Das Afgha­ni­stan-Debakel erin­nert uns daran, wie wichtig Natio­na­lität und Patrio­tismus sind

Von SILVIO PITTORI | Was das west­liche Gewissen ange­sichts der afgha­ni­schen Nieder­lage am meisten berührt, sind die Bilder, die die qual­vollen Versuche vieler Afghanen zeigen, in Mili­tär­flug­zeugen zu gelangen, um ein Land verlassen, das jetzt in den Händen der Taliban ist; und der unend­liche Mut der Frauen, die auf die Straße gehen und Rechte einfor­dern, die sie in den letzten zwanzig Jahren mühsam erworben haben und die ihnen durch die Scharia mit Sicher­heit vorent­halten werden.

Abge­sehen von den offen­sicht­li­chen Fehlern, die die west­liche Politik in Bezug auf die Moda­li­täten des Trup­pen­ab­zugs begangen hat (Moda­li­täten, die die gleiche west­liche Mission in Afgha­ni­stan fälsch­li­cher­weise als geschei­tert erscheinen lassen), ist es verwun­der­lich, dass die so genannten „Analysten“ nicht die Möglich­keit voraus­ge­sehen haben, dass sich die afgha­ni­sche Armee, die jahre­lang von west­li­chen Truppen ausge­bildet wurde, in einem Land, in dem es keine patrio­ti­schen Elemente gibt, ohne einen Schlag ergeben könnte.

Die Rich­tig­keit der 2001 getrof­fenen Entschei­dung, in Afgha­ni­stan zu inter­ve­nieren, um das dortige terro­ris­ti­sche Netz­werk auszu­schalten, steht außer Frage, aber ange­sichts der schmerz­haften Bilder von heute muss man sich fragen, ob die Analysten, als sie zum einen behaup­teten, der Krieg hätte den Export west­li­cher Demo­kra­tie­formen nach Afgha­ni­stan ermög­licht, und zum anderen das Risiko unter­schätzten, dass die afgha­ni­sche Armee ange­sichts des Vormarschs der Taliban beschließen könnte, ihre Waffen nieder­zu­legen, haben unter­schätzt, dass es auf afgha­ni­schem Gebiet viele Stämme gibt, die sich oft gegen­seitig bekämpfen, und echte Clans, die, wenn sie so bleiben, ein konkretes Hindernis für das Entstehen jenes gemein­samen Gefühls darstellen, aus dem Patrio­tismus und die Idee einer Nation entstehen, die mit aller Kraft vertei­digt werden muss.

Wir wissen nämlich, dass eine Gemein­schaft durch ein soziales Band und die so genannte gegen­sei­tige Loya­lität entsteht, die es dem Einzelnen ermög­licht, sich als inte­graler Bestand­teil derselben Gemein­schaft zu fühlen, der er seine Loya­lität auch tatsäch­lich zum Ausdruck bringt. Im Gegen­satz zur Idee des Stammes steht das Konzept der Nation, das „eine Bevöl­ke­rung in einem bestimmten Gebiet bezeichnet, die eine Sprache, Insti­tu­tionen, Bräuche und ein Gefühl für die eigene Geschichte teilt“ (Roger Scruton, Conser­va­tive Mani­festo). Wir können die Begriffe „Nation“ und „Patrio­tismus“ im Zusam­men­hang mit Indi­vi­duen verwenden, die ein Terri­to­rium (Heimat­land), eine Geschichte, eine Kultur und in der Regel eine Reli­gion teilen und die das Bedürfnis nach einer gemein­samen Gesetz­ge­bung und Recht­spre­chung haben, die sich aus der poli­ti­schen Akti­vität des latus­ensu ergibt; eine Gesetz­ge­bung und Recht­spre­chung, die dazu berufen ist, Rechte zu garan­tieren, die für alle Mitglieder dieser Gemein­schaft gelten. Darüber hinaus warnte Dante in seinem Werk De Monar­chia vor der Bedeu­tung des Gewohn­heits­rechts, das unzwei­fel­haft auf das Gemein­wohl abzielt und das Wohl der Gemein­schaft zum obersten Ziel hat: „Die Funk­tion der Gesetze ist es, die Menschen für das Gemein­wohl zusammenzuhalten“.

Unsere west­liche Zivi­li­sa­tion zeichnet sich durch Gemein­schaften aus, deren Beson­der­heit darin besteht, dass sie sich frei­willig einer Regie­rung unter­werfen, die sie vertritt und aus Bürgern besteht, die ihre Rechte und Pflichten aner­kennen und teilen, und das alles inner­halb eines bestimmten Gebiets, in dem Gesetze gelten, die das Gemein­wohl garan­tieren. Aus diesem Grund werden dieje­nigen, die Kultur, Geschichte, Kunst und sogar Reli­gion teilen und die die Bedeu­tung eines gemein­samen Terri­to­riums (Nation) und der gegen­sei­tigen Loya­lität empfinden und daher als Patrioten bezeichnet werden können, in der Lage sein, jeder äußeren oder inneren Gefahr zu begegnen, die die Struktur der Nation, der sie die Treue geschworen haben, unter­graben könnte.

Auch ohne Experten zu sein, ist klar, dass es in Afgha­ni­stan schon immer an Patrio­tismus und damit an der Idee einer Nation gefehlt hat, da das Land in geogra­fi­sche Gebiete unter­teilt ist, die verschie­denen Stämmen unter­stehen, die sich oft unter­ein­ander bekämpfen. Deshalb hätten sich dieje­nigen eine bedin­gungs­lose Kapi­tu­la­tion vorstellen müssen, die zwar eine gemein­same Uniform tragen, aber nicht die Werte teilen, die der Idee einer Nation zugrunde liegen. Die Gegner des Patrio­tismus und der Souve­rä­nität, die Befür­worter des Supra­na­tio­na­lismus und des Trans­na­tio­na­lismus und der Notwen­dig­keit, die Befug­nisse des einzelnen Staates ständig zu Gunsten supra­na­tio­naler Gremien einzu­schränken, die zuweilen undurch­sichtig sind, und zwar durch Dele­ga­tionen, die oft zu allge­mein gehalten sind, mit Regeln, die von den einzelnen Gemein­schaften zuweilen kaum wahr­ge­nommen werden, sollten sich daher daran erin­nern, was in Afgha­ni­stan geschieht. Das liegt auch daran, dass, wie Imma­nuel Kant lehrte, „die Gesetze allmäh­lich ihre Wirkung verlieren, wenn die Regie­rung ihren Hand­lungs­spiel­raum ausweitet, und ein Despo­tismus ohne Seele, nachdem er den Keim des Guten zertreten hat, am Ende in die Anar­chie abgleitet“.

Wenn das Recht, wie oben hervor­ge­hoben, das grund­le­gende Element des Gefühls der Zuge­hö­rig­keit zu einer Gemein­schaft ist, in der die Indi­vi­duen das „Wir“ und nicht das „Ich“ verwenden, dann kann der Wechsel von der Verwen­dung der ersten Person Plural zum „Ich“, der sich aus dem von Kant beschrie­benen „Wirkungs­ver­lust“ der Gesetze ergibt, nur zu einer Auflö­sung der Idee von Gemein­schaft und Nation selbst führen. Aber die fehlende Analyse auf dem afgha­ni­schen Feld ist nichts anderes als eine plas­ti­sche Darstel­lung des Zusam­men­bruchs unserer west­li­chen Zivi­li­sa­tion, die sich dazu verpflichtet hat, ihre Wurzeln, einschließ­lich der christ­li­chen, zugunsten supra­na­tio­naler Struk­turen zu verleugnen, die die Werte und die Iden­tität eines jeden Volkes unter­graben und es zum Teil eines schwa­chen Systems machen, so wie jede Gemein­schaft, in der die gegen­sei­tige Loya­lität und der gesunde Menschen­ver­stand schwach sind. Ande­rer­seits hätte es ausge­reicht, Dante in seiner poli­ti­schen Analyse in De Monar­chia zu lesen, um zu verstehen, dass die afgha­ni­sche Armee erst nach der Schaf­fung einer echten Nation in der Lage gewesen wäre, dem Vormarsch der Taliban mit einem gemein­samen Gefühl und einem Eid der gegen­sei­tigen Loya­lität zu begegnen, und zwar im Namen jenes Patrio­tismus, der von den Anhän­gern des Supra­na­tio­na­lismus zum Nach­teil der Natio­nal­staaten verur­teilt wird.

Silvio Pittori
Rechts­an­walt mit Sitz in Florenz, Experte für Gesell­schafts­recht, Wirt­schafts­straf­recht und Verträge. Hoch­schul­ab­schluss in Rechts­wis­sen­schaften an der Univer­sität Florenz.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


1 Kommentar

  1. Richtig, auch die west­li­chen Zivi­li­sa­tionen werden jetzt schnell untergehen.
    Sie haben Gott verworfen, nach­ge­rückt sind Götzen, aber ohne die zehn Gebote kann es keine fried­liche Gesell­schaft geben, sondern nur jeder gegen jeden mit ihren jeweils eigenen Götzen. Auch eine Infla­tion von Gesetzen ist sinnlos, 10 Gebote reichen.
    Jeder schaue in seine eigene Familie, in seinen eigenen Freundes- und Bekann­ten­kreis. Es gibt Männer und Frauen, die so sehr gegen die 10 Gebote gelebt haben, dass sie im Alter einsam sind und nur noch hassen können, andere und sich selbst. Wer aus Liebe zu Jesus, der nicht fern ist, der sich finden lässt, immer wieder gegen die Lüge, den Betrug, gegen seine Verant­wor­tungs­lo­sig­keit und Faul­heit ankämpft, der macht frei­willig all das, wozu ihn Gesetze nicht zwingen können, denn vieles geschieht im Verborgenen.
    Wir brau­chen drin­gend die geist­li­chen Hilfen, die Jesus uns schenken will, denn Gott allein kennt den Menschen und weiss, wie sehr dieser alle Hilfen nötig hat.
    Wir müssen umkehren zur Gottes­liebe, so sehr die Kirche auch heute entstellt ist, sonst wird Europa und die ganze Welt zu Afgha­ni­stan oder zum Great Reset der Götzen.

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