Die Union von Lublin oder die Geburt Polen-Litauens

Jan Matejko (1838-1893), Die Union von Lublin · Foto: Wikimedia

Polen und Litauen haben im Laufe ihrer Geschichte enge Bezie­hungen unter­halten. Dies war beson­ders im Mittel­alter der Fall. Es gab viele Konflikte zwischen den beiden Ländern. Doch trotz ihrer Diffe­renzen gelang es Polen und Litauern, sich zu einigen und eine mäch­tige Union zu schaffen: Polen-Litauen, die Rzecz­pos­po­lita.

Um den Ursprung dieser Schick­sals­ge­mein­schaft besser zu verstehen, lasst uns einen Blick auf den histo­ri­schen Hinter­grund werfen. Die Dynastie, die das König­reich Polen mit dem Groß­fürs­tentum Litauen vereinte, war die der Jagiel­lonen. Ihre Vertreter regierten im späten 15. und frühen 16. Jahr­hun­dert in Polen, Litauen, Ungarn und Böhmen.

Die Jagiel­lonen herrschten über ein Gebiet von mehr als 2 Millionen Quadrat­ki­lo­me­tern, was sie zu einer der mäch­tigsten Dynas­tien in Europa machte.

Die enge Zusam­men­ar­beit zwischen Polen und Litauen begann Ende des 14. Jahr­hun­derts. Bis dahin gerieten Polen und Litauer regel­mäßig anein­ander. Einer­seits war Polen damals (schon) eine Bastion des Katho­li­zismus, während die Litauer für ihre heid­ni­schen Tradi­tionen bekannt waren. Ande­rer­seits wurde die Unei­nig­keit zwischen den beiden Völkern durch ihr Streben nach der Kontrolle der Grenz­re­gionen Podla­chien, Maso­wien und Rotrut­he­nien  (heutiges Südost­polen) verschärft.

Am 14. August 1385 einigten sich Litauer und Polen und unter­zeich­neten die Union von Krewo. Dieses Ereignis stellte einen ersten Schritt dar, der sich für die kommenden Jahr­zehnte als entschei­dend erweisen sollte. Der Groß­fürst von Litauen Ladis­laus II. Jagiellon wurde getauft und zum König von Polen gekrönt. Der Zusam­men­schluss Polens und Litauens stärkte beide Nationen, die von ihrem Nach­barn, dem Deut­schen Orden, bedroht wurden. Die meisten Histo­riker der Region sind sich einig, dass es die Bedro­hung durch diesen gemein­samen Feind war, die die beiden Nationen dazu veran­lasste, diese stra­te­gi­sche Allianz zu bilden. Im Jahr 1410 zerschlug König Ladis­laus die Truppen des Deut­schen Ordens in einer der größten mittel­al­ter­li­chen Schlachten, der Schlacht bei Tannen­berg (polnisch Bitwa pod Grun­waldem). Nach diesem Triumph der polnisch-litaui­schen Truppen wurde am 2. August 1413 die Union von Horodło unter­zeichnet, die die Stär­kung der polnisch-litaui­schen Bezie­hungen bestätigte.

Erst andert­halb Jahr­hun­derte später verei­nigten sich Polen und Litauen anläss­lich der Unter­zeich­nung der Union von Lublin am 1. Juli 1569 zu einem einheit­li­chen Gebilde. Dieses Ereignis forma­li­sierte die Verei­ni­gung der beiden Staaten. Von diesem Moment an wurden das König­reich Polen (die Krone) und das Groß­fürs­tentum Litauen offi­ziell eins. In der Praxis bedeu­tete dies die Einrich­tung eines gemein­samen Parla­ments in Warschau. Von nun an sollte der König vom polni­schen und litaui­schen Adel gewählt werden und gleich­zeitig den Titel Groß­fürst von Litauen und König von Polen tragen.

Polen-Litauen hatte gemein­same Insti­tu­tionen, darunter ein Zwei­kam­mer­par­la­ment (in dem polni­sche und litaui­sche Sena­toren und Abge­ord­nete saßen), ein gemein­sames Wappen, eine gemein­same Währung und eine gemein­same Außen- und Vertei­di­gungs­po­litik. Die beiden nun verei­nigten Staaten behielten jedoch getrennte Verwal­tungs­struk­turen. Diese Unter­schei­dung betraf den Fiskus, die Armee und das Rechtssystem.

Das Gebiet des Groß­her­zog­tums Litauen umfasste fast das gesamte heutige Weiß­russ­land, und mehr als zwei Drittel der heutigen Ukraine waren damals Teil des König­reichs Polen.

In der Mitte des 15. Jahr­hun­derts war der Deut­sche Orden keine so große Bedro­hung mehr. Es war das Groß­fürs­tentum Moskau von Zar Iwan dem Schreck­li­chen, das im Osten Europas an Macht gewann. Die litaui­schen Truppen waren nicht in der Lage, den Moskauer Vormarsch ohne polni­sche mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung abzu­wehren. Trotzdem lehnte ein beträcht­li­cher Teil des litaui­schen Adels die formale Verei­ni­gung mit Polen bis zum letzten Moment ab, weil er eine Verwäs­se­rung seiner natio­nalen Iden­tität befürch­tete. Der polni­sche König Sigis­mund II. August musste lange auf die Rati­fi­zie­rung der Union zwischen den beiden Staaten drängen.

Mit vereinten Kräften gelang es den beiden Nationen, ihr Gebiet erheb­lich zu erwei­tern, so dass polnisch-litaui­sche Truppen zwischen August 1610 und November 1612 Moskau besetzen konnten. Seit 2004 ist der 4. November in Russ­land ein natio­naler Feiertag („Tag der natio­nalen Einheit“). Es erin­nert an die Rück­erobe­rung der Haupt­stadt durch Moskauer Truppen auf Kosten Polen-Litauens.

Das 17. Jahr­hun­dert erwies sich als das blutigste in der Geschichte der polnisch-litaui­schen Union. Polen-Litauen musste viele Kriege gegen Schweden im Norden, Russ­land im Osten und die Türkei im Süden führen. Auch verhee­rende Bürger­kriege konnten nicht vermieden werden. In der Folge erlitt dieses Land, das zu den reichsten und mäch­tigsten in Europa gehörte, große Gebiets­ver­luste und wurde weit­ge­hend zerstört. Diese Krisen­si­tua­tion leitete den Prozess ein, der dazu führen sollte, dass Polen-Litauen ab 1772 zugunsten seiner mäch­tigen Nach­barn Russ­land (das 82% des Gebiets unter seine Kontrolle brachte), Öster­reich (11%) und Preußen (7%) gänz­lich von der Land­karte Europas verschwand.

Heute ist die Vision, die Polen und Litauer von dieser Union zwischen ihren Ländern haben, nicht dieselbe.

Im Großen und Ganzen sehen die Polen die Union von Lublin und die Entwick­lung Polen-Litauens als den Höhe­punkt der polni­schen Geschichte, das „goldene Jahr­hun­dert“ vor dem Verlust der Unab­hän­gig­keit im 18. Jahrhundert.

Auf der litaui­schen Seite sind die Dinge etwas komplexer. Die polnisch-litaui­sche Union wird dort oft durch das Prisma eines Souve­rä­ni­täts­ver­lustes an Polen gesehen. Was polni­sche Histo­riker im Allge­meinen damit erwi­dern, dass ein bedeu­tender Teil des dama­ligen litaui­schen Adels nur eines wollte, nämlich die Verei­ni­gung mit Polen, um die glei­chen Frei­heiten zu genießen wie der für seine Tradi­tionen der Frei­heit und des Parla­men­ta­rismus bekannte Nachbar (Wahl des Königs, reli­giöse Tole­ranz, „liberum veto“ …)

Die Debatte über die Beur­tei­lung Polen-Litauens bleibt lebhaft. Eines ist sicher: Die Union von Lublin war ein bedeu­tendes Ereignis im Kontext der geopo­li­ti­schen Riva­li­täten in Mittel- und Osteu­ropa ab dem 15. Jahrhunderts.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der VISEGRÁD POST, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


1 Kommentar

  1. Es lohnt sich die Karte von „Jagiel­lonen-Polen“ genau zu studieren. Wenn man eine Karte mit den Regio­nal­spra­chen darüber legt, wird man fest­stellen, daß Polnisch nur in maximal 20% des
    „Jagiel­lonen-Polen“ Umgangs­sprache war. Ebenso verhält es sich mit den Rechts­sys­temen; denn fast alle Stadt­grün­dungs­ur­kunden wurden in Deut­scher Sprache verfasst. Koper­nikus sprach und schrieb in Deutsch, und das taten fast alle Wissen­schaftler, die im Gebiet von „Jagiel­lonen-Polen“ wirkten.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein