Age of Enti­t­le­ment: Cald­well zerpflückt die Revo­lu­tion der „Bürger­rechte“

Bildquelle: CM

Von Daniele Scalea
 

Der ameri­ka­ni­sche Jour­na­list Chris­to­pher Cald­well, Heraus­geber der Clare­mont Review of Books, ist ein Mann, der in vielerlei Hinsicht gegen den Trend handelt: Er ist ein Konser­va­tiver, der es schafft, regel­mäßig von der New York Times veröf­fent­licht zu werden. Im Zeit­alter der buli­mi­schen sozialen Hyper-Simpli­fi­zie­rung ist er weder auf Face­book noch auf Twitter zu finden, und er veröf­fent­licht alle zehn Jahre ein Buch. Aber es sind Bücher, die ihre Spuren hinterlassen.

Im Jahr 2009, zwei Jahre vor der großen Migra­ti­ons­krise, die das Thema einleiten sollte, veröf­fent­lichte er Reflec­tions on the Revo­lu­tion in Europe: eine ausge­feilte Analyse darüber, wie die Einwan­de­rung, insbe­son­dere die musli­mi­sche Einwan­de­rung, Europa bereits revo­lu­tio­niert. Dieje­nigen, die das viel beschei­de­nere Buch des Verfas­sers dieser Rezen­sion, Immi­gra­zione: le ragioni dei popu­listi, gelesen haben, werden sich an Cald­wells Werk als einen der bahn­bre­chenden Texte zu diesem Thema erinnern.

Im vergan­genen Jahr kam ein neues Werk des ameri­ka­ni­schen Jour­na­listen in die Regale der Buch­hand­lungen: The Age of Enti­t­le­ment. America Since the Sixties. Der Titel, der grob über­setzt „das Zeit­alter der Rechte“ bedeutet (der Begriff „enti­t­le­ment“ hat eine Konno­ta­tion, die sich auf Privi­le­gien und Ansprüche bezieht), bezieht sich auf die Ära der ameri­ka­ni­schen Geschichte, die mit dem Civil Rights Act von 1964 begann. Das Buch analy­siert diese letzten fünfzig Jahre und versucht, zwischen den Zeilen der Ereig­nisse zu lesen und zu erklären, wie und warum sich die Gesell­schaft verän­dert hat. Es ist zwei­fellos ein unver­zicht­bares Werk für den ameri­ka­ni­schen Gelehrten, aber auch für andere inter­es­sant und wert­voll: weil bekannt ist, wie viel Einfluss die Neue Welt auf die Alte hatte, und weil, wie Cald­well selbst schreibt, „die Bürger­rechts­po­litik sich als der erfolg­reichste ameri­ka­ni­sche Export des späten zwan­zigsten Jahr­hun­derts erwies“. Das Amerika, das Cald­well beschreibt, ist in groben Zügen auch unser Europa: Wenn man das eine versteht, kann man auch das andere verstehen.

Age of Enti­t­le­ment ist ein ikono­klas­ti­sches Buch, das eines der Wahr­zei­chen des Progres­si­vismus (Aufhe­bung der Rassen­tren­nung) und eines der Wahr­zei­chen des Konser­va­tismus (Reagan) zerreißt. Natür­lich ist Cald­well nicht nost­al­gisch, was Rassismus und Rassen­tren­nung angeht, aber er blickt über die Ober­fläche hinaus, um in die Tiefen der Revo­lu­tion zu blicken, die Präsi­dent Lyndon Johnson unter Ausnut­zung der emotio­nalen Welle, die durch die Ermor­dung seines Vorgän­gers Kennedy ausge­löst wurde, mit dem Civil Rights Act einlei­tete, dem Bundes­ge­setz, das der Rassen­dis­kri­mi­nie­rung im Süden ein Ende setzte. Wie der Autor ausführ­lich darlegt, wurde diese Revo­lu­tion von einem immer noch konser­va­tiven Amerika einge­leitet, das auf allen Ebenen (Politik, Medien und Wissen­schaft) von den Vete­ranen des Zweiten Welt­kriegs beherrscht wurde, die nur die Schande der Rassen­tren­nung beenden wollten.

Das Ergebnis entsprach nicht den Erwar­tungen der Öffent­lich­keit. Die Reform der Bürger­rechte ist zu einem der schwie­rigsten und lang­wie­rigsten Unter­fangen in der Geschichte der USA geworden: Sie begann in den 1960er Jahren, hat (bisher) ein halbes Jahr­hun­dert gedauert, Billionen von Dollar gekostet und dazu geführt, dass die gesamte ameri­ka­ni­sche Geschichte im Lichte der Rassen­pro­ble­matik neu gelesen wurde. Die Rasse hat eine reli­giöse Bedeu­tung erlangt, und die Bürger­rechts­be­we­gung ist zu ihrer Kirche geworden. Die Bürger­rechts­re­form sollte die Beses­sen­heit mit der Rasse in den Südstaaten heilen: Sie hat sie letzt­lich durch posi­tive Maßnahmen oder „posi­tive“ Diskri­mi­nie­rung verstaat­licht. Damit wurde auf Bundes­ebene ein ausdrück­li­ches System der Rassen­prä­fe­renz eingeführt.

Darüber hinaus bot das Bürger­rechts­ge­setz auch ein Modell für die Umwand­lung von Macht, das auf Zwang, Kosten und der Miss­ach­tung verfas­sungs­recht­li­cher Gebote beruhte. Büro­kra­ti­sche Auflagen, Anord­nungen der Exeku­tive, mili­tante Über­wa­chung, Klagen und Gerichts­ur­teile waren in den folgenden Jahr­zehnten die Instru­mente, die jede Minder­heit einsetzte, um ihre Privi­le­gien gegen die Tradi­tion und den Willen der Mehr­heit durch­zu­setzen. Gerichte und Büro­kratie traten an die Stelle der demo­kra­ti­schen Politik. So wurde beispiels­weise das Amt für Bürger­rechte geschaffen, dessen Leit­li­nien seither von den Gerichten als Gesetz behan­delt werden, auch wenn sie von Büro­kraten außer­halb jeder demo­kra­ti­schen Vertre­tung und Kontrolle verfasst wurden. Das Bürger­rechts­ge­setz ist zu einer zweiten „inof­fi­zi­ellen“ Verfas­sung geworden, die im Konflikt mit der ersten und „offi­zi­ellen“ Verfas­sung immer Vorrang hat. Daher wurden einige „alte“ Verfas­sungs­rechte wie die Verei­ni­gungs­frei­heit (zum Verbot der Segre­ga­tion) und das Recht auf freie Meinungs­äu­ße­rung aufge­hoben. Im Jahr 1978 entschied der Oberste Gerichtshof, dass es legitim ist, Noten auf der Grund­lage der Rasse als Nach­teil zu vergeben; mit anderen Worten: Affir­ma­tive Action diente nicht mehr dazu, vergan­genen Rassismus zu kompen­sieren, sondern (angeb­li­chen) aktu­ellen Rassismus zu korri­gieren. Unter­schiede in den Ergeb­nissen zwischen den Gruppen müssen nun zwangs­läufig auf Rassismus zurück­ge­führt werden. Das Gegen­teil zu behaupten (z.B. durch Infra­ge­stel­lung des indi­vi­du­ellen Verdienstes) bedeutet, die Bürger­rechts­re­vo­lu­tion, die neue de facto „Verfas­sung“ der Verei­nigten Staaten, zu dele­gi­ti­mieren. Jetzt kommt die Zensur abwei­chender Meinungen, die die Form der „poli­ti­schen Korrekt­heit“ annehmen wird. Das durch die Bürger­rechte geschaf­fene System macht es für jedes Unter­nehmen unhaltbar, Diskri­mi­nie­rungs­fälle zu ertragen. Die Arbeit­geber sind daher immer bereit, Mitar­beiter zu entlassen, die von „Progres­siven“ ange­griffen werden. Es ist die Priva­ti­sie­rung der Zensur. Jeder hat Angst, ein unpas­sendes Wort zu sagen, das ihn seine Karriere kosten könnte. Poli­ti­sche Korrekt­heit ist eine von oben verord­nete Reform, die der öffent­li­chen Meinung durch die Bestra­fung Anders­den­kender aufge­zwungen wird. Es ist – schreibt Cald­well – „die voll­stän­digste ideo­lo­gi­sche Erobe­rung der insti­tu­tio­nellen Macht in der Geschichte der USA“.

Jeder Impuls der Minder­heiten hat sich seit 1964 immer gegen die Demo­kratie durch­ge­setzt. Ein offen­sicht­li­ches Beispiel ist das der Schwulen. Cald­well zeichnet in einem Kapitel den Prozess der Emanzipation/Bejahung bis hin zur Homo-Ehe nach und zeigt auf, wie er in jeder Phase gegen die vorherr­schende Meinung (die sich erst im Nach­hinein den von der Minder­heit durch­ge­setzten Entschei­dungen anpasst) und immer durch Gerichts­ur­teile in Fällen, die von Stif­tungen und Anwalts­kanz­leien am Tisch studiert werden, in denen dieselben Kläger sorg­fältig ausge­wählt werden, um den Rich­tern zu gefallen (siehe Edith Windsor), statt­fand. Das Ergebnis war die recht­liche Neude­fi­ni­tion der Ehe, die nicht mehr eine dem Staat vorge­la­gerte und von ihm aner­kannte Realität ist, sondern eine vom Staat selbst geschaf­fene Wohl­fahrts­ein­rich­tung (die als solche keine Form der Diskri­mi­nie­rung zulässt).

Die ersten schwarzen Epigonen, die das neue Modell in den 1970er Jahren nutzten, waren jedoch die Femi­nis­tinnen, wenn auch nicht immer mit glück­li­chen Ergeb­nissen für die Frauen selbst. Das New-Deal-Modell der Ein-Einkom­mens-Familie, bei dem das Gehalt des Ehemannes die Haus­ar­beit der Ehefrau kompen­sieren musste, wurde umge­stoßen. Seit den 1970er Jahren müssen auch die Frauen auf dem Markt arbeiten, um ihren Anteil zu verdienen, aber das ist nicht zusätz­lich zu dem, was sie bereits durch ihre Ehemänner hatten. Das Fami­li­en­ein­kommen bleibt das gleiche, aber jetzt müssen zwei Personen arbeiten, um es zu verdienen. Cald­well zitiert einen inter­es­santen Gedanken von Bert­rand Russell, demzu­folge der Wohl­fahrts­staat den Staat in der Rolle des Vaters ersetzen und damit die tradi­tio­nelle Moral unter­graben würde. Die Mutter braucht keinen zuver­läs­sigen Vater mehr für ihre Kinder. Männer, die der väter­li­chen Rolle beraubt sind, verlieren das Inter­esse an der Nach­kom­men­schaft, der Geschichte, der Konti­nuität und der Fort­pflan­zung. Wir wissen nicht, ob Russells Diagnose richtig ist, aber die Symptome sind zwei­fellos die beschrie­benen, und Lyndon Johnson hat in den USA einen Wohl­fahrts­staat geschaffen.

Die 1970er Jahre markierten auch eine wich­tige Verän­de­rung in der herr­schenden Klasse der USA. Die Nieder­lage in Vietnam unter­grub das Ansehen des Mili­tärs: Nicht mehr die Vete­ranen gaben den Ton an, sondern die Genera­tion der Baby­boomer und insbe­son­dere dieje­nigen, die gegen den Krieg gewesen waren und ihn nicht geführt hatten (im Wesent­li­chen die Univer­si­täts­elite). Die Rolle der Baby-Boomer zu verstehen, ist von entschei­dender Bedeu­tung: Wie der Name schon sagt, bilden die zwischen 1946 und 1964 Gebo­renen eine zahlen­mäßig enorme Genera­tion. Um genau zu sein, so Cald­well, die größte Genera­tion in der ameri­ka­ni­schen Geschichte. Ein Drei­vier­tel­jahr­hun­dert lang musste sich jede andere Genera­tion, ob vor oder nach ihr, an die Anliegen der zahl­rei­cheren Boomer anpassen, die sich natür­lich mit dem Älter­werden weiter­ent­wi­ckelt haben: in den 60er und 70er Jahren sind sie jung und die Sexua­lität steht im Vorder­grund; in den 80er und 90er Jahren sind sie mitten in der Reife­phase und der Schwer­punkt liegt auf der Familie und den Möglich­keiten der Berei­che­rung; nach dem Jahr 2000 geht es um den Schutz des in den voran­ge­gan­genen Jahr­zehnten aufge­bauten Vermö­gens. Cald­well kann dies aus Zeit­gründen nicht tun, da er den größten Teil des Buches vor 2020 geschrieben hat: aber wir könnten hinzu­fügen, was in den letzten zwei Jahren geschehen ist, als die Boomer, die jetzt 60–70 Jahre alt sind, ange­sichts einer Epide­mie­welle die gesamte Gesell­schaft den Anfor­de­rungen der Gesund­heits­vor­sorge unter­worfen haben.

Cald­well gibt eine origi­nelle Inter­pre­ta­tion der Gegen­kultur der 1970er Jahre: Seiner Meinung nach ist sie im Wesent­li­chen reak­tionär, eine mysti­sche Bewe­gung, die die verlo­rene Rein­heit des Amerikas der Vergan­gen­heit bedauert; alles ist von einem Gefühl der Deka­denz geprägt. Es ist kein Zufall, dass die Bürger dieses Jahr­zehnts ange­sichts der ausufernden Krimi­na­lität und der sich ausbrei­tenden Drogen­sucht zu dem Schluss kamen, dass die glän­zenden Sozi­al­pro­jekte der 1960er Jahre geschei­tert waren: Um diesen Expe­ri­menten ein Ende zu setzen, holten sie 1981 über­ra­schend Ronald Reagan ins Weiße Haus. Entgegen den Erwar­tungen hat Reagan das progres­sive System nicht unter­gehen lassen, sondern gerettet, das nach ihm sogar mit noch größerer Kraft zurück­kehren sollte.

Cald­wells Vorwurf an Reagan war, dass er nur dem Wort nach ein Konser­va­tiver sei. Er war eher ein Liber­tärer, der (wie viele Rechte seiner Genera­tion) von Ayn Rand und dem anti­tra­di­tio­na­lis­ti­schen und anti­mo­ra­li­schen Kult des unge­zü­gelten Kapi­ta­lismus beein­flusst wurde. Der Reagan-Slogan vom „ameri­ka­ni­schen Traum“ ist der einer Genera­tion, die die Grenzen der Natur und des gesunden Menschen­ver­standes nicht akzep­tiert, die alles sofort will. Mit den Reag­ano­mics beuten die Boomer nichts anderes aus als die künf­tige Arbeits­kraft ihrer Kinder durch Verschul­dung und die von Auslän­dern durch Stand­ort­ver­la­ge­rungen und offene Türen für Einwanderung.

Der von Reagan einge­schla­gene Weg war keines­wegs zwin­gend: In jenen Jahren erreichte die ameri­ka­ni­sche Gesell­schaft den nied­rigsten Abhän­gig­keits­quo­ti­enten (d.h. das höchste Verhältnis von produk­tiver zu nicht-produk­tiver Bevöl­ke­rung) und stand nicht vor einer beson­deren Notlage. Dennoch stieg die Verschul­dung zum ersten Mal seit dem Zweiten Welt­krieg wieder an. Cald­well zufolge erkauften sich die Boomer (mit dem Geld ihrer Kinder) den sozialen Frieden mit jenen Teilen der Gesell­schaft, die nun vom Johnson’schen Wohl­fahrts­staat abhängig waren, dessen Kosten explo­dierten und unter Reagan Billionen erreichten. Reagan finan­zierte (und erhöhte) die Kosten für die Aufhe­bung der Rassen­tren­nung, entschä­digte aber die weiße Mittel­schicht (die von der Affir­ma­tive Action betroffen war: Jeder Arbeits­platz, der einem Schwarzen aufgrund der Rassen­prä­fe­renz zuge­wiesen wurde, ist ein Arbeits­platz, der einem Weißen wegge­nommen wurde, der ihn aufgrund seiner Verdienste bekommen hätte), indem er die Steuern senkte. Er war somit der Retter der „Great Society“ (wie das Programm der Demo­kraten seit Johnson zur Besei­ti­gung von Armut und Rassen­un­gleich­heit in Amerika genannt wird), aller­dings um den Preis, dass er die Nach­welt in Schulden stürzte, das Land de-indus­tria­li­sierte und der wilden Einwan­de­rung Tür und Tor öffnete.

Im Jahr 1986, als Reagan Präsi­dent war, gewährte ein über­par­tei­li­ches Gesetz den vielen ille­galen Einwan­de­rern Amnestie und Staats­bür­ger­schaft und zwang durch Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setze die Arbeit­geber (die nicht aufgrund der natio­nalen Herkunft „diskri­mi­nieren“ durften) de facto, Ille­gale einzu­stellen. Zuwan­derer haben natür­lich weniger Rechte am Arbeits­platz, aber sie werden mehr Rechte vor Gericht haben, da sie mögli­cher­weise Opfer von Diskri­mi­nie­rung sind. Neue ethni­sche Gruppen gesellen sich zu den Schwarzen als „Minder­heiten“, die durch den neuen Kult der „Viel­falt“ geschützt werden sollen.

Die 1990er Jahre waren das Jahr­zehnt des Aufstiegs der New Economy, der Cald­well eben­falls kritisch gegen­über­steht. Davor war das Land ein „wirt­schaft­li­ches Ganzes“; mit ihm wurde es ein einfa­cher wirt­schaft­li­cher Teil der inter­na­tio­nalen Arbeits­tei­lung. Begriffe wie „Souve­rä­nität“ und „Unab­hän­gig­keit“ verloren ihre Bedeu­tung; die (durch die Tech­no­logie gege­bene) Fähig­keit, einzelne Kompo­nenten aus der Ferne zusam­men­zu­bauen, ermög­lichte es selbst armen und nicht indus­tria­li­sierten Ländern, mit den USA zu konkur­rieren. Vor allem hatten die neuen globalen Wert­schöp­fungs­ketten nicht mehr einen indus­tri­ellen Zweck (d. h. die Suche nach Mehr­wert in der Welt), sondern einen poli­ti­schen: Sie dienten dazu, die Rechte der Arbeit­nehmer außer Kraft zu setzen. Die steu­er­liche Begüns­ti­gung von High-Tech-Unter­nehmen wird der tradi­tio­nellen Wirt­schaft den Todes­stoß versetzen: Giganten wie „Amazon“ werden von der Politik dabei unter­stützt, kleine Einzel­händler zu verdrängen.

In den 1990er Jahren beschleu­nigte sich auch die Schul­den­spi­rale. Sowohl der Repu­bli­kaner George H.W. Bush und Bill Clinton, beide Repu­bli­kaner, setzten den Weg von Reagan fort (Finan­zie­rung des Wohl­fahrts­staates durch Schulden statt durch Steuern). Die Kredit­ver­gabe wurde voll­ständig poli­ti­siert: Nach dem Mantra, dass jede Ungleich­heit eine Diskri­mi­nie­rung sei, begann der Staat, Kredite an Minder­heiten zu begüns­tigen und zu garan­tieren (die Rech­nung wurde im folgenden Jahr­zehnt mit der Subprime-Hypo­the­ken­krise und den staat­lich unter­stützten Unter­nehmen – Fannie Mae und Freddie Mac – bezahlt, die diese Kredite gewährten). Darüber hinaus wurden die Banken (um Rassis­mus­vor­würfe zu vermeiden) dazu veran­lasst, libe­rale Kredite zu vergeben und ihre Kredit­ver­gabe von „Gemein­schafts­gruppen“ kontrol­lieren zu lassen, die mit der Bürger­rechts­be­we­gung in Verbin­dung standen: Milli­arden von Dollar in den Händen von stark ideo­lo­gi­sierten poli­ti­schen Organisationen.

Die so genannte „Zivil­ge­sell­schaft“ gewann in dieser Zeit an Bedeu­tung und ergänzte die Juristen und Büro­kraten bei der Ausübung der tatsäch­li­chen Macht. In den 1980er Jahren vergrö­ßerten die Super­rei­chen ihren Reichtum in einem noch nie dage­we­senen Tempo, während sich gleich­zeitig ein götzen­die­ne­ri­scher Kult um Manager und die Elite im Allge­meinen ausbrei­tete. Der Begriff „Phil­an­thropie“ erfuhr einen grund­le­genden Wandel: Während er bis dahin nur Wohl­tä­tig­keit und Leis­tungen für Arme und Bedürf­tige bedeu­tete, wurde fest­ge­legt, dass er auch ideo­lo­gi­sche Propa­ganda einschließen konnte. Was sich nicht änderte, war die weit­ge­hende steu­er­liche Absetz­bar­keit der für „Phil­an­thropie“ ausge­ge­benen Gelder. Die Super­rei­chen können nun mit Hilfe von Stif­tungen die Politik nach ihren eigenen prak­ti­schen Inter­essen oder Idealen beein­flussen, während die gesamte Bevöl­ke­rung die Rech­nung bezahlt und für die entgan­genen Steu­er­ein­nahmen aufkommen muss. Es erüb­rigt sich zu erwähnen, dass die große Mehr­heit dieser Super­rei­chen auf der Seite der „Progres­siven“ und der „Bürger­rechte“ steht. Von den vielen Beweg­gründen, so Cald­well, über­wiegt einer: Die Elite ist eine Minder­heit und profi­tiert als solche von Gesetzen und Prak­tiken, die die Macht der Mehr­heit beschneiden. Das Schicksal der Schwarzen, der Einwan­derer und der Homo­se­xu­ellen mag ihr egal sein, aber es ist ihr nicht egal, dass die Wenigen die Mittel haben, um über die Vielen zu herrschen.

Es gibt ein weiteres, wenig bekanntes Ereignis der 1990er Jahre, das Cald­well als sehr wichtig für die ameri­ka­ni­sche Geschichte bezeichnet: die Lega­li­sie­rung und massen­hafte Vermark­tung von OxyContin und anderen Opio­iden auf Oxycodon­basis im Jahr 1996. Diese starken Schmerz­mittel mit starker Sucht­wir­kung bildeten die Grund­lage für einen neuen epide­mi­schen Zyklus der Drogen­ab­hän­gig­keit in der ameri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung, nach Heroin in den 1970er Jahren und Crack in den 1980er Jahren. Cald­well fragt sich, warum diese beiden anderen Opioid-Epide­mien in der öffent­li­chen Debatte und in der Popu­lär­kultur einen so großen Einfluss hatten, während die aktu­elle Epidemie eher unbe­merkt bleibt. Die Sterb­lich­keits­rate ist jedoch 10-mal höher als in den 1980er Jahren und 20-mal höher als in den 1970er Jahren. Was hat sich also geän­dert? Cald­wells Antwort lautet: Im Gegen­satz zu den beiden voran­ge­gan­genen Epide­mien betrifft die Oxycodon-Epidemie haupt­säch­lich Weiße (was zu einem unna­tür­li­chen und raschen Rück­gang ihrer Bevöl­ke­rung führt, der nur durch Einwan­de­rung kompen­siert werden kann) und passt daher nicht in die „offi­zi­elle“ mora­li­sche Erzäh­lung. Die poli­ti­sche Korrekt­heit hat eine „mora­li­sche“ Hier­ar­chie zwischen den Rassen geschaffen, in der die Weißen die verach­tete Unter­schicht sind und nur dazu bestimmt sind, sich in Schuld­ge­fühlen zu winden. Die mora­li­sche Auto­rität liegt bei den Schwarzen (so sehr, dass viele Weiße vorgeben, schwarz zu sein: das Buch bietet einige illustre Beispiele, aber wir haben dieses Phänomen auch in diesem Blog bespro­chen); Weiß­sein hingegen wird als ein minder­wer­tiger – und erbli­cher – geis­tiger Zustand ange­sehen. Die Bürger­rechts­re­vo­lu­tion hat, kurz gesagt, keine neue Welt geschaffen, sondern nur eine Trans­va­lo­ri­sie­rung bewirkt: Es ist die gleiche alte Welt, nur auf den Kopf gestellt. Die rassi­sche und rassis­ti­sche Pyra­mide gibt es immer noch, aber sie wurde umge­stürzt. Laut Cald­well hat sich die Situa­tion viel­leicht sogar noch verschlim­mert. Die alte ameri­ka­ni­sche Verfas­sung garan­tierte Rassen­neu­tra­lität und Frei­heit. Die inof­fi­zi­elle „neue Verfas­sung“ der Bürger­rechte hingegen fördert Rassen­be­wusst­sein und staat­li­chen Dirigismus.

In diesem Rahmen sind die Demo­kraten zur Partei derje­nigen geworden, die von den Bürger­rechten profi­tieren: Minder­heiten (einschließ­lich der Super­rei­chen), Einwan­derer, Frauen (und insbe­son­dere Femi­nis­tinnen), Büro­kraten, Richter und Rechts­an­wälte. Die Repu­bli­ka­ni­sche Partei hat sich infol­ge­dessen verän­dert: Sie umfasst nun das gesamte poli­ti­sche Spek­trum der Zeit vor 1960, das damals in Befür­worter und Gegner des New Deal unter­teilt war. Die Demo­kraten kontrol­lieren die Wirt­schaft und die Kultur durch ihre Vorherr­schaft an den Univer­si­täten und in den gemein­nüt­zigen Orga­ni­sa­tionen und leiten das System auch dann, wenn sie nicht an der Regie­rung sind. Die Repu­bli­kaner, die von der gebil­deten Klasse isoliert sind, sind nicht in der Lage, das System zu beein­flussen (selbst wenn sie regieren) und sogar seine Logik zu verstehen.

Dies ist die letzte, wert­volle Warnung von Cald­wells Buch, das auch der Tätig­keit jener Verei­ni­gungen oder Stif­tungen gerecht wird, die wie das Centro Studi Machia­velli versu­chen, die Rechte wieder mit dem Wissen zu verbinden, um sie in die Lage zu versetzen, das System zu beherr­schen, anstatt sich nach jeder gewon­nenen Wahl der Illu­sion hinzu­geben, sie könnten regieren – ohne dies zu tun.

Daniele Scalea
Gründer und Präsi­dent des Machia­velli-Studi­en­zen­trums. Er hat einen Abschluss in Geschichts­wis­sen­schaften (Univer­sität Mailand) und einen Doktor­titel in Poli­tik­wis­sen­schaften (Univer­sität Sapi­enza) und unter­richtet an der Univer­sität Cusano die Fächer „Geschichte und Doktrin des Dschi­ha­dismus“ und „Geopo­litik des Nahen Ostens“. Von 2018 bis 2019 war er Sonder­be­rater für Einwan­de­rung und Terro­rismus des Unter­staats­se­kre­tärs für auswär­tige Ange­le­gen­heiten Guglielmo Picchi. Sein neuestes Buch (zusammen mit Stefano Graziosi) heißt Trump contro tutti. L’Ame­rica (e l’Oc­ci­dente) al bivio.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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