Die slowa­ki­sche Art, sich der Geschichte zu stellen

Außenminister Ivan Korčok · Quelle: YouTube/Europäischer Ausschuss der Regionen

Von István Krómer
 

Haben Sie gehört, dass sich die slowa­ki­sche Regie­rung für die beschä­menden Bestim­mungen der Beneš-Dekrete entschul­digt hat, die die grund­le­genden Menschen­rechte und Frei­heiten der Bürger unga­ri­scher und deut­scher Herkunft einschränken, und dass sie die Tragödie, die unschul­dige Opfer gefor­dert hat, zutiefst bedauert? Sie haben mich fast richtig verstanden.

Die Entschul­di­gung erfolgte in der Tat öffent­lich unter Verwen­dung der genannten Begriffe, nachdem die Regie­rung der Slowa­ki­schen Repu­blik sich mora­lisch verpflichtet fühlte, ihr Bedauern über das von der ehema­ligen Staats­macht began­gene Verbre­chen öffent­lich zum Ausdruck zu bringen. Das Verbre­chen, um das es hier geht, waren jedoch nicht die Beneš-Dekrete, sondern die Veröf­fent­li­chung des Codex Judaicus/Zidovsky kodex vor achtzig Jahren, die den Juden aufgrund ihrer „rassi­schen“ Iden­tität ihre Menschen- und Bürger­rechte vorent­hielt und es ihnen unmög­lich machte, sich zu bilden und ein freies gesell­schaft­li­ches Leben zu führen. So wie die Slowaken es vier Jahre später mit den unga­ri­schen und deut­schen Bürgern taten – jetzt im Wissen um die Tragödie der Juden.

Außerdem wurde die ethni­sche Säube­rung unter Benesch nicht gemäß einer impe­rialen ideo­lo­gi­schen Forde­rung durch­ge­führt, wie es unter dem slowa­ki­schen Mario­net­ten­staat Tiso der Fall war. Im Gegen­teil: 1945 erhielt die Tsche­cho­slo­wakei auf der Pots­damer Konfe­renz der Sieger­mächte trotz ihrer großen Bemü­hungen nicht das Mandat, die Ungarn in der Slowakei einseitig zu vertreiben, sondern nur die unga­risch-tsche­cho­slo­wa­ki­sche Bevöl­ke­rung auszu­tau­schen. Was damit nicht gelöst wurde, machten sie dadurch wett, dass sie die verblie­benen Ungarn zur Zwangs­ar­beit ins Sude­ten­land depor­tierten, ihnen den Gebrauch ihrer Mutter­sprache unter­sagten und ihre Schulen wegnahmen.

Unter Anwen­dung der hohen mora­li­schen Stan­dards der Erklä­rung der slowa­ki­schen Regie­rung zum jüdi­schen Kodex und unter Verwen­dung der Sprache dieser Erklä­rung können wir all dies zu Recht als Verbre­chen bezeichnen, wie es László Kövér, der Präsi­dent des unga­ri­schen Parla­ments, kürz­lich bei der Einwei­hung des Somorja-Denk­mals für die aufgrund der Beneš-Dekrete depor­tierten Ungarn und Deut­schen getan hat. „Die Entmün­di­gung, Demü­ti­gung und Vertrei­bung aus der Heimat ist noch immer eine unvoll­endete Geschichte in unserer Erin­ne­rung und eine offene Wunde in unserer Seele. Der gemein­same christ­liche Glaube der Ungarn und Slowaken und das gemein­same Schicksal Mittel­eu­ropas sowie das gemein­same Inter­esse unserer Staaten verpflichten uns alle, die offenen Wunden unserer gemein­samen Geschichte des 20. Jahr­hun­derts im 21. Jahr­hun­dert zu heilen.“

Aber in Erman­ge­lung eines gemein­samen Glau­bens, eines gemein­samen Schick­sals und eines gemein­samen Inter­esses haben die slowa­ki­schen Poli­tiker es bisher versäumt, die einfa­chen, aber klaren Worte zu spre­chen, die sie als ihre mora­li­sche Pflicht gegen­über den verfolgten Juden betrach­teten. Die wenig konfron­ta­tiven Worte des unga­ri­schen Präsi­denten lauteten: „Wir erwarten mit sanfter, aber uner­schüt­ter­li­cher Geduld Ihre Geste der Entschul­di­gung und Genug­tuung für die Verbre­chen, die an den Ungarn begangen wurden, um des Frie­dens willen für kommende Generationen“.

Der slowa­ki­sche Außen­po­li­tiker Ivan Korčok  reagierte darauf eher verär­gert und wies die Idee, dass einer der höchsten öffent­li­chen Würden­träger Ungarns „seine eigene Lesart der Geschichte in der Slowakei präsen­tiert“, entschieden zurück: „Wir erhalten ständig Botschaften und Vorträge aus Buda­pest über unsere gemein­same Geschichte.“ Bratis­lava seiner­seits hat das Buch der Vergan­gen­heit geschlossen, aber wenn Vertreter des unga­ri­schen Staates in der Öffent­lich­keit über Themen spre­chen, „die uns in das tragi­sche 20. Jahr­hun­dert zurück­ver­setzen, schürt das nur nega­tive Emotionen“.

Krisz­tián Forró, der Vorsit­zende der Unga­ri­schen Gemein­schafts­partei (MKP) im „Hoch­land“ (ung. Felvidék, ein Begriff, gegen den sich Korčok beson­ders vehe­ment wehrte), gab eine tref­fende Antwort, indem er sagte, dass dieses Kapitel der Vergan­gen­heit nicht einseitig abge­schlossen werden kann, da „der Schatten der kollek­tiven Schuld immer noch da ist, sogar auf unseren Kindern“. Die Vergan­gen­heit muss abge­schlossen werden, aber nicht, indem die strit­tigen Fragen unter den Teppich gekehrt werden. Denn nach den Worten von Péter Őry, Mitglied des MKP-Vorstands, wird das Anspre­chen unge­löster Probleme und das Aufbe­gehren gegen deren Unter­drü­ckung auch 2021 eine Provo­ka­tion für die slowa­ki­sche poli­ti­sche Elite darstellen.

György Gyimesi, ein unga­ri­scher Abge­ord­neter der führenden slowa­ki­schen Regie­rungs­partei OĽaNO, sagte, dass wir Ungarn an die gleiche mora­li­sche Genug­tuung denken, die den Juden zuteil wurde; oder den Deut­schen, bei denen sich das slowa­ki­sche Parla­ment in einer Entschlie­ßung entschul­digte. Norbert Hegedűs, ein Jour­na­list aus dem „Hoch­land“, sagte, eine Entschul­di­gung bei den verfolgten Ungarn sei längst über­fällig, koste nichts und sei eine wich­tige Geste. Die Tatsache, dass das slowa­ki­sche Parla­ment seit 1993 nicht in der Lage war, dies zu tun, ist ein Zeichen für die Klein­lich­keit der führenden Poli­tiker des Landes. László Bukov­szky, der Minder­hei­ten­be­auf­tragte der slowa­ki­schen Regie­rung, sagte, die slowa­ki­sche und die unga­ri­sche Regie­rung sollten eine Erklä­rung zur gegen­sei­tigen Versöh­nung verab­schieden, die seit mehr als zwei Jahr­zehnten aufge­schoben wurde. „Dieses Thema sollte auf eine profes­sio­nelle Basis gestellt werden. Lassen wir den Histo­ri­kern ihren Raum“, fügte er hinzu.

Es ist eine histo­ri­sche Tatsache, dass das Gesetz, das die Depor­ta­tion der slowa­ki­schen Juden am 15. Mai 1942 anord­nete, vom Parla­ment in Bratis­lava fast einstimmig verab­schiedet wurde. Nur ein Abge­ord­neter stimmte dagegen, Graf János Ester­házy, ein Vertreter der in der Slowakei verblie­benen unga­ri­schen Minder­heit, mit den Worten: „Als Ungar und Christ und als Katholik halte ich den Vorschlag für pietätlos und unmensch­lich“. Dieser Mann, der sich nicht 80 Jahre später, sondern zum Zeit­punkt der Entschei­dung mora­lisch verpflichtet fühlte, den Codex Judaicus zu verur­teilen, wird vom slowa­ki­schen Staat immer noch als Kriegs­ver­bre­cher betrachtet… Hier beginnt der profes­sio­nelle Diskurs.

Der Autor, István Krómer, ist Journalist.

Quelle: Magar Nemzet


2 Kommentare

  1. Ich als Ungar, bin in Bratis­lava in die Slowa­ki­sche Schule gegangen. Es waren bittere Jahre. Slowaken hatten im 1938, nach der Grün­dung des Slowa­ki­schen Staates gnade Hitlers, das erste mal in der Geschichte an die Mappe der Welt aufge­taucht ein Slogan gehabt.
    Tsche­chen zu Fuß nach Prag, Ungar über die Donau, Juden ins Donau.

    Die Slowaken sind sehr „unfreund­lich“ mit allen Nach­barn. Die Tsche­chen haben mit den auch die Nase voll. Ich weiß nicht warum, die Slowaken haben seit dem Sie als einheit­li­ches Volk exis­tieren über­haupt nichts auf den Tisch gelegt. 

    Die umbe­nennen die Namen der Unga­ri­schen, Deut­schen, Jüdi­schen Persön­lich­keiten, Histo­ri­schen Figuren und erfinden „Geschichten“ die Sie als Slowaken darstellt. Irrsin.
    Mir hat mal ein Slowake im München gesagt daß der Unga­ri­scher König István kein Magyar/Ungar war sondern er war ein UHORSKY König.
    Es kommt einem die Weih­nachts­ganz Hoch, aber wirklich.

  2. Wieder fehlt der poli­ti­sche Zusam­men­hang, vor allem fehlt der Hinweis darauf, daß die Slowakei sich im Krieg mit dem Kommu­nis­ti­schen Rußland befand. Die Russen hatten bereits 1941 fast alle Deut­schen mit Waffen­ge­walt aus ihren jahr­hun­der­talten Sied­lungs­ge­bieten depor­tiert. Aber das ist selbst­re­dend völlig unwichtig!

    Es ist ein Jammer, daß gerade von soge­nannten „Links­in­tel­lek­tu­ellen“ ganz bewußt im Kriege getrof­fene Entschei­dungen, die über Sieg oder Nieder­lage entschieden, mit poli­ti­schen Entschei­dungen der Nicht­kriegs­zeit, einer Frie­dens­zeit, vermengt werden. 

    Die Alli­ierten sind doch ange­treten, um Europa den Frieden zu bringen. Tatsäch­lich brachten sie Menschen­un­rechte, Rache und Unfrieden! Leider traut sich kaum ein Poli­tiker, dies deut­lich auszusprechen.

    Man sieht, ein Kongress zur Ausar­bei­tung eines Frie­dens­ver­trages mit allen 1945 kriegs­füh­renden Nationen ist zwin­gend nötig!

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