Alfred de Zayas: „Afgha­ni­stan ist der welt­weit größte Mohn­an­bauer und Opiumproduzent“

Ein Inter­view mit Professor Dr. iur. et phil. Alfred de Zayas, seines Zeichens Völker­rechtler und Histo­riker, der US-ameri­ka­ni­scher und Schweizer Staats­bürger ist. An der Uno hielt er mehrere Funk­tionen inne, zuletzt als Unab­hän­giger Experte für die Förde­rung einer demo­kra­ti­schen und gerechten inter­na­tio­nalen Ordnung. Alfred de Zayas ist Autor zahl­rei­cher Bücher.
 

Frage: Die USA haben erneut Soldaten nach Kabul geschickt. Warum?

Prof. Dr. Alfred de Zayas: Schon wieder hat das Pentagon die Reali­täten miss­ver­standen und die Kraft der Taliban unter­schätzt. Mit dem Sieg der Taliban war eher früher als später zu rechnen – sowie mit Terro­rismus. Die USA wollten sich daraus zurück­ziehen und meinten, sie hätten sechs Monate Zeit, um es komfor­tabel zu schaffen, d. h. komfor­tabel für die USA und Nato. Es ist aber anders gekommen.
Warum haben die Taliban das Land so schnell wieder unter Kontrolle gebracht?

Die Taliban hatten die Kraft der Über­zeu­gung und des reli­giösen Funda­men­ta­lismus. Die von den USA unter­stützte Regie­rung hatte keine Wurzeln im afgha­ni­schen Volk. Darum ist die US-Nieder­lage in Afgha­ni­stan eigent­lich pein­li­cher als der US-Abzug aus Vietnam im Jahre 1975, denn die Fehler hier sind nicht nur die des Penta­gons, sondern auch die der Nato. Aller­dings war dieses Debakel voraus­zu­sehen. Die USA, Groß­bri­tan­nien und die Nato glaubten der eigenen Propa­ganda. Wie Julius Caesar einst schrieb, „quae volumus, ea credimus libenter“ – was wir glauben wollen, das glauben wir gerne. Es kommt noch schlimmer. Mundus vult decipi: Die Welt will betrogen werden. Und solange Menschen Geld daran verdienen können, werden die Lügen und falschen Darstel­lungen Erfolg haben.

Warum waren die USA über­haupt in Afghanistan?

Wegen geopo­li­ti­scher Inter­essen der Nato und, wie sich heraus­ge­stellt hat, wegen wich­tiger Boden­schätze wie seltene Erden. Es „amüsiert“ mich zu lesen, dass Jens Stol­ten­berg, Gene­ral­se­kretär der Nato, noch die alte Lüge wieder­holt, dass sie nach Afgha­ni­stan gingen, um den inter­na­tio­nalen Terro­rismus zu bekämpfen.

Das ist doch Unsinn

Ja, der übliche Quatsch. Es ist genauso falsch wie die Mär, dass die „Koali­tion der Willigen“ wegen angeb­li­cher Massen­ver­nich­tungs­waffen Saddam Husseins im Irak einmar­schierten. Im Irak war es das Öl, in Afgha­ni­stan sind es die Geopo­litik und die spezi­ellen Boden­schätze. Das Resultat ist: Der Hass gegen die USA und die Nato ist so gewachsen, dass mögli­cher­weise mit viel mehr Terro­rismus zu rechnen ist. Der Westen hat die Taliban provo­ziert, und nun steht er vor einem Scher­ben­haufen. Die Taliban sind keine Impe­ria­listen, sie kommen nicht nach Amerika, um alle zum Islam zu bekehren; sie leben in einer vom Islam und alten Tradi­tionen beherrschten Welt. Das ist nicht unsere Welt, aber der Westen sollte aufhören, den Mitt­leren Osten und Asien beherr­schen zu wollen. Wenn die USA die Taliban und die rest­liche afgha­ni­sche Bevöl­ke­rung in Ruhe gelassen hätten, wären wir nicht in dieser miss­li­chen Lage heute. Im Grunde genommen wollen die Afghanen nur in Ruhe gelassen werden. Die Taliban glauben an ihre Sache. Zwar verwenden sie krimi­nelle Methoden, aber man kann durchaus die Logik verstehen – sie wollen auslän­di­sche Inter­ven­tionen ein für allemal beenden. Die Taliban bekämpften die Sowjets, wie sie die Ameri­kaner und alle Nato-Truppen bekämpften. Sie haben zwar viele Gegner im Volk – aber auch viele Anhänger.

Warum?

Die meisten Afghanen haben die Nase voll von auslän­di­schen Inter­ven­tionen und stän­digen Bombar­die­rungen. Es gibt das Selbst­be­stim­mungs­recht aller Völker, das in der Uno-Charta und im Art. 1 des Uno-Pakts über bürger­liche und poli­ti­sche Rechte veran­kert ist. Die Afghanen – ob Taliban oder andere – haben keine Liebe für Impe­ria­listen – egal ob Briten, Russen, Ameri­kaner oder die übrigen Euro­päer, die im Wind­schatten der USA die Werte des Völker­rechts eben­falls verraten haben.

Was muss geschehen, damit sich das Land stabilisiert?

Zunächst brau­chen die Afghanen Frieden – und die Menschen benö­tigen inter­na­tio­nale Soli­da­rität. Die Uno sollte den Wieder­aufbau des Landes fördern und koor­di­nieren. Die Food and Agri­cul­ture Orga­ni­sa­tion (FAO), die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion, das Uno Entwick­lungs­pro­gramm (UNDP) können viel dazu tun, um die zerstörten Infra­struk­turen des Landes aufzu­bauen, und zwar ohne IWF-Kredite, die stets einen Angriff auf die Souve­rä­nität jedes Empfän­ger­landes bedeuten. Die Botschaften von allen wohl­mei­nenden Staaten sollten zurück nach Kabul gehen und versu­chen, das Land konstruktiv zu unter­stützen, aber nicht im kapi­ta­lis­ti­schen Sinne des Neoli­be­ra­lismus mit Priva­ti­sie­rungen und «Inves­ti­tionen» durch das Großkapital.

Wie könnten die wohl­mei­nenden Staaten beim Wieder­aufbau des Landes helfen?

Nicht nur mit Geld – sondern mit Ehrlich­keit, Respekt und Aufrich­tig­keit. Unsere Lügen- und Lücken­me­dien haben seit mehr als 20 Jahren eine schwarz-weiß Kari­katur der Lage in Afgha­ni­stan verbreitet. Jene Nato-Staaten, die Afgha­ni­stan erbar­mungslos bombar­dierten und Hundert­tau­sende von Zivi­listen töteten – viel­fach mit Droh­nen­an­griffen – sie schulden Afgha­ni­stan Milli­arden, Milli­arden für den Wieder­aufbau, Milli­arden als Kompen­sa­tion. Dabei geht es nicht um Kredite – sondern um völker­recht­lich gebo­tene Repa­ra­ti­ons­leis­tungen. Staaten wie die Schweiz, die sich an den Aggres­sionen nicht betei­ligten und keine „hidden agenda“ führen, haben eine gewisse Glaub­wür­dig­keit und könnten eine Media­tions-Rolle ausüben.

Die Taliban haben vorge­schlagen, für die Bildung einer Regie­rung alle Kräfte im Land mitein­zu­be­ziehen. Was halten Sie von dieser Idee?

Wir müssen warten und sehen. Viel­leicht möchten sie das wirk­lich. Aber ob alle Kräfte tatsäch­lich mit einer Theo­kratie glück­lich sein können – das bezweifle ich. Aber man muss abwarten. Es gibt Beob­achter vor Ort, die das positiv bewerten.

Müsste man nicht die USA für alle zivilen Opfer zur Rechen­schaft ziehen?

Gewiss. Aber die USA haben die vier Millionen Opfer des Viet­nam­krieges – dazu zähle ich auch die Opfer der US-Bombar­die­rungen und die Konse­quenzen der Verwen­dung von Agent Orange und anderer chemi­scher Waffen – nie entschä­digt. Natür­lich haften die USA für die Mega­ver­bre­chen, die die Nato-Streit­kräfte in Afgha­ni­stan begangen haben – u. a. für die Verwen­dung von Uran­waffen (depleted uranium). Das Land ist schwer konta­mi­niert worden – und die Radio­ak­ti­vität des depletet uranium (abge­rei­chertes Uran) verschwindet nicht von heute auf morgen. Die USA müssten für die voll­stän­dige Sanie­rung Afgha­ni­stans bezahlen. Das müssten alle Staaten, die nicht am Krieg betei­ligt waren, einfor­dern, sonst wird wie in Vietnam nichts passieren.

Kann man sagen, die US-Außen­po­litik in Kombi­na­tion mit Waffen­ge­walt hat versagt?

Ja und nein. Die US-Außen­po­litik hat dafür gesorgt, dass die ameri­ka­ni­schen Waffen­pro­du­zenten enorme Profite machen konnten – und zwar seit 20 Jahren. Es war ein gutes Geschäft für Lock­heed-Martin, Boeing, Hali­burton, Black­water – in Afgha­ni­stan, Irak, Libyen und Syrien. Die USA betreiben eine Politik des perma­nenten Krieges. Nun stellt sich die Frage, wo werden die USA demnächst heiße Kriege führen – wohl nicht in Russ­land und China – das wäre viel zu gefähr­lich. Aber es bieten sich immer klei­nere „Feinde“ an – wie Iran, Jemen, Somalia oder Latein­ame­rika usw. Abwarten ist eigent­lich keine Option, die übrigen Staaten müssten hier der aggres­siven Politik Einhalt gebieten.

Die USA werden also keine Lehren daraus ziehen?

Die USA haben keine Lehren aus dem Vietnam-Debakel gezogen. Auch nicht nach der geschei­terten «Bay of Pigs»-Invasion gegen Kuba, bei der geschei­terten Unter­stüt­zung der Contras in Nica­ragua oder aus den vielen Versu­chen, Hugo Chávez zu stürzen. – Wir erin­nern uns an den Putsch vom April 2002 oder an die vielen späteren Atten­tate gegen die Regie­rung von Vene­zuela. Auch vor zwei Jahren, als sie den selbst­er­nannten Präsi­denten von Vene­zuela Juan Guaidó bei einem Putsch­ver­such unter­stützten, der glück­li­cher­weise geschei­tert ist. Und das sage ich als ehema­liger Uno-Experte, der das Land besucht und die Lage dort unter­sucht hat.¹

Welches Land könnte hier eine konstruk­tive Rolle spielen? Auch die EU muss über die Bücher.

Zunächst sollte die EU eine eigene Politik entwi­ckeln – sich abkop­peln von den USA und der Nato. Ob das gelingt, bezweifle ich. Die EU hilft selten, ohne eigene Hinter­ge­danken. Die Taliban wissen, dass die USA und die EU keine Freunde Afgha­ni­stans sind – und sie werden uns mit sehr viel Miss­trauen begegnen. Man braucht eben ein neutrales Land wie die Schweiz, das im Namen von einigen euro­päi­schen Staaten spre­chen könnte. Schänd­li­cher­weise haben die Briten, die Deut­schen, die Fran­zosen, aber auch die Austra­lier zu viele Kriegs­ver­bre­chen in Afgha­ni­stan begangen. Ohne Aner­ken­nung dieser Tatsa­chen, ohne Entschul­di­gung, ohne Reue seitens der EU werden die Taliban kaum etwas mit der EU zu tun haben wollen. Dies öffnet Einfluss­mög­lich­keiten für die Chinesen und für die Russen.

Sie hatten es bereits erwähnt. Berichten zufolge wurden bei der Bombar­die­rung von Tora Bora, aber auch an anderen Orten abge­rei­chertes Uran einge­setzt. Was heißt das für die Region?

Die neue Wort­schöp­fung „Ecocide“ ist in Mode gekommen. Tatsäch­lich haben sie die gröbste chemi­sche Umwelt­ver­schmut­zung verur­sacht, die auch auf Jahr­zehnte Konse­quenzen haben wird. Man muss eine gründ­liche Sanie­rung der Radio­ak­ti­vität in Angriff nehmen. Es ist schon absurd, wie überall über den Klima­wandel gespro­chen wird, aber wenn es um Krieg geht, bei dem Unmengen von Schäden an Mensch und Natur ange­richtet werden, gibt es von den Klima­ak­ti­visten sozu­sagen keinen Aufschrei.

Der Einsatz dieser radio­ak­tiven Waffen ist doch völker­recht­lich verboten.

Absolut. Im Huma­ni­tären Völker­recht (inter­na­tional huma­ni­ta­rian law – gemeint sind die Haager und Genfer Konven­tionen und Proto­kolle) gelten zwei Prin­zi­pien. Das Prinzip der Tren­nung zwischen zivilen und mili­tä­ri­schen Zielen und das Prinzip der Verhält­nis­mä­ßig­keit (princi­ples of distinc­tion and propor­tio­na­lity). Radio­ak­tive Waffen sind mit diesen beiden Prin­zi­pien nicht in Einklang zu bringen. Sie treffen immer auch Zivil­per­sonen und entfalten eine schäd­liche Wirkung, wenn der Krieg schon lange vorbei ist.

Wenn Sie die Politik der USA und ihrer Verbün­deten zu Recht kriti­sieren, laufen Sie nicht Gefahr, als Sympa­thi­sant der Taliban abgetan zu werden?

Ich habe etliche Male die Verbre­chen der Taliban ange­pran­gert und verlangt, dass sie nicht straf­frei davon­kommen. Ich hoffe, dass der Inter­na­tio­nale Straf­ge­richtshof in Den Haag seine Unter­su­chungen über die Verbre­chen der Taliban sowie über die Verbre­chen der USA und Nato fortführt.

Haben wir hier nicht das Problem, wer ist der Aggressor und wer sind die Opfer?

Eigent­lich mag ich Täter-/Opfer­scha­blonen nicht. Ich lehne Pauscha­li­sie­rungen ab – aber, es ist klar, dass die afgha­ni­sche Bevöl­ke­rung das Opfer dieses Krieges war. Es ist auch klar, dass völker­recht­lich gesehen weder die USA noch die Nato eine Legi­ti­mie­rung hatten und dass hier die Uno-Charta durch sie viel­fach verletzt wurde. Ich lehne alle terro­ris­ti­schen Aktionen grund­sätz­lich ab, genauso wie ich den Staats­ter­ro­rismus des Penta­gons verur­teile. Man muss aber nicht alles verall­ge­mei­nern. Gewiss sind nicht alle Taliban Terro­risten. Als Völker­rechtler und Histo­riker frage ich nach den Ursa­chen von Konflikten. Gewiss haben die Ameri­kaner dazu beigetragen, sie provo­zieren nicht nur die Isla­misten – sie provo­zieren normale Menschen musli­mi­schen Glau­bens, wenn sie sich in ihre internen Ange­le­gen­heiten einmi­schen. Die USA provo­zieren die Paläs­ti­nenser, wenn sie ihnen das Selbst­be­stim­mungs­recht verwei­gern, wenn sie die Verbre­chen Israels gegen die Paläs­ti­nenser vertei­digen. Die USA provo­zieren die ganze Mensch­heit, wenn sie sich anmaßen, eine „Mission“ zu haben und die „Demo­kratie“ zu expor­tieren. Wenn die USA „Demo­kratie“ sagt – meinen sie aber das kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­system. Dies hat wenig mit Demo­kratie oder Menschen­rechten zu tun.

Es gibt Aussagen, dass die Taliban letzt­lich ein Produkt der USA seien. Können Sie dem zustimmen?

Ja, das hat sogar die demo­kra­ti­sche US-Präsi­dent­schafts­kan­di­datin der Wahlen 2016, Hillary Clinton, in einem Inter­view bei Fox-News bestätigt.² Man hat damals im Kampf gegen die Sowjet­union die soge­nannten Volks­mud­scha­heddin unter­stützt und mit US-Waffen ausge­rüstet. Nachdem die Sowjet­union abge­zogen war, hat man das Land seinem Schicksal über­lassen und so konnten diese von der USA ausge­rüs­teten und von der CIA und vom paki­sta­ni­schen Geheim­dienst (ISI) ausge­bil­deten Kämpfer das Land 1996 über­nehmen. Hillary Clinton sagte: «Wir bekämpfen dieje­nigen, die wir selbst geschaffen haben.»

Sie spre­chen deut­liche Worte und kriti­sieren Ihr Land. Das machen in solcher Klar­heit nur wenige.

Als Patriot muss man das, man will doch dafür sorgen, dass sich sein Land an den Gesetzen und an der Gerech­tig­keit orien­tiert. Ein Patriot fördert den Rechts­staat dadurch, dass er von seiner Regie­rung saubere und ehrliche Hand­lungen und von seinen Poli­ti­kern Rechen­schaft verlangt. Charles de Gaulle defi­nierte den Patrio­tismus folgen­der­maßen: „Le patrio­tisme, c‘est lorsque l‘amour du peuple auquel vous appar­tenez passe en premier. Le natio­na­lisme, c‘est lors­que la haine des autres peuples l‘emporte sur tout le reste.“ [Patrio­tismus ist, wenn die Liebe zum Volk, dem Sie ange­hören, an erster Stelle steht. Natio­na­lismus ist, wenn der Hass auf andere Völker Vorrang vor allem anderen hat. Red.] Ich bin damit voll einverstanden.

Man wirft den Taliban vor, dass sie den Drogen­anbau fördern würden. Können Sie das bestätigen?

Wir brau­chen drin­gend Whist­leb­lower, die uns erklären, was da los war. Gewiss waren die Taliban zunächst starke Gegner des Opiums. Es gibt aber Hinweise darauf, dass die CIA bewusst den Opium-trade in Afgha­ni­stan förderte, u. a. um die Mudscha­heddin in dem Krieg gegen die Sowjet­union zu finan­zieren – das wurde als Opera­tion „Cyclone“ bekannt. Auch bei der US-Inter­ven­tion in Nica­ragua in den 80er Jahren hat die CIA diese „Contras“ durch den Verkauf von Drogen finan­zieren müssen, denn der ameri­ka­ni­sche Kongress hätte solche „covert-opera­tions“ nicht gebil­ligt. Die Taliban haben von der CIA einiges gelernt, vor allem die Finan­zie­rungs­mög­lich­keiten ihres eigenen Vertei­di­gungs­krieges gegen die USA – eben durch Produk­tion und Verkauf des Opiums. Der schot­ti­sche Jour­na­list Alan Macleod hat im Juni 2021 einen inter­es­santen Artikel dazu veröf­fent­licht „Geopo­li­tics, Profit and Poppies: How the CIA Turned Afgha­ni­stan into a Failed Narco-State.“²

Was für Erkennt­nisse finden sich in dem Artikel?

Er schreibt zum  Beispiel: «Mohn wird vom US-Militär als perfekte Kriegs­pflanze ange­sehen. Ameri­ka­ni­sche Geheim­dienst­of­fi­ziere stellten sogar Anlei­tungen für den Mohn­anbau zusammen, verteilten Saatgut an lokale Afghanen und halfen beim Anbau von Hunderten von Mohn­pflanzen, was den ille­galen Handel im Land anheizte.

Im November 2017 gab das UN-Büro für Drogen- und Verbre­chens­be­kämp­fung (UnoDC) bekannt, dass der Mohn­anbau in Afgha­ni­stan in einer einzigen Saison um mehr als 120 000 Hektar zuge­nommen hat. Die Opium­pro­duk­tion des Landes stieg von rund 180 Tonnen im Jahr 2001 auf mehr als 3 000 Tonnen pro Jahr nach der US-Inva­sion. Im Jahr 2020 erreichte sie sogar einen Rekord­wert von fast 10 000 Tonnen. Heute ist Afgha­ni­stan der welt­weit größte Mohn­an­bauer und Opium­pro­du­zent und liefert mehr als 85 Prozent des welt­weiten Opiums.»

Das heißt im Klar­text, die USA sind für den explo­si­ons­ar­tigen Anstieg der Mohn­pro­duk­tion verantwortlich…

Gemäß dem Artikel von Alan Macleod muss man diesen Schluss ziehen.

Wie beur­teilen Sie die Reak­tionen des Menschen­rechts­rates, der gerade seine 31. Sonder­sit­zung über Afgha­ni­stan abhielt, oder die G 7 Gespräche?

Wie so oft kommen das Büro des Hoch­kom­mis­sars für Menschen­rechte, der Menschen­rechtsrat, die G 7 und andere Grup­pie­rungen zu spät und können nur an «Band Aids» denken, huma­ni­täre Hilfe, Aufnahme von Flücht­lingen und Migranten. Natür­lich müssen die Uno und die inter­na­tio­nale Gemein­schaft leidenden Menschen helfen – aber wir müssen auch verstehen, dass die USA und Nato mitver­ant­wort­lich sind an dieser Katastrophe.

Inwie­fern?

Wenn die USA diesen will­kür­li­chen und unge­rechten Krieg in Afgha­ni­stan nicht geführt hätten, wenn die Nato Afgha­ni­stan nicht erbar­mungslos bombar­diert hätte, wären die Szenen in Kabul und anderen Orten Afgha­ni­stans anders. Es ist nicht schwierig zu verstehen, dass der Westen die Ursache vieler dieser Probleme ist, und solange die Verant­wort­li­chen nicht zur Rechen­schaft gezogen werden – und damit meine ich George W. Bush, Dick Cheney, Colin Powell, Tony Blair, Barack Obama, Donald Trump usw. – wird die Welt weiterhin solches Elend sehen. Die große Migra­ti­ons­welle aus Libyen/Afrika, Syrien, Libanon usw. geht auf USA und Nato Inter­ven­ti­ons­po­litik zurück. Es ist kein Wunder, wenn die USA ein Land und eine Region desta­bi­li­sieren, dass es Konse­quenzen gibt. Aber die Staaten, die sich daran nicht betei­ligt haben – z. B. Ungarn, Slowe­nien, Slowakei usw. sollen für die Verbre­chen der US nicht bezahlen. Was die Welt braucht, sind präven­tive Diplo­matie, frie­dens­för­dernde Maßnahmen und ein Ende der Provo­ka­tionen und Ausbeu­tung anderer Menschen und Länder.

Wie muss man die Stel­lung­nahmen der verschie­denen Uno-Experten verstehen, die scharfe Vorwürfe an die Adresse der Taliban richten?

Was sie da sagen, ist nicht unbe­dingt falsch, aber es hilft in diesem spezi­fi­schen Moment nicht. Die Meldung ist zu allge­mein – ich möchte fast sagen, zu banal – der Krise nicht ange­messen. Sie spre­chen von Flücht­lingen, Migra­tion und Frau­en­rechten. Bedeu­tend ist, was nicht erwähnt wird, und sie ziehen nicht die rich­tigen Konse­quenzen. Sie verur­teilen nicht die ille­gale Einmi­schung seiner­zeit der Sowjet­union und der USA in die Ange­le­gen­heiten Afgha­ni­stans. Die Kata­strophe in Afgha­ni­stan ist die direkte Konse­quenz der ille­galen Inter­ven­tionen, und kein Mensch hat sich dafür entschul­digt oder Repa­ra­tionen geleistet. Die USA und Nato-Länder haben tausend­fach mehr Schaden in Afgha­ni­stan ange­richtet als die Sowjets. Die USA und Nato-Länder haben 20 Jahre das Land gefol­tert. Nun kommen die Taliban an die Regie­rung – einige sogar, die in Guan­tá­namo und in anderen Folter­stätten gelitten haben. Die Uno-Rappor­teure sollten die Verbre­chen der USA und der Nato ebenso beim Namen nennen und unmiss­ver­ständ­lich verur­teilen – dies tun sie aber nicht. Inter­es­sant ist auch, dass nur einige Rappor­teure mitsi­gniert haben – nämlich die poli­tisch korrekten Rappor­teure, die ich „Guar­dians of the Status quo“ nenne. Sie dienen dem System. Sie dienen den Inter­essen der Eliten.

Wer hat nicht signiert?

Zum Beispiel der Schweizer Rappor­teur über Folter, Nils Melzer; der ugan­di­sche Rappor­teur über die Welt­ord­nung, Living­ston Sewan­yana; die Rappor­teurin über Sank­tionen, Alena Douhan.

Der US-Präsi­dent hat sich auch geäußert…

Ja, erbärm­lich. Nirgendwo wird von Biden aner­kannt, dass die USA kein Recht hatten, in Afgha­ni­stan einzu­mar­schieren, um 20 Jahre das Land zu besetzen. Da ist keine Spur von Selbst­kritik, sondern nur Wieder­ho­lung der Propa­gan­da­lügen. Das Phänomen ist nicht neu. Auch nach Vietnam wollten die USA ihre eigene Propa­ganda fort­setzen. Sie bleiben die Guten und die Taliban bleiben die Bösen. Gewiss – die Taliban haben viele Verbre­chen begangen. Aber sie waren Opfer einer ille­galen Aggres­sion. Die US-Medien wollen die Konse­quenzen der Nieder­lage nicht aner­kennen, sondern die Kriegs­lügen fortsetzen

Warum konnten die USA die Regie­rungen und das Volk Afgha­ni­stans nicht für «The American Way» gewinnen?

Erstens konnten die Ameri­kaner das afgha­ni­sche Volk nicht davon über­zeugen, dass das west­liche Model besser sei als ihr eigenes. Zwei­tens, die Ameri­kaner haben sich nicht in die Lage der Menschen dort versetzt, ihre Kultur und ihre Tradi­tionen nicht verstanden. Eines ist auf alle Fälle klar: Die Afghanen wollen den west­lich-ameri­ka­ni­schen neoli­be­ralen Kapi­ta­lismus nicht. Niemand will von einer fremden Macht bestimmt werden. Ob richtig oder falsch, jedes Volk hat das Recht, sich selbst zu entwi­ckeln und den eigenen Weg zu bauen. Allen­falls können wir Rat geben, wenn uns jemand darum bittet.

Was würden Sie für einen Weg als ehema­liger Unab­hän­giger Uno-Experte für die Förde­rung einer demo­kra­ti­schen und gerechten inter­na­tio­nalen Ordnung im Umgang mit der Situa­tion in Afgha­ni­stan empfehlen?

Respekt gegen­über dem afgha­ni­schen Volk. Respekt für das Selbst­be­stim­mungs­recht aller Völker. Die Respek­tie­rung der Uno-Charta, insbe­son­dere des Gewalt­ver­bots im Artikel 2(4) der Charta. Die Respek­tie­rung des Verbotes der mili­tä­ri­schen Inter­ven­tion und der impe­rialen Einmi­schung in die inneren Ange­le­gen­heiten von anderen Ländern, wie es in etli­chen Reso­lu­tionen der Uno-Gene­ral­ver­samm­lung steht, u. a. Res. 2625, 3314 usw. Ich würde empfehlen, dass meine 25 Prin­zi­pien einer gerechten Welt­ord­nung ange­wandt werden, dass diese Prin­zi­pien in alle Spra­chen über­setzt werden, einschließ­lich Dari (Farsi), Paschtu und die anderen Spra­chen, die in Afgha­ni­stan gespro­chen werden. Meine 25 Prin­zi­pien wurden dem Uno-Menschen­rechtsrat im März 2018 vorge­legt⁴ und nun liegen sie in meinem Buch „Buil­ding a Just World Order“⁵ vor. Die Präsi­dentin der Gene­ral­ver­samm­lung 2018–19, Maria Fernanda Espi­nosa, sagte darüber: „Die 25 Zayas-Prin­zi­pien der inter­na­tio­nalen Ordnung sind eine moderne Magna Carta. Wenn sie von der inter­na­tio­nalen Gemein­schaft umge­setzt würden, könnten sie dazu beitragen, im 21.  Jahr­hun­dert Frieden mit sozialer Gerech­tig­keit zu sichern. Gemäss der Uno-Charta tragen die Mitglieds­staaten Verant­wor­tung für zukünf­tige Genera­tionen. Daher sollten sie konkrete Mass­nahmen ergreifen, um diese regel­ba­sierte Ordnung in inter­na­tio­naler Soli­da­rität zu verwirklichen.“

Herr Professor de Zayas, herz­li­chen Dank für das Gespräch.

Inter­view Thomas Kaiser | Der Abdruck erfolgte mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Zeit­ge­schehen im Fokus.

¹ undocs.org/A/HRC/39/47/Add.1 siehe auch Kapitel 12 des Buches «Buil­ding a Just World Order», www.claritypress.com/product/building-a-just-world-order
² www.youtube.com/ watch?v=vlbZt56qv18
³ www.mintpressnews.com/cia-afghanistan-drug-trade-opium/277780/
4 www.ohchr.org/EN/Issues/IntOrder/Pages/OutliningPrinciples.aspx
⁵ Kapitel 2, Buil­ding a Just World Order, Clarity Press, Atlanta, 2021.


1 Kommentar

  1. Entschä­di­gung muss gefor­dert werden.

    Ja, das finde ich auch und zwar von Afgha­ni­stan und das als Zeichen der Ehrlich­keit vor allen Gesprächen. 

    Entschä­di­gung wofür? Für den Krieg gegen Zivi­listen, die mit den Tonnen von Drogen für ihr Leben zerstört wurden!
    Also sofor­tigen Anbau­stopp, alle Felder zur Lebens­mit­tel­ge­win­nung für die eigene arme Bevöl­ke­rung. einsetzen

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