Das Ungarn-Bild in Deutsch­land 1990–2021

Viktor Orbán und Angela Merkel · Bildquelle: corvinak.hu
Ungarn ist in den meinungs­be­stim­menden Medien Deutsch­lands nicht wohl­ge­litten. Die unga­ri­sche Demo­kratie muss sich seit rund einem Jahr­zehnt vorwerfen lassen, in eine Diktatur abzu­gleiten oder bereits in einem Unrechts­system ange­kommen, jeden­falls frem­den­feind­lich zu sein. Die Wurzeln dieses Vorwurfs reichen in die Anfangs­jahre des poli­ti­schen Umbruchs vor gut drei Jahr­zehnten zurück. Das heutige Bild vom dikta­to­ri­schen Ungarn soll die ideo­lo­gi­schen und partei­po­li­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen in Deutsch­land und in der Euro­päi­schen Union im links­li­be­ralen Sinne beeinflussen.


Von Zsolt K. Lengyel

Die Verqui­ckung der Bericht­erstat­tung mit macht­po­li­ti­schen Inter­essen wurde im Zuge der Wahlen zum Euro­päi­schen Parla­ment sowie der unga­ri­schen Kommu­nal­wahlen 2019 immer stärker. Der über­wie­gende Teil der deut­schen Medien drückt heute der unga­ri­schen Oppo­si­tion die Daumen, will also zum Sturz Viktor Orbáns beitragen. Daher wird bis zu den unga­ri­schen Parla­ments­wahlen 2022 die Ideo­lo­gi­sie­rung des deut­schen Ungarn-Bildes wohl weiter zunehmen – auf Kosten des Qualitätsjournalismus.

1. Der Meinungsumschwung

Es ist ein eigen­ar­tiges Phänomen der jüngeren deutsch-unga­ri­schen Bezie­hungs­ge­schichte, dass die wohl­wol­lende Betrach­tung Ungarns in der späten Kádár-Ära ausge­rechnet zu dem Zeit­punkt erste Kratzer bekam, als das Land in die Demo­kratie aufbrach. Um 1990 tauchte ein neues Element im Ungarn-Bild der deut­schen Publi­zistik auf: Die junge unga­ri­sche Demo­kratie geriet zuneh­mend unter Recht­fer­ti­gungs­druck. Im Hinter­grund ereig­nete sich der seit dem ersten Viertel des 20. Jahr­hun­derts tradi­tio­nelle inne­runga­ri­sche Kultur­kampf zwischen zwei geis­tigen Strö­mungen, die sich in ein links­li­beral-rechts­kon­ser­va­tives Raster einfügten und in das konflikt­be­la­dene jüdisch-christ­liche Verhältnis mit jeweils ausge­prägten Iden­ti­täts­merk­malen einge­bettet waren und wohl auch noch sind. Jene unga­ri­sche Elite, aus der sich im jungen Mehr­par­tei­en­system die Linke aufstellte, meldete einen Allein­ver­tre­tungs­an­spruch auf den Libe­ra­lismus an. Zugleich lehnte sie den natio­nalen Gedanken nicht nur für sich selbst ab, sondern warf dessen Verfech­tern Rück­wärts­ge­wandt­heit vor und sprach ihnen die Demo­kra­tie­taug­lich­keit ab. Im Gegenzug wurde ihr vorge­worfen, anational, ja sogar anti­na­tional zu sein.

2. Die Voraus­sage erfüllt sich

Das Bild vom Natio­na­lismus und Anti­se­mi­tismus in Ungarn entstand seit den frühen 1990er Jahren durch den einsei­tigen Eingriff der deut­schen Medien in den unga­ri­schen Kultur­kampf. Schon ab 2009 verbrei­tete sich in den Print­me­dien die Voraus­sage des Abweges der unga­ri­schen Demo­kratie in die Diktatur. Die Prophe­zeiung ist dann ab Früh­jahr 2010 für die Mehr­heit der in der ersten Pres­se­öf­fent­lich­keit maßgeb­li­chen deut­schen Publi­zisten wahr geworden. Die heraus­ge­ho­bene Reiz­figur der deut­schen poli­ti­schen Jour­na­listik, der unga­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent ist erst zeit­ver­setzt, gleichsam schritt­weise in jene Streit­be­reit­schaft hinein­ge­wachsen, die deut­sche Korre­spon­denten und Kommen­ta­toren sowie Poli­tiker in Berlin, Brüssel und Straß­burg ihm gegen­über schon um 2010 bezeugt hatten.

Die im Spät­sommer 2015 eska­lierte Flücht­lings- und Migran­ten­krise hat die Neigung der deut­schen Jour­na­lis­ten­zunft weiter gestärkt, dem poli­ti­schen und kultu­rellen Ungarn Xeno­phobie vorzu­werfen, ja Frem­den­feind­lich­keit als Struk­tur­merkmal der unga­ri­schen Diktatur zu bezeichnen. Die abfäl­ligen Beur­tei­lungen sind seit Jahren im Bogen von Anti­se­mi­tismus über Anti­zi­ga­nismus, großun­ga­ri­schen Natio­na­lismus, Muslim­feind­lich­keit und seit jüngerem Homo­phobie so dicht und so tief ange­legt, dass das Gesamt­bild auch dann negativ bleibt, wenn sich der eine oder andere Vorwurf als haltlos erweist. Das Verdikt stellt haupt­säch­lich das poli­ti­sche System Ungarns in der „Orba­no­kratie“ an den Pranger, bezieht aber immer wieder die gesamte Gesell­schaft Ungarns mit ein. Zwei allge­meine Merk­male der jour­na­lis­ti­schen Rund­um­schläge waren schon zu Beginn der 2010er Jahre die Perso­ni­fi­zie­rung des Übels in der Gestalt eines einzigen Mannes, nämlich Viktor Orbáns, und die Vernet­zung einzelner Ausdrucks­formen eben jenes Übels.

3. Die Sprache der Abweisung

Brand­mar­kungen histo­ri­scher Konno­ta­tion waren in der deut­schen Ungarn-Bericht­erstat­tung der vergan­genen zehn Jahre Sprach­mittel zur Verur­tei­lung des Landes. Verbale Derb­heiten gaben auch aktive Poli­tiker aus dem linken Spek­trum von sich. Bald wurde es zum Brauch, den Vorwurf des in Ungarn neuge­bo­renen Natio­na­lismus mit dem Adjektiv völkisch aus dem Voka­bular des rassis­ti­schen Konzepts zu unter­mauern. Gerne ziehen deut­sche Publi­zisten Paral­lelen zwischen „Orba­ni­stan“ und dem Dritten Reich, etwa im Zusam­men­hang mit der Fami­li­en­po­litik Buda­pests, die als „Fort­pflan­zungs­pakt“ an die „NS-Zeit“ erin­nern würde.

Für die Kenn­zeich­nung der Stel­lung des unga­ri­schen Regie­rungs­chefs wurde und wird auch der in deut­scher Sprach­form diskre­di­tie­rende Begriff „Führer­de­mo­kratie“ verwendet. Ähnlich unsäg­lich klingt gerade in deut­schen Ohren „Fidesz über alles“der Titel eines Arti­kels über die Partei Orbáns, der vom Anlass der Verab­schie­dung der neuen Verfas­sung Ungarns 2011 in der Die Welt erschienen war. Aus der Reihe der verbalen Derb­heiten ragen einige Begriffe heraus, so „Schand­fleck“ Europas, „Werte­zer­set­zung“ durch Viktor Orbán, zugleich die Forde­rung, „diesen Werte­tumor zu neutra­li­sieren“. Milder klingt im Vergleich zu der im Deutsch­land der 1930er Jahre miss­brauchten Krebs­me­ta­pher die „kranke Demo­kratie“ Ungarns, die von „Viktor Orbáns Virus“ befallen sei.

2011, 2012 und 2015 stellten Kari­ka­turen in der Süddeut­schen Zeitung in mehreren Spra­chen – und auch online – Ungarn als Nean­der­taler an der Tür Europas dar,

als Staat, dessen Regie­rungs­chef Nach­hilfe in Demo­kratie nehmen müsse, und als Gemein­wesen, das von Natio­nal­stolz voll­trunken sich abschotte.

4. Der imagi­näre Hebel in den natio­nalen und inter­na­tio­nalen Machtkämpfen

Das jour­na­lis­ti­sche Bild vom auto­ri­tären bis dikta­to­ri­schen Ungarn ist in der jüngsten Vergan­gen­heit zum imagi­nären Hebel geworden: Es soll partei­po­li­ti­sche Ausein­an­der­set­zungen in Deutsch­land und in der Euro­päi­schen Union beein­flussen. Immer wieder formu­lierten Pres­se­leute vorab Fest­le­gungen für die poli­ti­sche Szene, wie sie selbst von der poli­ti­schen Klasse wieder­holt auch als Sprach­rohr verwendet wurden. Diese Verqui­ckung mit macht­po­li­ti­schen Inter­essen hat infolge der Wahlen zum Euro­pa­par­la­ment und der unga­ri­schen Kommu­nal­wahlen 2019 sowie durch Posi­tio­nie­rungen für die 2021 in Deutsch­land und 2022 in Ungarn bevor­ste­henden Bundes­tags- bezie­hungs­weise Parla­ments­wahlen einen neuen Höchst­stand erreicht.

Die für die unga­ri­sche Oppo­si­tion im Euro­päi­schen Parla­ment gewonnen Sitze sind ein Garant dafür, dass unga­ri­sche Innen­po­litik in erheb­li­chem Maße in Straß­burg und in Brüssel statt­findet, wo sich die Gegner der Orbán-Regie­rung der Vermitt­lungs­hilfe deut­scher Medien sicher sein können.

Das Ungarn-Bild in Deutsch­land entsteht heut­zu­tage, wie bereits zu Beginn der 1990er Jahre, in nennens­wertem Maße in Ungarn.

Der deutsch-fran­zö­si­sche Kultur­sender Arte TV strahlte am Vorweih­nachtstag 2020 erst­mals die umfang­reiche Doku­men­ta­tion „Hallo, Diktator. Orbán, die EU und die Rechts­staat­lich­keit“ aus. Dieser als inves­ti­gativ aufge­machte Werbe­film für einen 2019 gewählten deut­schen Euro­pa­ab­ge­ord­neten der Grünen, gedreht auch in Buda­pest, legt alle Skrupel vor einer partei­po­li­ti­schen Propa­ganda ab.

5. Die deut­sche Maske des Regenbogens

Die deut­schen Medien haben in ihrem Kampf für die unga­ri­sche Demo­kratie im Früh­sommer dieses Jahres ein neues Kapitel aufge­schlagen. Im Juni 2021 verkün­deten sie, dass die Homo- und die Trans­se­xua­lität ein euro­päi­scher Wert sei, der in Ungarn mit Füßen getreten werde. Die Regen­bogen-Beleuch­tung der Münchener Allianz Arena beim Fußball­län­der­spiel Deutschland–Ungarn wurde in trauter Koope­ra­tion zwischen einem grünen Stadtrat und dem SPD-Ober­bür­ger­meister geplant.

Die anschlie­ßende Kampagne gegen das homo­phobe Ungarn entfal­tete durch die gegen­sei­tige Bedingt­heit des deut­schen und des unga­ri­schen Wahl­kampfes eine Explo­si­vität, die selbst die Inten­sität des übli­chen deut­schen Ungarn-Bashings übertraf.

Sie förderte aber zugleich – erst­mals seit vielen Jahren – auch selbst­kri­ti­sche Stimmen im rechten wie linken Spek­trum des tonan­ge­benden deut­schen Jour­na­lismus zutage. Ein Artikel warf der „Politik für die eigene Erleuch­tung“ vor, ihr Mitge­fühl für die betrof­fene commu­nity nur zu heucheln. Selbst im linken Berliner Tages­spiegel zeigte sich der Korre­spon­dent der Chef­re­dak­tion vom „Kampf zwischen Gut und Böse“ befremdet. Er war bestürzt über den Versuch, „mora­li­sche Über­le­gen­heit“ gegen­über „angeb­lich rück­stän­digen EU-Part­nern“ vorzu­führen, und betroffen von der Insze­nie­rung eines „Aufrufs zu Tole­ranz“, der jedoch ein ganzes Land mora­lisch anklage, „Nation gegen Nation“ stelle. Ein Autor von Tichys Einblick nahm aus anderer poli­ti­scher Perspek­tive eben­falls „deut­sche Über­heb­lich­keit“ in der Pres­se­kam­pagne wahr, bei der es “offen­sicht­lich nicht um die Rechte von Schwulen und Lesben, sondern einzig und allein wieder einmal darum gehe, dass die Deut­schen die besten sind“.

6. Das Feindbild

Nach einer verbrei­teten Lesart sei die Verant­wor­tung für die seit 2010 zuneh­mende Schroff­heit der Ausdrucks­weise und die Grob­heit der Bewer­tungen letzt­lich einer Person zuzuschreiben.

Im Visier steht Viktor Orbán.

Schlüs­sel­mo­ment für seine anhal­tende Dämo­ni­sie­rung ist seine Rede im Juli 2014 über die „illi­be­rale Demo­kratie“, die über die Jahre vor allem poli­ti­sche Gegner zu seiner Abqua­li­fi­zie­rung verwendet haben. Auf der gemein­samen Buda­pester Pres­se­kon­fe­renz am 2. Februar 2015 wandte auch Angela Merkel kritisch ein, dass der christ­de­mo­kra­ti­sche Wort­schatz für sie neben sozial und konser­vativ auch liberal beinhalte.

Die Stand­punkte der Kanz­lerin und des unga­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten sind seither im Wesent­li­chen unver­än­dert geblieben. Der Minis­ter­prä­si­dent sicherte zwar in einer program­ma­ti­schen Rede vom Früh­herbst 2020 die Unver­letz­lich­keit von Rechts­staat und Menschen­rechten zum unge­zählten Male zu, er umriss dafür aber – wie 2014 – den Bezugs­rahmen einer illi­be­ralen Demo­kratie. So liegt der Bann der deut­schen Kanz­lerin, somit auch der maßgeb­li­chen deut­schen Medi­en­land­schaft nach wie vor über dem Reiz­wort, mit dem Orbán 2014 nicht den Vorsatz zu anti­de­mo­kra­ti­schen Beschrän­kungen oder gar zur dikta­to­ri­schen Einschrän­kung von Frei­heits­rechten ausdrückte, deren er seither geziehen wird. Das Ungarn-Bild bildet jeden­falls die persön­liche Fehde zwischen den Spitzen der beiden Regie­rungen getreu ab.

7. Die Besseren

Der publi­zis­tisch-poli­ti­sche Streit mit Ungarn wird im Kern vom Dilemma zwischen der reprä­sen­ta­tiven Demo­kratie, die in Ungarn mit dem direkt­de­mo­kra­ti­schen Instru­ment des Volks­ent­scheids ange­rei­chert ist, und dem euro­päi­schen Gemein­schafts­recht getragen.

Vorder­gründig verläuft der Graben zwischen der als frem­den­feind­lich abge­stem­pelten rechten und der links­li­be­ralen Demo­kratie, die sich als einzige Sach­wal­terin des Euro­pä­er­tums begreift.

Diesem Gegen­satz­paar entspricht die Kluft zwischen zwei poli­ti­schen Ideal­ge­bilden: dem Europa der Nationen und den Verei­nigten Staaten von Europa.

Mit den nimmer­müden Rück­ver­weisen auf euro­päi­sche Werte hat sich der Libe­ra­lismus unserer Tage in weiten Teilen der Gesell­schaft mit dem Nimbus einer angeb­li­chen Höher­wer­tig­keit versehen, der im Wett­be­werb mit dem Selbst­be­haup­tungs­willen der Nationen und Natio­nal­staaten die Miss­bil­li­gung Ungarns in der medialen und poli­ti­schen Öffent­lich­keit recht­fer­tigen soll.

8. Die unga­ri­sche Rolle in der deut­schen Vergangenheitsbewältigung

Der um 2010 geöff­nete Kreis der verbalen Brand­mar­kungen „Orbá­ni­stans“ hat sich auf der Deut­schen Welle im Februar 2021 auf beson­dere Weise geschlossen.

Die Repor­tage „Orbán baut Buda­pest um“ stellt anhand ausschließ­lich oppo­si­tio­neller Aussagen die groß­an­ge­legten Restau­ra­ti­ons­ar­beiten in der unga­ri­schen Haupt­stadt auf der Burg und auf dem Kossuth-Platz als „Macht­ar­chi­tektur“

zur Befrie­di­gung der Sehn­sucht nach der Zwischen­welt­kriegs- und Welt­kriegs­zeit unter Reichs­ver­weser Miklós Horthy dar, die der jüdi­schen Bevöl­ke­rung im heutigen Buda­pest die Angst vor einer erneuten Depor­ta­tion einjage. Hervor­ste­chendes Merkmal dieser Anschul­di­gung ist der gegen­sei­tige Miss­brauch von Machern und unga­ri­schen Gestal­tern des Films. Die unga­ri­sche Seite lässt sich in die Bewäl­ti­gung deut­scher Vergan­gen­heit, die deut­sche in den inne­runga­ri­schen Wahl­kampf einspannen. Die zahl­rei­chen und größ­ten­teils ableh­nenden Kommen­tare zu dieser mani­pu­la­tiven Ausle­gung auf YouTube veran­schau­li­chen beispiel­haft die in der Regel kriti­sche Einstel­lung der zweiten und dritten Medi­en­öf­fent­lich­keit zur strom­li­ni­en­för­migen Berichterstattung.

9. Die Bildungs­krise des deut­schen poli­ti­schen Journalismus

Das unver­söhn­liche deut­sche jour­na­lis­ti­sche Befremden gegen­über Struk­turen und Entwick­lungen in Ungarn erklärt sich einer­seits aus prak­ti­schen und partei­po­li­ti­schen Gründen. Zur sprach­lich bedingten Unkenntnis oder Teil­kenntnis von Einzel­heiten des Gegen­standes gesellt sich die einsei­tige Auswahl der Informationsquellen.

Die meinungs­füh­renden deut­schen Medien verfolgen offen­kundig das Ziel, zum Sturz von Viktor Orbán beizutragen.

Die partei­ischen Darstel­lungen gehen einem ratio­nalen Austausch von Argu­menten und Gegen­ar­gu­menten aus dem Weg, lassen einen Diskurs mit gegen­tei­ligen Stand­punkten gar nicht erst zu. Anstatt Tatsa­chen zu erschließen, zu analy­sieren und zu vermit­teln, betreiben sie im Thema Ungarn vornehm­lich Stim­mungs­mache. So sind sie in eine fach­liche Bildungs­krise hineingeschlittert.

Ande­rer­seits entspringen Polemik und Tonfall der in den deut­schen Medien mehr­heit­li­chen Meinungs­rich­tung aus der Igno­ranz gegen­über der ideellen Gemüts­lage eines Volkes, das geschichts­be­wusster als das gegen­wär­tige deut­sche ist. In Ungarn ergab sich aus der vor drei Jahr­zehnten erlangten natio­nal­staat­li­chen Unab­hän­gig­keit eine Aufwer­tung des im anatio­nalen und athe­is­ti­schen Kommu­nismus verpönten Patrio­tismus, der auf Vater­lands­liebe beruht und eben kein aggressiv ausgren­zender Natio­na­lismus ist, wie ihn deut­sche Beob­achter zu diffa­mieren pflegen.

Der Konflikt findet letzten Endes zwischen einer kollek­ti­vis­ti­schen und einer indi­vi­dua­lis­ti­schen Nati­ons­an­schauung statt.

Dabei liegt eine beson­dere Erschwernis darin, dass sich die unga­ri­sche und die deut­sche Nati­ons­kon­zep­tion in jüngerer Zeit asyn­chron entwi­ckelt, jeweils versteift, somit vonein­ander entfernt haben. An ihren ideo­lo­gi­schen Rändern nehmen die beiden Seiten aber das gleiche Phänomen ins kriti­sche Visier: die libe­rale Nation.

Analog zur Logik des inne­runga­ri­schen Kultur­kampfes bestehe für die deut­sche Linke zwischen libe­raler Ordnung und natio­nalen Inter­essen ein Gegen­satz, während für Teile der unga­ri­schen Rechte Ungarn mit seiner national begrün­deten Staats­räson den Libe­ra­lismus ablehnen müsse.

10. Ist eine Versach­li­chung möglich?

Die libe­ral­de­mo­kra­ti­sche Uner­bitt­lich­keit gegen­über dem „Orbán-Regime“ hat mit ihrer langen Dauer sowie breiten Fäche­rung einen Image­ver­lust verur­sacht, der in der deut­schen Gesell­schaft Sympa­thien, die Ungarn und Magyaren noch verblieben sind, immer mehr gefährdet. Auch im Ungarn-Narrativ der kultu­rell-wissen­schaft­li­chen Kreise haben sich Mutma­ßungen als Gewiss­heiten einge­nistet, die nicht hinter­fragt zu werden brau­chen und inzwi­schen Dogmen­status einnehmen. So spre­chen Meinungs­ma­cher in der deut­schen Histo­rio­grafie Nati­ons­ent­würfen die Demo­kra­tiefä­hig­keit ab, wenn sie sich poli­tisch und ethnisch-kultu­rell zu begründen wünschen und deshalb auf der Praxis ihrer staat­li­chen Souve­rä­nität bestehen.

Es steht zu hoffen, dass auf der poli­ti­schen Ebene die deutsch-unga­ri­schen Span­nungen abnehmen, und die deutsch-unga­ri­sche Wieder­an­nä­he­rung zeitnah auch im gesell­schaft­li­chen Bereich möglich ist. Doch selbst für diesen Fall wäre noch eine anspruchs­volle Aufgabe zu bewältigen.

Es sollte ein verbor­gener Schatz gehoben werden: der euro­päi­sche Wert der Gleichrangigkeit.

Was in Deutsch­land richtig ist, das muss es nicht auch in Ungarn sein – und umge­kehrt. Daher bietet es sich an, die regio­nalen Eigen­arten sehr wohl zu würdigen. Es weckt womög­lich neues Vertrauen, wenn die betei­ligten Seiten es unter­lassen, das eigene Gedan­ken­system in allen Belangen für über­legen zu halten. Wenn sie ihren freien Willen gegen­seitig aner­kennen, dann wären sie auch frei, einander als gleich­be­rech­tigt zu betrachten. Das urli­be­rale Prinzip der tole­ranten Frei­wil­lig­keit könnte – wenn es denn geraten ist –, dem schwä­cheren euro­päi­schen Akteur erleich­tern, zu Lasten eigener Wahr­heiten mit Augenmaß einzu­lenken, und den stär­keren ermu­tigen, mit maßlosen Anklagen aufzuhören.

Der Autor, Dr. phil. habil. Zsolt K. Lengyel, ist unga­risch-deut­scher Histo­riker und Poli­to­loge (Univer­sität Regens­burg) sowie MCC visi­ting fellow.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CORVINAK.HU und danach in deut­scher Über­set­zung bei UNGARNREAL, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


6 Kommentare

  1. Wohin tendiert West­eu­ropa? Diese Frage bekommt bent­wortet jeder, der sich mit der 68er Bewe­gung und ihren Zielen beschäf­tigt. Dieser Bewe­gung ist doch der „Marsch durch die Insti­tu­tionen“ weit­ge­hend gelungen,vor allem aber die Über­nahme der Print- und TV-Medi­en­ho­heit. Schon die Sowjet­kom­mu­nisten bauten auf die Bedeu­tung der Medien und druckten die „Pravda“ (auf Deutsch ‚Wahr­heit‘)

    • Es kommt noch dazu, das der Speku­lant Soros mit seinem in Tsche­chien resi­die­renden Project Syndi­cate eine Viel­zahl der Medien zum Nach­teil Ungarns beein­flusst. dpa erhält von dieser Insti­tu­tion regel­mäßig vorge­fer­tigte Meldungen, die von dpa dann freudig weiter­ge­leitet werden. Es ist auch persön­li­cher Hass von Soros dabei, weil der Global Young Leader Orban recht­zeitig bemerkt hat, wofür er einge­spannt werden soll und sich zu Gunsten seiner Heimat und des Vater­landes ausge­klinkt hat,. Merkel als Eben­solche scheint mit diesen Zielen voll­ständig konform zu gehen, weil sie in der NWO so eine Art Wieder­auf­er­ste­hung der DDR und des Stali­nismus sieht.

  2. Ich habe mich vor 30 Jahren von Deutsch­land verab­schiedet und habe in Öster­reich gelebt. Da ich mich mit einer türkis-grünen Regie­rung nicht anfreunden konnte, bin ich nach Ungarn gegangen. Hier erlebe ich zum ersten Mal die Frei­heit und Sicher­heit, die mir in D und AT immer verspro­chen – aber niemals – verwirk­licht wurde, hier wird das tradi­tio­nelle Fami­li­en­bild gepflegt, die Menschen reden nicht von belie­bigen Geschlechts­um­wand­lungen oder Früh­se­xua­li­sie­rung der Kinder. Das was in Deutsch­land bzw. in Brüssel als „gemein­same Werte“ bezeichnet wird, ist für mich eine sitt­liche und mora­li­sche Verwahr­lo­sung, die keiner Kopie in Ungarn bedarf. Natür­lich geht es den Verfech­tern des Euro­päi­schen Super­staates um Gleich­ma­cherei, aber genau das wollen die Ungarn nicht, sie bestehen auf ihrer kultu­rellen Eigenart, auf ihrer Art zu Leben, und genau das zeichnet sie aus.

    • Klasse! Ach, wäre ich doch spätes­tens 2006 nach Ungarn ausgewandert!
      Damals blieb ich 3 Monate dort. Jetzt ist es in meinem Alter einfach zu
      spät, noch­mals ganz neu anzufangen.-Ja, die scheuß­li­chen 68er; sie zer-
      störten Deutsch­land von Grund auf! Es gilt als schick, herum­zu­huren im
      Jugend­alter; FÜR Perver­sionen zu sein; für alle mögli­chen Konstellationen
      von „Ehe“ usw. Bedau­erns­werte Kinder!!! Was für ein Sodom&Gomorra!!

  3. Mein Ungarn­bild ist positiv. Sie haben die Grenze für DDR-Flücht­linge geöffnet. Ich wünschte, wir hätten eben so eine Regie­rung. Es ist auch logisch, dass unser Regime und die medialen Hand­langer das anders sehen. Schließ­lich geht Ungarn keinen links­grünen Weg und alles was nicht Links­grün ist, ist der Feind. Gerade Deutsch­land sitzt im Glas­haus und sollte deshalb keine Steine werfen. Deutsch­land steht außer­halb grund­le­gender Frei­heits­rechte und hat dadurch auch den Anspruch verloren, als demo­kra­ti­sche Staat betrachtet zu werden.

  4. Werter Herr Zsolt K. Lengyel!

    Ich brauche keine Nach­hilfe beim Entwi­ckeln, meines Ungarn­bildes. Das über­nahmen bereits meine Eltern und Groß­el­tern. Und von denen lernte ich, daß Ungarn grund­sätz­lich zu den Euro­päern gehören, die ein Deut­scher gern haben muß! An der Front wie am Arbeits­platz, Ungarn waren zuver­läs­sige Genossen!

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