Coro­na­virus: Warum gibt es in Deutsch­land fünfmal weniger Todes­fälle als in Frankreich?

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Von Karl Goschescheck*

Die Statistik der Todes­fälle im Verhältnis zur Bevöl­ke­rung zeigt einen signi­fi­kanten Unter­schied zwischen Frank­reich und Deutsch­land: Zum 20. April 2020 gab es in Deutsch­land 55 Todes­fälle pro Million Einwohner gegen­über 302 in Frank­reich, d.h. 5,5 mal mehr in Frank­reich. Wie kann man einen solchen Unter­schied erklären? Ein Unter­schied in den Mitteln? in der Orga­ni­sa­tion? in der Demo­grafie? in der Behandlung?

Entste­hung der Epidemie in Frank­reich und Deutsch­land: ein ähnli­cher Verlauf

Die Coro­na­virus-Epidemie trat am 24. Januar 2020 offi­ziell in Frank­reich mit den ersten drei in Europa fest­ge­stellten Fällen auf: ein in Bordeaux hospi­ta­li­sierter Fran­zose chine­si­scher Herkunft und zwei chine­si­sche Touristen, die in Wuhan gewesen waren und im Pariser Bichat-Kran­ken­haus behan­delt wurden. Einer von ihnen, ein 80 jähriger Mann, starb am 14. Februar. Er wird das erste Todes­opfer des Coro­na­virus in Frank­reich und in Europa sein.

In Deutsch­land trat das Virus am 27. Januar auf, drei Tage nach den ersten in Frank­reich iden­ti­fi­zierten Fällen. In Bayern und im Rhein­land treten mehrere Einzel­fälle auf, haupt­säch­lich im Zusam­men­hang mit jüngsten Reisen nach China. Karne­vals­feste im Rhein­land tragen dann unfrei­willig an der Verbrei­tung des Virus bei, während Italien den tradi­tio­nellen Karneval in Venedig annullierte.

Zwischen dem 17. und 21. Februar bringt eine evan­ge­li­sche Versamm­lung der Chris­tian Open Door Church fast 2.500 Menschen im oberel­säs­si­schen Mülhausen zusammen und wird als Auslöser für die Epidemie in der Region Grand Est (haupt­säch­lich im Elsaß und in Deutsch-Loth­ringen), aber auch in gerin­gerem Umfang in anderen fran­zö­si­schen Regionen, in Deutsch­land und in der Schweiz.

In Frank­reich blieb die Epidemie zunächst sehr gering. Inner­halb eines Monats, also bis zum 23. Februar, wurden maximal zwölf Fälle fest­ge­stellt. Dann löste Gesund­heits­mi­nister Olivier Véran (der seit dem 16. Februar 2020 nach dem Rück­tritt von Agnes Buzyn im Amt ist) die „Stufe 1“ des sog. Orsan-Plans aus (Orga­ni­sa­tion der Reak­tion des Gesund­heits­sys­tems in außer­ge­wöhn­li­chen Gesund­heits­si­tua­tionen). Die dann getrof­fenen Maßnahmen zielen im Wesent­li­chen darauf ab, die Einschlep­pung des Virus auf das Staats­ge­biet zu verlang­samen. In Frank­reich wurden dann 12 Fälle und ein Todes­fall durch das Coro­na­virus festgestellt.

Gleich­zeitig betrachtet das Robert-Koch-Institut (RKI), das in Deutsch­land eine ähnliche Rolle wie die Allge­meine Gesund­heits­be­hörde (Direc­tion géné­rale de la Santé) in Frank­reich spielt, das durch die Coro­na­virus-Pandemie verur­sachte Risiko als „gering bis mäßig“ für die deut­sche Bevöl­ke­rung. An diesem Tag wurden bereits 48 Fälle und zwei Todes­fälle in Frank­reich bzw. 53 Fälle in Deutsch­land gemeldet.

Als Olivier Véran am 29. Februar die zweite Stufe des Orsan-Plans auslöste, gab es in Frank­reich 65 Fälle und zwei Todes­fälle bzw. 66 Fälle in Deutsch­land. Die in dieser Phase 2 ergrif­fenen Maßnahmen zielen darauf ab, die Ausbrei­tung des Virus auf dem Terri­to­rium einzudämmen.

Bundes­kanz­lerin Angela Merkel ruft am 12. März in einer Rede dazu auf, soziale Kontakte möglichst zu vermeiden. Präsi­dent Frank-Walter Stein­meier tut dasgleiche. An diesem Moment gibt es in Frank­reich 2875 Fälle und 61 Todes­fälle, in Deutsch­land 2369 Fälle und fünf Todesfälle.

Am 14. März löst Premier­mi­nister Édouard Phil­ippe schließ­lich die Stufe 3 aus – die ergrif­fenen Maßnahmen zielen nun darauf ab, die Auswir­kungen der Pandemie zu mildern, während das Virus a priori in ganz Frank­reich frei verbreitet ist. Zu diesem Zeit­punkt gab es in Frank­reich 4.498 Fälle und 91 Todes­fälle, in Deutsch­land 3.795 Fälle und acht Todesfälle.

Die Schlie­ßung soge­nannter nicht wesent­li­cher öffent­li­cher Plätze erfolgt daher am folgenden Tag, dem 15. März in Frank­reich, dem Tag der ersten Runde der Kommu­nal­wahlen, die trotz der bereits fort­ge­schrit­tenen Epidemie und der Anste­ckungs­ge­fahr in den Wahl­lo­kalen aufrecht­erhalten wurde – viele Beisitzer und örtliche Poli­tiker wurden wahr­schein­lich bei dieser Gele­gen­heit ange­steckt. Der Bürger­meister von St. Ludwig (Oberelsaß), Jean-Marie Zoellé (75), der am 15. März mit 84,03% der Stimmen in seiner Stadt haus­hoch wieder­ge­wählt wurde, starb am 6. April im St. Peter-Kran­ken­haus in Bonn, wohin er wegen des verzwei­felten Engpasses in den elsäs­si­schen Kran­ken­häu­sern evaku­iert worden war.

Zwei Tage nach der ersten Runde der Kommu­nal­wahlen am Dienstag, dem 17. März, begann in ganz Frank­reich mittags die Ausgangs­sperre. Am glei­chen Tag in Deutsch­land ist das Robert Koch-Institut der Ansicht, dass das Risiko für die deut­sche Bevöl­ke­rung „hoch“ ist. Deutsch­land wird ab dem 22. März ziem­lich ähnliche Maßnahmen (ab dem 20. März in Bayern) ergreifen. Am 22. März gab es in Frank­reich 16.685 Fälle und 674 Todes­fälle, in Deutsch­land 18.610 Fälle und 55 Todesfälle.

Die Ausbrei­tung des Virus geht weiter. Es wurden 20.000 Fälle am 24. März in Frank­reich (am 23. März in Deutsch­land) erreicht – 50.000 Fälle am 31. März in Frank­reich (am 29. März in Deutsch­land). In Bezug auf die Toten sind es schon mehr als 1000 am 24. März in Frank­reich (am 3. April in Deutsch­land), 2000 am 28. März in Frank­reich (am 9. April in Deutsch­land), 5000 am 2. April in Frank­reich, 7000 am 4. April, 10.000 am 7. April und 20.000 wahr­schein­lich heute Abend.

Am 26. März schätzt das Robert Koch-Institut, dass das Risiko für gefähr­dete Personen (ältere Menschen, Lungen­ana­mnese usw.) nun „sehr hoch“ sei.

Am 27. März tritt ein vom Bundestag am 25. März verab­schie­detes Gesetz zum Schutz der Bevöl­ke­rung bei einer epide­mi­schen Lage von natio­naler Trag­weite in Kraft, das es dem Bundes­ge­sund­heits­mi­nis­te­rium ermög­licht, Verord­nungen ohne Bezug­nahme des Bundes­rats zu erlassen, solange der Bundestag die genannte epide­mi­sche Situa­tion von natio­naler Trag­weite fest­stellt. Zu diesem Zeit­punkt gab es in Frank­reich 32.960 Fälle und 1.995 Todes­fälle, in Deutsch­land 42.288 Fälle und 253 Todesfälle.

Ein ekla­tanter Unter­schied in der Anzahl der Todesfälle

Ab Ende März nimmt Deutsch­land, das in Bezug auf die auf Inten­siv­sta­tionen verfüg­baren Betten noch Spiel­raum hat, italie­ni­sche und fran­zö­si­sche Pati­enten auf, die von italie­ni­schen, fran­zö­si­schen bzw. deut­schen Mili­tär­flug­zeugen evaku­iert wurden.

Entwick­lung der Anzahl der in Frank­reich und Deutsch­land vom 24. Februar bis zum 19. April fest­ge­stellten Fälle – Grafik © Pariser Zeitung.

Um die Entwick­lung der Coro­na­virus-Epidemie in Frank­reich und Deutsch­land besser visuell verglei­chen zu können, haben wir eine zweite Grafik erstellt, die die Entwick­lung der Anzahl der gemel­deten Fälle pro 100.000 Einwohner zeigt. Wir haben eine Bevöl­ke­rung von 66.993.000 Einwoh­nern (INSEE 2019) für Frank­reich und 83.019.213 für Deutsch­land (Statis­ti­sches Bundesamt, Juli 2019) betrachtet.

Entwick­lung der Anzahl der Fälle pro 100.000 Einwohner in Frank­reich und Deutsch­land vom 24. Februar bis zum 19. April. – Grafik © Pariser Zeitung.

Das erste, was man beim Betrachten dieser Kurven bemerkt, ist, daß sie im Wesent­li­chen iden­tisch sind. Dies bedeutet, dass sich das Coro­na­virus in beiden Popu­la­tionen offenbar parallel und mit glei­cher Geschwin­dig­keit ausbreitet.

Ein ekla­tanter Unter­schied ist jedoch bei den durch die Epidemie verur­sachten Todes­fällen zu beob­achten, wie auf der folgenden Grafik ersicht­lich ist:

Entwick­lung der Zahl der Todes­fälle aufgrund des Coro­na­virus in Frank­reich und Deutsch­land vom 24. Februar bis zum 19. April. – Grafik © Pariser Zeitung.

Dieser Unter­schied ist noch deut­li­cher, wenn man die Zahlen im Vergleich zu 100.000 Einwoh­nern betrachtet:

Entwick­lung der Zahl der Todes­fälle pro 100.000 Ew. aufgrund des Coro­na­virus in Frank­reich und Deutsch­land vom 24. Februar bis zum 19. April. – Grafik © Pariser Zeitung.

Wie die Zahlen es zeigen, ist die Situa­tion in Frank­reich bei weitem drama­ti­scher als in Deutsch­land, während das Ausmaß des Problems gleich zu sein scheint: Am 19. April beob­achten wir kumu­lierte Zahlen von 29,43 Todes­fällen pro 100.000 Einwohner in Frank­reich, aber nur 5,17 in Deutsch­land, während es an diesem Tag 168,1 Fälle pro 100.000 Einwohner in Frank­reich und 168,5 in Deutsch­land gibt.

Es bleibt daher die Frage: Warum sterben weniger Deut­sche als Fran­zosen am Coro­na­virus, während sie erst fünf Tage später Maßnahmen zur Eindäm­mung der Epidemie ergriffen?

Ein sehr zentra­li­siertes Gesund­heits­ma­nage­ment in Frank­reich, Föde­ra­lismus in Deutschland

Um diese Frage zu beant­worten muß zunächst die Arbeits­weise der Kran­ken­haus­leis­tungen auf beiden Seiten des Rheins beob­achtet werden.

In Frank­reich wird das Gesund­heits­system auf natio­naler Ebene durch öffent­liche Maßnahmen gesteuert : „Der Staat greift direkt in Finan­zie­rung und Orga­ni­sa­tion ein“, wobei das Gesund­heits­mi­nis­te­rium „die Steue­rung und Umset­zung der öffent­li­chen Gesund­heits­po­litik“ […], die Aufsicht über alle Gesund­heits­ein­rich­tungen […], die Ausbil­dung von Ange­hö­rigen der Gesund­heits­be­rufe […], die finan­zi­elle Unter­stüt­zung für Einrich­tungen […], die Aufsicht über Kran­ken­kassen“ usw übernimmt.

Darüber hinaus setzen die regio­nalen Gesund­heits­be­hörden (ARS), die von der Zentral­re­gie­rung abhän­gige regio­nale Verwal­tungs­be­hörden sind, „die Gesund­heits­po­litik auf regio­naler Ebene um“. Sche­ma­tisch wird die Gesund­heits­po­litik von der Regie­rung für das gesamte Gebiet fest­ge­legt, das Gesund­heits­mi­nis­te­rium defi­niert ihre Anwen­dung und diese wird dann von den ARS vor Ort umge­setzt. Es sind jedoch oft Absol­venten der fran­zö­si­schen Kader­schmiede ENA, die die ARS leiten.

In Deutsch­land legt das Bundes­ge­sund­heits­mi­nis­te­rium den recht­li­chen und gesetz­li­chen Rahmen für die Gesund­heits­po­litik fest, geht jedoch nicht auf Details ein, die in der Verant­wor­tung der Bundes­länder liegen, deren Hand­lungs­spiel­raum viel größer ist als die der fran­zö­si­schen ARS, schon allein deshalb, weil die regio­nalen Gesund­heits­mi­nister der 16 Bundes­länder gewählte Poli­tiker sind, die in Berlin sondern gegen­über ihren eigenen Wählern auf regio­naler Ebene Rechen­schaft ablegen müssen. Zwei­tens ist die Gesund­heits­po­litik der 16 Bundes­länder nicht unbe­dingt die gleiche, da die Regie­rungen der Länder von unter­schied­li­chen Parteien geführt werden, was zu einer gewissen Träg­heit führen kann, wenn es darum geht, Reformen von oben durch­zu­setzen, aber auch zu etwas mehr Flexibilität.

Ein im Wesent­li­chen glei­cher Anteil älterer Menschen in beiden Ländern

Da die beob­ach­tete Sterb­lich­keits­rate bei älteren Menschen signi­fi­kant höher ist, könnte ein bemer­kens­werter Unter­schied in der Alters­py­ra­mide mögli­cher­weise auch einen signi­fi­kanten Einfluß auf die Anzahl der Todes­fälle in beiden Ländern haben. Nach Angaben des unab­hän­gigen Insti­tuts Statista machen die über 65-Jährigen am 1. Januar 2019 20,1% der fran­zö­si­schen Bevöl­ke­rung aus, während sie am 31. Dezember 2018 21,54% der deut­schen Bevöl­ke­rung ausmachten Wenn wir beson­ders die über 75-Jährigen beob­achten, reprä­sen­tierten sie 9,3% der fran­zö­si­schen Bevöl­ke­rung und 11,6% der deut­schen Bevöl­ke­rung. In Deutsch­land gibt es etwas mehr Senioren, was a priori einen leicht nega­tiven Einfluss auf die Zahl der Todes­fälle haben könnte, was jedoch in die entge­gen­ge­setzte Rich­tung zum Gesamt­trend geht.

Unter­schied­liche Behand­lung zwischen den beiden Ländern? Der Fall des berühmten Chloroquin

Ein signi­fi­kanter Unter­schied in der Art und Weise, wie Pati­enten behan­delt werden, könnte die Anzahl der Todes­fälle, falls vorhanden, wirksam beein­flussen. Nach Angaben des Robert Koch-Insti­tuts stehen „im Zentrum der Behand­lung der Infek­tion […] die opti­malen unter­stüt­zenden Maßnahmen entspre­chend der Schwere des Krank­heits­bildes (z.B. Sauer­stoff­gabe, Ausgleich des Flüs­sig­keits­haus­haltes, ggf. Anti­bio­ti­ka­gabe zur Behand­lung von bakte­ri­ellen Super­in­fek­tionen) sowie die Behand­lung von rele­vanten Grund­er­kran­kungen. Eine spezi­fi­sche, d.h. gegen das neuar­tige Coro­na­virus selbst gerich­tete Therapie steht derzeit noch nicht zur Verfü­gung.“ Mit anderen Worten, die derzei­tige medi­zi­ni­sche Behand­lung des Coro­na­virus ist in Deutsch­land ähnlich wie in Frank­reich. Die berühmte Chlo­ro­quin-Behand­lung ist natür­lich auch auf dem rechten Rhein­ufer ein Diskus­si­ons­thema, aber – wie in Frank­reich – ist eine klini­sche Anwen­dung derzeit nur vorge­sehen (wann? unter welchen Umständen?), während der Phar­ma­kon­zern Bayer dennoch 600.000 Chlo­ro­quin­ta­bletten nach Deutsch­land bringen ließ und sich darauf vorbe­reitet, sie in Europa herstellen zu können.

Die Anzahl der Inten­siv­betten ist in Deutsch­land viel höher

Wie das Magazin Atlan­tico am 16. März erwähnte, „hat Frank­reich, eines der am besten ausge­stat­teten Länder der Welt, insge­samt 408.000 Betten oder 6 Betten pro 100 Einwohner, davon 260.000 in öffent­li­chen Kran­ken­häu­sern. Unter diesen Betten ist die Anzahl der Inten­siv­betten für die schwersten Fälle von Lungen­ent­zün­dung jedoch viel geringer: Laut dem Gene­ral­di­rektor für Gesund­heit, Jérôme Salomon, gibt es etwas mehr als 5.300 Inten­siv­betten. Dazu sollte man die 500 Inten­siv­betten der Privat­kli­niken hinzu­rechnen, die sie zur Verfü­gung stellen müssen.“

Dies ergibt insge­samt 5.800 Inten­siv­betten (16,3 Betten pro 100.000 Einwohner laut der OSZE). „Mit der Umstel­lung der Betten, der Verschie­bung aller anderen nicht wesent­li­chen chir­ur­gi­schen Eingriffe und der Bestel­lung neuer Atem­schutz­ge­räte“, schätzen die Autoren des Arti­kels von Atlan­tico, „könnte das Angebot auf maximal 15.000 Betten erhöht werden.“ Dies würde dann 22,39 Plätze auf der Inten­siv­sta­tion für 100.000 Einwohner ergeben. Ab dem 1. April jedoch weist das unab­hän­gige Institut Statista darauf hin, daß „die Regie­rung die Anzahl der Inten­siv­betten rasch  auf 14.000 erhöhen will, gegen­über 5.000, die ursprüng­lich vor der Krise verfügbar waren“, was bedeutet, dass man noch nicht so weit sei. Und gemäß der folgenden Grafik können wir sehen, daß am 31. März die Inten­siv­sta­tionen von Val d’Oise, Unterelsaß, Oberelsaß, Deutsch-Loth­ringen, Meuse, Ober­sa­voyen, Südkor­sika und Drôme zu mehr als 200% belegt sind, während die des Wasgaus (Vosges) sogar zu 375% belegt sind!

Über­las­tung der Inten­siv­betten in den fran­zö­si­schen Kran­ken­häu­sern nach Depar­te­ments am 31. März 2020 – Graphik © Statista.

Deutsch­land hatte seiner­seits nach Angaben der Deut­schen Kran­ken­ge­sell­schaft vor der Krise, 28.000 Inten­siv­betten [33,9 pro 100.000 Einwohner] davon 20.000 mit Beatmungs­ge­räten ausge­stattet – viermal mehr als in Frank­reich – und hat inzwi­schen seine Kapa­zität auf 40.000 Betten erhöht, davon 30.000 mit Beatmungs­ge­räten – mehr als doppelt so viel wie Frank­reich „rasch“ errei­chen. In Bezug auf Orga­ni­sa­tion und Zusam­men­ar­beit zwischen Kran­ken­häu­sern hat schließ­lich eine Gruppe von Infor­ma­ti­kern der Univer­sität Konstanz eine Website namens Coro­navis entwi­ckelt, auf der Kran­ken­häuser die Verfüg­bar­keit von Betten für Covid-19-Pati­enten erfassen und abrufen können.

Wie die Tages­zei­tung Nord­ku­rier am 24. März daran erin­nerte, ist die Zahl der Inten­siv­betten in Deutsch­land seit 2012 stetig gestiegen, während Frank­reich im Kran­ken­haus­sektor im Gegen­teil gravie­rende Einschnitte vorge­nommen hat.

Nach den im glei­chen Artikel von Atlan­tico zitierten OSZE-Statis­tiken hatte Deutsch­land im Jahr 2015 8,1 Kran­ken­haus­betten pro 1.000 Einwohner (Frank­reich 6,1). Die beiden Länder waren eben­falls führend, während die Schweiz hatte (noch im Jahr 2015) nur 4,6, Italien 3,2, Spanien 3, die Verei­nigten Staaten 2,8 und das Verei­nigte König­reich 2,6 Kran­ken­haus­betten pro 1000 Einwohner.

Es sollte nun auch vergli­chen werden, wie die Anzahl der Fälle und die Anzahl der Todes­fälle in beiden Ländern gezählt werden, da dies mögli­cher­weise zu einem signi­fi­kanten Unter­schied in den Zahlen führen könnte.

Wird die Zahl der Todes­fälle durch Coro­na­virus in Deutsch­land unterschätzt?

In Deutsch­land gelten Todes­fälle durch Coro­na­virus, wenn Menschen sterben, nachdem sie positiv auf Coro­na­virus getestet wurden – unab­hängig davon, ob ihr Tod direkt mit Covid-19 zusam­men­hängt oder nicht. Wenn eine Person bei einem Verkehrs­un­fall stirbt, nachdem sie positiv auf das Coro­na­virus getestet wurde, wird im Extrem­fall davon ausge­gangen, dass ihr Tod auf Covid-19 zurück­zu­führen sei. Dies würde a priori zu einer gewissen Über­schät­zung der Anzahl der tatsäch­lich durch das Coro­na­virus verur­sachten Todes­fälle führen. Um „zusätz­liche“ Fälle auszu­schließen, sollte zumin­dest eine Autopsie der umstrit­tenen Fälle durch­ge­führt werden. Das Robert Koch-Institut empfiehlt jedoch, dies nicht zu tun, da die Leichen weiterhin „als anste­ckend ange­sehen werden“. Wenn ande­rer­seits Menschen sterben, die nicht auf Coro­na­virus getestet wurden, werden sie nicht als am Coro­na­virus gestorben ange­sehen, falls dies der Fall sein könnte. Und im Allge­meinen schätzt das Robert Koch-Institut effektiv, dass die Zahl der Todes­fälle aufgrund des Coro­na­virus in Deutsch­land eher unter­schätzt wird.

Nach Angaben des unab­hän­gigen Insti­tuts Statista hatte Deutsch­land am 29. März 11.053 Testungen pro Million Einwohner durch­ge­führt, während Frank­reich am 27. März nur 2.914 durch­ge­führt hatte. Dies bedeutet, dass Deutsch­land 3,8‑mal mehr Tests durch­ge­führt hat als Frank­reich. Daher sollte die Unsi­cher­heit über Menschen, die an dem Coro­na­virus gestorben sind, ohne zuvor positiv getestet worden zu sein, in Deutsch­land statis­tisch gesehen fast viermal geringer sein als in Frankreich.

Zusam­men­fas­send kann man sagen, daß sich die gegen­wär­tige Coro­na­virus-Epidemie in Frank­reich und in Deutsch­land seit der Anzahl der Fälle pro 100.000 Einwohner ähnlich zu entwi­ckeln scheint, während sie sich in beiden Ländern seit sechs Wochen ausbreitet. Die Hypo­these einer Über­be­wer­tung sowie einer Unter­schät­zung der Zahl der Todes­fälle in Deutsch­land ist zwar zulässig, in Frank­reich jedoch ebenso. Da Deutsch­land jedoch 3,8‑mal mehr Tests durch­führt als Frank­reich, gäbe es eher in Frank­reich eine Unter­schät­zung gegen­über Deutsch­land. Die Tatsache bleibt, daß Deutsch­land viermal mehr Inten­siv­betten mit Beatmungs­ge­räten als Frank­reich vor der Krise hatte, daß es seine Kapa­zität bereits in wenigen Wochen verdop­pelt hat, während Frank­reich sich noch in der Phase der befindet, dies zu über­legen. In all den Jahren, in denen aufein­an­der­fol­gende fran­zö­si­sche Regie­rungen (links, rechts und dann LREM) die Kran­ken­haus­bud­gets ständig gekürzt haben [beachte man zu diesem Thema, daß bestimmte linke bzw. souve­rä­nis­ti­sche Kreise in Frank­reich darauf hinweisen, daß die EU Frank­reich wieder­holt aufge­for­dert hat, seine Gesund­heits­aus­gaben zu senken], wurde in Deutsch­land die Anzahl der Inten­siv­betten erhöht. Darüber hinaus scheint das koor­di­nierte Vorgehen von 16 regio­nalen Gesund­heits­mi­nis­tern, die ihren Wählern gegen­über unmit­telbar verant­wort­lich sind, tatsäch­lich wirk­samer zu sein. Und tatsäch­lich ist es derzeit Deutsch­land, das fran­zö­si­sche Pati­enten aufnimmt und manchmal rettet, wie neulich ein Elsässer, der in Mülhausen ins künst­liche Koma versetzt wurde und in Frei­burg im Breisgau aufwachte, wo er zuerst über­rascht war, zu hören, wie die Betreuer um ihn herum Deutsch sprachen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in fran­zö­si­scher Sprache bei Autriche-Matin, autriche-matin.at/2020/04/20/coronavirus-pourquoi-cinq-fois-moins-de-morts-en-allemagne-quen-france-quelques-elements-de-reponse/, und in deut­scher Über­set­zung in der Pariser Zeitung, pariserzeitung.com/2020/04/20/coronavirus-warum-gibt-es-in-deutschland-fuenfmal-weniger-todesfaelle-als-in-frankreich/


*) Über den Autor/Übersetzer:

  Karl Gosche­scheck ist gebür­tiger Straß­burger und Absol­vent des Insti­tuts für höhere Handels­stu­dien in Straß­burg (IECS). Heute ist er frei­be­ruf­li­cher Jour­na­list, Pres­se­kor­re­spon­dent und Über­setzer (Fran­zö­sisch / Deutsch). Davor arbei­tete er jahre­lang als Buch­hal­tungs- und Finanz­ma­nager in mehreren inter­na­tio­nalen Unternehmen.

1 Kommentar

  1. Gute Frage. Wir sind fleißig und wissen uns selbst zu helfen.
    Diese ganze Corona-Hysterie dient denen, die schon alles haben.

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