Dr. David Engels: „Es ist schwierig, die eigene Zukunft zu planen, wenn die Zukunft Europas sehr düster erscheint“

David Engels ist ein belgi­scher konser­va­tiver Autor und Histo­riker, der in Polen lebt. Wir spra­chen mit ihm über den Krieg in der Ukraine, seine Werke und die Verdre­hung des Erbes von J.R.R. Tolkien in der kommenden Rings of Power-Serie.

DEMOKRACIJA: Herr Engels, können Sie uns zunächst mehr über sich und Ihre Arbeit erzählen?

Engels: Ich bin ein belgi­scher Univer­si­täts­pro­fessor für römi­sche Geschichte und bin vor kurzem mit meiner Familie nach Polen gezogen. Meine wissen­schaft­liche Arbeit über die antike römi­sche Reli­gion und die Seleu­kiden-Dynastie erregte erst­mals öffent­liche Aufmerk­sam­keit, als ich ein Buch mit dem Titel „Le déclin“ (Paris, 2013) schrieb, in dem ich den Nieder­gang und den Fall der römi­schen Repu­blik im ersten Jahr­hun­dert mit der aktu­ellen Krise des modernen Westens verglich. So begann meine Karriere als Publi­zist und poli­ti­scher Autor, die mich schließ­lich zu einer Stelle am West­li­chen Institut in Poznań führte, wo ich heute arbeite. In den letzten Jahren habe ich mich neben der poli­ti­schen Analyse auf die verglei­chende Welt­ge­schichte im Lichte Oswald Speng­lers konzen­triert, über den ich kürz­lich eine Mono­gra­phie (Stutt­gart 2021) sowie mehrere verwandte Arbeiten über den modernen Konser­va­tismus veröf­fent­licht habe. Für den letzt­ge­nannten Bereich habe ich ein kurzes Hand­buch „Was zu tun ist“ (Bad Schmie­de­berg 2020) geschrieben, in dem ich versuche, vier­und­zwanzig Tipps zu geben, wie man das Leben eines patrio­ti­schen Euro­päers in einer Zeit des allge­meinen Zerfalls der west­li­chen Welt führen kann. Ich habe auch mehrere aufein­an­der­fol­gende Werke heraus­ge­geben, die eine konser­va­tive Zukunft für die Euro­päer skiz­zieren („Reno­vatio Europae“, Berlin 2019; „Europa Aeterna“, Berlin 2022).

DEMOKRACIJA: Welche Autoren und Philo­so­phen haben Ihr Denken am meisten beeinflusst?

Engels: Oswald Spengler hat mich seit dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal las, am meisten beein­flusst. Der zweite Autor, den ich schon sehr früh zu lesen begann und der meine Jugend­zeit verän­derte, war Nietz­sche. Viele Jahre lang war auch Thomas Mann mit seiner intel­lek­tu­ellen Raffi­nesse sehr wichtig für mich. Nicht zuletzt muss ich auch Tolkien erwähnen, der einen großen Einfluss auf mein Leben hatte, denn durch ihn habe ich meinen Katho­li­zismus entdeckt.

DEMOKRACIJA: Wie sehen Sie den Krieg in der Ukraine? Was werden die lang­fris­tigen Folgen für Europa sein?

Engels: Die Ursa­chen des gegen­wär­tigen Krieges sind bekannt, aber die Folgen sind nicht unbe­dingt die glei­chen. Wir müssen darauf drängen, das Para­digma zu ändern, das in den Köpfen der Euro­päer vorherrscht, und zwar im Einklang mit der Erkenntnis, dass Gewalt und Krieg immer die „ultima ratio „* der Politik waren und sein werden. Ebenso wird der Krieg zu einer Erneue­rung der Bezie­hungen zwischen Osteu­ropa und den USA führen, zumal sich Deutsch­land und Frank­reich der poten­zi­ellen Bedro­hung, die Russ­land für die Stabi­lität Europas darstellt, am wenigsten bewusst zu sein scheinen.

DEMOKRACIJA: Wo würden Sie Putins Russ­land in Bezug auf die Zivi­li­sa­tion einordnen?

Engels: Die russi­sche Inva­sion hat gezeigt, dass Russ­land sich keines­wegs als west­li­cher „Natio­nal­staat“ versteht, sondern als ein unab­hän­giges Reich, das den anderen Groß­mächten gleich­ge­stellt ist. Daher kann Russ­land niemals in die euro­päi­schen Insti­tu­tionen inte­griert werden, wie einige gehofft hatten, aber gleich­zeitig müssen wir beginnen, es als eine andere Zivi­li­sa­tion zu sehen. Lang­fristig bedeutet dies natür­lich, dass Russ­land sein Bündnis mit China festigt, das schon jetzt recht unein­heit­lich ist, und das sich nur noch vertiefen wird, wenn Russ­lands Inva­sion schei­tert. In diesem Fall könnte ein neuer „inter­ma­ri­timer“ Raum entstehen, d. h. eine starke wirt­schaft­liche und poli­ti­sche Zusam­men­ar­beit zwischen den Völkern der Ostsee und des Schwarzen Meeres, einem Gebiet, das jahr­hun­der­te­lang im Polnisch-Litaui­schen Common­wealth der beiden Nationen vereint war. Die Region könnte damit wieder zu einer wich­tigen poli­ti­schen Kraft zwischen Berlin und Moskau werden.

DEMOKRACIJA: Die eher konser­va­tiven ost- und mittel­eu­ro­päi­schen Länder wie Polen scheinen sich in einer recht schwie­rigen Lage zu befinden. Einer­seits sehen sie sich der Bedro­hung durch Putins Russ­land ausge­setzt, ande­rer­seits den versteckten Drohungen und mögli­chen Sank­tionen aus Brüssel, weil sie sich weigern, sich libe­ralen Trends, der LGBT-Ideo­logie und der Migra­ti­ons­po­litik der offenen Grenzen zu unter­werfen. Was wäre für Polen unter diesen Umständen am klügsten?

Engels: Es stimmt, dass Polen zwischen Hammer und Amboss steht und viel takti­sche Finesse braucht, um nicht zermalmt zu werden. Die jüngsten Wahlen in Ungarn haben uns gezeigt, dass sich die Bevöl­ke­rung nicht auto­ma­tisch dem Druck aus Brüssel beugen muss, was bedeutet, dass gute Chancen bestehen, dass die derzei­tige polni­sche Regie­rung 2023 an der Macht bleibt, auch wenn man sich fragen muss, wie lange. Ich bin der Meinung, dass nur eine Mischung aus verschie­denen Taktiken erfolg­reich sein kann. Polen muss den Streit mit Brüssel so lange wie möglich hinaus­zö­gern und gleich­zeitig hoffen, dass die wirt­schaft­liche und poli­ti­sche Krise im Westen die EU früher oder später unschäd­lich machen wird. Darüber hinaus muss Polen seine Posi­tionen ener­gisch vertei­digen, indem es geeig­nete Medien schafft, die sich auf den Westen konzen­trieren und lokale konser­va­tive Parteien, die diesen Posi­tionen ideo­lo­gisch nahe stehen, aktiv unter­stützen. Polen muss auch seine Außen­po­litik erwei­tern. Obwohl die poli­ti­sche Situa­tion im Osten ein Bündnis mit den USA wich­tiger denn je macht, sollte Polen engere Bezie­hungen zu anderen Mächten wie Japan, Indien, Südkorea und Brasi­lien knüpfen.

DEMOKRACIJA: Einige Konser­va­tive und Rechte im Westen glauben immer noch, dass Putin ein Tradi­tio­na­list und Konser­va­tiver ist, obwohl er Muslime rekru­tiert, Natio­na­listen verfolgt und inhaf­tiert, und Russ­land das Land mit der höchsten Abtrei­bungs­rate ist. Wie sehen Sie das?

Engels: Aus west­li­cher Sicht wäre es in der Tat schwierig zu sagen, dass Putin ein „Konser­va­tiver“ ist. Seine Unter­stüt­zung für die ortho­doxe Kirche ist nur eine Etappe seiner Reli­gi­ons­po­litik, denn seine Zusam­men­ar­beit mit dem Islam ist ebenso wichtig, da Russ­land ein euro­päi­sches Land mit einer großen musli­mi­schen Bevöl­ke­rung ist, deren mili­tä­ri­schen Vorteil Moskau im Kampf gegen die so genannten ukrai­ni­schen „slawi­schen Brüder“ sicher­lich klar erkannt hat. Es sei auch daran erin­nert, dass Putin Weiß­russ­land unter­stützt hat, als es Polen schwä­chen wollte, indem es dessen Grenzen mit musli­mi­schen Migranten aus dem Nahen Osten über­schwemmte. Nimmt man noch die bekannte poli­ti­sche Insze­nie­rung der ortho­doxen Kirche hinzu, die von KGB-Struk­turen beherrscht wird, wird deut­lich, dass die Reli­gion nur ein zyni­sches Werk­zeug in Putins Händen ist und sein Russ­land mehr oder weniger nur eine Reinkar­na­tion der Sowjet­union (einschließ­lich der Idea­li­sie­rung Stalins) unter dem Deck­mantel einer gewissen natio­na­lis­ti­schen Propa­ganda ist. Die west­li­chen Konser­va­tiven sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie nur Spiel­fi­guren in den Händen von Stra­tegen sind, die um jeden Preis die alte impe­riale russi­sche Zone wieder­her­stellen wollen und die dieselben Taktiken der Desin­for­ma­tion, Korrup­tion und des Prin­zips „divide et impera“ in Europa anwenden werden, wenn es eines Tages von Konser­va­tiven regiert wird.

DEMOKRACIJA: Sie haben auch mehrere Artikel über die Werke von J.R.R. Tolkien geschrieben, aber Sie sind auch sehr kritisch gegen­über der Serie „Die Ringe der Macht“, die dieses Jahr auf den Markt kommt und in der Welt von Tolkien spielt, aber auch „progres­sive“ Werte, Multi­kul­tu­ra­lismus und Femi­nismus beinhaltet. Warum ist es wichtig, sich gegen diese Art der Aktua­li­sie­rung von Tolkiens Werken zu wehren?

Engels: Weil ich über­zeugt bin, dass sie die wahre Bedeu­tung von Tolkiens Universum nicht nur igno­rieren, sondern auch bekämpfen werden. Das eigent­liche Wesen von Tolkiens Welt ist – zumin­dest für mich – das stän­dige Streben des wahren Helden nach dem Wahren, Schönen und Guten, das aufgrund der Unzu­läng­lich­keiten aller irdi­schen Wesen letzt­lich zum Schei­tern verur­teilt ist, wenn es nicht im letzten Moment durch einen Sieg von oben belohnt wird – ein bitter­süßer Sieg frei­lich, denn er geht immer mit der Erkenntnis einher, dass der Erfolg nur das Ergebnis guten Willens und von Barm­her­zig­keit sein kann, nicht aber von Gerech­tig­keit. Der Triumph von Tolkiens Helden ist also nur die Beloh­nung für seine Bemü­hungen, nicht das direkte Ergebnis seiner Helden­taten. Dies ist eine eindeutig christ­liche, ja sogar eine authen­tisch katho­li­sche Posi­tion, die in krassem Wider­spruch zu den allge­meinen Sitten in Holly­wood steht.

DEMOKRACIJA: Die grund­le­genden Werte, auf denen Tolkien seine Mittel­welt aufbaute, stehen also im Wider­spruch zu den „fort­schritt­li­chen“ Prin­zi­pien der modernen Welt… 

Engels: Ich würde auch die typisch tolkien­eske Auffas­sung von Ästhetik erwähnen, die auch tief im christ­li­chen Gedanken der Epigo­nen­haf­tig­keit jeder Zeit verwur­zelt ist. Vergleicht man sie mit der Schön­heit der Welt, die am Anfang der Zeit erschaffen wurde, so sind alle nach­fol­genden Epochen, einschließ­lich ihrer Anfänge, durch Abtrün­nig­keit und Verfall gekenn­zeichnet, während sie gleich­zeitig durch das mit diesem Prozess verbun­dene Leiden erhöht werden, was sie bei aller Nost­algie einem Prozess der Vergeis­ti­gung unter­wirft. So wie der Kampf zwischen Gut und Böse, der ursprüng­lich durch real exis­tie­rende Mächte wie Götter und Unge­heuer verkör­pert wurde, verla­gert sich zuneh­mend in den Bereich der inneren Konflikte der mensch­li­chen Seele. Diese nicht nur konser­va­tiven, sondern wohl auch stark „reak­tio­nären“ Gedanken sind der klas­si­schen ameri­ka­ni­schen Ästhetik, die auf Quan­tität, Fort­schritts­glauben und einem naiven Menschen­bild des „ameri­ka­ni­schen Traums“ beruht, natür­lich sehr fremd, stehen aber in jeder Hinsicht im Gegen­satz zur heute domi­nie­renden Ideo­logie des Kulturmarxismus.

DEMOKRACIJA: Dies ist keine Ausnahme, sondern ein zuneh­mender Trend, da wir in der Unter­hal­tungs­in­dus­trie häufig beob­achten, dass spezi­fisch euro­päi­sche Charak­tere durch Ange­hö­rige anderer Rassen ersetzt werden. Was sind die Haupt­gründe für diese Zerstö­rung der realen, spezi­fisch euro­päi­schen Merk­male und Werte von Tolkiens Büchern?

Engels: In der Tat ist zu befürchten, dass die Serie die Verwand­lung eines Autors, der immer eine der Haupt­fi­guren des euro­päi­schen Konser­va­tismus war, in sein Gegen­teil oder viel­mehr in eine Figur des Aufbruchs noch verstärken wird, so dass junge Menschen, die Tolkien nur durch die Serie kennen lernen, den wahren Geist Tolkiens völlig miss­ver­stehen oder, wenn sie seine Werke tatsäch­lich lesen, ihn durch die Brille der Massen­me­dien inter­pre­tieren werden. Das ist eine echte Kata­strophe, die nicht zufällig an Orwells Vorher­sage aus dem Jahr 1984 erin­nert: „Die gesamte Lite­ratur der Vergan­gen­heit ist zerstört worden. Chaucer, Shake­speare, Milton, Byron … werden nur noch in den Formen der Neuen Ordnung exis­tieren, nicht nur verwan­delt in etwas anderes, sondern verwan­delt in das Gegen­teil von dem, was sie waren.“

DEMOKRACIJA: Ich danke Ihnen für das Gespräch. Was sind Ihre Pläne und wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft für Europa aus?

Engels: Was meine unmit­tel­bare Zukunft betrifft, so habe ich vor, neben der Erzie­hung meiner Kinder und der Pflege meines Gartens eine große euro­päi­sche konser­va­tive Infor­ma­ti­ons­platt­form aufzu­bauen und gleich­zeitig meine Arbeit über verglei­chende Welt­ge­schichte fort­zu­setzen. Es ist jedoch schwierig, die eigene Zukunft zu planen, wenn die Zukunft Europas sehr düster und gewalt­tätig zu sein scheint. In meinem Buch ‚Le déclin‘ habe ich voraus­ge­sagt, dass Europa bald Jahr­zehnte interner Konflikte und zivilen Unge­hor­sams erleben wird, analog zu den Jahren der Bürger­kriege, die die römi­sche Repu­blik zerstörten. Heute, da ich die Ereig­nisse der letzten Jahre verfolge, befürchte ich, dass die Geschichte meinen Pessi­mismus bestä­tigen wird.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei DEMOKRACIJA, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

4 Kommentare

  1. Ostrom bestand bis ins 15. Jh. hinein. Nach seinem Fall (1453) trat Moskau in die Fußstapfen des impe­rium romanum. Inso­fern besteht das röm. Reich durchaus noch fort.
    Der Römer war logisch denkender Ratio­na­list. Was funk­tio­niert in der Praxis und was nicht, war das Einzige, was ihn inter­es­sierte. Ideo­lo­gien kannte er nicht. Die Eliten in Moskau denken heute genau so.
    Familie funk­tio­niert, Nation funk­tio­niert, Reli­gion funk­tio­niert (in Maßen), Gold funk­tio­niert (wenn man´s hat).
    Nicht funk­tio­nieren tut: Sozia­lismus, Multi­kulti, verrückte Ideo­lo­gien, das fiat money System des west­li­chen Kapi­ta­lismus, die Herr­schaft der Konzerne und Oligarchen.
    Ich empfehle das Buch von Wilhelm Hankel: Goldene Zeiten führte ich ein. Julius Cäsar und die Einfüh­rung des Gold­di­nars, dina­rium aurium. Westrom, schreibt er, ging am wirt­schaft­li­chen Verfall zugrunde. Das ist heute ähnlich. Durch den Abfluß von Gold nach Indien (für Luxus­waren) geriet das Reich in eine Defla­tion, die ihm das Genick brach, schreibt er. Durch die Ausla­ge­rung der Produk­tion nach China sind wir in einer ähnli­chen Situa­tion. Wir werden unter­gehen, wenn wir so weiter machen, Moskau und China steigen auf.

    • wir gehen nur als vasall der anglos unter @logiker

      hätte diese depperte EU eine eigene agenda
      würde hier auch was richtung
      future konti­nen­tal­eu­ropa vorwärtsgehen!

      aber in dieser brexit geführten EU wird alles
      ausser dem ölnazi kapi­ta­lismus in die achse
      der bösen eingereiht…
      atlan­tik­pro­pa­ganda pur, für den besatzten deut­spra­chigen raum.

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