Das Szekler­land von der Basis her gesehen (2)

Von Csaba Ferencz *

Der deut­sche Leser weiß vermut­lich wenig über das Szekler­land, dieser in die Ostkar­paten einge­bet­teten Region. In dieser Serie wollen wir, ohne zu behaupten, erschöp­fend zu sein, einige Bilder zeigen, wie eine Gruppe von Menschen seit hundert Jahren versucht, unter fremden quasi-kolo­nialen Macht­ver­hält­nissen und isoliert von ihrer natür­li­chen Mutter­na­tion, der unga­ri­schen Nation, ihre Alltags­bräuche und ihre Feste zu bewahren. Eben­so­wenig wie dies bei den Sieben­bürger Sachsen oder den donau­län­di­schen Schwaben gegen­über der deut­schen Nation der Fall ist, hat die Gemein­schaft der Szekler Ungarn, obwohl ihre Tradi­tion spezi­fi­sche Iden­ti­täts­ele­mente aufweist, nie bestritten, ein Teil der heutigen unga­ri­schen Nation zu sein.

In diesem Abschnitt werden wir einige Elemente syste­ma­ti­scher Kolo­ni­sie­rungs­maß­nahmen hervor­heben, die darauf abzielen, ethni­sche Propor­tionen zu durch­bre­chen.

Kolo­ni­sie­rungs­maß­nahmen

Die erzwun­gene Neuge­stal­tung des Charak­ters des Szekler­landes im 20. Jahr­hun­dert entwi­ckelte ein weiteres wirk­sames Instru­ment für die rumä­ni­sche Staats­macht auf das Niveau des boden­stän­digen Ultra­na­tio­na­lismus: die Kolo­ni­sie­rung. Zwischen den beiden Welt­kriegen besetzten nur die Vertreter der Verwal­tung und der staat­li­chen Behörden das Land und die Schlüs­sel­po­si­tionen wurden mit rumä­ni­schen Kräften besetzt, die kein Unga­risch spra­chen. Die Land­re­form ist nur einer der Faktoren, aber eine Reihe anderer wirt­schaft­li­cher Maßnahmen haben eben­falls dazu beigetragen, dass die besetzten Landes­teile so schnell wie möglich ihren unga­ri­schen Charakter verloren. Die kommu­nis­ti­sche Plan­wirt­schaft erwies sich jedoch als die effek­tivste „Deckungs­ope­ra­tion“, um sicher­zu­stellen, dass fast alle Sied­lungen im Szekler­land, insbe­son­dere Klein­städte mit zehn­tau­send oder zwan­zig­tau­send Einwoh­nern, „mit schönen neuen Fabriken erwei­tert“ wurden. Hierher wurden im Geiste des sozia­lis­ti­schen Wett­be­werbs Arbeits­kräfte aus den trans­kar­pa­ti­schen Regionen herbei­ge­führt. Wir stellen nur der Voll­stän­dig­keit halber fest, dass dasselbe in allen großen Städten Sieben­bür­gens passierte, in weitaus größerem Umfang zB in Kron­stadt (rumän. Brasov), Hermann­stadt (rumän. Sibiu, Klau­sen­burg (rumän. Cluj-Napoca), Arad (rumän. Arad), Groß­wardein (rumän. Oradea) und Teme­schwar (rumän. Timisoara), die auf diese Weise ihre früheren ethni­schen Propor­tionen und ihre beson­dere Atmo­sphäre verloren.

Im Szekler­land hat sich die Bevöl­ke­rung kleiner Städte wie Sepsis­zent­györgy, Csíks­ze­reda (dt. Szekler­burg, rumän. Mier­curea Ciuc), Gyer­gyós­zent­mi­klós, Kézdi­vá­sá­r­hely in nur drei Jahr­zehnten verdop­pelt oder verdrei­facht, doch der ethni­sche Anteil der Ungarn ist vieler­orts auf drei Viertel gesunken, wenn auch mit Unter­schieden. Ganz zu schweigen von der Haupt­stadt des Szekler­landes, Maros­vá­sá­r­hely (rumän. Târgu Mureş), wo heute der Anteil der Szekler-Ungarn nicht einmal fünfzig Prozent erreicht.

Trotzdem konnte die meist länd­liche Land­schaft ihr unver­wech­sel­bares Image bewahren. Darüber hinaus ist die soge­nannte Székely-Land­ein­tei­lung, welche die tradi­tio­nelle Verwal­tung feudalen Ursprungs und die Struktur der Justiz vererbt, immer noch tief im Kopf des Volkes verwur­zelt: Ein Mann aus Csík und ein Mann aus Udvar­he­ly­szék fragen sich immer noch, wer in eine andere Region einge­stuft ist.

Die Stär­kung der Szekler-Iden­tität verlief, vorsichtig formu­liert, auch nach dem Regime­wechsel nicht reibungslos. Der schwarze Marsch von Maros­vá­sá­r­hely ist aus der Geschichte bekannt, als im Früh­jahr 1990 Tausende von Menschen aus nahe gele­genen rumä­ni­schen Dörfern herbei­ge­bracht, mit Stöcken bewaffnet und gegen die Ungarn aufge­sta­chelt wurden, die fried­lich protes­tierten und ihre Rechte einfor­derten. Der Pogrom­ver­such, der auch Todes­fälle zur Folge hatte, eska­lierte schließ­lich nicht zu einem noch größeren Konflikt, aber der ethni­sche „Frieden“ der Stadt war jahr­zehn­te­lang besie­gelt.

Deshalb verdienen die Ergeb­nisse der letzten Kommu­nal­wahlen in Maros­vá­sá­r­hely, die erst vor wenigen Wochen endeten, beson­dere Aufmerk­sam­keit, als die Einhei­mi­schen nach zwanzig Jahren erneut einen unga­ri­schen Bürger­meister wählten. Mit einem großen Vorteil, der darauf hinweist, dass neben der Umge­hung des zuvor ausschließ­li­chen ethni­schen Krite­riums auch der Odem der Norma­lität in die Szekler-Haupt­stadt zurück­kehrt. Immerhin ist Maros­vá­sá­r­hely, eine Stadt mit rund 150.000 Einwoh­nern, das wich­tigste wirt­schaft­liche und kultu­relle Zentrum der Region, natür­lich in einem Netz­werk mit anderen klei­neren Städten im Szekler­land. In jedem Fall ist die Entwick­lung der Stadt ange­sichts der Tatsache, dass das nahe gele­gene Klau­sen­burg oder Hermann­stadt bereits im regio­nalen „Wett­be­werb“ erfolg­reich waren und ihre Entwick­lung weit über der von Maros­vá­sá­r­hely liegt, derart, dass die Stadt als eines der zentralen Elemente einer großen Region mit ange­mes­sener Selbst­be­stim­mung ange­sehen werden kann. Natür­lich als spezi­fi­scher Teil der Entwick­lungs­po­litik, der nicht ohne zusätz­liche euro­päi­sche Ressourcen auskommen kann.

Daher lösen die Aktionen des gewählten Bürger­meis­ters Zoltán Soós große Vorfreude aus. Neben lang­fris­tigen Entwick­lungen, die noch nicht grund­sätz­lich lokaler Kompe­tenz unter­liegen, warten grund­le­gende Themen wie die Zwei­spra­chig­keit in allen Lebens­be­rei­chen (rumä­ni­sche Gesetze sollten dies bei rich­tiger Anwen­dung garan­tieren) oder der Aufbau und der effi­zi­ente Betrieb eines unab­hän­gigen Netz­werks von Bildungs- und Kultur­in­sti­tu­tionen, um nur zwei wich­tige Bereiche zu nennen, für die lokale Regie­rungen verant­wort­lich sind, darauf, gelöst zu werden.

Blick auf Gyimes­bükk von der Burg Rákóczi

*) Der Autor ist Jour­na­list und Vize­prä­si­dent des Szekler-Natio­nal­rates


 

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