Die Foibe-Massaker und die verges­senen Toten

Zwei der Opfer: Norma Cossetto und Francesco Bonifacio · Foto: El Correo de España

Von Alvaro Peñas *

Im August letzten Jahres wurden die sterb­li­chen Über­reste von 250 Personen, darunter 100 Minder­jäh­rige im Alter von 15–17 Jahren, in einer Foiba in Slowe­nien entdeckt. Ein neues Verbre­chen, das zu dem hinzu­kommt, was kollektiv als „Foibe-Massaker“ bezeichnet wird. Foibas (italie­nisch: Foibe) sind Abgründe rund um die Stadt Triest und an der ehema­ligen Grenze Italiens zu Jugo­sla­wien. Allein im Gebiet Istriens gibt es mehr als 1.700 von ihnen, einige sind bis zu 200 Meter tief. Aus diesem Grund werden auch heute noch immer wieder neue Opfer gefunden.

Giorgia Meloni, die Vorsit­zende der Partei Fratelli d’Italia (Brüder Italiens), zeigte sich empört über diese makabre Entde­ckung und griff einen Teil der italie­ni­schen Linken an, der nach wie vor die Morde an Tausenden von Italie­nern durch die jugo­sla­wi­schen Kommu­nisten leugnet: „Jahre später konzen­trieren wir uns immer noch auf eine Tragödie, deren Seiten viele gerne aus den Geschichts­bü­chern heraus­reißen würden. Wir vergessen nicht.“

Istrien, Fiume und Dalma­tien wurden nach dem Ende des Ersten Welt­krieges an Italien ange­glie­dert. Es handelte sich um Gebiete, die von verschie­denen Volks­gruppen bewohnt wurden, aber mit italie­ni­scher Mehr­heit in Istrien und in Teilen Dalma­tiens. 1947 wurden sie mit der Unter­zeich­nung des Vertrags von Paris Jugo­sla­wien zuge­schlagen. Dies führte zu einer regel­rechten ethni­schen Säube­rung, dem so genannten istrisch-dalma­ti­ni­schen Exodus, bei dem etwa 300.000–350.000 Italiener aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Zum Beispiel hatte die Stadt Pula im Februar 1947 33.000 Einwohner, von denen 30.000 die Stadt verließen. Der Exodus begann jedoch bereits Ende 1943 nach den Massa­kern, die von den kommu­nis­ti­schen Parti­sanen des Marschalls Josip Broz „Tito“ an der italie­ni­schen Bevöl­ke­rung verübt wurden. Vier Jahre lang rich­teten die Parti­sanen zwischen 5.000 und 10.000 italie­ni­sche Zivi­listen unter dem Vorwand hin, sie seien „Anhänger“ des Faschismus, obwohl einige Histo­riker die Zahl auf bis zu 20.000 schätzen. Die Opfer wurden erschossen oder lebendig in die Gruben geworfen oder paar­weise gefes­selt, wobei nur auf eines geschossen, aber beide hinein­ge­worfen wurden. Dann wurde, einer alten slowe­ni­schen Tradi­tion folgend, ein Hund aufge­schlitzt und als eine Form der Verach­tung für die Toten eben­falls in den Abgrund geworfen.

Mensch­liche Über­reste in der im Sommer entdeckten Grube

Der Kalte Krieg machte das Foibe-Massaker zu einer unbe­quemen Ange­le­gen­heit. Titos Entschei­dung, Jugo­sla­wien aus dem Warschauer Pakt heraus­zu­halten, machte ihn in den Augen der West­mächte zu einem akzep­ta­blen Diktator. Andere Quellen spre­chen von einem Pakt der guten Nach­bar­schaft zwischen den beiden Ländern, um von ihnen keine Rechen­schaft für die während des Krieges began­genen Kriegs­ver­bre­chen verlangen zu müssen. Wie dem auch sei, die Foibe-Massaker wurden einfach „vergessen“. Schlimmer noch, der für die Morde verant­wort­liche Marschall Tito sollte am 2. Oktober 1969 aus den Händen des sozia­lis­ti­schen Präsi­denten Giuseppe Saragat den Verdienst­orden der Italie­ni­schen Repu­blik erhalten. Der Orden ist die höchste Auszeich­nung Italiens und wird auf Grund von „Verdiensten um die Nation“ verliehen. Eine Auszeich­nung, die trotz der Beschwerden der Fratelli d’Italia und der Lega Nord, die darin eine Demü­ti­gung für die Opfer sehen, bis heute noch nicht wider­rufen wurde.

Viele Jahre lang erin­nerten nur nost­al­gi­sche oder neofa­schis­ti­sche Gruppen an das Massaker. Erst im März 2004 wurde das Foibe-Massaker offi­ziell aner­kannt. In diesem Jahr rief das italie­ni­sche Parla­ment unter der Regie­rung von Silvio Berlus­coni den 10. Februar als „Tag des Geden­kens“ ins Leben, um der Tragödie der Opfer des Foibe-Massa­kers und des istrisch-dalma­ti­ni­schen Exodus zu gedenken. Im folgenden Jahr lief im italie­ni­schen Fern­sehen RAI der Film Il Cuore nel Pozzo (Das Herz am Brunnen). Der Film, der die Geschichte von italie­ni­schen Kindern auf der Flucht vor Titos Parti­sanen erzählte, wurde von der italie­ni­schen Linken als „Propa­ganda“ gebrand­markt und vom slowe­ni­schen Außen­mi­nister Ivo Vajgl als Belei­di­gung und Provo­ka­tion bezei­chet. Im selben Jahr verlieh Italien posthum eine Medaille an Norma Cossetto, eine 23-jährige Studentin, deren Tod als emble­ma­tisch für das Foibe-Massaker gilt. Norma wurde inhaf­tiert, weil sie sich weigerte, mit jugo­sla­wi­schen Parti­sanen gegen ihre Lands­leute zusam­men­zu­ar­beiten. Sie wurde wieder­holt gefol­tert und verge­wal­tigt. Am 5. Oktober 1943 schnitten ihr die Parti­sanen die Brüste ab und warfen sie zusammen mit drei Dutzend anderen Italie­nern lebendig in eine Grube. Ihre sterb­li­chen Über­reste wurden eine Woche später von den Feuer­wehr­leuten in Pula aus der Grube exhu­miert, und einige ihrer Folter­knechte wurden von den Deut­schen verhaftet und erschossen. Ein weiterer bekannter Fall war der des katho­li­schen Pries­ters Fran­cesco Boni­facio, der am 11. September 1946 von „Anti­kom­mu­nisten“ getötet wurde. Er wurde von Volks­gar­disten verhaftet, zu Tode geprü­gelt und in eine Grube geworfen. Er wurde am 4. Oktober 2008 in Triest selig gesprochen.

Während des Krieges entdecktes Grab

Die Mehr­heit der italie­ni­schen Linken verur­teilte das Massaker der Foibe als einen Akt der ethni­schen Säube­rung. Bestimmte Sektoren, insbe­son­dere die Kommu­nisten, begannen jedoch bald, eine Mani­pu­la­tion histo­ri­scher Fakten durch die Rechte anzu­pran­gern und zu erwägen, dass der Gedenktag in Wirk­lich­keit ein Versuch war, den Anti­fa­schismus zu krimi­na­li­sieren. Dies hat zur Verbrei­tung von Theo­rien geführt, die entweder die Ereig­nisse demen­tieren oder sogar die Morde als Reak­tion auf die von den Faschisten began­genen Verbre­chen recht­fer­tigen wollen. Einige Histo­riker haben die Zahl der Opfer auf unter 3.000 Personen herun­ter­ge­rechnet und darauf hinge­wiesen, dass alle von ihnen Soldaten, Kolla­bo­ra­teure und Mitglieder der faschis­ti­schen Unter­drü­ckungs­kräfte waren, was aller­dings durch die Funde von zahl­rei­chen Frauen- und Kinder­lei­chen in den Gräbern wider­legt wird. Die extreme Linke hat sogar ihren eigenen Kreuzzug gegen das Gedenken gestartet, und es finden weiterhin Vanda­lis­mus­akte gegen die Denk­mäler zu Ehren der Opfer statt.

Ein von den Kommu­nisten geschän­detes Denkmal für die Opfer

Ende 2018 erschien mit dem Film „Rotes Land“ (Rossa Istria) des italie­nisch-argen­ti­ni­schen Regis­seurs Hernando Bruno ein neuer Bericht über die Gescheh­nisse während der Foibe-Massaker. Der Film gewann einen Preis bei den Film­fest­spielen von Venedig und wurde gut aufge­nommen, obwohl er sich dem Vorwurf des Revi­sio­nismus und Faschismus nicht entziehen konnte und in den italie­ni­schen Medien nur sehr wenig Beach­tung fand. Der dama­lige Innen­mi­nister Matteo Salvini ermu­tigte die Menschen, den Film anzu­sehen: „Jahr­zehn­te­lang haben linke Poli­tiker und Intel­lek­tu­elle alles getan, um die Wahr­heit zu verbergen. Sehen Sie es sich an und erzählen Sie es anderen, damit dieje­nigen, die nur deshalb starben, weil sie Italiener waren, wenigs­tens in unserem Gedenken geehrt werden können“.

Die Opfer der Foibe-Massaker waren 60 Jahre in Verges­sen­heit und bleiben eine unbe­queme Erin­ne­rung für alle dieje­nigen, die versu­chen, die Geschichte nach ihren ideo­lo­gi­schen Dogmen neu zu schreiben. Die Opfer verdienen es, dass man sich ihrer erinnert.

Quelle: El Correo de España


*) Über den Autor:
Álvaro Peñas ist leiden­schaft­li­cher Geschichts­for­scher und einge­fleischter Reisender. Er kennt die Länder Osteu­ropas, in die er häufig reist, und ihre poli­ti­sche Situa­tion gut, dank seiner Freund­schaft mit Jour­na­listen und Poli­ti­kern der patrio­ti­schen Parteien in vielen dieser Länder.

 

1 Kommentar

  1. Die Foibe-Massaker sind ein weiterer Schand­fleck euro­pa­ei­scher, kommu­nis­tisch-faschis­ti­scher Gewalt-Geschichte. Den Opfern der Foibe-Massaker gebuehrt Gedenken des schreck­li­chen Leidens welches sie durch die kommu­nis­ti­schen yugo­sla­wi­schen Parti­sanen erlitten haben. Moegen ihre Seelen ruhen und uns solche schlimmen Ereig­nisse daran erin­nern, dass wir in Europa genug Massaker, begangen von Euro­paeern an Euro­pa­errn, hatten. Da brau­chen wir uns nicht erneut zu desta­bi­li­sieren bspw. durch den Import von Migranten aus islamis(tisch)en Laen­dern. Diese sind immer noch auf dem Niveau sich gegen­seitig abzu­schlachten (Schiiten/Suniten). Den Weg aus dieser Gewalt-Spirale muessen die selber finden!

    Den Foibe-Massa­kern ging in den 1920er u. 1930er Jahren eine rueck­sichts­lose Gross-Italie­ni­sche, faschis­ti­sche Politik zuvor: Abschaf­fung nicht­i­ta­lie­ni­scher Spra­chen (der deut­schen in Sued-Tirol, Gewalt­akte gegen Deut­sche in Sued-Tirol, der Bozner Blut­sonntag); Vertrei­bungen, Gewalt­akte gegen Kroaten, Slowenen (Istrien, Dalma­tien). Einen Ueber­blick der geschicht­li­chen Zusam­menha­enge fuer diese Teile Europas bietet u.a. die folgende Seite: 

    www.pi-news.net/2013/11/geschichte-sudtirols-5-brutale-faschistische-italianisierung-durch-ettore-tolomei/

    Festung Europa: Es gibt keine Alternative!

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