„Anyácska“ (das „slowa­ki­sche Mutter­land“) wartet auf sie

Vertriebene ungarische Frauen und Kinder aus Csallóköz im Grenzort Rajka, November 1946 · Foto: MTI / MAFIRT
Die 1938 gegrün­dete Magyar Nemzet (dt. „Unga­ri­sche Nation“) ist die größte Tages­zei­tung Ungarns und steht der Regie­rung von Viktor Orbán nahe. 

 

Von Miklós Péter

Vor 75 Jahren, am 27. Februar 1946, unter­zeich­neten der unga­ri­sche Außen­mi­nister János Gyön­gyösi und der tsche­cho­slo­wa­ki­sche Außen­mi­nister Vladimír Clementis das tsche­cho­slo­wa­kisch-unga­ri­sche Bevöl­ke­rungs­aus­tausch­ab­kommen in Buda­pest. Das Wesent­liche des diplo­ma­ti­schen Abkom­mens war, dass viele Slowaken in Ungarn, die sich für die Tsche­cho­slo­wakei entschieden, sowie Ungarn, die in so vielen Gebieten unseres nörd­li­chen Nach­bar­landes lebten, umge­sie­delt werden konnten. Der größte Unter­schied bei der Umset­zung des Über­ein­kom­mens auf dem Terri­to­rium der beiden Staaten bestand darin, dass die Slowaken in Ungarn frei­willig einen Antrag stellen konnten, die Ungarn im Felvidék (dt. „Oberungarn“, dh die Slowakei) jedoch durch ein Macht­wort umge­sie­delt wurden.

Unter den Slowaken in Ungarn wurde parallel zum Abschluss des Abkom­mens mit Unter­stüt­zung der sowje­ti­schen Besatzer Propa­ganda gestartet, die – in der kurzen slowa­kisch­spra­chigen Sendung des unga­ri­schen Staats­ra­dios und in den Kolumnen der unga­risch-slowa­ki­schen Zeitung Sloboda betonte, dass es besser sei, in der Tsche­cho­slo­wakei zu leben. Die Tsche­cho­slo­wakei, die im Zweiten Welt­krieg auf der Seite der Sieger stand, sei ein wirt­schaft­lich stabi­lerer Staat (unter anderem dank der Vertrei­bung der dort lebenden Deut­schen), der im Gegen­satz zu Ungarn keine Kriegs­ent­schä­di­gungen zahlen müsse. Man versuchte auch, die pansla­wi­schen und slowa­ki­schen natio­nalen Gefühle zu beein­flussen, und ein Teil der Mittei­lung, die die Slowaken in Ungarn zum Umzug ermu­tigen sollte, war die, dass „Anyácska“, dh das „slowa­ki­sche Mutter­land“, auf sie wartete.

Das Schicksal der ehema­ligen unga­ri­schen Gebiete auf dem Terri­to­rium der Tsche­cho­slo­wakei hat sich im 20. Jahr­hun­dert mehr­mals auf dras­ti­sche Weise verändert.

Mit dem Trianon-Frie­dens­diktat wurde der tsche­cho­slo­wa­ki­sche Staat im Geiste der Bestre­bungen des Versailler Frie­dens­sys­tems gegründet, haupt­säch­lich aufgrund der Emigra­ti­ons­ak­ti­vi­täten von Edvard Beneš während des Ersten Welt­kriegs. Neben der Tsche­chi­schen Repu­blik (ehemals Teil des Deutsch-Römi­schen Reiches als unab­hän­giges Land Böhmen, dann Teil des Habs­bur­ger­reichs, später der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Monar­chie) gehörten dazu auch die beiden Regionen des histo­ri­schen Ungarn, das Felvidék und Trans­kar­pa­tien. Die durch ihre Multi­eth­ni­zität gekenn­zeich­nete Tsche­cho­slo­wakei, bewohnt von Tsche­chen, Slowaken, Deut­schen, Ungarn, Ruthenen, Juden und Polen, mit einer Entfer­nung von mehr als tausend Kilo­me­tern zwischen ihren west­lichsten und östlichsten Punkten hatte nur in der Zwischen­kriegs­zeit Bestand.

Das von den Deut­schen bewohnte Sude­ten­land wurde bereits im September 1938 im Rahmen des Münchner Abkom­mens in das Dritte Reich einge­glie­dert, und wenige Wochen später gelangte aufgrund des ersten Wiener Schieds­spruch der südliche Streifen der Slowakei zu Ungarn. Im folgenden Jahr wurde das Protek­torat Böhmen und Mähren auf dem Terri­to­rium des tsche­chi­schen Staates gegründet, unter deut­scher Herr­schaft entstand die unab­hän­gige Slowakei und Trans­kar­pa­tien wurde wieder Teil Ungarns.

Nach der Rück­kehr von Edvard Beneš aus dem Exil in England während des Zweiten Welt­kriegs arbei­tete er daran, einen „homo­genen tsche­cho­slo­wa­ki­schen Natio­nal­staat“ nach seiner eigenen Vision zu schaffen.

Ein Teil davon bestand darin, die Natio­na­li­täten – insbe­son­dere die Deut­schen und Ungarn, die den Krieg verloren hatten – so schnell wie möglich vom wieder­ge­bo­renen tsche­cho­slo­wa­ki­schen Staat zu entfernen. Trans­kar­pa­tien und die dortige ruthe­ni­sche und unga­ri­sche Bevöl­ke­rung hatten nach 1945 kein Problem, da die Sowjet­union beab­sich­tigte, dieser Region eine „Tran­sitrolle“ zukommen zu lassen, die die Sowjet­union zum Karpa­ten­be­cken und nach Mittel­eu­ropa heran­führte, und den tsche­cho­slo­wa­ki­schen Staat zwang, für die Region den russi­schen Namen „Karpato-Ukraine“ zu verwenden. Dies geschah im Moskauer Vertrag vom 29. Juni 1945.

Die Frage der Zuge­hö­rig­keit Trans­kar­pa­tiens und ihre Auswir­kungen auf die tsche­cho­slo­wa­kisch-unga­ri­schen und sowje­tisch-unga­ri­schen Bezie­hungen wurde am 24. März 1945 in Moskau vom sowje­ti­schen Volks­kom­missar für auswär­tige Ange­le­gen­heiten Wjat­scheslaw Molotow und dem tsche­cho­slo­wa­ki­schen Präsi­denten Edvard Beneš erör­tert. Laut einer geheimen Notiz des Tref­fens erklärte Beneš:

„Der Beitritt der Karpaten-Ukraine zur Sowjet­union ist für die Tsche­cho­slo­wakei in zwei­erlei Hinsicht wichtig: Erstens: Die Sowjet­union wird Ungarns Nachbar sein, und zwei­tens: Die Sowjet­union wird über die Karpaten hinaus­rei­chen. Dazu bestä­tigt Genosse Molotow, dass die Deut­schen unter solchen Umständen zwei­fellos fried­li­cher sein werden, und noch mehr die Ungarn. […] Wenn die Sowjet­union jetzt eine Grenze zu Ungarn teilt, werden die Ungarn zwei­fellos schweigen.“

Das dama­lige Bestreben des tsche­cho­slo­wa­ki­schen Staates bestand darin, dass die Ungarn den Status quo im Felvidék aner­kannten, wonach die durch jahr­hun­der­te­lange „unga­ri­sche Natio­na­li­tä­ten­po­litik“ magya­ri­sierte Bevöl­ke­rung nunmehr zu ihren slowa­ki­schen Wurzeln zurück­kehrte („Reslo­wa­ki­sie­rung“ bezeichnet) oder aber das Land verließ.

In seiner Erklä­rung vom 4. Februar 1945 beschrieb der in Kaschau (slowak. Košice, ungar. Kassa) tagende slowa­ki­sche Natio­nalrat seine Grund­sätze zur unga­ri­schen Frage:

„Vertreter der Magya­ri­sie­rung und des feudalen faschis­ti­schen Systems, die nach 1938 von der Buda­pester Regie­rung in die besetzten Gebiete der Slowakei geschickt wurden, müssen dorthin zurück­kehren, woher sie kamen. Die Situa­tion der unga­ri­schen Bürger hier wird davon abhängen, wie sie sich auf die slowa­ki­sche Nation, die neue Tsche­cho­slo­wakei, ihre demo­kra­ti­sche und slawi­sche Ausrich­tung ausrichten. […] Wir erlauben Bürgern unga­ri­scher slowa­ki­scher Herkunft, sich am Leben der slowa­ki­schen Nation zu betei­ligen. […] Wir entwur­zeln hingegen den Einfluss der Deut­schen, der Ungarn und ihrer slowa­ki­schen verrä­te­ri­schen Helfer und aller anti­slo­wa­ki­schen Elemente.“

Zu diesem Zweck wurden im Mai 1945 in der Slowakei ansäs­sige Ungarn aus ihrer Beschäf­ti­gung beim Staat entlassen, ihre Renten abge­schafft und im Juni alle unga­ri­schen Schulen in der Tsche­cho­slo­wakei geschlossen. Bis Ende des Jahres waren laut Beneš-Dekret rund zehn­tau­send Ungarn zu öffent­li­chen Arbeiten in die Tsche­chei depor­tiert, fast vier­zig­tau­send unga­ri­sche „Kriegs­ver­bre­cher“ ange­klagt und Tausende in Inter­nie­rungs­lager gesteckt worden.

Slowaken aus Békés protes­tieren im August 1946 gegen ihre Umsied­lung · Foto: MTI / MAFIRT – Péter Bartos

In den Jahren 1945–1946 wurden Tausende in der Slowakei ansäs­sige Ungarn aus ihren Häusern und ihren Heim­stätten vertrieben, manchmal sogar gezwungen, über die vereiste Donau zu fliehen. Um diese Prozesse zu vermeiden oder zumin­dest auf diplo­ma­ti­sche und recht­liche Kanäle umzu­leiten, führte die unga­ri­sche Regie­rung Konsul­ta­tionen mit dem nörd­li­chen Nach­barn durch. Bei einem Treffen unter Betei­li­gung führender unga­ri­scher innen­po­li­ti­scher Akteure

… stellte sich heraus, dass der tsche­cho­slo­wa­ki­sche Staat, indem er die Ungarn loswerden wollte, dies auch „zusammen mit dem unga­ri­schen Staat“ tun würde.

Mit anderen Worten, der Teil der Slowakei mit einer großen unga­ri­schen Mehr­heit sollte wieder in den unga­ri­schen Staat zurück­ge­führt werden. Natür­lich war Ungarn unter sowje­ti­scher Besat­zung zu diesem Zeit­punkt nicht in der Lage, gegen solche Bedin­gungen aufzu­be­gehren. Um zu retten, was gerettet werden konnte, und um die voll­stän­dige Vertrei­bung der Ungarn aus der Slowakei zu verhin­dern, stimmte die unga­ri­sche Regie­rung einem Bevöl­ke­rungs­aus­tausch mit dem tsche­cho­slo­wa­ki­schen Kabi­nett zu.

Der Bevöl­ke­rungs­aus­tausch begann im April 1947, und bis 1948 hatten etwa sieb­zig­tau­send Slowaken Ungarn frei­willig verlassen, während mehr als acht­und­sech­zig­tau­send Ungarn aus der Tsche­cho­slo­wakei depor­tiert wurden.

Wie wir aus den Forschungen der Histo­ri­kerin Katalin Vadkerty, der viel­leicht bedeu­tendsten Expertin auf diesem Gebiet, wissen, kamen tatsäch­lich viel mehr Ungarn aus der Slowakei nach Ungarn: etwa zwanzig- oder drei­ßig­tau­send wurden vertrieben, weil sie erst nach November 1938, als das Felvidék Ungarn zuge­schlagen wurde, dorthin gezogen waren; sechs­tau­send Menschen hingegen verließen frei­willig die Tsche­cho­slo­wakei. Die Depor­ta­tionen endeten 1949.

Auch aus der Tsche­cho­slo­wakei abge­sie­delte Ungarn hatten es in Ungarn nicht leicht, da die meisten von ihnen bei den Parla­ments­wahlen 1947 nicht wählen konnten und viele wegen ihres „Natio­na­lismus“ ein Polizei- oder Gerichts­ver­fahren über sich ergehen lassen mussten. Darüber hinaus galt der Grund­satz der Parität nicht: Obwohl sie nach dem Bevöl­ke­rungs­aus­tausch­ab­kommen in etwa den glei­chen finan­zi­ellen Bedin­gungen hätten sein müssen, verfügten sie in der Praxis in den meisten Fällen über viel beschei­de­nere Wohnungen, wirt­schaft­liche Ausrüs­tung und Infra­struktur als die Aussie­derler aus Ungarn. Darüber hinaus waren sie mit der Errich­tung der kommu­nis­ti­schen Diktatur in Ungarn sowie einer gewalt­samen Verge­nos­sen­schaft­li­chung und Verstaat­li­chung konfrontiert.

Quelle: Magyar Nemzet


1 Kommentar

  1. Ich bin Jahr­gang 1951 und mein Gr0ßvater ist 1890 in Buda­pest geboren. Damit verbunden ist das Inter­esse an Ungarn und auch an der Geschichte die in der DDR nicht so ausführ­lich darge­stellt wurde. Dieser Artikel macht das eigen­ar­tige Verhältnis der EU zu Ungarn nach­voll­zieh­barer und das wird noch ein paar Jahre dauern bis in den Schul­bü­chern ein objek­ti­vers Fakten­be­zo­gene Darstel­lung dieser Zeit eingehen wird.
    Meine Frau und ich werden den letzten Lebens­ab­schnitt zwischen Deutsch­land und Vony­ar­cvas­hegy teilen.
    Ruhe und Ordnung und das unga­ri­sche Blut haben die Entschei­dung leicht gemacht

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