Der Zivil­fa­schismus und seine Ziele – Frank­furter Schule | Teil 2

Protagonisten der Ersten Marxistischen Arbeitswoche in Geraberg 192 Georg Lukàcs (Mitte) neben Richard Sorge & Felix Weil (rechts stehend) Unknown author / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Der zivile Faschismus und seine Ziele
Eine Serie von Fried­rich P. Ost

Teil 2 – Die frühen Jahre der Frankfurter Schule: Vordenker und Konzep­tionen

In jene Krise marxis­ti­scher Ideo­logie nach dem Großen Krieg fiel im Jahr 1923 die von Felix Weil orga­ni­sierte „Erste Marxis­ti­sche Arbeits­woche Deutsch­lands“ in Geraberg, Thüringen, um von knapp zwei Dutzend linken Ideo­logen Auswege aus besagter marxis­ti­scher Sack­gasse finden zu lassen. An der Zusam­men­kunft nahmen neben den Initia­toren Felix Weil und Karl Korsch auch Fried­rich Pollock, der spätere Meis­ter­spion Richard Sorge, wie auch der berühmt berüch­tigte Ungar aus reichem Haus, Georg Lukács, teil. Felix Weil erhoffte sich von den Teil­neh­mern des Theo­rie­se­mi­nars wich­tige Anre­gungen für sein Projekt eines „Insti­tuts für Marxismus“ in Frank­furt jenseits des bürger­li­chen Wissen­schafts­be­triebes. Sein Vater, der Multi­mil­lionär Herman Weil und größte Getrei­de­händler seiner Zeit, trat als Mäzen für die Stif­tung des neuen Insti­tuts auf, welches im Jahr 1923 gegründet und an die Johann Wolf­gang Goethe-Univer­sität ange­schlossen wurde.

Es bleibt unklar, ob der Auslöser jener vermeint­li­chen „Phil­an­thropie“ Hermann Weils von den Aussichten auf den beson­deren Getrei­de­handel dieser Jahre zwischen der umkämpften Ukraine und dem Westen mitbe­ein­flusst war: Nachdem die Sowjet­union seit 1922 über eine durch Gold­rubel gedeckte Währung verfügte und ab dem Jahr 1925 mit Nach­druck auf rasche Indus­tria­li­sie­rung drängte, wurde vom Westen gegen­über der Sowjet­union die soge­nannte Gold­blo­ckade verhängt: Der von Groß­bri­tan­nien im Jahr 1925 verhängte Gold Stan­dard Act unter­sagte der Bank von England die Annahme jegli­cher Gold­rubel, die nach 1914 emit­tiert worden waren. Nur (gestoh­lenes) Zaren­gold schien akzep­tabel. Konse­quen­ter­weise wurde vom Westen als exklu­sives Zahlungs­mittel für die von der Sowjet­union drin­gend benö­tigten Indus­trie­güter auf Natur­pro­dukte, wie Öl, Holz oder Getreide (!) bestanden, was Stalin in eine Zwangs­lage brachte und der Ukraine in den drei­ßiger Jahren rund sechs Millionen Hunger­tote bescherte, doch mitver­schuldet durch eine ‚Politik‘ der west­li­chen Werte­ge­mein­schaft, die man erst voll und ganz versteht, wenn man an die Hunger­blo­ckade der Alli­ierten gegen die Mittel­mächte nach (!) dem 1. Welt­krieg denkt. Es ist nur verständ­lich, dass west­li­chen Staats­his­to­ri­kern das bewährte Verdrehen bzw. Weglassen der ganzen Hinter­gründe rund um den ukrai­ni­schen „Blut­weizen“ stets ein beson­deres Anliegen blieb.

Um die Absichten hinter der Frank­furter Insti­tuts­grün­dung besser zu verbergen, wurde die Einrich­tung in Institut für Sozi­al­for­schung (IfS) umbe­nannt und später nur noch unter dem noch unver­fäng­li­cher klin­genden Synonym „Frank­furter Schule“ behan­delt. Die Täuschung war perfekt, nachdem Felix Weil von staat­li­cher Seite auch die Aner­ken­nung des Insti­tuts im Rang einer staat­li­chen Univer­sität samt Anspruch auf staat­lich aner­kannte Professur durch­setzen konnte. Carl Grün­berg, der bekannte Begründer des Austromar­xismus, wurde zum ersten Leiter des Insti­tuts bestellt. Er bemühte sich, den drin­genden Wünschen des Marx-Engels-Insti­tuts aus Moskau nach­zu­kommen, um den bolsche­wis­ti­schen Genossen Zugang zum Nach­lass von Marx und Engels, der sich zu jener Zeit noch ausschließ­lich in Deutsch­land befand, zu ermög­li­chen. Denn auch die Sowjets standen unter Druck, um die Unge­reimt­heiten zwischen den Theo­rien von Karl Marx und dem ange­wandten Leni­nismus kreativ zu kitten: Dazu wurden von Moskau die Kopien der Origi­nal­schriften von Marx und Engels aus Deutsch­land drin­gend benö­tigt.


Gebäude des IfS 1924 in Frank­furt: Von einem Archi­tekten, der
1932 der NSDAP beitrat, und privat finan­ziert von einem Millionär

Carl Grün­berg musste nach einem Schlag­an­fall die Leitung des Insti­tuts im Jahr 1929 an Max Hork­heimer abtreten, der nach den behut­samen Anfängen des Insti­tuts jetzt zur Imple­men­tie­rung des finalen Bildungs­auf­trags der Frank­furter Schule schritt. Hork­heimer ließ sich dies­be­züg­lich von den heraus­ra­genden Vorden­kern der reak­tio­nären Linken vom Schlage eines Georg Lukács und Antonio Gramsci maßgeb­lich leiten:

Georg Lukács (1885–1971), reicher Abkömm­ling aus dem Haus eines unga­ri­schen Bankiers, dem die Zerstö­rung abend­län­di­scher Kultur ganz beson­ders am Herzen lag, konnte als ehema­liger Stell­ver­tre­tender Kommissar für Kultur und Erzie­hung unter dem bolsche­wis­ti­schen Regime von Bela Kun (Geburts­name Ábel Kohn) bereits auf einschlä­gige Erfah­rungen für Umer­zie­hung aus dem Jahr 1919 in Ungarn zurück­bli­cken. Seine Repres­sa­lien, die unter dem Terminus „Kultur-Terro­rismus“ in die Geschichts­bü­cher eingingen, stellten eine Art Schock­the­rapie zur Werte­ver­keh­rung dar. Seine Methoden sind als die Vorläufer der „Poli­ti­schen Korrekt­heit“ unserer Tage anzu­sehen. Sexu­alu­mer­zie­hungs­pro­gramme an Schulen unter Lukács zielten auf die Zerstö­rung fami­liärer Werte, ähnlich dem Bildungs­auf­trag, der erst Jahr­zehnte später unter dem Begriff „Gender Main­strea­ming“ (GM) auch welt­weit in Erschei­nung trat. Schüler wurden indok­tri­niert, die Auto­rität der Familie und Kirche in Frage zu stellen und sich auf ein Leben ohne Bindungen in Promis­kuität und Perver­sion einzu­stellen. Die weib­li­chen Vertreter wurden gegen vermeint­liche Unter­drü­ckung durch die bewährte Ordnung und gegen das Eingehen von Fami­li­en­bin­dungen aufge­sta­chelt.

Nach dem Sturz des Bela Kun-Regimes im selben Jahr verschlug es Lukács nach Wien, wo er auf den konge­nialen Vordenker namens Antonio Gramsci höchst­per­sön­lich stieß. Lukács stand in Diensten des Komin­tern und wirkte im Jahr 1922 im Auftrag von Lenin an einem Stra­te­gie­se­minar des Marx-Engels-Insti­tuts in Moskau mit, dessen Ergeb­nisse in den finalen Bildungs­auf­trag der Frank­furter Schule einfließen sollten: Die Maßnahmen sahen vor, defä­tis­tisch einge­stellte Intel­lek­tu­elle die abend­län­di­sche Kultur perver­tieren zu lassen und die Theo­rien von Sigmund Freud kultur­fa­schis­tisch verdreht mit denen von Karl Marx zu kreuzen, um sexu­elle Verir­rungen zu beför­dern und ein anar­chis­ti­sches Klima zu schüren. Das Resultat war ganz nach dem Geschmack von Georg Lukács, dem die radi­kalsten Mittel gerade recht erschienen, solange sie maxi­malen Effekt, das heißt die voll­stän­dige Zerstö­rung der abend­län­di­schen Kultur verspra­chen.

In seinem Buch Geschichte und Klas­sen­be­wusst­sein unter­streicht Lukács die Wich­tig­keit einer kultu­rellen Revo­lu­tion: „Eine Werte­um­kehr im globalen Maßstab bedarf zuerst der Vernich­tung der alten Werte und Schaf­fung der neuen durch Revo­lu­tio­näre. Er forderte abso­lute Kompro­miss- und Skru­pel­lo­sig­keit im Kampf gegen reli­giöse oder christ­liche Werte und eine Absage an jede Moral. Für Lukács zählte, frei nach Nietz­sche, das Recht des Stär­keren. Der Zweck „Kultur­zer­stö­rung“ heiligte für ihn jedes Mittel. Er schrieb:

„Die Preis­gabe der Einzig­ar­tig­keit der Seele löst das Problem, um die diabo­li­schen Kräfte frei­zu­setzen, welche in all der benö­tigten Gewalt verborgen liegen, um eine Revo­lu­tion zu entfa­chen… Jede poli­ti­sche Bewe­gung, welche imstande ist den Bolsche­wismus in den Westen zu bringen hat ‚dämo­nisch‘ zu sein“. Darüber stand sein Leit­satz, der lautete: Die Frage ist: Wer befreit uns vom Joch der west­li­chen Kultur?“

Lukács schlug im Vorfeld zur Grün­dung der Frank­furter Schule vor, „Kultur Pessi­mismus“ in den Bildungs­auf­trag des Insti­tuts aufnehmen zu lassen, um Hoff­nungs­lo­sig­keit und Entfrem­dung in der Gesell­schaft und revo­lu­tio­näre Stim­mungen unter den Massen anzu­heizen. Die „dämo­ni­schen“ Ratschläge eines Georg Lukács sollten nicht uner­hört bleiben und vom IfS unter Hork­heimer schon bald ihre Umset­zung erfahren.

Antonio Fran­cesco Gramsci (1891–1937) – Autor, Poli­tiker und Grün­dungs­mit­glied der Kommu­nis­ti­schen Partei Italiens – gilt als einer der bedeu­tendsten Ideo­logen marxis­ti­scher Theo­rien, der seine Arbeiten als „Kriti­sche Theorie“ verstand. Auf Gramsci geht die bekannte Parole der 68er Bewe­gung zurück, welche zum „Marsch durch die Insti­tu­tionen“ aufruft,  um im Nach­gang die abend­län­di­sche Kultur auf den Kopf zu stellen. Nach einem Aufent­halt in der Sowjet­union wurde Gramsci schnell klar, dass die höher indus­tria­li­sierten Gesell­schaften Mittel­eu­ropas im Vergleich zu Russ­land verfei­nerter Methoden bedurften. Gramsci erkannte, dass die breite Bevöl­ke­rung der Kultur ihrer Vorfahren und den reli­giösen Werten der Kirche noch zu stark verhaftet geblieben war, wogegen er eine soge­nannte „kultu­relle Hege­monie“ verord­nete, um solcherart die vom Volk als natür­lich empfun­denen Tradi­tionen und Normen endgültig auszu­lö­schen. Gramsci forderte, alle wich­tigen Kultur- und Bildungs­ein­rich­tungen sowie alle wich­tigen Medien mit linken Intel­lek­tu­ellen besetzen und darüber die Massen indok­tri­nieren zu lassen. Schulen und Univer­si­täten sowie Massen­me­dien und Kunst hätten das alte Denken durch das neue, revo­lu­tio­näre Gedan­kengut zu ersetzen. Gramsci schrieb:

„Sozia­lismus ist exakt die Reli­gion, die das Chris­tentum über­wäl­tigen muss… in der neuen Ordnung,  wird der Sozia­lismus trium­phieren und über Schulen, Univer­si­täten, Kirchen und die Medien zuerst die Kultur okku­pieren und dann das Bewusst­sein der Gesell­schaft trans­for­mieren.“

Im Gegen­satz zu Marx und Lenin, die Kultur im Vergleich zur Wirt­schaft und Politik als nur unter­ge­ordnet erach­teten, war Gramsci der Meinung, dass wirt­schaft­liche und poli­ti­sche Macht nur über eine umfas­sende kultu­relle Unter­wan­de­rung lang­fristig zu sichern sei.

Antonio Gram­scis Leben endete tragisch, nachdem er im Jahr 1926 verhaftet und vor ein Gericht gestellt wurde. Sein Richter forderte: „Wir müssen dieses Hirn für 20 Jahre abschalten zu funk­tio­nieren“, was Gramsci jedoch nicht daran hindern sollte, vom Gefängnis aus 30 Notiz­bü­cher und über 3000 Seiten mit italie­ni­scher Geschichte, diversen philo­so­phi­schen Themen sowie seinen Kriti­schen Theo­rien zu füllen, die als Gefängnis-Notiz­bü­cher Bekannt­heit erlangten. Schwerste gesund­heit­liche Kompli­ka­tionen führten zu Gram­scis vorzei­tiger Entlas­sung, die er 46-jährig jedoch nur wenige Tage über­lebte.

Fort­set­zung folgt:

Der Zivil­fa­schismus der Frank­furter Schule – Teil 3

- „Kulturm­ar­xismus oder Kultur­fa­schismus?“ – das ist die Frage

- Die Zivilen Faschisten: Die Toten­gräber des Abend­landes

Zum Autor: Fried­rich P. Ost ist diplo­mierter Wirt­schafts­ex­perte und beschäf­tigt sich mit Fragen der Politik und Zeit­ge­schichte. Er ist Autor zahl­rei­cher Publi­ka­tionen und Analysen über globale Entwick­lungen, Hinter­gründe sowie poli­ti­sche Trends.

 

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