Cancel Culture jetzt auch in Europa: Lissabon und Genua im Fadenkreuz

Bildquelle: Centro Machiavelli

Von Emanuele Mastrangelo

Der offenbar anste­ckende Wahn­sinn der Cancel Culture ist in Europa gelandet und beginnt hier Schaden anzu­richten. Bei allem Respekt vor den Leug­nern und dem „Es ist alles in Ordnung, Frau Marchio­ness“, die nur Einzel­fälle und nicht eine stei­gende Flut sehen, ist es nun Portugal, das ins Rampen­licht gerät, mit dem glei­chen sympto­ma­ti­schen Muster: ein Vertreter der libe­ralen Linken, der das Nieder­reißen von Denk­mä­lern fordert, weil diese „faschis­tisch“ und „kolo­nia­lis­tisch“ seien und nicht mehr im Einklang mit den Bedürf­nissen einer Gesell­schaft, die „inklusiv“ sein will.

Die Axt der Cancel Culture soll für den kolos­salen Platz des Impe­riums und das Denkmal der Entde­ckungen (Padrão dos Desco­bri­mentos) heran­ge­zogen werden, beides Werke, die während des Regimes des Estado Novo von Salazar in den vier­ziger Jahren des zwan­zigsten Jahr­hun­derts gebaut wurden. Diesen x‑ten Kampf um die Cancel Culture führt der sozia­lis­ti­sche Abge­ord­nete Ascenso Simões an, der diese Stätten als eine „vom Estado Novo fabri­zierte Wahl der Privat­ge­schichte“ defi­nierte und die deshalb „in der heutigen Zeit keine Bedeu­tung“ hätten. Zunächst aus ästhe­ti­schen Gründen (nach Simões‘ persön­li­chem Geschmack, der zu einem univer­sellen Krite­rium erhoben wird) und dann, weil sie in „einer Stadt, die inno­vativ und offen für alle Gesell­schaften und Herkünfte sein will“, aus dem Rahmen fallen würden. Die Schluss­fol­ge­rung aus diesem Deli­rium ist, dass „ein respek­ta­bles Land“ diese Werke zerstören solle. So wie die Statuen von Salazar und seine Namen von den Brücken und Plätzen Lissa­bons entfernt wurden, sollte nach Ansicht des sozia­lis­ti­schen Abge­ord­neten auch das Denkmal der Entde­ckungen entfernt oder sogar zerstört werden.

Im Moment scheint Simões sogar inner­halb seiner eigenen Partei isoliert zu sein: Der ehema­lige Bürger­meister von Lissabon, João Soares, erklärte, dass „es mich traurig macht, wenn ich sehe, dass die Sozia­listen den Padrão dos Desco­bri­mentos abreißen wollen, und zwar weil ich ein einge­fleischter Sozia­list bin. Die hier kursie­rende Perfidie und Dumm­heit ist maßlos“. Doch der Weg der Cancel Culture geht trotz alledem weiter, oder viel­leicht sogar dank der Tatsache, dass ihre Befür­worter wie isolierte Irre erscheinen, die den Mond anheulen. Sie öffnen Overton Windows, die langsam und unmerk­lich zur Verwirk­li­chung der Agenda führen, der sie gehor­chen. Und so wird das Denkmal, das die Dutzenden von helden­haften portu­gie­si­schen Seefah­rern und Entde­ckern – darunter Magellan, Da Gama, Diaz und Cabral – ehrt, wahr­schein­lich bald mit einer ziem­lich vorher­seh­baren Stra­tegie ange­griffen werden: Es wird mit Studen­ten­de­mons­tra­tionen und Sit-ins beginnen. Dann einige kleine Akte von Vanda­lismus. Dann werden sie versu­chen, es zu „rekon­tex­tua­li­sieren“ oder zu „re-signi­fi­zieren“, in dem Versuch, eine Über­ein­kunft mit denen zu finden, die es gerne dem Erdboden gleich­ma­chen würden, und mit jenen Akti­visten (Krieger der sozialen Gerech­tig­keit, „neue Portu­giesen“ usw.), die sich durch dieses Denkmal „belei­digt“ fühlen. Das wird die Cancel-Culture-Fana­tiker aber keines­wegs beru­higen, sondern ihnen nur ein weiteres Argu­ment liefern: „Habt ihr das gesehen? Wenn das Denkmal rekon­tex­tua­li­siert werden muss, dann ist es so, wie wir gesagt haben: Es ist ein faschis­ti­sches und kolo­nia­lis­ti­sches Denkmal“. Es folgte eine neue Welle des Vanda­lismus, verbunden mit einer perma­nenten Mobi­li­sie­rung gegen das Denkmal. Am Ende wird unauf­haltsam der Bull­dozer kommen.

Auch in Italien schreitet derweil der ikono­klas­ti­sche Fana­tismus sprung­haft voran. In Anleh­nung an die „Helden­taten“ der Sympa­thi­santen von Black Lives Matter in England gehen die Italiener eben­falls von der „kolo­nialen Vergan­gen­heit“ aus. Jene Vergan­gen­heit, die – nach Jahr­zehnten der kapil­laren und gefälschten Propa­ganda über den italie­ni­schen „Wisch­mopp-Kolo­nia­lismus“ – nur wenige bereit sind zu vertei­digen. So forderten in Genua das Studen­ten­kol­lektiv „Edera“ und andere libe­rale, kulturm­ar­xis­ti­sche, femi­nis­ti­sche und einwan­de­rungs­freund­liche Verei­ni­gungen, deren Namen es wert sind, aufge­schrieben zu werden (ARCI Genova, Comu­nità San Bene­detto al Porto, La Comune, Non una di meno, Ora in silenzio per la pace, Rete studenti medi, Asso­cia­zione 3 febbraio, Better Toge­ther und Be Woke) die Entfer­nung der Statue des Reeders und Patrioten Raffaele Rubattino.

Rubat­tino (1810–1881) war der Mann, der die Schiffe zuerst für das unglück­liche Unter­nehmen von Pisa­cane und dann für die Expe­di­tion der Tausend von Gari­baldi zur Verfü­gung gestellt hatte und der die Bucht von Assab am Roten Meer kaufte, die erste Keim­zelle der zukünf­tigen Kolonie Eritrea. Er war also ein „Kolo­nia­list“. Und selbst wenn er sein „kolo­niales Unter­nehmen“ darauf beschränkte, als Front­mann für eine Regie­rungs­ak­tion zu fungieren und es nicht als persön­liche Initia­tive betrach­tete, so reicht das den Demons­tranten der Cancel Culture al pesto, um den Abriss seines Denk­mals zu fordern. Hier sind wir also bereits in Phase 2. Das Overton-Fenster in Genua ist noch weiter geöffnet. Erwarten Sie in den kommenden Monaten Vanda­lismus gegen dieses Denkmal. Auf sein mittel­fris­tiges Über­leben ist nicht eine Lira zu wetten.

Es sei denn, wir haben den Mut, endlich eine revo­lu­tio­näre Reak­tion zu setzem, die der Cancel Culture endgültig ihre Krallen zieht.

Emanuele Mastran­gelo ist seit 2006 Chef­re­dak­teur von „Storia in Rete“. Er ist mili­tär­his­to­ri­scher Karto­graph, Autor mehrerer Bücher (u.a. Wiki­pedia. L’eni­clo­pedia libera e l’ege­monia dell’­in­for­ma­zione, mit Enrico Petrucci) und hat Heraus­geber von Eroi. 22 storie dalla Grande Guerra und Terra bene­detta. Storie d’Italia e di italiani.

Dieser Beitrrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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