Alain de Benoist: „Die Zemmour-Wähler­schaft ist eine Anti-Immi­gra­tions-Wähler­schaft, die von Marine Le Pen ist eine Anti-System-Wähler­schaft“ [Inter­view].

Zwischen dem Krieg in der Ukraine, dem natio­na­lis­ti­schen Fieber in Korsika, den bevor­ste­henden Präsi­dent­schafts­wahlen und der Radi­ka­li­sie­rung des poli­ti­schen Lebens in Frank­reich gab es unzäh­lige Themen, die wir Ende März mit Alain de Benoist bespre­chen wollten. Dies ist in dem nach­ste­henden Inter­view geschehen.

Breizh-info.com: Was sagt Ihnen zunächst die Reise von Gérald Darmanin nach Korsika und die Erwäh­nung einer mögli­chen Auto­nomie für Korsika?

Alain de Benoist: Man könnte von einer „gött­li­chen Über­ra­schung“ spre­chen, wenn es nicht einige Gründe gäbe, um zwei­fel­haft zu sein. Zunächst einmal ist es eine selt­same Vorge­hens­weise, sich bereit zu erklären, „bis zur Auto­nomie zu gehen“, noch bevor die Verhand­lungen über­haupt begonnen haben. Norma­ler­weise legt man das Ergebnis einer Diskus­sion nicht auf den Tisch, bevor man mit den Gesprä­chen begonnen hat. Das sieht nach einem Einge­ständnis der Schwäche aus, es sei denn, es handelt sich um eine demago­gi­sche Geste oder ein einfa­ches Wahl­kampf­ma­növer. Das Problem stellt sich umso mehr, als die von Darmanin einge­nom­mene Posi­tion eine völlige Kehrt­wende seitens einer Regie­rung darstellt, die sich in den letzten fünf Jahren gewei­gert hat, auch nur im Geringsten auf alle poli­ti­schen Forde­rungen einzu­gehen, die von den Korsen gestellt wurden. Erin­nern Sie sich daran, dass Emma­nuel Macron im Februar 2018, als er selbst nach Korsika reiste, sogar denje­nigen eine Absage erteilt hatte, die ihn ledig­lich darum baten, den „poli­ti­schen Charakter der korsi­schen Frage“ anzu­er­kennen. Diese einfache Erin­ne­rung recht­fer­tigt Skepsis.

Zwei­tens müsste man wissen, was Darmanin unter „Auto­nomie“ versteht. Das Wort kann ganz unter­schied­liche Dinge umfassen. Warten wir also ab, was die Freunde von Emma­nuel Macron unter diesem Begriff verstehen. Welche Auto­nomie soll es sein? In welchen Berei­chen? Mit welchen Mitteln? Die Schlüs­sel­frage lautet: Ist die Regie­rung bereit, die Exis­tenz eines „korsi­schen Volkes“ anzu­er­kennen, eine grund­le­gende Forde­rung aller Auto­no­misten? Bekannt­lich steht die Verfas­sung dem entgegen, da sie nur eine „eine und unteil­bare“ Nation in der reinen jako­bi­ni­schen Tradi­tion kennen will. Und wenn man ausnahms­weise die Exis­tenz eines korsi­schen Volkes aner­kennen würde, wie könnte man sich dann der Aner­ken­nung z. B. des breto­ni­schen Volkes wider­setzen? Wie könnte man länger leugnen, dass es sowohl ein fran­zö­si­sches Volk als auch Völker in Frank­reich gibt, die, wenn sie es wünschen, zumin­dest meiner Meinung nach eben­falls die Möglich­keit haben sollten, „Auto­nomie“ zu erlangen. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass sich die Regie­rung auf dieses Glatteis begibt. Das wäre zu schön!

Breizh-info.com: Von den Plänen für die Vorstädte über die Auto­nomie Korsikas bis hin zum Verzicht auf Notre-Dame des Landes (Flug­hafen): Zeigen die Behörden nicht, dass letzt­lich nur Gewalt es ermög­licht, ein Kräf­te­ver­hältnis herzu­stellen und mit denselben Behörden Fort­schritte zu erzielen?

Alain de Benoist: Eine naive Frage. Nur die libe­rale Bour­geoisie kann sich vorstellen, dass sich alle poli­ti­schen Probleme auf ireni­sche Weise lösen lassen, ohne dass es irgend­wann zu Gewalt kommt. Politik ist in erster Linie ein Kräf­te­ver­hältnis. Wenn die Umstände es zulassen, kommt es zu einem Anstieg der Extreme, der nicht durch die Tugenden der „Diskus­sion“, der „Verhand­lung“ oder des „Kompro­misses“ gelöst werden kann. Darüber hinaus kann es auch zu einem Zeit­punkt kommen, an dem die Behörden, die die legale Macht inne­haben, ihre Legi­ti­mität verlieren. Die Entkop­pe­lung von Lega­lität und Legi­ti­mität hat zur Folge, dass gewalt­tä­tige Proteste legitim werden können.

Die Gelb­westen und in jüngerer Zeit auch die Fern­fahrer fanden erst dann Gehör, als sie auf die Straße gingen und etwas rabiater demons­trierten. Dasselbe gilt für die korsi­schen Auto­no­misten. Die Entko­lo­nia­li­sie­rung wurde mit Gewalt erkämpft. Ohne den Einsatz von Terro­rismus durch die FLN wäre Alge­rien viel­leicht nicht unab­hängig geworden (oder wäre es erst viel später geworden). Man mag dies bedauern, aber es ist nun einmal so. Georges Sorel stellte die soziale Gewalt, die in seinen Augen legitim war, der einfa­chen Lega­lität der öffent­li­chen Gewalt gegen­über. Er lag damit nicht falsch. Vermeiden wir Gewalt, wo sie vermeidbar ist, aber hören wir auf zu glauben, dass man sie dauer­haft aus dem poli­ti­schen Leben elimi­nieren kann. Auch Kriege sind sehr unan­ge­nehme Dinge – aber es wird sie immer geben!

Breizh-info.com: Wie beur­teilen Sie den Präsi­dent­schafts­wahl­kampf, der letzt­lich ziem­lich neuartig ist, da den Wählern Debatten zwischen Kandi­daten vorent­halten werden, die ihre Kampa­gnen haupt­säch­lich in ihren jewei­ligen Sphären führen? Ist das auch hier ein Zeichen für eine kranke Demokratie?

Alain de Benoist: Meiner Meinung nach gibt es viel stär­kere Anzei­chen für die allge­meine Krise der libe­ralen Demo­kra­tien als das Fehlen von Debatten zwischen den Präsi­dent­schafts­kan­di­daten! Im Übrigen über­treiben Sie ein wenig: Es gab zwar einige Debatten, aber man muss fest­stellen, dass sie nicht viele Menschen inter­es­siert haben. Sie bestanden im Allge­meinen aus einem Austausch von Beschimp­fungen und Absichts­er­klä­rungen, die die Dinge nicht voranbringen.

Das große Merkmal der nächsten Präsi­dent­schafts­wahlen ist, dass, wenn man den Umfragen glaubt, die Spiele von vorn­herein entschieden sind: Emma­nuel Macron wird wieder­ge­wählt. Das glaubt eine Mehr­heit der Fran­zosen, obwohl auch sie sich mehr­heit­lich zu wünschen scheinen, dass es nicht so kommt. Dies ist ein inter­es­santes Para­doxon. Daraus resul­tiert ein Desin­ter­esse, das – sofern nicht in letzter Minute noch etwas passiert – eine sehr hohe Wahl­ent­hal­tung erwarten lässt, die einige Kandi­daten mehr als andere benach­tei­ligen wird.

Im Oktober letzten Jahres hatte ich Ihnen in einem früheren Inter­view gesagt, dass „es falsch wäre, Marine Le Pen zu beer­digen“. Das war zu einem Zeit­punkt, als alle Welt auf ihren Zusam­men­bruch zugunsten von Eric Zemmour wettete. Ich betonte auch, dass Marine Le Pen und Eric Zemmour nicht so sehr durch ihre Persön­lich­keiten oder Ideen vonein­ander getrennt waren, sondern durch ihre Wähler­schaft (Arbei­ter­klasse oder radi­ka­li­siertes Mittel­stands­bür­gertum) und ihre Stra­te­gien („Volks­block“ oder „Union der Rechten“). Genau das hat sich bestä­tigt. Zemmour ist bislang an seinen Ambi­tionen geschei­tert. Seine Wähler­schaft ist unbe­ständig, und er bleibt unge­fähr auf dem Niveau von Pécresse, die abnimmt, und Mélen­chon, der zunimmt. Dieje­nigen, die auf ihren Erfolg gewettet haben, glaubten, dass Marine Le Pen schei­tern würde, weil es ihrer Partei schlecht geht (was richtig ist), ohne zu sehen, dass ihre Wähler sich kaum für die frag­liche Partei inter­es­sieren: Sie wählen Marine, nicht Rassem­ble­ment National! Was die Anhänger Zemmours betrifft, ange­fangen mit Marion Maré­chal, so haben sie, wie von mir vorher­ge­sagt, absolut nichts an den Wahl­ab­sichten geän­dert. Bleibt die grund­le­gende Tatsache: Die Wähler­schaft Zemmours ist eine Anti-Immi­gra­tions-Wähler­schaft, die Wähler­schaft Marine Le Pens ist eine Anti-System-Wähler­schaft. Daran sollte man sich erin­nern, wenn die Zeit für eine Neufor­mie­rung gekommen ist.

Breizh-info.com: Die inter­na­tio­nale Lage beginnt nach zwei Jahren der soge­nannten Covid-19-Krise bereits, schwere wirt­schaft­liche Auswir­kungen zu haben. Im Moment zückt der Staat das Scheck­buch und versucht, die Löcher zu stopfen. Ist das Ihrer Meinung nach lang­fristig tragbar? Wer wird dafür bezahlen?

Alain de Benoist: Was denken Sie? Sie und ich natür­lich – nicht die Ukrainer! Die wirt­schaft­li­chen Auswir­kungen sind bereits einge­treten und die Dinge können nur noch schlimmer werden. Die erbärm­li­chen, in ihrem Ausmaß beispiel­losen Sank­tionen, die gegen Russ­land verhängt wurden, um die Forde­rungen der USA zu erfüllen, werden die Dinge noch verschlim­mern. Wir werden den Preis dafür genauso wie die Russen zahlen, wenn nicht sogar noch mehr. Die Infla­tion (Rohstoffe, Kraft­stoffe, Gas, Strom) wird den Rück­gang der Kauf­kraft, die nunmehr die größte Sorge der Fran­zosen ist, noch verschlim­mern. Ein allge­mei­neres Ungleich­ge­wicht ist vor dem Hinter­grund einer schlei­chenden globalen Finanz­krise (und einer mögli­chen Neuge­stal­tung des Währungs­sys­tems) zu befürchten. Unter­dessen wächst die Staats­ver­schul­dung weiter, bis sie hima­layeske Höhen erreicht hat. Ist das auf lange Sicht tragbar? Zwei­fellos nicht. Aber wann beginnt die Langfristigkeit?

Breizh-info.com: Ist der Traum von einem vereinten Europa von Brest bis Wladi­wos­tock mit dem Krieg zwischen der Ukraine und Russ­land gestorben?

Alain de Benoist: Sie ist umso toter, als sie nie auch nur den geringsten Ansatz einer Reali­sie­rung erfahren hat. Dasselbe gilt für die Achse Paris-Berlin-Moskau, von der einige von uns eben­falls geträumt haben. Die erste Folge des Krieges, der derzeit statt­findet, ist die Wieder­errich­tung des Eisernen Vorhangs, mit dem Unter­schied, dass es sich um einen Eisernen Vorhang handelt, den der Westen an den Grenzen Russ­lands errichtet hat, um einen als gefähr­lich einge­stuften Konkur­renten mundtot zu machen, und nicht um einen Eisernen Vorhang, den die Sowjets errichtet haben, um die Menschen daran zu hindern, sich anders­wohin zu begeben. Die Flut an russo­phober Propa­ganda, die wir derzeit erleben, ist in dieser Hinsicht bezeich­nend. Der große eura­si­sche Konti­nent wird wieder einmal in zwei Hälften geteilt – was nur den Vorteil hat, dass die Dinge klarer werden.

Was man sich bis zu einer umfas­sen­deren Analyse vor Augen führen muss, ist, dass der Krieg zwischen der Ukraine und Russ­land nicht nur oder sogar haupt­säch­lich ein Krieg zwischen zwei Ländern ist. Er ist auch nicht eine Ausein­an­der­set­zung zwischen dem ukrai­ni­schen und dem russi­schen Natio­na­lismus, wie viele glauben machen wollen. Es ist in erster Linie ein Krieg zwischen der Logik des Impe­riums und der Logik des Natio­nal­staats. Es ist zwei­tens, allge­meiner, ein Krieg zwischen West und Ost, zwischen der libe­ralen Welt und der Welt der „zivi­li­sa­to­ri­schen Räume“, zwischen der Erde und dem Meer. Das heißt, es ist ein Krieg um die Weltmacht.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei BREIZH-INFO, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

6 Kommentare

  1. Deutsch­land bzw. BRD: die Forde­rung nach Re-Migra­tion muß perma­nent auf die Tages­ord­nung. Mindes­tens 5 Millionen Ange­hö­riger fremder, nicht-weißer Ethnien müssen RAUS. Es helfen nur noch radi­kale Lösungen. In Frank­reich ebenso.

    • Dafür ein Daumen hoch. Ganz West­eu­ropa krankt unter derselben Seuche: Über­frem­dung, Über­schul­dung, Mangel an gesundem Verstand. Irre haben die Macht seit gut 70 Jahren über­nommen. Sie negieren Völker, Rassen und Geschlechter in Vogel-Strauß-Manier, sie schwa­feln vom Völker­recht und verwei­gern ihnen die Selbst­be­stim­mung und ‑verwal­tung. Statt dessen teilen sich seit 100 Jahren eine Hand­voll Selbst­über­schätzer die Welt in Einfluß­ge­biete auf, mitten durch Völker hindurch.

  2. Jedes Volk lehnt Fremde natur­gemäß in biolo­gi­scher Abwehr­hal­tung ab. Daß sie uns Weißen seit über 70 Jahre über­reden, diese Fremden mit durch­zu­füt­tern, grenzt an Gehirn­wä­sche und feiner psycho­lo­gi­scher Kriegs­füh­rung. Ich habe noch Bilder aus den 70ern im Kopf, wo Weiße für Schwarze demons­trierten. Jetzt sind sie dort wegen Quoten Menschen 2. Klasse. Man sieht die Verdrän­gung in der Film­in­dus­trie und Werbung, was dazu führt, daß biolo­gisch normal geblie­bene Menschen bei dem Lein­wand­durch­ein­ander ebenso Brech­reiz bekommen wie in jeder Groß­stadt. Keiner in Europa will das Chaos wirk­lich wieder berei­nigen. Zur Lösung eines Problems gehört, daß man es anspricht.

  3. Genau: Die Über­schrift ist falsch. Wenn Frau Le Pen eine „Anti-System“ Poli­ti­kerin wäre, hätte sie sich nicht von ihren Vater getrennt. Man muss annehmen, dass sich in Frank­reich nichts ändern wird.

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  4. „Alain de Benoist: „Die Zemmour-Wähler­schaft ist eine Anti-Immi­gra­tions-Wähler­schaft, die von Marine Le Pen ist eine Anti-System-Wählerschaft““

    Wer glaubt im System gäbe es die Möglich­keit die Umvol­kung zu verhin­dern, ist ein nütz­li­cher Idiot der NWO, welche der Motor der Umvol­kung ist.

    Wer glaubt im System gäbe es die Möglich­keit „ich lehne das Gesamt­system ab und will was anderes, durch Wahlen, haben“ zu wählen, ist auch ein nütz­li­cher Idiot der NWO, denn genau dies ist unmöglich.

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