Davor Dija­nović: Die Politik Groß­ser­biens ist heute schwä­cher als in den 1990er Jahren, aber…

Davor Dijanović · Foto: Vokativ.hr

Von Leo Marić
 

Davor Dija­nović ist ein kroa­ti­scher Jour­na­list, Redak­teur, geopo­li­ti­scher Analyst und Geschichts­for­scher. Obwohl er erst in den Drei­ßi­gern ist, hat er bereits mehr als tausend Artikel und Gespräche veröf­fent­licht, von denen einige einst im Buch Hrvatska u žrvnju Jugo­s­fere („Kroa­tien in der Mühle der Jugo­sphäre“) auf über 600 Seiten behan­delt wurden. Davor schreibt und redi­giert regel­mäßig auf dem Portal des Kroa­ti­schen Kultur­rates und in der Zeit­schrift Obnova und hat eine sehr gut gele­sene Kolumne auf dem Portal Direktno.hr. Unser Blog Vokativ spricht mit ihm über den Euro, kroa­ti­sche Poli­tiker, die Krise des Westens, Groß­ser­bien und andere Themen.

LEO MARIĆ: Zunächst einmal der Euro, das wich­tigste Thema dieses poli­ti­schen Herbstes. Wie hoch schätzen Sie die Wahr­schein­lich­keit ein, dass die ange­kün­digte Refe­ren­dum­s­in­itia­tive erfolg­reich sein wird, um ein Refe­rendum über die Einfüh­rung des Euro in Kroa­tien abzuhalten?

DAVOR DIJANOVIĆ: Eine Volks­ab­stim­mungs­in­itia­tive wäre sicher­lich wünschens­wert. Wir brau­chen eine öffent­liche Debatte zu einem so wich­tigen Thema. Aufgrund der bishe­rigen Erfah­rungen mit den Regie­rungs­struk­turen bezüg­lich des Refe­ren­dums bin ich aller­dings der Meinung, dass es kein Refe­rendum geben wird. Auch wenn genü­gend Unter­schriften gesam­melt werden, wird sicher­lich ein neuer­li­cher admi­nis­tra­tiver Vorwand gefunden werden, der das Euro-Refe­rendum blockiert.

Was sind die Gründe für die starke Beharr­lich­keit der kroa­ti­schen poli­ti­schen Eliten bei der Einfüh­rung des Euro? Es ist bekannt, dass mehrere Länder in Mittel­eu­ropa wie im Rest der Euro­päi­schen Union den Euro nicht einge­führt haben, darunter die der Kroa­ti­schen Demo­kra­ti­schen Union (HDZ) nahe­ste­hende Fidesz-Regie­rung in Ungarn. Warum sind unsere anders?

Premier­mi­nister Andrej Plenković gilt als großer Verfechter der euro­päi­schen Inte­gra­tion. Bis zu seiner Ankunft an der Spitze der Regie­rung der Repu­blik Kroa­tien war seine Karriere mit Brüssel verbunden. Die Nicht­ein­füh­rung des Euro wäre ein herber Schlag für seinen Ruf in Brüssel, vor allem wenn wir wissen, dass dieses Thema de facto bereits als erle­digt gilt. Weder Plenković noch die Regie­rungs­partei stellten sich einer Diskus­sion über die Einfüh­rung des Euro, die über die Wahl der Motive für den Euro hinaus­ging. Es handelt sich also um Regie­rungs­struk­turen, die nicht außer­halb des vorge­ge­benen Rahmens denken, der in Brüssel gezeichnet wird.

Aber Plenko­vićs Regie­rung hat während ihrer Amts­zeit auch einige posi­tive Schritte gegen­über Ungarn und Polen unter­nommen, als diese uns nahe­ste­henden Länder von Brüssel scharf kriti­siert wurden. Wie erklären Sie das? 

Nicht nur die Regie­rung, auch Präsi­dent Zoran Mila­nović hat in letzter Zeit ähnliche Schritte unter­nommen. Dies sind zwei­fellos zu begrü­ßende Schritte. Offen­sicht­lich versteht man sie selbst inner­halb der Regie­rungs­struk­turen trotz der allge­meinen pro-Brüssel-Posi­tion, dass manche Inter­essen besser im Hof ​​eines anderen vertei­digt werden können. Niemand garan­tiert einem Land, dass es morgen von Brüssel nicht wegen einer umstrit­tenen Entschei­dung ange­griffen wird, die es für seine Inter­essen hält. Außerdem rechnet die HDZ noch mit einer gewissen Anzahl von „Rechts­stimmen“, also würde ich sagen, dass dies eben­falls ein Grund ist. Wir werden ja sehen, ob sich diese Einschät­zung in Brüssel bewährt, dann zum Beispiel, wenn man durch die Unter­stüt­zung von Ungarn oder Polen noch etwas mehr von den EU-Büro­kraten heraz­s­ho­loen könnte.

Glauben Sie, dass diese Schritte in Fort­set­zung unserer Bezie­hungen zu Ungarn und Polen zu etwas mehr werden können, etwa zu einem Beitritt Kroa­tiens zur Visegrád-Gruppe oder zu einem stär­keren Enga­ge­ment in der Drei-Meer-Initiative?

Eine formelle Mitglied­schaft in der Visegrád-Gruppe ist wahr­schein­lich nicht realis­tisch, aber ein stär­keres Enga­ge­ment in der Drei-Meere-Initia­tive schon. Es hängt von den Posi­tionen der kroa­ti­schen Regie­rungs­spitzen ab. Nach dem Abgang von Kolinda Grabar Kita­rović unter­stützte Mila­nović die Drei-Meere-Initia­tive nicht, sondern lehnte sogar jegli­ches Enga­ge­ment ab. Er ist der Meinung, dass dieses Projekt „Moskau und Berlin irri­tiert“, obwohl ich nicht sehe, warum Kroa­tien sich von den Inter­essen Russ­lands und Deutsch­lands leiten lassen sollte. Die Regie­rung hat die Drei-Meere-Initia­tive in jüngster Zeit teil­weise unter­stützt, und diese Unter­stüt­zung korre­liert mit dem Zeitüunkt, als die Drei-Meere-Initia­tive auch von der deut­schen Politik akzep­tiert wurde.

Ich bin der Meinung, dass die Drei-Meere-Initia­tive auf wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Ebene größere Perspek­tiven hat. Obwohl zwischen diesen Ländern histo­ri­sche und kultu­relle Verbin­dungen bestehen, gibt es manchmal unver­ein­bare geopo­li­ti­sche Inter­essen, unter­schied­liche Einstel­lungen gegen­über Russ­land sowie Nach­wehen der Vergangenheit.

Sie glauben also, dass unsere geopo­li­ti­sche und wirt­schaft­liche Verbun­den­heit mit Deutsch­land noch länger eine Realität bleiben wird?

Nicht nur für uns, sondern auch für andere mittel­eu­ro­päi­sche Länder. Auch die Länder der Visegrád-Gruppe sind wirt­schaft­lich stark an Deutsch­land gebunden. Daraus ergeben sich gewisse Einschrän­kungen auf geopo­li­ti­scher Ebene. Polen hat hier die stärkste Posi­tion, da es ein Land mit 40 Millionen Einwoh­nern ist, das ange­sichts der russi­schen Nach­bar­schaft auch eine gewisse Unter­stüt­zung der USA genießt.

Gehen wir ein wenig vom geopo­li­ti­schen Pessi­mismus zum Kultur­pes­si­mismus über. Glauben Sie an ebenso schwarze Szena­rien, wenn es um die Zukunft der west­li­chen Zivi­li­sa­tion geht?

Die west­liche Zivi­li­sa­tion befindet sich in Speng­lers Worten in einer Phase des Nieder­gangs. Vergleiche mit dem Römi­schen Reich sind schon nicht mehr erfor­der­lich. Auch damals drangen „Migranten“ in die Grenzen des Impe­riums ein und kamen im Laufe der Zeit an die Spitze bestimmter Provinzen, wie wir heute am Beispiel Londons sehen können: einst das Zentrum der Welt, wo heute der Bürger­meister ein Paki­staner ist. Und dann wurden Limes gebaut, wie heute Mauern, beide auf Dauer erfolglos. Viele Teile Europas sind heute iden­ti­täts­mäßig bereits zum Nahen Osten geworden. Allein in Frank­reich haben wir fast 800 No-Go-Zonen, also Scharia-Ghettos. Auf der einen Seite haben wir Massen­mi­gra­tionen nach Europa, Menschen, die dem Konti­nent, auf den sie kommen, meist feind­lich gesinnt sind, und auf der anderen Seite haben wir einen natür­li­chen Bevöl­ke­rungs­rück­gang. Die lang­fris­tige Kalku­la­tion ist klar. Wo kein Leben ist, tritt der Tod ein.

Darüber hinaus weist das Verhalten der euro­päi­schen Eliten auf ein hohes Maß an Deka­denz und einen Verlust an gesundem Menschen­ver­stand hin. Dies ist am besten in der Darstel­lung der sog. gende­ris­ti­schen Vorstel­lungen. Ein Symptom der Deka­denz ist, wenn etwas Wahn­sin­niges als über­na­tür­li­cher Wert vertei­digt wird. Das haben wir heute in Europa.

Okay, aber gibt es da einen Ausweg? Poli­tisch, unpo­li­tisch, irgend etwas?

Ich möchte nicht ganz pessi­mis­tisch klingen, deshalb sage ich, dass es immer einen Hoff­nungs­schimmer gibt, auch wenn wir in Kroa­tien schon viele Hoff­nungs­diebe gesehen haben. Menschen mit unter­schied­li­chen Lebens­an­schau­ungen, Welt­an­schau­ungen und Philo­so­phien betrachten die aktu­elle Situa­tion und mögliche Lösungen unter­schied­lich. Als Katholik betrachte ich die Gesamt­si­tua­tion in einer brei­teren escha­to­lo­gi­schen Perspek­tive und das Leben nur als vorüber­ge­hende Station. Das ist natür­lich keine Entschul­di­gung dafür, nichts dagegen zu tun. Wenn wir in dieser Welt sind, müssen wir kämpfen.

Wir können globale Entwick­lungen kaum beein­flussen, aber wir können uns bemühen, zumin­dest unser lokales Umfeld zu verän­dern. Ich zum Beispiel sehe meine Zukunft, obwohl ich in einem urbanen Umfeld, auf dem Land geboren und aufge­wachsen bin, und habe schon einige Schritte in diese Rich­tung gemacht. Die heutigen Städte und Mega­städte zermürben die Menschen buch­stäb­lich in jeder Hinsicht. Ich glaube, dass die Zukunft in großen und starken Fami­lien liegt und darin, Menschen mit ähnli­chen Einstel­lungen zu verbinden. Gegen die sog. Kultur des Todes können wir am effek­tivsten bekämpfen, indem wir gesunde Fami­lien und gute Menschen aufziehen. Der heutige Zeit­geist im Westen verachtet vor allem Leben und Opfer. Aber genau diese ideale brau­chen wir.

Lassen Sie uns mit einem hellen Thema enden: „Serbi­sche Welt“. Wie (un)real ist die Gefahr des serbi­schen Expan­sio­nismus heute? Was bedeutet das für Kroa­tien und Serbien in der Postmoderne? 

„Serbi­sche Welt“ ist ein Euphe­mismus für Groß­ser­bien. Der Name selbst ist aus Russ­land „geliehen“, wo nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union die ehema­ligen Sowjet­re­pu­bliken als „russi­sche Welt“, also als russi­sche geopo­li­ti­sche Sphäre, bezeichnet werden. Die Politik in Groß­ser­bien hat heute schwä­chere Einfluss­hebel als in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Expan­si­ons­vor­haben sind derzeit völlig unrea­lis­tisch, aber die Ideo­logen der „serbi­schen Welt“ weisen darauf hin, dass man auf „bessere Umstände“ warten sollte – lies: den Nieder­gang der ameri­ka­ni­schen Macht und die Stär­kung Russ­lands und Chinas. Gleich­zeitig versteht man aller­dings nicht, dass sowohl Russ­land als auch China, selbst wenn sie morgen global domi­nieren sollten, Serbien nur in dem Maße unter­stützen wollen, wie es in ihrem Inter­esse liegt.

Das Land, das derzeit am meisten Angst vor der „serbi­schen Welt“ haben muss, ist Monte­negro. Ohne Monte­negro schei­tern alle Pläne für Groß­ser­bien. Der promi­nen­teste serbi­sche Geopo­li­tiker, Dr. Milomir Stepić, schrieb über die Neuge­stal­tung des post­ju­go­sla­wi­schen Raums. Im Rahmen dieser Neuord­nung würde Dalma­tien ein unab­hän­giger Staat werden und Serbien würde auf Kosten Kroa­tiens erheb­lich expandieren.

Wir sollten vorsichtig sein, aber wenn wir die Realität betrachten, sind das feuchte Träume und Phan­tas­ma­go­rien, unge­achtet der Tatsache, dass der wich­tigste serbi­sche Geopo­li­tiker dahinter steckt. Nicht nur Kroa­tien, sondern auch Serbien ist demo­gra­fisch rück­läufig. Sie müssen Leute haben, die jeden Raum kontrol­lieren. Serbien hat schon heute nicht genug Leute, um Serbien und die sog Repu­blika Srpska zu kontrol­lieren. Serbien hat den Kosovo gerade wegen seiner Demo­grafie verloren, und auf lange Sicht sind auch die demo­gra­fi­schen Aussichten im Sandzak-Gebiet nicht gerade aufre­gend. Anstatt sich mit wahn­sin­niger Mytho­logie zu beschäf­tigen, sollte Serbien auf die heutigen Grenzen achten. Aber solange Alek­sandar Vučić an der Spitze eines Staates steht, das vom größten Party­monster Europas gebaut wurde, sind kaum Fort­schritte zu erwarten. Kroa­tien und Serbien haben Bereiche, in denen sie künftig zusam­men­ar­beiten könnten – von der Wirt­schaft bis zur Sicher­heit. Aber solange der Staat Serbien von Kadern aus den 1990er Jahren geleitet wird, fallen die soge­nannten gutnach­bar­liche Bezie­hungen in den Bereich unrea­lis­ti­scher Wünsche.

Dieser Beitrag erschien zeurst bei VOKATIV.HR, unserem Partner in der ERUOPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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