Auf den Spuren des deut­schen Erbes in Ungarn: Von Pesth über Ofen bis nach Wudersch

Bildquelle: Ungarnreal

Von Kinga Fodor
 

In der Geschichte Ungarns und damit Buda­pests kommt den auf dem Gebiet des Karpa­ten­be­ckens lebenden Deut­schen eine wich­tige Rolle zu.

Aufzeich­nungen zufolge kamen die ersten deutsch­spra­chigen Siedler zusammen mit Königin Gisela um 996 in Ungarn anIm Laufe der folgenden Jahr­hun­derte festigten sich die Ansied­lungs­be­we­gungen aus den deutsch­spra­chigen Sprach­ge­bieten und führten daher zu einer mal größeren, mal klei­neren, aber konstanten Einwan­de­rung. Gewisse histo­ri­sche Ereig­nisse – wie der Tata­renzug oder der Sieg über die Türken – verliehen der Migra­tion aus den deut­schen Ländern einen neuen Schwung,

da die wegen der Kriege entvöl­kerten Gebiete neu bevöl­kert werden sollten.

Gegen Ende des 17. Jahr­hun­derts nahm infolge der Vertrei­bung des osma­ni­schen Heeres die erste orga­ni­sierte Ansied­lungs­welle nach Ungarn ihren Anfang. Im Rahmen dieser Welle kamen aus den süddeut­schen Gebieten, in erster Linie aus Schwaben, neue Bewohner nach Ungarn. Zu dieser Zeit entstanden viele schwä­bi­sche Sied­lungen im Umland von Buda­pest – von daher stammt auch die für die Ungarn­deut­schen im Allge­meinen verwen­dete Bezeich­nung „Schwaben, die sich auch in den Spra­chen der anderen Völker des Donau­raum etablierte.Im mittel­al­ter­li­chen Buda (von den Deut­schen früher Ofen genannt) und Pest (Pesth) waren die deut­schen Bewohner den anderen Natio­na­li­täten gegen­über in der Überzahl.

Sie bildeten das Rück­grat der städ­ti­schen bürger­li­chen Hand­werker- und Händ­ler­klasse, wodurch sie eine bedeu­tende Rolle bei der Stadt­ent­wick­lung und später bei der Indus­tria­li­sie­rung spielten. Die Wohn­häuser und Kirchen der Deut­schen in Pesth wurden entlang der bedeu­tenden Haupt­straßen gebaut. Das findet sich auch in den – später magya­ri­sierten – Namen öffent­li­cher Plätze wieder, wie etwa im Falle des Wait­zener Thors, des Serviten Gässls oder der Herrn Gasse. Es ist eine durchaus bemer­kens­werte Tatsache, dass sich die Reste der mittel­al­ter­li­chen Stadt­mauer, auf den Straßen von Buda­pest spazie­rend, auch heute noch beob­achten lassen: Ein Beispiel dafür ist der Spiel­platz bei der Kreu­zung der Bástya-Straße und der Veres-Pálné-Straße, wo die alte Stein­mauer und die in die Wand des Nach­bar­hauses einge­bauten Schieß­scharten sichtbar sind.

Die deutsch­spra­chige Bevöl­ke­rungs­mehr­heit von Pesth und Buda bestand bis zur Mitte des 19. Jahr­hun­derts. Die Deut­schen von Buda­pest, die auch vonseiten des Wiener Hofs unter­stützt wurden, hatte zudem eine bedeu­tende Rolle bei der Stadt­ver­wal­tung inne. Auf diese Weise waren der Stadt­richter, der Bürger­meister und die Mitglieder des Stadt­rates oftmals deut­scher Herkunft, wodurch die Aneig­nung des Deut­schen als der führenden Sprache Buda­pests auch für die unga­ri­schen Bürger eine Pflicht war.

Neben der Hoch­sprache wurden in Pesth 37 und in Buda 50 unter­schied­liche deut­sche Dialekte gespro­chen. Das veran­schau­licht, wie viel­fältig die Bevöl­ke­rung der unga­ri­schen Städte damals war.

Dass Pesth in der Mitte des 19. Jahr­hun­derts zum wirt­schaft­li­chen, kultu­rellen und poli­ti­schen Zentrum des König­reichs Ungarn wurde, ist teil­weise den Akti­vi­täten der Deut­schen zu verdanken. Sie grün­deten nämlich zahl­reiche bedeut­same Hotels, Restau­rants, Theater und Drucke­reien. Von dieser Epoche zeugen mehrere Unter­nehmen, die auch heute noch in Buda­pest besucht werden können, wie das Restau­rant Gundel, die Scho­ko­la­den­fa­brik Stühmer oder die Bier­brauerei Dreher. Solange die Monar­chie bestand, galt neben dem Gast­ge­werbe auch die Archi­tektur als typisch deut­sche Profes­sion.

Das Stadt­bild von Buda­pest wurde von Meis­tern, Hand­wer­kern und Archi­tekten deut­scher Natio­na­lität und Abstam­mung elementar geprägt.

Aus dem Sude­ten­land kam der Archi­tekt Johann Hild (ca1760-1811) nach Ungarn, der das erste offi­zi­elle, vom Palatin Joseph initi­ierte Stadt­ent­wick­lungs­do­ku­ment von Buda­pest, den Verschö­ne­rungs­plan, schuf und zum Teil durch­führte. Der Verschö­ne­rungs­plan beinhal­tete den Grund­riss des heutigen Vörös­marty-Platzes und des József-Nádor-Platzes wie auch Entwürfe für den Bau klas­si­zis­ti­scher Paläste am Donau­ufer. Das Werk von Johann Hild wurde von seinem bereits in Ungarn gebo­renen Sohn József Hild (1789–1867) weiter­ent­wi­ckelt. Ihm sind u.a. das Palais Gerbeaud auf dem Vörös­marty-Platz, das Haus Károlyi-Trattner auf der Petőfi-Sándor-Straße oder das Gross-Haus am József-Nádor-Platz zu verdanken. Darüber hinaus begannen auch die Bauar­beiten an der St-Stephans-Basi­lika auf der Grund­lage seiner Entwürfe. Zahl­reiche weitere ikoni­sche Gebäude der Stadt lassen sich mit dem Namen von Michael Pollack (1773–1855) in Verbin­dung bringen, der aus Wien nach Ungarn über­sie­delte. Hierzu zählen etwa die evan­ge­li­sche Kirche auf dem Deák-Platz, das Palais Sándor in der Burg, das Ludo­viceum, das Schloss Feste­tics sowie das Unga­ri­sche Natio­nal­mu­seum.

Den dama­ligen Stadt­plan betrach­tend ist es leicht nach­voll­ziehbar, welche rasante Entwick­lung ab dem Ende des 18. Jahr­hun­derts bis zur Mitte des 19. Jahr­hun­derts in Buda­pest stattfand.

Nach 1786 wurde nörd­lich der alten Stadt­mauer ein neuer Stadt­teil aufge­baut, der anläss­lich der Krönung von Leopold II. den Namen Leopold­stadt bekam. Der Bau der 1787 entstan­denen Schiff­brücke, die durch eine Verket­tung von Schiffen den Über­gang zwischen Ofen und Pesth noch weit vor dem Bau der Ketten­brücke sicherte, wirkte sich auf die Entwick­lung der Gegend sehr bele­bend aus. Auf dem Stadt­plan können wir zahl­reiche, heute nicht mehr stehende, Gebäude sehen, die vom ehema­ligen kultu­rellen und gesell­schaft­li­chen Leben der Deut­schen zeugen. Ein Beispiel dafür ist das Deut­sche Theater Pest (Pesti Német Színház), das sich auf dem heutigen Vörös­marty Platz befand und über die größte Kapa­zität unter den euro­päi­schen Thea­tern seiner Zeit verfügte. Ein anderes Beispiel ist das Neuge­bäude (Újépület), das ursprüng­lich als Volks­wohl­fahrts­in­sti­tu­tion, dann als Kaserne und Gefängnis diente und nach dessen Abriss dort später der Frei­heits­platz entstand. Es ist eben­falls aufschluss­reich, einen Blick auf die Namen der öffent­li­chen Plätze des Stadt­planes zu werfen, von denen viele auch heute noch den ursprüng­li­chen deut­schen Sinn bewahrt haben, wenn­gleich in unga­ri­scher Form. Zum Beispiel gehören hierzu die Alte Post­gasse, die als eine Station der Post­kut­sche nach Wien fungierte, oder die den Namen des ehema­ligen Stadt­rich­ters tragende Karpfensteingasse.

In den 1890-er Jahren bekannten sich bloß nunmehr 13% der Bevöl­ke­rung des bereits aus seinen beiden Stadt­teilen Ofen und Pesth verei­nigten Buda­pests als Deutsche.

Dies lässt sich einer­seits auf die natür­liche Assi­mi­la­tion, ande­rer­seits auf die sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahr­hun­derts verstär­kende Magya­ri­sie­rungs­po­litik zurück­führen. Die Magya­ri­sie­rung hatte hingegen auf die in der Gegend von Buda­pest lebenden Schwaben einen gerin­geren Einfluss, sodass dort mehrere auch heute noch auffind­bare Denk­mäler das Erbe ihrer früheren Gemein­schaften bewahren. Ein Beispiel hierfür ist das zum 2. Bezirk von Buda­pest gehö­rende Hidikut (Pest­hi­degkút), in dessen Altdorf sich die ursprüng­liche schwä­bi­sche Kirche und ein unver­fälschtes Stück­chen des Dorfes besich­tigen lassen. Eine eben­falls bedeu­tende schwä­bi­sche Bevöl­ke­rung lebte auf dem Gebiet des heutigen zum 22. Bezirk gehö­renden Budafok (Promontor) bzw. Buda­té­tény (Klein­te­ting) und des zum 23. Bezirk gehö­renden Soroksár (Markt). In der Bevöl­ke­rung der zuvor florie­renden schwä­bi­schen Dörfer rich­teten die Aussied­lungen nach dem Zweiten Welt­krieg jedoch unum­kehr­bare Schäden an.

Zwischen 1946 und 1947 wurde zum einen ein Teil der ungarn­deut­schen Bevöl­ke­rung zur Zwangs­ar­beit in die Sowjet­union verschleppt, zum anderen wurden viele Donau­schwaben nach Deutsch­land vertrieben.

Trotz der Vertrei­bungen bewahren zahl­reiche unga­ri­sche Fami­lien bis heute die Tradi­tionen ihrer deut­schen Vorfahren. Der Vertrei­bung der Ungarn­deut­schen gedenkt das in Soroksár im Jahre 2016 aufge­stellte Denkmal des Bild­hauers Sándor Kligl, das den Namen „Elűzetés“ (Vertrei­bung) trägt. Das Denkmal stellt ein Kind mit seiner Mutter dar – des Vaters beraubt –, wie sie von ihrer geliebten Heimat in den letzten Momenten vor ihrer Aussied­lung Abschied nehmen.

Foto: ittlakunk.hu

Die Ungarn­deut­schen – deren Zahl landes­weit auf rund 180.000 geschätzt wird – sind momentan eine der bedeu­tendsten Minder­heiten in Ungarn.

Die Weiter­gabe und die Bewah­rung der deut­schen Sprache wie auch der Tradi­tionen werden durch ein breites insti­tu­tio­nelles System ermög­licht. Eine der bedeu­tendsten Einrich­tungen ist das in der Nähe des Helden­platzes liegende Ungarn­deut­sche Kultur- und Infor­ma­ti­ons­zen­trum, das mit deutsch­spra­chigen Ausstel­lungen, Puppen­thea­tern, Film­vor­füh­rungen, Konzerten und Festi­vals zur Popu­la­ri­sie­rung der Natio­na­li­tä­ten­kultur beiträgt. Wir könnten ebenso das landes­weite Netz­werk der Natio­na­li­tä­ten­kin­der­gärten, ‑schulen, ‑theater und ‑biblio­theken erwähnen, dessen Ziel es ist, dass auch die neue Genera­tion die Kultur ihrer Vorfahren kennen­lernen kann. Die erhalten geblie­benen geis­tigen Über­lie­fe­rungen und mate­ri­ellen Denk­mäler der deut­schen Natio­na­lität werden in zahl­rei­chen unga­ri­schen Museen bewahrt. In der unmit­tel­baren Nähe von Buda­pest können wir im Jakob Bleyer Heimat­mu­seum zu Wudersch in die Geschichte und Wohn­kultur der Schwaben in der Gegend von Buda­pest eintau­chen. Für dieje­nigen, die sich für die Geschichte der Ungarn­deut­schen inter­es­sieren, ist es unbe­dingt empfohlen, das Ungarn­deut­sche Museum in Tata zu besu­chen, welches auf 500 mdie Kultur und die Lebens­weise der Ungarn­deut­schen vorstellt.

Die Autorin, Kinga Fodor, ist Mitar­bei­terin des Deutsch-Unga­ri­sches Insti­tuts für Euro­päi­sche Zusammenarbeit

Dieser Beitrag erschien zuerst bei UNGARNREAL, unserem Parter in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION,

Auf Unga­risch: corvinak.hu/itthon/2021/05/20/pesthrol-ofenen-at-wuderschig-magyarorszagi-nemet-emlekhelyek-nyomaban


1 Kommentar

  1. Hier wird, wie auch zB in Südtirol, zu sehr „deutsch“ mit „deutsch­spra­chig“ verwechselt.
    Gewiß, die Schwaben waren Deut­sche. Aber weite Teile waren von Öster­rei­chern besiedelt.

    2
    1

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here