Der Absturz von Smolensk und die „Indus­trie der Verachtung“

Tusk und Putin, Smolensk · Bildquelle: Visegrád Post / KPRM

Am 10. April 2010 forderte der Absturz des polni­schen Präsi­den­ten­flug­zeugs am Rande von Smolensk (West­russ­land) das Leben von 96 Mitglie­dern der polni­schen Elite, darunter Präsi­dent Lech Kaczyński und seine Frau Maria. Diese offi­zi­elle Dele­ga­tion war auf dem Weg nach Russ­land, um dort den Opfern des Massa­kers von Katyn die Ehre zu erweisen.

Zu sagen, dass die libe­rale Regie­rung von Donald Tusk (an der Macht zwischen 2007 und 2015) in den Monaten und Jahren nach der Kata­strophe ihre Pflichten vergessen hat, stellt noch die diplo­ma­tischste aller Unter­trei­bungen dar. Unter­su­chungen von zwei­fel­hafter Glaub­wür­dig­keit, die Unmög­lich­keit, das Wrack des Flug­zeugs zu bergen, die Schän­dung der Leichen der Opfer, die Lügen, Mani­pu­la­tionen, kompro­mit­tie­renden Aufnahmen und Fotos usw.: Es würde Stunden dauern, um alle Elemente aufzu­zählen, die dieses heikle Thema in der Schwebe halten. Doch das ist nicht das Thema dieses Artikels.

Am Tag der Tragödie war klar, dass nichts mehr so sein würde, wie es einmal war. Es gab eine noch nie dage­we­sene Pause im Eifer zwischen dem „Pro“- und dem „Anti“-Kaczyński-Lager. In der Tat ist anzu­merken, dass die Zeit der Präsi­dent­schaft Lech Kaczyńskis (2005–2010) nicht nur von einem schwie­rigen Zusam­men­leben auf poli­ti­scher Ebene geprägt war, sondern auch von dem, was der polni­sche Jour­na­list Sławomir Kmiecek als „Indus­trie der Verach­tung“ bezeichnet, die sich gegen das Staats­ober­haupt, seinen Zwil­lings­bruder Jarosław, poli­ti­sche Persön­lich­keiten, die mit der Partei Recht und Gerech­tig­keit (PiS) verbunden sind, sowie gegen deren Wähler­schaft richtete.

Adam Michnik, der Chef­re­dak­teur der Zeitung Gazeta Wyborza, bezeich­nete die Regie­rung Jarosław Kaczyńskis 2006 als eine „Vari­ante des Puti­nismus“. Im August 2008, nachdem Präsi­dent Lech Kaczyński von einer Reise nach Geor­gien zurück­ge­kehrt war, bei der er während seiner Auto­fahrt nach Tiflis Opfer eines Mord­ver­suchs wurde, machte der dama­lige Sejm­mar­schall und spätere Präsi­dent Bronisław Komo­rowski (der Tusk nahe steht) einen vernich­tenden Kommentar: „Nur ein blinder Scharf­schütze verfehlt sein Ziel auf 30 Meter (…) So ein Präsi­dent, so ein Anschlag“. Der ehema­lige polni­sche Präsi­dent Lech Wałęsa sagte damals: „Wir haben einen Schwach­kopf als Präsi­denten“. Radosław Sikorski, der künf­tige Marschall des Sejm, behaup­tete seiner­seits, dass er und seine Leute „die Wölfe fertig machen“ würden, während Minis­ter­prä­si­dent Donald Tusk verkün­dete, dass er den Präsi­denten „nicht brauche“, als sein Büro dem letz­teren ein Flug­zeug nach Brüssel verwei­gerte.

Die Belei­di­gungen, die gegen die Brüder Kaczyński verwendet wurden, über­schritten oft die Grenzen des Anstands. Bei der Präsen­ta­tion seines Buches „Die Indus­trie der Verach­tung 2“ (Prze­mysł pogardy 2) listete Sławomir Kmiecik eine lange Reihe von Belei­di­gungen auf, die zwischen 2005 und 2013 in den Medien, im Radio oder im Fern­sehen gegen Lech und Jarosław Kaczyński ausge­spro­chen wurden. Unter diesen Schimpf­wör­tern nennt Kmiecik unter anderem „Nekro­philer“, „Satan“, „Psycho­path“, „erbärm­li­cher Armleuchter“, „patho­lo­gi­scher Mörder“, „Henker“, „Analphabet“, „Gangster“, „Bettelzwerg“. Diese Liste ließe sich endlos fort­setzen, und sie enthält viele Begriffe, die einer Über­set­zung nicht würdig sind. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass diese Angriffe nicht aus anonymen Kommen­taren im Internet stammen. Das sind alles Phrasen, die von Minis­tern, Abge­ord­neten, Promi­nenten, … gespro­chen wurden.

Die PiS-Führer waren nicht die einzigen, die solchen geschmack­losen Angriffen ausge­setzt wurden. Konser­va­tive Wähler wurden regel­mäßig als „PiSsoirs“, „PiSseurs“ oder sogar „Kaczisten“ bezeichnet. Die Bürger­platt­form (PO) hatte einen Einfluss auf die öffent­liche Meinung, von dem die derzei­tige polni­sche Regie­rung nur träumen kann. In der Tat genoss die PO die Unter­stüt­zung fast aller polni­schen und auslän­di­schen Medien, von der gemä­ßigten Linken bis zu den post­kom­mu­nis­ti­schen Kräften, der Popkultur- und der Unter­hal­tungs­szene sowie der meisten Direk­toren von Univer­si­täten [Z.Krasnodębski, Wielkie speł­nienie czyli post­li­be­ra­lizm po polsku, „Rzeczy Wspólne“ 2012, Nr. 7.] Die Kritik an den „Kaczoren“ (ein abwer­tender Begriff, der sich auf den Nach­namen des verstor­benen Präsi­denten und seines Bruders bezieht und „häss­li­ches Entlein“ bedeutet) war zu einer Art Visi­ten­karte geworden, um als Teil der Elite zu gelten. Die PO hatte auch den poli­tisch-medialen Main­stream der EU auf ihrer Seite – ebenso Berlin und Moskau.

Als am 10. April 2010 das Flug­zeug des Präsi­denten in hunderten von Teilen ohne einen einzigen Über­le­benden abstürzte, schien das Kriegs­beil endgültig begraben zu sein. Tausende von Menschen mit den unter­schied­lichsten poli­ti­schen Anschau­ungen gingen in Warschau auf die Straße, um gemeinsam, in würde­vollem Schweigen und ohne Rück­sicht auf ihre Diffe­renzen, den Toten die letzte Ehre zu erweisen. Es war schwer, vom Anblick der versam­melten Menschen­menge in den polni­schen Natio­nal­farben nicht bewegt zu sein. Sogar die erbit­tertsten poli­ti­schen Feinde des Präsi­den­ten­paares wurden auf den Straßen gesehen und waren traurig. Die Leute haben sich umarmt und geküsst. Zum ersten Mal schien das polni­sche Volk wirk­lich vereint zu sein. Einige waren sogar der Meinung, dass diese Tragödie viel­leicht der „Preis für die Eini­gung der Nation“ war. Adam Michnik (oben erwähnt) ging so weit, den verstor­benen Präsi­denten als einen „großen polni­schen Patrioten, einen groß­ar­tigen Menschen“ zu bezeichnen.

Dieser so bewe­gende und hoff­nungs­volle Moment war nur von kurzer Dauer. Tatsäch­lich dauerte es nur drei Tage, bis die Atmo­sphäre der Einig­keit und Brüder­lich­keit einer radi­kalen Pola­ri­sie­rung wich. Noch am Tag der Tragödie erklärte der ehema­lige Außen­mi­nister Władysław Bart­o­szewski: „In Wirk­lich­keit ist nichts Ernstes passiert.“ Ein paar Tage später setzte er noch eins drauf und sagte: „In 50 Jahren wird sich niemand mehr daran erin­nern“. Diese Aussagen wurden erst einen Monat später in der Presse veröffentlicht.

Im Mai 2010 sprach Janusz Palikot, ein ehema­liges PO-Mitglied und Führer der ultra­li­be­ralen Palikot-Bewe­gung (Ruch Pali­kota), über „sein Lieb­lings-Koch­re­zept, Ente (poln. „kaczka“, in Anleh­nung an den Namen des verstor­benen Präsi­denten) in Smoleńsk mit Bloody Mary (in Anleh­nung an den Vornamen der verstor­benen First Lady, Maria)“. Palikot behaup­tete wieder­holt, dass die Kata­strophe von Smolensk durch die „Dumm­heit, Rück­sichts­lo­sig­keit, Arro­ganz und das Ego“ des verstor­benen Präsi­denten verur­sacht wurde. Bevor er hinzu­fügte, dass „Lech Kaczyński das Blut der Absturz­opfer an seinen Händen hat“ [S.Kmicek, Prze­mysł pogardy, Bd. I, S.302.].

Die Polen, die sich am zehnten Tag eines jeden Monats versam­melten, um den Opfern der Kata­strophe die Ehre zu erweisen und die zwei­fel­haften Schluss­fol­ge­rungen der russi­schen und polni­schen Unter­su­chungs­kom­mis­sionen (bekannt als MAK-Bericht und Miller-Kommis­sion) zurück­wiesen, wurden schnell lächer­lich gemacht und unter anderem als „Smolensk-Sekte“ oder „Heilige Kirche von Smolensk“ bezeichnet.

Der der Gazeta Wyborcza nahe­ste­hende Schrift­steller Andrzej Stasiuk nannte einen seiner Schaf­böcke „Smoleńsk“ und eines seiner Schafe „Smoleńsk2“ und erklärte, dass dies seine Art sei, der Kata­strophe zu gedenken [A. Stasiuk im Gespräch mit D. Wodecka, Poszukaj synku sam, Magazyn Gazety Wybor­czej, 07–09.04.2012]. Es ist anzu­merken, dass in der polni­schen Sprache das Wort „Schaf“ (baran) als Belei­di­gung für eine Person verwendet wird, die als dumm ange­sehen wird.

Der polni­sche Bier­pro­du­zent Lech löste im Sommer 2010 eine Kontro­verse aus, nachdem er am Forum-Hotel gegen­über dem Wawel-Schloss in Krakau (wo Präsi­dent Kaczyński begraben wurde) eine riesige Plakat­wand mit dem Slogan „Durstig nach Sensa­tionen? Lech kalt!“ Der Begriff „kalt“ kann im Polni­schen als „kalt­ge­macht“ inter­pre­tiert werden. Die links­ra­di­kale Femi­nistin Magda­lena Środa kommen­tierte die Kontro­verse wie folgt: „Das ist sehr gut. Lech Kaczyński hat bekommen, was er verdient. Weder er noch seine Partei haben jemals gegen die sexis­ti­sche Werbung protes­tiert, die in Polen alltäg­lich ist. So wurde er zu Recht bestraft“ [M.Narbutt, Wszystko dozwo­lone: mrożący chłód krypty, „Rzecz­pos­po­lita“, 31.07.2010].

Die riesige Werbung für den „kalt­ge­machten Lech“ erschien einige Wochen nach der Kata­strophe von Smolensk, ein paar hundert Meter vom Wawel-Schloss entfernt, wo Lech Kaczyński und seine Frau begraben wurden.

An den Orten, an denen Menschen kamen, um dem Präsi­den­ten­paar ihre Aufwar­tung zu machen, traten einige Leute die Kerzen und Blumen, die auf den Boden gestellt wurden. Manchmal urinierten Menschen auf dieselben Objekte. Menschen, die sich vor dem Präsi­den­ten­pa­last versam­melten, um zu beten oder einfach nur um ihre Aufwar­tung zu machen, wurden provo­ziert, belei­digt und herum­ge­schubst. Wenn man es wagt zu sagen, dass die dama­lige Regie­rung nicht direkt an diesem Fest der Vulga­rität betei­ligt war, so ist es unbe­streitbar, dass sie dies geschehen ließ.

Am 19. Oktober 2010 brach das ehema­lige PO-Mitglied Ryszard Cyba, bewaffnet mit einer Pistole, einem Messer und einem Taser, in das PiS-Büro in der Stadt Łódź ein. Dort tötete er ein sech­zig­jäh­riges PiS-Mitglied und verletzte einen weiteren dort anwe­senden Mann schwer. Cyba gab später zu, dass er mit dem Ziel gekommen war, Jarosław Kaczyński zu ermorden.

Lassen Sie uns zum Schluss das Wort an Professor Alek­sander Dugin geben, einen der führenden Intel­lek­tu­ellen im zeit­ge­nös­si­schen Russ­land. Vier Tage nach dem Absturz von Smolensk erklärte Dugin in einem Inter­view mit dem Nach­rich­ten­portal Nakunune.ru, der Besuch Lech Kaczyńskis in Katyń sei „ein Akt der Aggres­sion gegen Russ­land (…), der darauf abzielt, die prowest­li­chen, katho­li­schen und russ­land­feind­li­chen Kräfte der Polen zu schüren.“ „Jeder, der nach Russ­land kommt und dem Image des Landes schaden will, wird sterben“, fügte er hinzu. Abschlie­ßend erklärte er, der Absturz des Präsi­den­ten­flug­zeugs sei „eine imma­nente Bekun­dung der Gerech­tig­keit (…) und die Kräfte, die das Flug­zeug getroffen haben, sind nicht zum Lachen da (…)“ [A. Dugin, za T. Świę­co­wicz, Zły duch cara Putina, „Gazeta Polska“, 02.04.2014].

Die oben genannten Beispiele stellen nur einen winzigen Teil dieser „Indus­trie der Verach­tung“ dar, die weiterhin den Austausch von Meinungen und Argu­menten in einer Atmo­sphäre des gegen­sei­tigen Respekts zwischen den Bürgern erschwert, egal ob es um den Absturz von Smolensk oder um irgendein anderes pola­ri­sie­rendes Thema geht.

 

Sébas­tien Meuwissen ist ein belgisch-polni­scher Jour­na­list und Absol­vent des Insti­tuts für Höhere Studien für soziale Kommu­ni­ka­tion in Brüssel sowie der katho­li­schen Univer­sität von Louvain-la-Neuve. Korre­spon­dent von verschie­denen Medien für Mittel­eu­ropa arbeitet er derzeit als Jour­na­list für den unga­ri­schen Pure-Player Stand for Chris­tians (S4C).


Dieser Beitrag etrschien zuerst bei der VISEGRÁD POST, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


2 Kommentare

  1. Warum sollen die Schluß­fol­ge­rungen des MAK Berichtes zwei­fel­haft sein, wenn die Sache doch tech­nisch sehr klar ist. Ich zitiere aus dem Artikel von Luft­hansa Pilot Peter Haisenko vom Januar 2011:

    Was ist passiert und wer hätte es verhin­dern können? Zunächst fällt von Anfang an auf, dass an der Absturz­stelle kein nennens­wertes Feuer entstanden ist. Das deutet darauf hin, dass die TU 154 „trocken“ war. Das heißt, sie hatte kaum noch Treib­stoff an Bord. Auch die eindeu­tige Ansage des Kapi­täns an den Tower Smolensk, dass er jetzt unbe­dingt landen müsse, bestä­tigt diese prekäre Situation.

    Dieser Umstand ist der einzige, der rätsel­haft erscheinen muss. Die TU 154 ist ein seit Jahr­zehnten bewährtes Mittel­stre­cken­flug­zeug, das bei der kurzen Strecke von Warschau nach Smolensk über­haupt keine Probleme mit der Treib­stoff­menge haben dürfte.

    Die Wetter­be­din­gungen in Smolensk waren vor dem Abflug bekannt und es ist voll­kommen unver­ständ­lich, warum der Kapitän so wenig Treib­stoff an Bord genommen hat. Die Bela­dungs­si­tua­tion dieses Fluges schließt aus, dass aus tech­ni­schen Gründen nur so wenig Treib­stoff an Bord war. Mit etwa 100 Passa­gieren war die TU 154 nur knapp halb ausgelastet.

    Die einzig mögliche Erklä­rung könnte sein, dass der Kapitän unter extremem Zeit­druck handeln musste und deswegen auf eine ange­mes­sene Betan­kung verzichtet hat. Nach inter­na­tio­nalen Stan­dards – auch polni­schen – hätte er soviel Kerosin aufnehmen müssen, dass er ohne Probleme Smolensk errei­chen kann, dort einige Anflüge durch­führt und dann noch Sprit übrig hat, um zwei weitere Ausweich­flug­häfen zu errei­chen. Diesen Sprit hatte er nicht und er befand sich offen­sicht­lich in einer verzwei­felten Situa­tion. Er musste in Smolensk landen, obwohl das die Wetter­lage für sein Flug­zeug verbot.

    Zitat Ende. Der gesamte Artikel ist lesens­wert. Auf polni­scher Seite wurden schwere Fehler gemacht.

    www.anderweltonline.com/wissenschaft-und-technik/luftfahrt-vor-2013/smolensk-katyn-ein-absturz-wie-aus-dem-lehrbuch/

  2. Da ich die polni­sche Innen­po­litik seit vielen Jahren verfolge, war mir das meiste von den Kontro­versen um die Kaczynski-Brüder schon bekannt – ach ja, am Tage des Flug­zeug­ab­sturzes von Smolensk war ich zufällig in Polen und habe die ersten Meldungen in einem Restau­rant am Radio mitverfolgt.
    Wir Deut­schen haben keine beson­dere Ursache, den Kaczynski-Brüdern beson­ders wohl­zu­wollen: ihr anti­deut­scher Affekt ist sattsam bekannt, und sie scheuten sich und der über­le­bende Zwil­ling scheut sich bis heute nicht, mit latentem anti­deut­schen Chau­vi­nismus Innen­po­litik zu machen. Zum Glück klappt das heut­zu­tage nicht mehr so wie noch vor ein paar Dezennien.
    Über­dies ist die PiS-Partei nur nach außen hin national und christ­lich: sie ziehen die Great Reset- und Corona- genda genauso zerstö­re­risch und unbarm­herzig durch wie Merkel, es sind Mario­netten der Globa­listen, die vorläufig noch die natio­nale Karte spielen, um Stimmen der Doofen zu fangen.
    An dem Hass zwischen Russen und Polen wird sich nie was ändern, er ist seit hunderten von Jahren histo­risch verwur­zelt und sozu­sagen Teil der jewei­ligen Nationalkultur.

    15
    1

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here