August 1920 – Polni­scher Sieg über die Rote Armee in der Schlacht von Warschau

"Das Wunder an der Weichsel" (Die Schlacht von Warschau) - Gemälde von Jerzy Kossak, 1930

„Durch den Leichnam des weißen Polens führt der Weg, um die Welt in Brand zu setzen“, schrieb Michail Tukat­schewski, Komman­deur der West­front der Roten Armee, in seinem Befehl vom 2. Juli 1920. Mit dem Beginn der großen West­of­fen­sive, nachdem die weißen Truppen von Gene­ral­leut­nant Denikin gezwungen worden waren, sich auf die Krim zurück­zu­ziehen, und nach dem Rückzug der polni­schen und ukrai­ni­schen Truppen, die Kiew und die West­ukraine im April-Mai 1920 besetzt hatten, um die Schaf­fung eines unab­hän­gigen ukrai­ni­schen Staates zu ermög­li­chen, plante Sowjet­russ­land die Ausbrei­tung seiner Revo­lu­tion nach Westen: nach Deutsch­land, das von der Entente besiegt war, wo hier und da kommu­nis­ti­sche Revo­lu­ti­ons­ver­suche ausbra­chen, und nach Italien, wo der Norden während der „zwei roten Jahre“ von 1919–20 bereits unter der Kontrolle von Sozia­listen stand, die von der bolsche­wis­ti­schen Revo­lu­tion faszi­niert waren. Zwischen Polen und Italien hatte ein Ungarn, das unnö­ti­ger­weise von den Entente-Ländern gede­mü­tigt und zerstü­ckelt wurde, bereits von März bis Juli 1919 die Repu­blik der kommu­nis­ti­schen Räte kennen­ge­lernt. „Wir müssen unsere ganze Aufmerk­sam­keit auf die Stär­kung der bolsche­wis­ti­schen Revo­lu­tionen im Westen richten“, schrieb Lenin in einem Tele­gramm. Ein Lenin, der bereits im Früh­jahr 1919 eine Offen­sive gegen Polen befür­wor­tete, da er nicht bereit war, die Beset­zung von Vilnius – einer Stadt des ehema­ligen Zaren­rei­ches, die von den Litauern als Haupt­stadt bean­sprucht, aber haupt­säch­lich von Polen bewohnt wurde – durch die Streit­kräfte des Marschalls Piłsudski ab April 1919 zu akzep­tieren. Der Chef der Roten Armee, Trotzki, zeigte seiner­seits am 15. Dezember 1919 Flagge in L’In­ter­na­tio­nale Commu­niste, dem Pres­se­organ der Kommu­nis­ti­schen Partei Frank­reichs, und erklärte, dass die Bolsche­wiki, wenn sie mit Denikin fertig seien, alle Reserven der Roten Armee gegen das wieder­ge­bo­rene Polen einsetzen würden. Tatsäch­lich hatten spora­di­sche Zusam­men­stöße zwischen der jungen polni­schen Armee und der russi­schen kommu­nis­ti­schen Armee im Februar 1919 begonnen, als polni­sche Einheiten den Vormarsch der Roten Armee gestoppt hatten, die im Begriff war, in die Leere nach­zu­stoßen, die durch den Abzug der deut­schen Truppen aus Ober Ost, der ehema­ligen Ostfront, entstanden war.

In diesem Zusam­men­hang markierte die Schlacht bei Warschau vom 13. bis 25. August 1920 das Ende der bolsche­wis­ti­schen Offen­sive und den Beginn der Offen­sive der Roten Armee gegen ein Polen, das nach der Nieder­lage im Ersten Welt­krieg der drei Reiche – des deut­schen, des öster­rei­chi­schen und vor allem des russi­schen – um seine Unab­hän­gig­keit kämpfte; diese hatten die unter­ge­gan­gene Repu­blik der beiden polni­schen und litaui­schen Nationen am Ende des 18. Jahr­hun­derts unter­ein­ander aufge­teilt. Lord d’Abernon, der briti­sche Vertreter in der Entente-Mission in Polen, bezeich­nete später in seinen Schriften die Schlacht bei Warschau als die 18. entschei­dende Schlacht der Geschichte. Wieder einmal, wie 1683 während der Schlacht von Wien gegen die Osmanen, standen die Polen wie ein Boll­werk des Westens gegen die Horden, die aus dem Osten kamen, um die christ­liche Zivi­li­sa­tion zu zerstören.

Nach diesem großen polni­schen Sieg sprach man vom Weich­sel­wunder, umso mehr als die ersten großen Erfolge der Gegen­of­fen­sive am 15. August, dem Fest Mariä Himmel­fahrt, zu verzeichnen waren. Am 31. Juli rief Kardinal Alek­sander Kakowski, Erzbi­schof von Warschau, zum Gebet für die Vertei­di­gung des Vater­landes gegen die Bolsche­wiken auf. Vom 6. bis 15. August wurde eine natio­nale Novene verordnet. Ange­sichts der Inva­sion wurden Prozes­sionen und andere Hand­lungen im Zusam­men­hang mit dem katho­li­schen Glauben durch­ge­führt. Während die diplo­ma­ti­schen Vertre­tungen am 13. August in die etwa 300 Kilo­meter west­lich gele­gene Stadt Posen evaku­iert wurden, beschloss Bischof Achille Ratti, Apos­to­li­scher Nuntius in Polen und künf­tiger Papst Pius XI., zu bleiben, um sich dem zu stellen, was er als die Horden des Anti­christen ansah. Das Konzept des „Weich­sel­wun­ders“ scheint jedoch von Roman Dmow­skis Natio­nal­de­mo­kraten zu stammen, die Marschall Jozef Piłsudski, dem Staats­ober­haupt und Ober­be­fehls­haber der Streit­kräfte, feind­lich gesinnt waren. Es ging darum, den Sieg nicht dem mili­tä­ri­schen Genie von Piłsudski zuzu­schreiben, so wie es die Vertreter des west­li­chen Nationen taten, die den polni­schen Marschall eben­falls nicht sehr mochten und die Rolle der alli­ierten Mission und insbe­son­dere von General Weygand, der in Paris von Premier­mi­nister Alex­ander Mille­rand als Held begrüßt wurde, stark über­trieben. Maxime Weygand selbst war dieser Empfang pein­lich, und er sagte es in seinen Memoiren: „Der Sieg war polnisch, der Plan war polnisch, die Armee war polnisch“. Ange­sichts der in Frank­reich geschaf­fenen Legende über seine Rolle in der Schlacht von Warschau war General Weygand der Ansicht, dass „Frank­reich genug eigenen mili­tä­ri­schen Ruhm hat, um nicht versu­chen zu müssen, ihn auf Kosten Polens zu vermehren“. Einen Monat vor der Schlacht von Warschau hatte Lloyd George auf der Konfe­renz von Spa ange­sichts der bolsche­wis­ti­schen Offen­sive die Chancen der fran­zö­si­sche Reso­lu­tion ausge­lotet und Marschall Foch und Mille­rand im Glauben gelassen, dass das Verei­nigte König­reich die Entsen­dung von Truppen erwäge und fragte, ob Frank­reich eben­falls bereit sei, Männer zu entsenden: „Keine Männer!“ war die Antwort von Foch in Anwe­sen­heit von Mille­rand [1].

Während die Polen heute den hundertsten Jahrestag des Sieges über Sowjet­russ­land vor den Toren Warschaus feiern, waren die bera­tende und ausbil­dende Rolle der fran­zö­si­schen Mili­tär­mis­sion (zu der zusammen mit mehreren hundert anderen Offi­zieren auch Haupt­mann Charles de Gaulle gehörte) bei der Aufstel­lung der neuen polni­schen Armee sowie die Waffen­lie­fe­rungen Frank­reichs der Grund dafür, dass Frank­reich bis heute als eines der beiden befreun­deten Länder gilt, die einen echten Beitrag zum polni­schen Sieg geleistet haben, neben Ungarn, das entschei­dende Muni­ti­ons­lie­fe­rungen für die Schlacht von Warschau schickte.

Auf polni­scher Seite verdankt der Sieg viel dem Erfolg der Gegen­of­fen­siv­stra­tegie, die durch eine blitz­schnelle Neupo­si­tio­nie­rung der polni­schen Streit­kräfte ermög­licht wurde, welche die Rote Armee über­raschte und es ermög­lichte, eine Gegen­of­fen­sive zu starten und die Truppen von Tuchat­schewski zu umgehen, um ihnen in den Rücken zu fallen und dann durch die Verfol­gung den über­stürzten Rückzug der bolsche­wis­ti­schen Truppen bis in den äußersten Norden des Landes zu erzwingen. Der polni­sche Sieg ist aber auch dem großen Erfolg des Aufrufs zur Frei­wil­li­gen­ar­beit zu verdanken, der in weniger als einem Monat fast 165.000 zusätz­liche Männern und Frauen den polni­schen Fahnen zuführte, darunter Regi­menter ausge­bil­deter Arbeiter, obwohl die Bolsche­wiki hofften, dass sich das polni­sche Prole­ta­riat mit dem Heran­nahen der Roten Armee erheben würde. Dies ermög­lichte es, nach zwei Monaten eines fast unun­ter­bro­chenen, aber ebenso geord­neten wie raschen Rück­zugs der polni­schen Einheiten, die Kräfte für die Schlacht um Warschau wieder ins Gleich­ge­wicht zu bringen. War es also ein Wunder oder ein verdienter mili­tä­ri­scher Sieg? Beide Versionen schließen sich letzt­end­lich nicht gegen­seitig aus. Wie dem auch sei, die Schlacht bei Warschau im August 1920 markierte den Wende­punkt in einem Krieg, der stel­len­weise in kleinem Maßstab dem Graben­krieg des Ersten Welt­kriegs ähnelte, in dem Panzer (auf polni­scher Seite haupt­säch­lich Renault-Panzer), Flug­zeuge (haupt­säch­lich zur Beob­ach­tung oder gegen berit­tene Kaval­lerie) und Artil­lerie einge­setzt wurden, der aber vor allem ein Bewe­gungs­krieg war, der letzte seiner Art, in dem berit­tene Kaval­lerie noch eine entschei­dende Rolle spielte. Vor allem die Schlacht von Komarów, die zwischen dem 30. August und dem 2. September statt­fand, war die größte Kaval­le­rie­kon­fron­ta­tion seit 1813 und endete mit der Nieder­lage der Budjonny-Kosaken gegen die polni­schen Ulanen.

Dieser Artikel wurde ursprüng­lich in fran­zö­si­scher Sprache von der katho­li­schen Tages­zei­tung Présent veröf­fent­licht.


[1] Gespräch über­lie­fert vom briti­schen Histo­riker Norman Davies in seinem Buch über den sowje­tisch-polni­schen Krieg von 1919–21 „Weißer Adler, Roter Stern“.

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