„Bis morgen stellen wir die ganze Welt auf den Kopf“

Szene aus dem Film “Fényes szelek” (1969) · Bildquelle: Ungarnreal

Von Irén Rab

Bis morgen stellen wir die ganze Welt auf den Kopf“ – sangen die Schüler der Volks­in­ter­nats­schulen , um dann im Namen der Revo­lu­tion von Huma­nismus, Intel­lekt und Gerech­tig­keit mit einer roten Fahne den Kruzifix abzu­de­cken. Sie tanzten hinein in die Kirche, betatschten die Devo­tio­na­lien, und die Mädchen probierten in der Sakristei die Gewänder auf ihre nackten Körper an. Später verteilten sie die alten Bücher, die sie im Pries­ter­se­minar gefunden hatten, im Hof und warfen die Fenster mit Steinen ein, die sie spontan aufge­lesen hatten.

Die Reak­tio­näre müssen zerstört werden, koste es, was es wolle!

Zu Liedern der inter­na­tio­na­lis­ti­schen Bewe­gung tanzten sie ausge­lassen über die Plätze und provo­zierten die Pries­ter­se­mi­na­risten, die im Gegen­satz dazu eine einheit­liche graue Masse bildeten. Die einzige Reak­tion der Semi­na­risten war in Schweigen verhüllter Wider­stand. Sie wollten nicht mit der fort­schritt­li­chen Jugend, die für die Befreiung der Arbei­ter­klasse kämpfte, über Fragen von Kommu­nismus und Chris­tentum disku­tieren, sie wollten ihre Meinung zum Klas­sen­kampf nicht äußern, sie wollten ihre Gefährten nicht verraten. Sie erdul­deten Demü­ti­gungen und Provo­ka­tionen. Sie wussten nicht, dass Duldung und Schweigen an sich schon eine Provo­ka­tion sind, dass sie schlei­chend und hinter­listig fried­li­chen Faschismus betrieben. Das einzig mögliche Mittel dagegen ist der revo­lu­tio­näre Terror, obwohl die Wahr­heit des Marxismus die Kraft hat, auch von selbst zu wirken!

Als ich mir den Spiel­film von Miklós Jancsó, The Confron­ta­tion“ (auf Unga­risch: Fényes szelek“, also „Glän­zende Winde“), gedreht vor fünfzig Jahren, jetzt noch einmal ange­schaut habe, habe ich unge­fähr Folgendes gesehen:

als Revo­lu­tion getarnte rück­sichts­lose Gewalt, Terror gegen Anders­den­kende, Verwei­ge­rung der Demo­kratie gegen­über „den Feinden der Demo­kratie“, leere Phrasen. Alles, womit ich heute in der Welt konfron­tiert bin.

Ich habe aber auch gesehen, wie die Revo­lu­tion ihre eigenen Kinder frisst. Nicht nur im Film, sondern auch in der Realität. Wenige Jahre später wurde die junge kommu­nis­ti­sche Genera­tion der Glän­zenden Winde von den eigenen Genossen stig­ma­ti­siert, weil ihnen durch die Bildung, durch die Aneig­nung von Wissen, die Augen geöffnet worden waren und immer mehr von ihnen die verur­teilte “Haltung von Bürgern und Bour­geoisie” annahmen. Sie wurden zu Abtrün­nigen. So setzte die loyale Spit­zen­truppe der Revo­lu­tion den revo­lu­tio­nären Terror auch gegen sie ein und “verbannte sie aus ihren Reihen”.

Nach Georg Lukács’ bestem Schüler, dem marxis­ti­schen Ästheten und Philo­so­phen Ferenc Fehér, ist der Film eine Parabel, ein Prozess der Geburt und Entfrem­dung der revo­lu­tio­nären Macht. Die Studenten der Volks­in­ter­nats­schule tanzen und singen, um ihre Lebens­weise, ihre Vergnü­gungen, ihre Neigungen zu demons­trieren, ein Terrain zu besetzen und zu erobern, das Terrain der vermeint­li­chen Feinde des Volkes. Der wahre Feind des Volkes ist genau genommen es selbst, denn es kann nicht von der wirk­li­chen Wahr­heit über­zeugt werden, es ist nur still, stur schwei­gend, defensiv. Diese Passi­vität “treibt die Inter­nats­schüler zu einer Politik der Vergel­tung”, schrieb Fehér über die geist­lose, wütende Zerstö­rung, um dann zu folgern, dass “die alte Ordnung nichts zu bieten hat, weder mora­lisch noch intel­lek­tuell, was der neuen eben­bürtig ist”.

Seit Monaten habe ich das Marsch­lied des Landes­ver­bandes der Volks­in­ter­nats­schulen “NÉKOSZ” im Kopf:

„Bis morgen stellen wir die ganze Welt auf den Kopf“, sangen die jungen Leute von damals voller Glauben und Über­zeu­gung, nicht ahnend, dass sie nur Werk­zeuge der kommu­nis­ti­schen Propa­ganda waren.

Nach dem Krieg säte diese Propa­ganda soziale Zwie­tracht, trieb einen Keil zwischen die fort­schritt­li­chen und reak­tio­nären Kräfte, zwischen Reich und Arm, zwischen Unter­drückte und Unter­drü­cker. Seitdem haben wir eine Reihe von Projekten zum Umsturz der Welt erlebtden anar­chis­ti­schen Akti­vismus, der aus der Studen­ten­re­volte von 1968 erwuchs, den uner­bitt­li­chen Gueril­la­krieg der Roten Armee Frak­tion (RAF) und der Brigade Rosse. Sie erklärten dem Impe­ria­lismus den Krieg, um die linke, rote Frei­heit in die Dritte Welt zu bringen, in die armen Länder in Afrika, Asien und Latein­ame­rika. Nie haben sie gefragt, ob sie es wollen.

Die RAF waren schlichtweg Terro­risten, ausge­bildet in Paläs­tina und finan­ziert von der sowje­ti­schen Hälfte der bipo­laren Welt. Sie rekru­tierten  mit dem Verspre­chen der Gleich­heit junge Menschen, die faszi­niert waren von der edlen Sache, der bestehenden Welt entge­gen­zu­treten.

Sie merkten nicht einmal, dass sie zu links­ex­tremen anti­fa­schis­ti­schen Stra­ßen­kämp­fern geworden waren, die Barri­kaden errich­teten und die Hüter der demo­kra­ti­schen Ordnung mit Steinen und Benzin­fla­schen bewarfen.

Mit der Zeit wurden sie zahm und nahmen dann, grün ange­stri­chen, sichere Posi­tionen in der Real­po­litik mit einem festen Einkommen vom Staat ein. Ihre Nach­folger färben heute Brüssel, verbreiten libe­rale Wahr­heiten und bauen eine multi­kul­tu­relle globale Welt ohne Grenzen auf.

Der nächste Feind wurde bereits ausge­macht: der Mensch, der die Ressourcen unseres Planeten zerstört. Ausge­macht wurde er von ihren ohne Auto­rität erzo­genen Kindern, die alle Genüsse der Konsum­ge­sell­schaft maßlos verzehren. Der antago­nis­ti­sche Konflikt wurde einge­keilt zwischen der grünen Utopie der Klima­schützer und der Mehr­heit, die sie igno­riert. Klima­ak­ti­visten haben die Umwelt- und Klima­krise ausge­rufen und damit den Otto Normal­bürger verun­si­chert. Orga­ni­sa­tionen, die sich selbst als NGOs bezeichnen, in Wirk­lich­keit aber viele Arten von Unter­stüt­zungen erhalten, haben sich zu einem höchst einfluss­rei­chen infor­mellen Netz­werk entwi­ckelt und prägen unbe­merkt unser Denken. Sie haben keine finan­zi­ellen Probleme und werden von den Macht­ha­bern im Hinter­grund reich­lich belohnt.

Neue und wieder neue Bewe­gungen wachsen scheinbar wie aus dem Nichts. Green­peace setzt auf erneu­er­bare Ener­gien und das spek­ta­ku­läre Anpran­gern von Umwelt­zer­stö­rung, während die jungen globa­lis­ti­schen Akti­visten von Greta Thun­bergs Fridays for Future wegen ihrer vermeint­lich bereits verschwen­deten Zukunft Konfron­ta­tion mit der älteren Genera­tion suchen. Und die Apoka­lypse-Gläu­bigen, Extinc­tion Rebel­lion, machen regel­recht Panik mit dem Aussterben der Erde, der Mensch­heit und aller Lebe­wesen auf der Welt.

Jetzt haben wir einen neuen rassis­tisch moti­vierten unver­söhn­li­chen Konflikt, wo schwarze Leben zählen. Alle Leben zählen, sage ich, aber für die Bewe­gung Black Lives Matter (BLM) zählen nur schwarze Leben, denn die Ursache allen Übels ist der unter­drü­cke­ri­sche weiße Mann mit seinem unsäg­li­chen Appetit, der weiße, christ­liche und hete­ro­se­xu­elle, um genau zu sein, dieses “erschre­ckende Geschöpf”.

Dank der Akti­visten und der groß­zü­gigen Spon­soren ist BLM, wie der Klima­kampf, in unserer schrump­fenden Welt zu globalen Ausmaßen gewachsen. Wenn ein Schwarzer in Minne­sota Opfer von Poli­zei­ge­walt wird, werden die Folgen auch in Buda­pest zu spüren sein, zumin­dest in Form eines progres­siven Protest­märsch­chens. Aufgrund des freien Infor­ma­ti­ons­flusses verbreiten sich die mani­pu­lierten Bilder und die sensi­bi­li­sie­rende Botschaft sofort überall.

All diese Bewe­gungen haben eins gemein: dass sie im Geiste der marxis­ti­schen Doktrin gesell­schaft­liche Gruppen entlang gegen­sätz­li­cher Inter­essen gegen­ein­ander aufbringen, sie in dem Glauben lassen, eine gute Sache zu vertreten, den revo­lu­tio­nären Eifer junger Menschen aufgrund ihrer mangelnden Lebens­er­fah­rung ausnutzen und sie mani­pu­lieren. Sie verkünden Frei­heit, schränken sie aber gleich­zeitig ein, stig­ma­ti­sieren und grenzen aus. Sie verbrennen Bücher und stürzen Statuen um, sie mobi­li­sieren, wüten und zerstören, bringen Anders­den­kende mit Meinungs­terror zum Schweigen. Wenn nötig, schreiben sie die Geschichte nach Belieben um, alles im Dienste des Fortschritts.

Die Bewe­gungen werden hinter den Kulissen von einer schmalen poli­tisch-ökono­mi­schen Elite gesteuert. Sie ist nur an einem inter­es­siert: wirt­schaft­li­chen Einfluss und poli­ti­sche Macht für maxi­malen Profit zu gewinnen. Um jeden Preis. Die Ideo­logie ist die Sahne auf der Torte, die den irre­ge­führten Massen als Bezah­lung ins Gesicht geschmissen wird.

Es ist kein Zufall, dass „The Confron­ta­tion / Glän­zende Winde“ ein funda­men­tales Werk ist. Die spezi­fi­schen Konflikte der Nach­kriegs­zeit, während der kommu­nis­ti­schen Macht­über­nahme, und die Versuche diese zu lösen sind univer­selle Themen, die als allge­meines Modell verwendet werden können. Alles, was wir heute sehen, ist da.

Singen Sie nur nicht den Refrain des Marsch­liedes, denn da ergreift mich ein Schaudern.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei MAGYAR HÍRLAP und in deut­scher Über­set­zung von Dr. Gergely Muraközi bei UNGARNREAL, unserem Partner bei der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

Die Autorin, Dr. phil Irén Rab, ist Kulturhistorikerin.


3 Kommentare

  1. „Rote Armee“= Abschaum, poli­ti­sche Analpha­beten, geis­tige Tief­flieger, Luft­num­mern mit großer Klappe, Ishtar.
    Das sind die verwöhnten Gören, die nie gelernt haben auf eigenen Füßen zu stehen, sich von Kommu­nisten aufhetzen lassen und dann berufs­mäßig gerade noch den Demons­tranten schaffen, zu mehr taugen die nicht.
    Eine abso­lute Schande für jeden zivi­li­sierten Menschen.
    LG

  2. Wer meint, die RÄF gäbe es nicht mehr, sollte sich mal ab ca. Min. 6 – 6.06 anhören, was bei dieser Spon­tandömo der Omas und Opas vor dem WDöR anläss­lich der „Oma alte Umwöltsäu“-Singerei dort die Önti­fönten im Hinter­grund von sich geben:

    www.youtube.com/watch?v=2efhpSxSLdg

    „Hoch die inter­na­ti­onöle Söli­da­ritöt“ und „Röte Ormee“. – Kommt einem irgendwie bekannt vor.

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