Aufruf zur Wahl von Le Pen oder Macron? Frank­reichs Bischöfe in der Zwickmühle

Die Bischöfe in Frank­reich haben sich nie beson­ders wohl in der Politik gefühlt, wie die riskante Exkom­mu­ni­ka­tion der Action fran­çaise, die Thron und Altar hielt, durch Papst Pius XI. im Jahr 1926 beweist. In einer Zeit, in der sich andere, nicht immer sehr katho­li­sche Kleriker in die welt­li­chen Ange­le­gen­heiten einmi­schen, weiß die Kirche offen­sicht­lich nicht mehr so recht, welchem Heiligen sie sich verschreiben und wen sie zur Wahl aufrufen soll.

Daher der selt­same Tango des Erzbi­schofs von Reims, Éric de Moulin-Beau­fort, der kürz­lich als Vorsit­zender der Fran­zö­si­schen Bischofs­kon­fe­renz wieder­ge­wählt wurde, der erklärt: „Vor 80 Jahren, am 23. August 1942, veröf­fent­lichte Kardinal Saliège, Erzbi­schof von Toulouse, obwohl er von Krank­heit gelähmt war, seinen Hirten­brief über die mensch­liche Person, während das Vichy-Regime anti­jü­di­sche Gesetze erlassen und zu den Razzien der Nazis beigetragen hatte.“

Der Zusam­men­hang mit der aktu­ellen Situa­tion ist nicht ganz klar, aber es muss einen geben, da er in seiner Predigt hinzu­fügte: „Ich muss es noch einmal sagen: Die Seele von Kardinal Saliège war frei von jegli­chem Anti­se­mi­tismus [Das ist das Mindeste für einen Vertreter einer jüdisch-christ­li­chen Reli­gion, Anm. d. Ü.] und es gibt immer noch zu viel Anti­se­mi­tismus, versteckt oder nicht, in unserem Land [Das Werk von Akti­visten der Action fran­çaise oder von Gesindel mit Kapu­zen­pullis? Anm. d. Ü.]. Der Christus der Nieder­tracht könnte in älteren Menschen stecken, die den Druck der Eutha­nasie spüren würden, wenn diese eines Tages lega­li­siert würde.“ Ein hinter­häl­tiger Aufruf, Marine Le Pen, eine Kultur- und Vorhof­kat­ho­likin, statt Emma­nuel Macron, dem Vorkämpfer für dieselben gesell­schaft­li­chen Fort­schritte, zu wählen?

Eben­falls in demselben Pas de deux, einen Schritt vor und den anderen zurück, versi­chert Bischof Eric de Moulin-Beau­fort, dass derselbe „Christus der Nieder­tracht“ sich auch in Bezug auf „ille­gale oder nicht ille­gale Migranten, die unser Staat und, allge­meiner, unsere Gesell­schaft Schwie­rig­keiten haben, als Brüder und Schwes­tern in der Mensch­heit aufzu­nehmen, und wie Straf­täter behan­delt werden“ einnisten könnte. Übri­gens: Wer hat 2020 eine Kirche in Nantes ange­zündet? Ein Wähler der Mari­nisten oder „einer seiner Brüder und Schwes­tern in Menschlichkeit“?

Ein weiterer Einwand, Monsi­gnore: Die Gegner der Eutha­nasie sind eher auf der Seite der Wähler von Marine Le Pen zu finden. Was die „Migranten, ob illegal oder nicht“ betrifft, so ist eine Mehr­heit der Fran­zosen der Meinung, dass es zu viele von ihnen auf unserem Boden gibt. Müssen wir sie also alle exkom­mu­ni­zieren? Die Fran­zosen und nicht die Migranten, versteht sich von selbst…

An diesem Fest des mehr oder weniger heiligen Geistes wirft Pierre-Louis Choquet, Lehrer an der École normale supé­ri­eure und Dozent am Institut catho­lique de Paris, unseren Bischöfen in einem in La Croix (18.04.2022) veröf­fent­lichten Beitrag vor, nicht mehr „Barrage à Marine Le Pen“ zu machen. Er ist empört darüber, dass die fran­zö­si­sche Bischofs­kon­fe­renz sich wenige Tage vor dem zweiten Wahl­gang darauf beschränkt hat, ledig­lich an „die Intel­li­genz, das Gewissen und die Frei­heit eines jeden Einzelnen“ zu appellieren.“

Grund für seinen evan­ge­li­schen Zorn? Das Brevier von Marine Le Pen sei „von Hass und Ableh­nung des Anderen struk­tu­riert, das Programm ist de facto zutiefst anti­christ­lich.“ Mehr noch: „Ein Sieg von Marine Le Pen wäre eine echte Kata­strophe für die fran­zö­si­sche Gesell­schaft: beschleu­nigter Abbau des Rechts­staats, Verschär­fung der iden­ti­tären Spal­tungen und des Rassismus, unkon­trol­lierter sozio­öko­no­mi­scher Zusam­men­bruch, massiver ökolo­gi­scher Rück­schritt, beschä­mende inter­na­tio­nale Politik.“ In diesem Nostradamus-Katalog hat Pierre-Louis Choquet nur ein kleines Detail über­sehen, wo sich oft der Teufel einnistet: Die Hungersnot sei so groß, dass Präsi­dentin Le Pen aus Spar­sam­keits­gründen dazu über­gehen würde, die Woche von sieben auf fünf Tage zu verkürzen.

Pierre-Louis Choquet spricht sich für den Kampf gegen „die extreme Rechte in unserer Kirche“ aus. Hier holt unser Diakon den Vogel ab, denn Katho­liken der konser­va­tiven Sorte gehören zu den Letzten, die den Gottes­dienst regel­mäßig besu­chen. Und nicht zu vergessen: Wer hat Pater Hamel mitten in der Kirche die Kehle durch­ge­schnitten? Sicher­lich nicht ein Wähler von Marine Le Pen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei BOULEVARD VOLTAIRE, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

4 Kommentare

  1. „Schuster bleib bei Deinen Leisten“. – Die Kirche sollte sich endlich aus der Pölitik heraus­halten und sich um ihrer eigenen statt um die ihnen auch noch foind­lich gesinnten Fremden zu kümmern und denen auch noch die Füße zu küssen.

    Wurde nicht in Frank­reich schonmal mindes­tens einem Pfaffen der Kopf abge­schnitten und/oder die Kehle durch­ge­schnitten und ebenso einem Lehrer? Da war doch so einiges:

    taz.de/Mord-an-Lehrer-in-Frankreich/!5721702/

    www.berlinjournal.biz/priester-jacques-hamel-kehle-durch/

    www.rnd.de/panorama/frankreich-mord-an-franzoesischem-priester-fassungslosigkeit-und-wut-7BQO5BPPJ5GHXCONVAULEL54KQ.html

    In Nizza wurde eine Frau enthauptet:

    www.n‑tv.de/politik/Drei-Tote-bei-Messerangriff-in-Nizza-article22132562.html

    www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/frankreich-katholischer-priester-getoetet,SfbVGs0

    Es ist wohl immer dieselbe Klientel – die armen armen Schutz­be­dürf­tigen die nur leider offenbar null Dank­bar­keit gegen­über den ihnen helfenden Ongläu­bigen empfinden.

    Meiner Ansicht nach.

  2. Aus meiner Sicht wäre der Sieg von Le Pen ein wahrer Gewinn für die fran­zö­si­sche Gesell­schaft und womög­lich die EUuu. Man kann alles so oder so sehen und ich sehe es eben so.

    Meines Erach­tens.

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  3. Kirche: Kann weg. Hier wie dort.
    Wahrer Glaube braucht keine derart verlo­genen Pharisäer.

    Immerhin zeigen die Kirchen damit wenigs­tens in einem Punkt Tradi­ti­ons­be­wußt­sein: Von Mittel­alter über 30er-Jahre-Neuzeit bis heute – dem Gekungel mit den welt­li­chen Mächten bleibt man stets treu.

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