge­son­dert, ins Lager gebracht, in eine Baracke, die sie für sich hatten. Ich habe sie später gesehen, es stimmte. Gut gehalten, sie brauchten nicht zu arbeiten, es wurde erwartet, dass sie möglichst viele Briefe und Post­kar­ten­grüße in alle Welt von Ausch­witz schickten, um damit von vorn­herein jeden Verdacht, dass hier irgend so etwas Gräu­li­ches vor sich gehe, zu zerstreuen.“

Hat Morgen in Nürn­berg und Frank­furt einfach nur gelogen? Nach dem Krieg wurde Morgen entna­zi­fi­ziert und als „Entlas­teter“ einge­stuft; er arbei­tete als Rechts­an­walt in Frank­furt a.M. bis zu seinem Tode im Jahre 1982. Seine Aussagen wurden durch die verschie­denen Ankla­ge­be­hörden nicht wider­legt, und die Versuche mancher Autoren, u.a. von Holo­caust-Leug­nern, seine Glaub­wür­dig­keit zu erschüt­tern, sind frag­würdig. Solange eindeu­tige Belege fehlen, muss sich jeder Histo­riker, der sich mit dem Holo­caust beschäf­tigt, – durchaus in kriti­scher Distanz – mit der Tätig­keit morgens auseinandersetzen.

Die Geheim­hal­tung im NS-Staat galt für alle:  für die SS, für die Wehr­macht und auch für höhere Regie­rungs­funk­tio­näre, z.B. den Leiter des Nach­rich­ten­we­sens in der Pres­se­ab­tei­lung des Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­riums Hans Fritz­sche, der im Nürn­berger Prozess ange­klagt, jedoch in allen Ankla­ge­punkten frei­ge­spro­chen wurde.  Am 28. Juni 1946 erklärte er: „Ich bin als ein Jour­na­list, der in jener Zeit gear­beitet hat, der festen Über­zeu­gung, das deut­sche Volk kannte den Massen­mord an den Juden nicht; was auch immer an Behaup­tungen aufge­stellt wurde, das waren Gerüchte, und was an Nach­richten in das deut­sche Volk hinein­drang von außen, das wurde amtlich immer und immer wieder demen­tiert… an einen Fall erin­nere ich mich mit beson­derer Deut­lich­keit. Es war der Augen­blick, als von russi­scher Seite nach der Wieder­erobe­rung von Charkow dort ein Prozess veran­staltet wurde, in dem zum ersten Mal gespro­chen wurde von Tötung mit Gas. Ich lief mit diesen Berichten zu Dr. Goeb­bels und fragte ihn, wie es damit stünde. Er erklärte, er wolle die Sache unter­su­chen, er wolle sie mit Himmler bespre­chen und mit Hitler. Am nächsten Tage kündigte er mir ein Dementi an.… Ganz ausdrück­lich aber ist mir von Dr. Goeb­bels erklärt worden: Die Gaswagen, die in dem russi­schen Prozess erwähnt worden wären, wären ein reines Produkt der Phan­tasie, es gäbe keine tatsäch­liche Unter­lage dafür.  Nicht umsonst wurden die an der Durch­füh­rung des Mordes Betei­ligten unter den Befehl des strengsten Still­schwei­gens gestellt. Hätte das deut­sche Volk von dem Massen­mord erfahren, es hätte Hitler sicher die Gefolg­schaft versagt.“

In seinen Memoiren kommen­tiert Fritz­sche die Nürn­berger Aussagen Morgens wie folgt: Fast zum Schluss der Beweis­auf­nahme fanden sich zwei Zeugen, die zwar nicht das Rätsel des geheimen Massen­mordes lösten, aber doch den Weg zeigten, auf dem es gelöst werden konnte. Es waren die SS-Richter Reinecke und Morgen… Unter atem­loser Stille schil­derte der Zeuge, wie er den Fäden nach­ging, die ihm in die Finger fielen. Er stieß auf ein Lager, in dem man den Mord nicht einzeln und nach sorg­fäl­tiger Listen­fäl­schung, sondern seri­en­weise und syste­ma­tisch betrieb… Es war Birkenau bei Ausch­witz… Eine ober­fläch­liche Unter­su­chung schied Arbeits­fä­hige von ‚Unbrauch­baren‘. Die letz­teren wurden…von Wach­leuten in SS-Uniform empfangen und zum Lager geleitet. Glau­bens­ge­nossen begrüßten die Ankömm­linge und über­nahmen ihre weitere Betreuung … Freund­lich sagte man den ‚Neuen‘, dass vor ihrer Einwei­sung in die Wohn­räume ein gründ­li­ches Bad und eine korrekte Desin­fek­tion aller Sachen notwendig sei. Ohne Wider­spruch entklei­deten sich die Ahnungs­losen. Ordent­lich hängten sie ihre Kleider in Kolonnen von Garde­ro­ben­haken … Erst seit dem Tage, an dem Morgen auftrat, hatte ich das Gefühl, bei der Beteue­rung meiner Unkenntnis vom Massen­mord nicht gegen sämt­liche Grund­ge­setze der mensch­li­chen Logik zu verstoßen.“

Noch ein weiteres Zeugnis des Nicht-Wissens lieferte in Nürn­berg schließ­lich ein Unbe­las­teter, der ehema­lige sozi­al­de­mo­kra­ti­sche  Preu­ßi­sche Innen­mi­nister Carl Seve­ring am 21. Mai 1946:

„Von diesen Massen­morden, die erst nach dem Zusam­men­bruch des Hitler-Regimes in Deutsch­land bekannt wurden, teils durch Pres­se­ver­öf­fent­li­chungen, teils durch Prozess­ver­hand­lungen, habe ich nichts gewusst.“

Der ameri­ka­ni­sche Gerichts­psy­cho­loge Gustave Gilbert hat alle Ange­klagten und viele Zeugen ein ganzes Jahr beob­achtet, studiert, befragt und hinter­fragt. In seinem „Nürn­berger Tage­buch“ hat er viele Ange­klagten wie Göring, Frank, Rosen­berg und Kalten­brunner als unglaub­würdig und zynisch bezeichnet.  Die Beteue­rungen Frit­sches, Dönitz und Jodls, nichts über den Massen­mord gewusst zu haben, hat Gilbert aber nach allen Anschein als glaub­würdig betrachtet. 

Eine Reihe neuere Publi­ka­tionen über die “Endlö­sung“ leidet an funda­men­talen metho­di­schen Fehlern.  Das Haupt­pro­blem liegt viel­leicht in der Selek­ti­vität bei der Auswahl der Quellen bzw. im bewussten oder unbe­wussten Ausklam­mern von wich­tigen Doku­menten, die auf andere Deutungs­mög­lich­keiten hinweisen, Quel­len­kritik ist oft mangel­haft wenn nicht will­kür­lich. Ein weiteres Problem liegt darin, dass manche Autoren zu mutmaß­li­chen Ergeb­nissen durch Extra­po­lieren kommen. Gewiss gibt es Feld­post­briefe, die über Aspekte der Endlö­sung berichten, gewiss gibt es Gestapo-Stim­mungs­be­richte, die zeigen, wie sich manche Gerüchte in der Bevöl­ke­rung verbrei­teten, es gibt auch Abhör­pro­to­kolle von deut­schen Kriegs­ge­fan­genen, die über Verbre­chen berichten. Hier ist aber Vorsicht geboten, zur Vermei­dung unzu­läs­siger Verall­ge­mei­ne­rung. Wie zahl­reich waren die Indi­zien, wie reprä­sen­tativ? Hundert Beispiele sind noch keine tausend. Gerade aus der geringen prozen­tu­ellen Anzahl könnte gefol­gert werden, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung eben nichts oder sehr wenig wusste. Außerdem belegen Gestapo-Stim­mungs­be­richte und selbst die Goeb­bels Tage­bü­cher, wie oft die deut­sche Bevöl­ke­rung die anti-jüdi­sche Maßnahmen miss­bil­ligte, z.B. die Reichs­kris­tall­nacht und die Einfüh­rung des Judensternes.

Einige Histo­riker, so der kana­di­sche Holo­caust-Experte Michael Marrus, haben auf die Proble­matik hinge­wiesen, geschicht­liche Vorgänge von der heutigen Perspek­tive, also anachro­nis­tisch zu bewerten. Marrus schreibt in seinem Buch The Holo­caust in History: „Es besteht eine große Gefahr, dass der Histo­riker die  Maßstäbe, Werte und Gesichts­punkte der Gegen­wart auf die histo­ri­schen Ereig­nisse anwendet, anstatt jene der Periode, die er untersucht.…Diese Versu­chung stellt die für Histo­riker spezi­fi­sche Form von Hybris dar… Es besteht eine starke Tendenz in der Geschichts­schrei­bung bezüg­lich der Umste­henden des Holo­causts, sie einfach zu verur­teilen anstatt zu erklären, was geschah. Und obwohl  Meinungen über das Maß des von Histo­ri­kern auszu­übenden Urtei­lens ausein­an­der­gehen, möchte ich vorschlagen, dass wir uns viel mehr bemühen sollten, das Verhalten und die Akti­vität (oder Passi­vität) der Umste­henden zu verstehen, indem  wir ernst­haft versu­chen, uns in ihre geis­tige Lage und ihr Empfin­dungs­ver­mögen zu versetzen… „

Unse­riös und undif­fe­ren­ziert erscheinen die Darstel­lungen mancher Autoren wie Daniel Gold­hagen, wonach die Deut­schen „Hitlers willige Voll­stre­cker“ gewesen seien. Vertreter dieser Schule verur­teilen pauschal und erklären nichts. Sie selek­tieren ihre Fakten und igno­rieren, was ihnen nicht ins Konzept passt, so z.B. rele­vante Quellen von jüdi­schen Zeit­zeugen, etwa die Tage­bü­cher von Victor Klem­perer, dessen Urteil über die Haltung der deut­schen Bevöl­ke­rung diffe­ren­zierter als das mancher Fach­his­to­riker erscheint. Als Opfer der Nazis verur­teilte er die Verbre­chen der Täter – aber war sorgsam, nicht das allge­meine Wissen über den Holo­caust voraus­zu­setzen und nicht alle Deut­schen vorweg zu verdammen. So schreibt er in seinem Tage­buch am 4. Oktober 1941:

„Fraglos empfindet das Volk die Juden­ver­fol­gung als Sünde“.

Ein weiteres Problem der Methodik liegt darin, sich ledig­lich auf Akten zu stützen und Zeit­zeugen unbe­rück­sich­tigt zu lassen. Die Maxime quod non est in actis non est in mundo über­zeugt aber nicht, denn die Akten erzählen nur ein Teil der Geschichte. Außerdem kann man Akten durchaus falsch inter­pre­tieren, z.B. wenn sie unvoll­ständig sind, oder wenn man den Kontext nicht in allen Verwick­lungen und Nuancen versteht. Außerdem hinter­lassen manche Ereig­nisse – z.B. Staats­ge­heim­nisse – oft keine Spuren. Auch wenn man die Erin­ne­rungen von Zeit­zeugen cum grano salis auslegen muss, liefert die allei­nige Auswer­tung von Akten kein ausrei­chendes Bild einer Epoche. Wenn der Histo­riker vermutet, dass Zeit­zeugen irren, dass die Nürn­berger Aussagen und Plädoyers verlogen sind, dass die Vertei­di­gung in NS-Prozessen nur auf Zweck­be­haup­tungen basieren, so sollte er genau präzi­sieren, was nicht stimmt und warum. Skep­tisch kann er bleiben; er soll die Aussagen  im Zusam­men­hang und im Lichte anderer Doku­mente testen. Aber er darf sie nicht einfach außer Acht lassen.

Bei der Frage nach dem „Wissen“ ist das ZEIT-Forum vom 3. März 1995 einschlägig. An der Dispu­ta­tion hat Altbun­des­kanzler Helmut Schmidt teil­ge­nommen, der versi­cherte, dass er als Luft­waf­fen­of­fi­zier in verschie­denen Stäben „von der Vernich­tung der Juden über­haupt nichts gewusst und gehört“ hatte. „Ich habe nach meiner Erin­ne­rung nicht einmal Menschen mit einem gelben Stern gesehen.“ Auch die 2002 verstor­bene Zeit­her­aus­ge­berin Marion Gräfin Dönhoff beteu­erte, während des Krieges auch nichts davon gewusst zu haben, obwohl sie „gute Verbin­dungen zu vielen Leuten hatte, die in Schlüs­sel­stel­lungen standen. Die Notwen­dig­keit zur Geheim­hal­tung aber war unheim­lich groß. Inso­fern habe ich …den Namen Ausch­witz zum ersten Mal nach dem Krieg gehört.“

Die jüngsten Versuche mancher Histo­riker, ein breites Wissen bei der Bevöl­ke­rung zu postu­lieren, über­zeugen nicht. Jedoch besteht die Gefahr, dass je länger der Krieg zurück­liegt, es umso leichter wird, Pauscha­lie­rungen und Kari­ka­turen als geschicht­liche Wahr­heit zu präsen­tieren, denn die Zeit­zeugen sind nicht mehr da, um zu wider­spre­chen. Jeden­falls wird die „Bewäl­ti­gung“ des Themas durch die sog. Kollek­tiv­schuldthese und durch die geis­tige Bequem­lich­keit mancher Zeit­ge­nossen erschwert. Eine umfas­sende wissen­schaft­liche Ausar­bei­tung gehört nicht allein in die Hände von Histo­ri­kern, sondern auch von Juristen, Sozio­logen und Psycho­logen. Vor allem müssen die Mecha­nismen der Geheim­hal­tung auch bezüg­lich des Völker­mords an den Arme­niern und bei anderen Geno­zide gründ­li­cher Unter­sucht werden. Eine sach­ge­rechte Bewer­tung steht noch an den Anfängen. Der Zusam­men­hang zwischen Geheim­hal­tung und Nega­tio­nismus soll auch weiter unter­sucht werden.

Zum Autor:
Professor Dr. iur. et phil. Alfred de Zayas ist Professor für Völker­recht an der Geneva School of Diplo­macy und war in hohen Funk­tionen für die Vereinten Nationen im Sekre­ta­riat für Menschen­rechte tätig.

Alfred de Zayas ist Autor vieler Publi­ka­tionen, wie auch des Buches Völker­mord als Staats­ge­heimnis  erschienen im Olzog Verlag, München 2011 – : Sein Artikel „Was wussten die Deut­schen“ stellt eine Zusam­men­fas­sung von Kern­aus­sagen aus jener Publi­ka­tion dar.

Buch­be­stel­lungen: lau-verlag


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  1. Es gab sicher­lich viele Gerüchte über Ermor­dungen in den Lagern, viele Gerüchte und wenig Wissen. Und selbst wenn es umge­kehrt gewesen wäre: Was hätte man damit anfangen können? Außer sein eigenes Leben und das seiner Familie zu gefährden, hätte man nichts errei­chen können.

    Man muss sich nur mal vorstellen, die Gestapo hätte irgendwie Wind davon bekommen, dass man selbst gerüch­te­weise über die vielen Morde in den Lagern etwas wusste. Da die Nazis diese Ermor­dungen geheim halten wollte, wäre man wohl vorge­laden und von der Gestapo befragt worden. Man muss schon reich­lich naiv (oder schlicht: blöd) gewesen sein, denen (wenn auch) herun­ter­spie­lend zu sagen, ach, das seien doch nur Gerüchte, die man doch gar nicht glaube. Man braucht nur eins und eins zusam­men­zählen, was wohl passieren würde, wenn in der Gegend ein anonymes Flug­blatt aufge­taucht wäre, mit einer Anklage gegen die Nazis wegen der vielen Morde: Man wäre als bekannter Wisser sofort in den Gestapo-Kellern verschwunden.

    Das Schicksal der Geschwister Scholl zeigt grau­en­voll auf, was mit denen passierte, die sich hier als Wissende zeigten und die hier anklagten. Leute, die heute behaupten, die Deut­schen hätten (nicht nur verein­zelt und gerüch­te­weise, sondern) in großer Breite von den Gräueln in den Lagern gewusst UND hätten noch Hand­lungs­op­tionen gehabt, haben entweder eine sonnige Sicht auf die Nazi-Diktatur oder sind boshaft anti-deutsch (was sich ja auch bei Deut­schen zeigt, die in ihrem Selbst­be­zich­ti­gungs­wahn ganz natio­na­lis­tisch auf „die Deut­schen“ zeigen und sich selbst genau dabei für gaaanz anti-natio­na­lis­tisch halten).

    Als die Ameri­kaner die Deut­schen für die Gräuel des Krieges und die Gräuel in den Vernich­tungs­la­gern verant­wort­lich machen wollten, schrieb Erich Kästner (am 8.5.1945) in sein Tage­buch (Das blaue Buch): „Da haben nun die drei größten Mächte der Erde fast sechs Jahre gebraucht, um die Nazis zu besiegen, und nun werfen sie der deut­schen Bevöl­ke­rung, die anti­na­zis­tisch war, vor, sie habe die Nazis geduldet! Deutsch­land ist das am längsten von den Nazis besetzte und unter­drückte Land gewesen, – nur so kann man die Situa­tion eini­ger­maßen richtig sehen. Sie sollen nur statis­tisch fest­stellen, wie viele Deut­sche von den Nazis zugrunde gerichtet worden sind! Dann werden sie merken, was los war!“

    Inter­es­sant auch, was Kästner (am 17.5.1945) über Stalin schreibt: „Er [Stalin] klagt auch nicht jeden Deut­schen an, wie es die West­mächte tun. Er weiß besser, welche Möglich­keiten ein Volk hat, sich in einer Diktatur gegen grau­same Maßnahmen zu wehren. Er weiß, daß es keine Möglich­keiten hat.“

    Was der Zeit­zeuge Kästner hier an Sich­weisen äußert, deckt sich jeden­falls mit dem, was Verant­wort­liche und Oppo­si­tio­nelle seiner Zeit und objek­tive Histo­riker der Nach­kriegs­zeit immer schon wussten: Die Hitler-Nazi-Diktatur war ab 1934 nur noch mili­tä­risch zu beseitigen.

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    • Viel Miss­fallen zu meinem Kommentar! Nun denn! Da kein Argu­ment genannt wird, muss ich vermuten: Da werden wohl viele Deut­schen-Hasser dabei sein. Doch ich denke, auch in den Ländern des ehema­ligen Ostblocks gibt es viele Menschen, die Verständnis für die obige Sicht haben, denn die wissen oft noch besser als andere, was in einer Diktatur geht und was nicht, was den Menschen unter einer Diktatur noch möglich ist und was nicht.

      Die Frage der Über­schrift legt eine weitere Frage nahe: Was wussten die Alli­ierten? Denn die haben alle Unter­stüt­zungs­an­fragen des deut­schen Wider­standes abgeschmettert.

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      • Ich habe den Artikel nach wenigen Zeilen über­sprungen, er war schon schnell in die geis­tige Müll­tonne gewan­dert. Aber für Deinen Kommentar hat es sich gelohnt auf diese Seite hier gekommen zu sein. Danke!

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  2. Im Gegen­teil, es war ein guter und diffe­ren­zierter Artikel! So etwas konnte man in DE bislang nicht lesen. Darum ist der Verriss dort oben wirklichkeitsfremd.

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  3. LOL! Die Wirk­lich­keit ist häufig gänz­lich anders als man denkt. Sodann entsteht die Frage, wer oder was tatsäch­lich wirk­lich­keits­fremd ist…

    Solche Ermitt­lungen muss man aber schon selbst anstrengen, sonst kann man sich keine objek­tive Ansicht bilden!

    Glaube nichts, ist die höchste Form der Intelligenz!

  4. nach fast 74 Jahren Lebens­zeit, meine ich, dass es auch heute noch Menschen gibt, welche die Wahr­heit kennen, aber auf der Seite der Gewinner stehen.

    MFG.

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