Bruno Goll­nisch: einige Lehren aus Afghanistan

Bruno Gollnisch · Bildquelle: MPI

Geop­ferte Verbündete

Das Debakel der Regie­rungs­truppen in Afgha­ni­stan und der Verei­nigten Staaten von Amerika hat schmerz­hafte Erin­ne­rungen wach­ge­rufen: viet­na­me­si­sche Katho­liken, die an den Last­wagen der fran­zö­si­schen Truppen hingen, die Nord­vietnam evaku­ierten; 20 Jahre später, am 30. April 1975, der Fall von Saigon und die verzwei­felte Flucht der ameri­ka­ni­schen Botschaft in einem Hubschrauber, die dem Exodus der Boat People voraus­ging, die aus dem kommu­nis­ti­schen „Para­dies“ unter dem Risiko des Ertrin­kens flohen…

Wie könnte man nicht auch an Alge­rien denken, das trotz feier­li­cher Verspre­chen absicht­lich an die terro­ris­ti­sche FLN über­geben wurde, an die pieds-noirs, die in Oran massa­kriert wurden, obwohl die fran­zö­si­sche Armee von General Katz den Befehl erhalten hatte, bewaffnet zu bleiben; an die Harkis, die den Hals­ab­schnei­dern über­geben wurden, gemäß den Anwei­sungen von De Gaulle, die von Minister Louis Joxe weiter­ge­leitet wurden…

Es ist nicht gut, der Verbün­dete des Westens zu sein, und das ist jetzt bekannt.

Wie ist ein solches Fiasko zu erklären? Kurz gesagt, die USA, denen es von Anfang an gelungen war, die Taliban fast kampflos von der Macht zu verdrängen, führten 20 Jahre lang einen Krieg, nur damit sie sich dort wieder fest­setzen konnten. In Sandalen und ohne kugel­si­chere Westen, ohne Panzer, ohne Flug­zeuge, fast ohne Artil­lerie, oft schlecht ausge­rüstet, können sie sich rühmen, erst das riesige Sowjet­im­pe­rium und dann die führende Welt­macht besiegt zu haben, deren Mili­tär­aus­gaben etwa 15 Mal so hoch sind wie dieje­nigen Frank­reichs (778 Milli­arden Dollar gegen­über 52,7).

Erste Lektion: über die Geschichte nach­denken, bevor man sich engagiert

„Wieder­holt sich die Geschichte nicht? Nein, aber es macht manchmal den Eindruck, wie bei einem Stot­ternden. Und das hätte zur Vorsicht mahnen müssen. Dies ist nicht das erste Mal, dass der Westen in Afgha­ni­stan verprü­gelt wird. Das wusste ich schon, als ich als Kind die Aben­teuer von Sher­lock Holmes las. Ist Holmes‘ Freund, der gute Dr. Watson, in diesem Roman von Conan Doyle nicht ein briti­scher Mili­tär­arzt, der verwundet aus Afgha­ni­stan zurück­ge­kehrt ist? „Elementar, mein lieber Watson!“

In nicht weniger als drei Kriegen wurde Afgha­ni­stan gegen Groß­bri­tan­nien und sein damals welt­weit größtes Reich ausgespielt.

Drei nutz­lose Kriege: Im ersten beschlossen die Briten, den ihnen feind­lich gesinnten Emir Dost Mohammed abzu­setzen und den abge­setzten Emir Schah Choudja, der als versöhn­li­cher galt, wieder auf den Thron von Kabul zu setzen. Im August 1839 drangen sie ohne große Schwie­rig­keiten in Kabul ein und setzten ihren Schütz­ling wieder ein. Sie wurden durch einen Volks­auf­stand unter der Führung des Sohnes des abge­setzten Emirs schmäh­lich vertrieben. Nach dem Massaker an ihrem Vertreter und den Mitglie­dern seiner Mission versuchten sie im Januar 1842, Kabul zu evaku­ieren. Eine Kolonne von 16.500 Personen (darunter 4.500 Soldaten und 12.000 Hilfs­kräfte, Fami­lien und Bediens­tete) zog sich zurück; sie wurde voll­ständig vernichtet. Fast alle von ihnen wurden massa­kriert, und ihr Schütz­ling wurde kurz daraufhin eben­falls ermordet.

Ein zweiter anglo-afgha­ni­scher Krieg von 1878 bis 1880 verlief für sie güns­tiger. Das Verei­nigte König­reich gab jedoch die Beset­zung des Landes auf und erhielt durch einen Vertrag das Recht, zumin­dest die Außen­po­litik des Landes zu kontrol­lieren. Dieser geringe Nutzen wurde jedoch nach dem dritten Krieg im Jahr 1919 aufge­hoben, als Afgha­ni­stan seine volle Unab­hän­gig­keit in jeder Hinsicht wiedererlangte.

Lektion zwei: wer stehen­bleibt, bleibt stecken

Die rela­tive Wirkungs­lo­sig­keit von mili­tä­ri­scher und tech­ni­scher Über­macht in einem „asym­me­tri­schen“ Kampf ist erwiesen. Unsere modernen Armeen schützen uns heute nur noch vor den entspre­chenden Armeen anderer Staaten. Bei Guerilla-Opera­tionen zeigen sie schnell ihre Ohnmacht, wenn sie einem Gegner gegen­über­stehen, der das Terrain kennt und sich darin „wie ein Fisch im Wasser“ bewegt.

Der Erfolg einer ener­gi­schen Aktion hängt von ihrer Kürze ab. Wer stehen­bleibt, bleibt stecken. Das erleben wir gerade in der Sahel­zone. Ich habe im Radio gehört, dass der fran­zö­si­sche General, der bei der UNO akkre­di­tiert ist, diesen Fall von Afgha­ni­stan unter­scheidet, und zwar mit der Begrün­dung, dass in einigen der betrof­fenen Länder – viel­leicht in Niger – der Beginn einer echten Demo­kratie zu verzeichnen ist. Ich teile diesen Opti­mismus nicht. Und ich sehe kein Ende der Opera­tion Bark­hane, an der wir seit 2014 betei­ligt sind.

Dritte Lektion: unsere Modelle nicht anderen aufzwingen

Wir sollten uns von der Vorstel­lung verab­schieden, dass die parla­men­ta­ri­sche Demo­kratie das einzige poli­ti­sche System ist, das allen Völkern gerecht wird. Vor allem die Verei­nigten Staaten hatten noch die Erfah­rung aus der Zeit nach dem Zweiten Welt­krieg, als die Besat­zung mit der Wieder­her­stel­lung der Demo­kratie in West­deutsch­land und Japan einher­ging. Aber diese alten Nationen hatten bereits unter diesem Regime gelebt und verfügten über die entspre­chenden Rahmen­be­din­gungen und Erfah­rungen. Andern­orts hat diese Annahme dazu geführt, dass wir ethni­sche Reali­täten, tradi­tio­nelle Zuge­hö­rig­keiten, Stam­messo­li­da­ri­täten, beson­dere Menta­li­täten usw. vernach­läs­sigt haben. Das Ergebnis liegt vor. Die Insti­tu­tionen, die wir einrichten, sind nur ein zerbrech­li­ches Furnier, das den telluri­schen Kräften aus den Tiefen der Zeit­alter nicht wider­stehen kann.

Vierte Lektion: unsere Bünd­nisse überdenken

Diese kata­stro­phale Afgha­ni­stan-Expe­di­tion wurde unter der Ägide der NATO, der North Atlantic Treaty Orga­ni­sa­tion, durch­ge­führt. Das mag über­ra­schen: Afgha­ni­stan, ein asia­ti­scher Binnen­staat, liegt natür­lich nicht in der Zone. Das Enga­ge­ment der NATO in diesem Fall war jedoch weniger unrecht­mäßig als das gegen Serbien im Kosovo-Fall im Jahr 1999. Die Verei­nigten Staaten hatten unter den Anschlägen vom 11. September 2001 zu leiden und beriefen sich auf Artikel 5 der NATO-Charta, der die Verbün­deten zur Soli­da­rität verpflichtet. War das nicht eine Aggres­sion? Und was ist mit dem mutmaß­li­chen Draht­zieher, Osama Bin Laden, der in Afgha­ni­stan Zuflucht gesucht hatte? Das war alles, was Frank­reich brauchte, um sich in eine Falle zu begeben, aus der es vor sechs Jahren herauskam.

Die NATO, die als Gegen­ge­wicht zum Warschauer Pakt geeignet war, als 6.000 sowje­ti­sche Panzer eine Nacht­fahrt von unseren Grenzen entfernt lagerten, muss voll­ständig über­ar­beitet werden, oder wir müssen sie verlassen. Sie ist für Situa­tionen wie in Afgha­ni­stan ungeeignet.

Fünfte Lektion: die lokalen Menta­li­täten berück­sich­tigen

Wie reagiert die lokale Bevöl­ke­rung auf die Ankunft unserer Expe­di­ti­ons­streit­kräfte? Es ist ganz einfach: Anfäng­lich werden wir von einigen von ihnen will­kommen geheißen, doch am Ende richten sich sowohl natio­nale als auch reli­giöse Gefühle gegen uns. Von da an ist das Spiel verloren. Inter­ven­tionen in musli­mi­schen Ländern müssen, wenn über­haupt, Kontin­genten aus musli­mi­schen Ländern anver­traut werden. Ebenso müssen die Inter­ven­tionen in den afri­ka­ni­schen Ländern Afri­ka­nern anver­traut werden. Es ist nicht die Aufgabe Frank­reichs, die Sahel­zone zu über­wa­chen, sondern die von Alge­rien, Marokko, dem Tschad oder einer Expe­di­ti­ons­truppe der Orga­ni­sa­tion für Afri­ka­ni­sche Einheit, einer Unter­or­ga­ni­sa­tion der UNO, deren Schweigen ohren­be­täu­bend ist. Können sie es nicht tun? Helfen wir ihnen mit Ausrüs­tung, Logistik und Ausbil­dung, aber gehen wir nicht darüber hinaus, auch auf die Gefahr hin, dass wir in jeder Hinsicht verlieren.

Sechste Lektion: nicht vertrauen

Es ist offen­sicht­lich sinnlos, diesen Konflikt mit anderen Mitteln fort­zu­setzen, und die Vorschläge des kana­di­schen Premier­mi­nis­ters Justin Trudeau, der zu Sank­tionen aufruft – nach 20 Jahren Krieg! – sind offen­sicht­lich lächer­lich. Ande­rer­seits sollte den Worten der Taliban, der Über­gang werde fried­lich verlaufen, kein Glauben geschenkt werden. Diese Zusi­che­rungen dienen nur dazu, Herrn Biden ein Alibi zu verschaffen. Es wäre über­ra­schend, wenn die Taliban bei ihren Repres­sa­lien mehr Zurück­hal­tung zeigen würden als die Gaullo-Kommu­nisten bei der Säube­rung im Jahr 1945.

Taqiya, Verstel­lung, ist in ihrer Menta­lität ebenso poli­tisch nütz­lich wie mora­lisch lobens­wert. Die Taliban sind Barbaren, und das haben sie nicht nur in Bezug auf die Menschen, sondern auch in Bezug auf ihr Erbe bewiesen, indem sie beispiels­weise die großen Buddhas von Bamiyan gesprengt haben, bewun­derns­werte Über­reste der alten indisch-grie­chi­schen Zivi­li­sa­tionen von Gandhara und Kushan, die aus der Begeg­nung der Nach­kommen der Soldaten Alex­an­ders des Großen mit dem Buddhismus entstanden sind.

Seien wir also wachsam, wenn wir schon nicht mehr tun können…

Bruno Goll­nisch

Quelle. MPI


Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein