Ábel Bódi: „Es sind dieje­nigen, die West­eu­ropa regieren und ruinieren, die uns als Extre­misten bezeichnen“

Ábel Bódi · Bild: Ferenc Almássy

Die Bewe­gung Géné­ra­tion Iden­ti­taire ist in Frank­reich, wo die Bewe­gung – mit dem Bloc Iden­ti­taire im Jahr 2003 – ihren Ursprung hat, sehr bekannt, aber auch in Deutsch­land (IB) und Öster­reich (IBÖ) präsent und aktiv. Weniger bekannt ist, dass die Bewe­gung auch in Ungarn präsent und aktiv ist. Als Bewe­gung junger Akti­visten, die sich mit Themen wie Einwan­de­rung, LGBT-Hege­monie und der Isla­mi­sie­rung von Teilen Europas befasst, wird die Iden­ti­täre Bewe­gung häufig ange­griffen, auch von den Staaten Frank­reich, Deutsch­land und Öster­reich, bzw. von der libe­ralen und progres­siven linken Presse als faschis­ti­sche, rechts­ex­treme oder gar rassis­ti­sche Bewe­gung bezeichnet.

Während die Situa­tion – und damit die Aktionen der IB-Akti­visten – in Frank­reich, Deutsch­land und Öster­reich ähnlich sind, wirft die Exis­tenz und das Vorgehen dieser Bewe­gung in Ungarn Fragen auf. Warum eine solche Bewe­gung in einem Land, das keine außer­eu­ro­päi­sche Einwan­de­rung kennt? Warum diese Bewe­gung in einem Land ohne massive musli­mi­sche Einwan­de­rung? Was ist der Sinn und Zweck der Iden­di­tären Bewe­gung in Ungarn, dem Land des konser­va­tiven Minis­ter­prä­si­denten Viktor Orbán, der 2015 durch seinen Wider­stand gegen die unkon­trol­lierte Massen­ein­wan­de­rung welt­be­rühmt wurde?

Ferenc Almássy traf den Chef der unga­ri­schen Orga­ni­sa­tion, Ábel Bódi, in Buda­pest zu einem exklu­siven Interview.

Ábel Bódi, im Juli 2021. Bild: Ferenc Almássy

Ferenc AlmássyDie fran­zö­si­sche Regie­rung hat ange­kün­digt, dass sie die Bewe­gung Géné­ra­tion Iden­ti­taire verbieten will. In Öster­reich ist der Trend ähnlich, auch wenn man sich vorerst damit begnügt, das Symbol zu krimi­na­li­sieren. In Deutsch­land gelten die Iden­ti­tären als eine extre­mis­ti­sche Orga­ni­sa­tion. Und doch gibt es in Ungarn – auch wenn dies nur wenige wissen – diese Bewe­gung, die vom Rest der unga­ri­schen Gesell­schaft keines­wegs als extre­mis­tisch ange­sehen wird. Wie lässt sich ein solcher Unter­schied erklären? Aber auch: Wie ist die Exis­tenz einer solchen Bewe­gung in Ungarn zu erklären und die Tatsache, dass sie so leicht zu tole­rieren ist?

Ábel Bódi: Das sind sehr gute Fragen, und um sie zu beant­worten, müssen wir einen ziem­lich großen Teil des Spek­trums unserer Akti­vi­täten abde­cken. Ich sage immer, dass wir in allen Ländern, in denen wir präsent sind, dasselbe tun. Überall reden wir über die glei­chen Dinge, die glei­chen Probleme. Ich werde später darauf zurück­kommen, um zu erklären, warum die Situa­tion in Ungarn etwas anders ist.

Ferenc AlmássySind diese Bewe­gungen also Schwes­ter­be­we­gungen? Oder ein und dieselbe Organisation?

Ábel Bódi: Abge­sehen von einem gemein­samen Symbol und unseren Koope­ra­tionen gibt es keinen gemein­samen Dach­ver­band. Wenn man in einem Land zum Beispiel eine IB-Bewe­gung gründen will, muss man natür­lich die Zustim­mung der Länder einholen, in denen es sie bereits offi­ziell gibt. Unser Lambda ist nicht gemeinfrei.

Ferenc AlmássyEs gibt also keine einheit­liche Führung für alle natio­nalen IBs?

Ábel Bódi: Nein. Wir sehen es so, dass wir dieje­nigen sind, die Europa wirk­lich gerne funk­tio­nieren sehen würden. In unserem Fall sind wir unab­hän­gige Bewe­gungen, die auf gemein­same Ziele hinar­beiten, aber wir mischen uns nicht in die Innen­po­litik der anderen ein. Wir haben ein festes Werte­system, nach dem wir handeln und in dessen Rich­tung wir den Rest der Gesell­schaft lenken möchten.

Ferenc AlmássyHaben Sie eine gemein­same Charta oder etwas Ähnliches?

Ábel Bódi: Nein. Es ist nicht nötig, das schrift­lich fest­zu­halten, denn das rechte und konser­va­tive Denken ist überall gleich. Es ist nicht notwendig, irgend­etwas in Stein zu meißeln, denn mit einer bestimmten Einstel­lung werden Sie, wo auch immer Sie sich befinden, auf die glei­chen Probleme auf die gleiche Weise reagieren. Dies ist ein Prozess, der in der Kritik an der Migra­ti­ons­in­va­sion und in der Ableh­nung der Kultur­re­vo­lu­tion vom Mai 68 leicht zu beob­achten ist.

Und da ich schon bei diesem orga­ni­schen – und wirk­lich einheit­li­chen – Denken bin, das wir vertreten: Allein die Tatsache, dass die IB als Extre­mismus gilt und Orbán als Faschist bezeichnet wird, zeigt, wie weit der Westen in eine unge­sunde Entwick­lung abge­sunken ist. Von diesem Zeit­punkt an kann jeder verstehen, wie ernst die Lage ist. Der Haupt­un­ter­schied besteht darin, dass in West­eu­ropa die Stimmen, die uns als Rechts­ex­tre­misten bezeichnen, dieje­nigen derer, die sich an der Spitze der Staaten befinden, von wo aus sie z.B. Frank­reich bzw. Deutsch­land ruinieren.

Ferenc AlmássyAber viel­leicht haben sie recht: beweist nicht die Tatsache, dass Sie in Ungarn nicht als Extre­misten gelten, dass Orbán selbst ein Extre­mist sei und Sie deshalb dulde?

Ábel Bódi: Gute Frage! Die Antwort lautet natür­lich: Nein. Sie müssen nur darauf achten, was wir sagen. Wenn uns jemand nach der Prüfung immer noch für extre­mis­tisch hält, dann sollten wir uns viel­leicht erst einmal fragen, ob es nicht einen Mangel an Objek­ti­vität gibt – einer­seits; ande­rer­seits müssen wir sehen, dass auch im Westen die schwei­gende Mehr­heit immer weniger an diese Etiketten glaubt. Natür­lich hat die stän­dige Unter­gra­bung durch die libe­rale Konsens­fa­brik in den letzten Jahr­zehnten die Bevöl­ke­rung völlig umer­zogen, so dass die Menschen Angst haben, die Konflikte, die wir uns noch erlauben, im öffent­li­chen Diskurs zu thema­ti­sieren, auch nur zu erwähnen.

Dabei ist zu berück­sich­tigen, dass die linke Presse dort sehr mächtig ist. Stimmen von rechts sind besten­falls als „geflüs­terte Propa­ganda“ zu hören – ähnlich wie in Ungarn in den frühen 2000er Jahren. Im Westen hört der normale Bürger, der sich nicht mit Politik beschäf­tigt, ständig, dass die Iden­ti­tären die Bösen seien, dass es sich um eine faschis­ti­sche Bewe­gung handle – selbst wenn er sich nicht für das öffent­liche Leben inter­es­siert, wird er, sobald er dieses Symbol sieht, es ohne weiteres mit den Bösen in Verbin­dung bringen. Es ist unwahr­schein­lich, dass er weitere Infor­ma­tionen sucht, darüber liest oder etwas anderes hören will…

Von dort aus sind einige Leute auf natio­naler Ebene zu Meis­tern darin geworden, ein Narrativ über die Rolle unserer Bewe­gung zu schmieden. In Ungarn funk­tio­niert das Gott sei Dank nicht, denn – ich glaube sagen zu können – es ist nicht so einfach, den Ungarn zu sagen, dass dieser und jener ein Faschist ist, weil wir mit beiden Gesin­deln [dem Faschismus und dem Kommu­nismus, NdR.] direkte Erfah­rungen gemacht haben. Ich denke also, dass die unga­ri­sche Gesell­schaft diesen Versu­chen der Verun­glimp­fung auf west­liche Art und Weise etwas kriti­scher gegen­über­steht. Im Westen ist dies jedoch nicht der Fall, wo eine solche poli­ti­sche Offen­sive gegen die Géné­ra­tion Iden­ti­taire möglich war (nicht wahr?), weil es nicht im Inter­esse der Regie­rungen dieser Länder liegt, eine „rechte NGO“ zu haben, die auf Probleme aufmerksam machen kann, die sie selbst nicht anspre­chen wollen – man denke beispiels­weise an die Frage der Einwanderung.

Es ist erwäh­nens­wert, dass die Linie, die wir in Ungarn vertreten, nicht genau dieselbe ist. Natür­lich haben auch wir eine klare Stimme in der Kritik an Einwan­de­rung und Islam. Wenn wir gefragt werden, warum eine Iden­ti­täts­be­we­gung in Ungarn notwendig ist, wo wir doch Orbán haben, dann sage ich meis­tens, dass man nicht vergessen darf, dass es in Frank­reich auch unter De Gaulle sowohl den Mai 68 als auch die Entste­hung der Neuen Rechten gab. In Ungarn sind die kultu­relle Linke und der Kulturm­ar­xismus auf dem Vormarsch, so dass wir die Heraus­for­de­rung unbe­dingt annehmen müssen, bevor es zu spät ist, denn im Inter­esse der jungen Menschen müssen wir jetzt die Schlachten der Zukunft schlagen.

Ferenc AlmássySie haben oft erwähnt, dass die Iden­ti­täre Bewe­gung eine meta­po­li­ti­sche Orga­ni­sa­tion ist. Was soll das bedeuten?

Ábel Bódi: Der erste und viel­leicht wich­tigste Punkt ist, dass alles auf einer gemein­schaft­li­chen Basis aufge­baut ist. Als Erstes müssen wir diese Gemein­schaft aufbauen – und sie sogar zu einer Phalanx machen. So wie die Familie die Basis der Gesell­schaft ist, so ist auch die Familie der Politik immer eine enge Gemein­schaft. Das ist auch eine der größten Tugenden des Fidesz: die unglaub­liche Soli­da­rität, die inner­halb der Partei herrscht. Das zweite Element ist unser Bemühen, Narra­tive zu finden, die es uns ermög­li­chen, die Linke zu entlarven – zum Beispiel, als wir die SZFE [Thea­ter­fa­kultät, in der kürz­lich ein Studen­ten­streik gegen die unga­ri­sche Regie­rung instru­men­ta­li­siert wurde] „stürmten“. Wir üben die Konter­re­vo­lu­tion auf der Straße aus, die für uns die erste Front­linie darstellt; natür­lich betrifft uns das auch im Falle von Einsper­rung und Ausgangs­sperre, da es uns daran hindert, die Menschen direkt zu errei­chen – was die sozialen Netz­werke angeht, so sind die GAFAM (Big Five), die sie kontrol­lieren, nicht unsere Freunde. Aber zurück zum SZFE-Fall: Er zeigt sehr gut den trau­rigen Zustand des unga­ri­schen Kultur­kampfes. Die Regie­rung hat eine der wich­tigsten Bastionen der Linken erschüt­tert, indem sie versucht hat, dieses Symbol für das Zusam­men­wachsen von Kultur und Bildung zu refor­mieren. Wir konnten dem nicht tatenlos zusehen und haben ihnen die Maske herun­ter­ge­rissen, indem wir hinter ihren Slogans die raue Wirk­lich­keit ihres wahren Ziels zeigten: die kultu­relle Hege­monie der Linken zu schützen.

Dies war unsere bisher öffent­lich­keits­wirk­samste Aktion, und meiner Meinung nach ist es uns wirk­lich gelungen, die Bericht­erstat­tung zu beein­flussen. Ich sage das ohne Über­trei­bung: Bis jetzt hat die Rechte leider nie richtig reagiert – es stimmt, dass der Hand­lungs­spiel­raum der Berufs­po­li­tiker nicht derselbe ist, und sie kämpfen an einer „anderen Front“. Die Partei­po­litik hat nie die Sorgen, die sie haben sollte – weil sie sie im Grunde gar nicht haben kann –, wenn es um die Kultur geht: eine Welt, die viel zu orga­nisch ist, um „von oben“ gelenkt zu werden. Das ist aller­dings die Welt, in der sich unser Gueril­la­team wohl­fühlt. Noch bevor die Idee eines legi­timen Kampfes für die Unab­hän­gig­keit die Öffent­lich­keit erreichte, gingen wir an die Front und entlarvten dieses Narrativ als das, was es war.

Ferenc AlmássySeid ihr die Husaren des Fidesz? Oder dessen Partisanenbataillon?

Ábel Bódi lacht: Nein, nicht die der Fidesz, sondern die der Rechten. Die wahren Parti­sanen sind wir – zumin­dest, was die Opera­tionen im Fein­des­land betrifft, sind wir es zwei­fellos. Ich habe immer gesagt, dass wir eine Art beson­dere mili­tante Kraft sind.

Ferenc AlmássyWie ist Ihr Verhältnis zur unga­ri­schen Regie­rung? Wie ist das Verhältnis zwischen der unga­ri­schen Regie­rung und der IB? Besteht die Gefahr, dass die Bewe­gung auch hier verboten werde? Was könnte zu einem solchen Verbot führen? In letzter Zeit waren Sie in den Fidesz-nahen Medien sehr präsent. Was haben Sie dazu zu sagen?

Ábel Bódi: Ich würde sagen, dass die Bezie­hung eher eine Geschichte ist. Es gibt Dinge, bei denen wir uns einig sind, und Dinge, bei denen wir uns nicht einig sind. Ich glaube nicht, dass die Bewe­gung in Ungarn von einem Verbot bedroht werde, aber in der Politik sollte man natür­lich niemals „nie“ sagen. Ich habe den Sturz von Donald Trump nicht kommen sehen.

Wir treten oft in der Sendung Kommentár auf, ich schreibe in Magyar Nemzet, und es gibt auch Pesti TV. Gott sei Dank kann ich Ihnen sagen, dass in Ungarn der rechte und neurechte Iden­ti­täts­dis­kurs im Main­stream ange­kommen ist. Es gibt Themen, zu denen sich der Fidesz vor einigen Jahren nicht getraut hätte, Stel­lung zu beziehen. Damit er dazu in der Lage wurde, musste sich natür­lich die poli­ti­sche Land­schaft verän­dern und die schwei­gende Mehr­heit aufwa­chen. Die Tatsache, dass die Gesetze zur Bekämp­fung der Pädo­philie in Kraft getreten sind, dass der Kampf in Brüssel immer härter wird und dass Ungarn immer mehr ange­griffen wird – all das bedeutet, dass sich etwas in die rich­tige Rich­tung bewegt. Wenn Brüssel uns angreift, wenn [das unga­ri­sche libe­rale Portal] 444 Schreck­li­ches über uns, die Rechten, schreibt, ist das eine gute Sache. Wenn sie uns loben würden, würde das bedeuten, dass wir etwas verpasst haben.

Ferenc AlmássyUnter­stützt die Regie­rung Sie finanziell?

Ábel Bódi: Nein. Ich habe einen Zivil­beruf, wie alle anderen in der IB: Wir sind entweder Studenten oder Ange­stellte, und wir kämpfen parallel dazu.

Ferenc AlmássyWohin wird dieser Weg Ihrer Meinung nach führen? Wie sehen Sie die nahe Zukunft Ungarns und – wenn wir vom Thema IB absehen – in welche Rich­tung wird sich Ihrer Meinung nach der Konflikt mit Brüssel entwi­ckeln? Wir sehen, dass es immer bitterer wird, dass Ungarn mit dem Ausschluss aus der EU gedroht wird und dass bereits davon die Rede ist, das Stimm­recht Ungarns in der EU auszu­setzen. Glauben Sie, dass dies die rich­tige Rich­tung ist?

Ábel Bódi: Lasst uns die Frage noch etwas weiter vertiefen. Der euro­päi­sche büro­kra­ti­sche Mono­lith ist offen­sicht­lich reform­be­dürftig. Zurzeit sind die Poli­tiker, die die EU leiten, alle­samt ehema­lige Revo­lu­tio­näre, Linke, Sozi­al­de­mo­kraten, Sozia­listen – die Liste ließe sich fort­setzen. Dort findet man  alles außer gute Konser­va­tive. Wenn solche Poli­tiker also sagen, dass Ungarn sank­tio­niert werden muss, können wir uns nur freuen: Damit entlarven sie sich nur selbst und zeigen, dass sie nicht die Vertreter der Euro­päer sind. Mit solchen schwa­chen Führern, die dazu neigen, unsere internen Konflikte zu verschärfen, werden wir zu einem echten Spiel­platz für die Groß­mächte. Die Fußball-Euro­pa­meis­ter­schaft war ein gutes Beispiel dafür. Ich bin kein großer Fußballfan, aber es war leicht zu erkennen, wie die BLM-Bewe­gung und die LGBTQ-Lobby die Atmo­sphäre der Veran­stal­tung domi­nierten, während entlang des Spiel­felds Werbung in arabi­scher und chine­si­scher Sprache zu sehen war. Und wo das hinführt… Ich sehe, dass die V4 gut funk­tio­niert, dass Orban täglich neue euro­päi­sche Rechts­außen-Führer empfängt, darunter auch solche von VOX – er hat sogar aufge­hört, den Rassem­ble­ment National [Marine Le Pens, AdR.] auszu­schließen, während er in der Vergan­gen­heit sorg­fältig auf Distanz zu ihm ging. Sein Verhältnis zu Salvini ist ausge­zeichnet, und ich sehe, dass sich die AfD zuneh­mend an Ungarn orien­tiert. Buda­pest könnte der Gegenpol zu Brüssel werden – und deshalb wird Ungarn so heftig angegriffen.

Ferenc AlmássyLasst uns kurz auf die Frage des Akti­vismus zurück­kommen, genauer gesagt auf Ihre eigene Person. Wie hat diese Bewe­gung begonnen, und wie sind Sie dazu gekommen? Und übri­gens, was machen Sie beruf­lich – da Sie uns gesagt haben, dass Sie nicht von der Politik leben –?

Ábel Bódi: Nein, Gott sei Dank, ich lebe nicht davon. Es wäre ein Problem, wenn ich dafür bezahlt werden müsste, meinem Land zu dienen. Ich habe die Führung der Bewe­gung Ende 2017 über­nommen, und unsere erste größere Aktion fand an der Fakultät für Gender Studies der ELTE [Eötvös-Loránd-Univer­sität] statt, als diese Fakultät noch funk­tio­nierte, und bei dieser Gele­gen­heit fungierten wir tatsäch­lich als Sonder­ein­heit. Wir wussten, dass der Kurs um 8.15 Uhr beginnt; um 7.50 Uhr entrollten wir unser Schild und die Flug­blätter begannen zu fliegen… Ich habe jeden­falls nie einen Hehl aus meiner rechten Gesin­nung gemacht. Um 2010 herum habe ich der Jobbik in Budafok [22. Bezirk von Buda­pest] meine Hilfe ange­boten – eine Jobbik, die natür­lich noch ganz anders war als das, was sie inzwi­schen geworden ist, und ich war übri­gens kein Mitglied. Ich spreche von 2009 und 2010, als das Leben eines rechten Akti­visten noch ganz anders war als heute. Es war eine sehr harte Zeit, aber auch eine sehr schöne Zeit – erst dann änderte sich die Jobbik… Nach dieser Kampagne verließ ich sie; sie hatten uns ein Leben in der Gemein­schaft verspro­chen, in stän­digem Akti­vismus, aber am Ende geschah nichts. Sie setzten sich auf ihre Samt­stühle, und seitdem leben sie sehr gut: Jeder kann sehen, was aus ihnen geworden ist. Damals war ich von der Politik enttäuscht und habe sogar andert­halb Jahre lang aufge­hört, mich mit ihr zu beschäf­tigen; an der Univer­sität wurde ich dann ein wenig ins Abseits gestellt, aber ich habe den Eindruck, dass dies in meiner Genera­tion eine sehr häufige Situa­tion ist – aus Mangel an Alter­na­tiven. Damals war ich für kurze Zeit in der extremen Rechten, aber während ich dort als Akti­vist tätig war, hatte ich das Gefühl, dass ich nicht für Anti­se­mi­tismus oder Sozia­lismus geschaffen bin – Ideen, mit denen ich mich nicht iden­ti­fi­zieren kann –, und so bin ich 2015 ausge­stiegen. Je mehr man liest, desto mehr erkennt man natür­lich, dass diese beiden Ideo­lo­gien weder sehr richtig noch sehr gesund sind. Im Jahr 2016 been­dete ich dann mein Studium, trat auf den Arbeits­markt und verließ die Politik wieder für andert­halb Jahre, da ich eine ziem­lich gute Stelle in einem multi­na­tio­nalen Unter­nehmen gefunden hatte; dennoch verfolgte mich der Eindruck, dass meine Mission woan­ders liegt. Die Politik tauchte immer wieder in meinem Leben auf, und als ich sah, dass die Bewe­gung Defend Europe im Mittel­meer­raum Gestalt annahm, schloss ich mich ihr an. So habe ich schließ­lich „mein Zuhause“ gefunden: eine Bewe­gung, mit deren Botschaft und Stil ich mich iden­ti­fi­zieren kann. Wir sind jetzt seit vier Jahren unter­wegs, und wir wachsen, Gott sei Dank, auch in der Provinz: Ich habe keine Angst zu sagen, dass wir in jeder Stadt einer gewissen Größe in Ungarn ein oder zwei Mitglieder haben, die Aufkleber und Plakate aufhängen – denn das ist die Basis des Akti­vismus –, so dass unser Lambda jetzt an immer mehr Orten sichtbar ist.

Ferenc AlmássyAber gleich­zeitig ist es im Internet immer weniger sichtbar.

Ábel Bódi: Ja. Kurz bevor ich hierher kam, erfuhr ich, dass mein Insta­gram-Konto, auf dem mir 2000 Menschen folgen, für 10 Tage gesperrt wurde, obwohl es keine Hass­reden enthielt, sondern nur gewöhn­li­chen Patrio­tismus, aber es wurde trotzdem als „Hass­rede bzw. gefähr­liche Orga­ni­sa­tion“ gesperrt. Sie brau­chen sich nichts einzu­bilden: Die gesperrten Fotos zeigen mich zum Beispiel in einem Zelt mit 120 IB-Mitglie­dern in blauen Hemden, irgendwo in Frankreich…

Ferenc AlmássyWie kann man sich wehren? Wie kann man eine meta­po­li­ti­sche Bewe­gung, die sich auf die Kommu­ni­ka­tion junger Menschen stützt, zum Funk­tio­nieren bringen, während sie de facto von den Internet-Giganten zensiert wird? Wie finden Sie die Antwort?

Ábel BódiOff-line: Selbst für die GAFAM bleibt die Realität unaus­weich­lich. Offline können sie unsere Zeichen nicht zensieren, sie können unsere Plakate nicht löschen, sie können uns Patrioten nicht auslö­schen. Sie haben keinen Zensor, der jeden Aufkleber zensiert kann, das wir anbringen. Aber das ist das Wich­tigste. Selbst wenn sie unsere Botschaft anderswo blockieren, muss sie wenigs­tens dort die Öffent­lich­keit errei­chen. Wir versu­chen, einen Offline-Pol gegen die multi­na­tio­nalen Konzerne der Zustim­mungs­fa­brik, gegen die Tech­no­lo­gie­riesen und gegen die Poli­tiker, die sie loyal unter­stützen, zu bilden, denn die Menschen gehen auch auf die Straße, sie schauen nicht nur auf Bild­schirme. Und genau da müssen sie eine Alter­na­tive finden. Wir müssen die Politik auf die Straße bringen.

1 Kommentar

  1. Wir sind in der Diskus­sion zu diszi­plinlos, und das ist unser Problem. Wenn zum Beispiel anno 1970 über die Ehe gespro­chen wurde, war klar, daß es sich um Frauen, Männer und Kinder handelt. Und das Gespräch verlief sach­lich! Wenn 2020 über die Ehe gespro­chen wird, muß jeder Gesprächs­partner vor Gesprächs­be­ginn erst umständ­lich seine gewünschte Defi­ni­tion der Ehe schrift­lich vortragen. Und weil die gelie­ferten Auffas­sungen nicht über­ein­stimmen, muß das Gespräch abge­bro­chen werden, bevor es begann. Aber das geschieht leider nicht. Vor allem der christ­liche Huma­nist, springt über jeden „Satans­kno­chen“, den ihm poli­ti­sche Eiferer in Sachen Umer­zie­hung hinhalten. Eine Diskus­sion, ohne vorhe­rige Begriffs­er­klä­rung, wirkt immer zerstö­rend. Und darauf sollten sich Menschen von Bildung nie einlassen!

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