Eine Sprache für die Arbeit, eine für zu Hause. Was Zwei­spra­chig­keit für die Ungarn in der Slowakei bedeutet

Bildquelle: Sme

Die Stra­ßen­namen und Aufschriften an öffent­li­chen Gebäuden und Geschäften im Süden der Slowakei sind für einen Slowaken, der nur ein paar Dutzend Kilo­meter weiter nörd­lich herkommt, genauso fremd wie für jeden Ausländer, der aus einem fernen Land hierher kommt.
 

Die unga­ri­sche Sprache eröffnet einem Slowaken, der es nicht gewohnt ist, in der zwei­spra­chigen Umge­bung der Südslo­wakei zu leben, eine völlig andere Welt. In dieser Welt haben Städte wie Šamorín (ung. Somorja), Komárno (ung. Komárom, dt. Komorn), Duna­jská Streda (ung. Dunaszer­da­hely), Lučenec (ung. Losonc) und Fiľa­kovo (ung. Fülek) zwei offi­zi­elle Namen. Die unga­ri­sche Minder­heit macht in einigen Dörfern dieser Regionen die Mehr­heit der Einwohner aus. Slowaken und Ungarn leben zusammen, an manchen Orten gemischt, an anderen getrennt. Die Einhei­mi­schen spre­chen in der Regel sowohl die slowa­ki­sche als auch die unga­ri­sche Sprache als Mutter­sprache und können in einem Gespräch inner­halb eines Wimpern­schlages von der einen in die andere wechseln.

Das ist die Realität der Menschen, die der unga­ri­schen Minder­heit in der Slowakei ange­hören, die weniger als eine halbe Million Menschen ausmacht. Bei der Volks­zäh­lung 2011 gaben mehr als eine halbe Million Menschen Unga­risch als ihre Mutter­sprache an.

„Seit Jahr­hun­derten wird der unga­ri­schen Sprache prophe­zeit, dass sie im ’slawi­schen Meer‘ aussterben wird“, sagte die Lingu­istin der Slowa­ki­schen Akademie der Wissen­schaften, Lucia Molnár Satinská, in einem Gespräch über die Situa­tion der Ungarn in Mitteleuropa.

Die Vorher­sagen sind jedoch nicht einge­treten, und es scheint auch nicht wahr­schein­lich, dass sie in den nächsten Jahren eintreten werden. Die Zahl der Ungarn in der Slowakei, die sich zur unga­ri­schen Minder­heit bekennen, ist gesunken, und Experten erwarten, dass die Zahl noch geringer sein wird, wenn die Ergeb­nisse der Volks­zäh­lung 2021 eintreffen. Aber die unga­ri­sche Sprache bleibt im Leben der Fami­lien, vor allem in der Südslo­wakei, weiterhin stark präsent.

Du bist, was du sprichst

Die unga­ri­sche Sprache über­lebte als voll­wer­tige, leben­dige Sprache dank der Menschen, die sie spre­chen, einschließ­lich der Ungarn in der Slowakei, so Molnár Satinská.

„Solange sie stolz auf ihre Sprache sind und einen Wert in ihr sehen, solange sie sie von Genera­tion zu Genera­tion weiter­geben, wird sie nicht aussterben“, fügte die Sprach­wis­sen­schaft­lerin hinzu, die auch für ihre Bemü­hungen bekannt ist, das Bewusst­sein für die slowa­kisch-unga­ri­sche Zwei­spra­chig­keit in der Slowakei zu fördern.

„Deshalb ist es wichtig, die Bereiche zu stärken, in denen die unga­ri­sche Sprache verwendet wird, damit sie so reich bleibt, wie sie heute ist.“

Die Sozio­login Zuzana Mészá­ro­sová Lampl von der Konstantin-der-Philo­soph-Univer­sität in Nitra hat sich mit dem Thema der natio­nalen Iden­tität der in der Slowakei lebenden Ungarn beschäf­tigt. Ob in einer Familie slowa­kisch oder unga­risch gespro­chen wird, entscheidet sich aufgrund der eigenen Natio­na­lität und der natio­nalen Iden­tität der Eltern.

Mészá­ro­sová Lampl behaup­tete, dass die meisten Ungarn Eltern mit unga­ri­scher Natio­na­lität haben und sich mit der Frage einer anderen Natio­na­lität nicht beschäf­tigen. Sie fand in ihrer Unter­su­chung heraus, dass in Fami­lien, in denen beide Eltern­teile Ungarn sind, diese nicht unbe­dingt die unga­ri­sche Natio­na­lität für ihr Kind wählen.

„In den meisten Fällen bleiben sie bei einer Iden­tität, nämlich der slowa­ki­schen“, sagte sie.

Die meisten Ungarn benutzen in ihren Haus­halten und in der Öffent­lich­keit haupt­säch­lich die unga­ri­sche Sprache, sagte Mari­anna Mrva, eine Sozio­login der Slowa­ki­schen Akademie der Wissenschaften.

„Selbst in den Ortschaften, in denen die Konzen­tra­tion von Ungarn am höchsten ist, benutzen viele in der Öffent­lich­keit die slowa­ki­sche Sprache“, sagte Mrva dem Slovak Spectator.

Viele Kinder aus unga­risch­spra­chigen Fami­lien kommen schon vor der Einschu­lung mit der slowa­ki­schen Sprache in Berüh­rung und verbes­sern sie im ersten Jahr der Grund­schule weiter. Daher spre­chen die meisten erwach­senen Ungarn, die in der Slowakei leben, flie­ßend Slowakisch.

Die Wahl der Schule für Kinder spie­gelt die Iden­tität wider

Mészá­ro­sová Lampl unter­scheidet zwischen gemischten slowa­kisch-unga­ri­schen Fami­lien und Fami­lien, in denen beide Eltern­teile Ungarn sind.

„Im letz­teren Fall ist es entschei­dend, ob sie ihr Kind in einer Grund­schule mit slowa­ki­scher oder unga­ri­scher Unter­richts­sprache anmelden“, stellt sie fest. „Ihre Wahl ist eines der wich­tigsten Zeichen für ihre Identität.“

Eltern mit einer starken unga­ri­schen Iden­tität werden eine unga­risch­spra­chige Schule für ihre Kinder wählen, weil sie wollen, dass diese Iden­tität an die nächste Genera­tion weiter­ge­geben wird, stellte die Forscherin fest.

Selbst wenn in der Familie Unga­risch gespro­chen wird, bedeutet das nicht, dass die Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder Slowa­kisch lernen.

„Die meisten Kinder werden es lernen, und ich denke, dass der Slowa­kisch­un­ter­richt an unga­ri­schen Schulen effek­tiver sein könnte, wenn man die Methode anderer Fremd­spra­chen anwenden würde“, meinte sie.

Vorschläge, Slowa­kisch als Fremd­sprache an unga­ri­schen Schulen im Süden zu unter­richten, stießen jedoch bei den regie­renden Poli­ti­kern der Slowakei auf wenig Gegen­liebe, wann immer das Thema auf der Tages­ord­nung stand, wie zum Beispiel 2010.

Die Symbiose zweier Fremder

Die slowa­ki­sche und die unga­ri­sche Sprache stammen aus unter­schied­li­chen Sprach­fa­mi­lien, beein­flussen sich aber aufgrund von Geschichte und Geografie seit Jahr­hun­derten gegenseitig.

Was die unga­ri­sche und die slowa­ki­sche Sprache vonein­ander übernehmen:

Vom Unga­ri­schen ins Slowakische:

Bosorka (Hexe)
Bunda (Jacke)
Guláš (Gulasch)
Pala­cinka (Pfann­ku­chen)
Somár (Esel)

Vom Slowa­ki­schen ins Ungarische:

Cseres­znye (Kirsche)
Király (König)
Kovács (Schmied)
Mák (Mohn)
Szoknya (Schürze)
Vidra (Otter)

Molnár Satinská erklärt, dass sich die unga­ri­sche Sprache in mehreren Ländern, in denen sie gespro­chen wird, eigen­ständig entwi­ckelt, in diesem Fall in den soge­nannten Nach­fol­ge­län­dern der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Monarchie.

„Das heutige Unga­risch in der Slowakei verwendet mehrere Wörter slowa­ki­schen Ursprungs, und es hat auch einen Teil der slowa­ki­schen Gram­matik über­nommen“, erklärt Molnár Satinská. „Das gilt auch umge­kehrt, aber in klei­nerem Umfang; es kann sein, dass unga­ri­sche Wörter in die slowa­ki­sche Sprache über­nommen werden.“

Zu den Wörtern, die aus dem Slowa­ki­schen ins Unga­ri­sche trans­for­miert wurden, gehören vor allem solche, die keine direkte unga­ri­sche Entspre­chung haben, wie zum Beispiel Namen von Insti­tu­tionen. Molnár Satinská sagt, dass Poli­kli­nika, das slowa­ki­sche Wort für Ambu­lanz, ein Beispiel dafür ist. Die in der Slowakei lebenden Ungarn neigen auch dazu, slowa­ki­sche Wörter für Gegen­stände des tägli­chen Gebrauchs oder Lebens­mittel zu verwenden, wie tyepláky (Jogging­hose), párki (Würst­chen), horc­sica (Senf) oder nanuk (Eis am Stiel). In Ungarn haben diese ganz andere Namen: mele­gítő, virsli, mustár und jégkrém.

Unga­rinnen und Ungarn aus der Slowakei, die Schulen mit Unga­risch als Unter­richts­sprache besucht haben, lernen auch das Stan­dard-Unga­ri­sche und die meisten sind bereit, bei Bedarf zwischen ihrem „Heimat-Unga­risch“ und der Stan­dard­sprache zu wechseln.

Molnár Satinská merkte an, dass die Einstel­lung einer Person zur Sprache von der Situa­tion abhängt, in der die Person die Sprache verwendet.

„Es kann eine bikul­tu­relle Person sein, die sowohl Slowa­kisch als auch Unga­risch in allen Lebens­si­tua­tionen gleich verwendet, entweder bei der Arbeit, zu Hause und in der Frei­zeit, oder eine Person kann die Spra­chen getrennt haben: eine bei der Arbeit, eine zu Hause“, erklärte sie. „Für diese Menschen ist die eine Sprache ihre Arbeits­sprache und die andere ihre Heim­sprache. So sind verschie­dene Konno­ta­tionen damit verbunden.“

Über die unga­ri­sche Minderheit

Im Jahr 2020 erklärten 447.932 Menschen die unga­ri­sche Natio­na­lität, das sind 8,20 Prozent der slowa­ki­schen Bevöl­ke­rung, so das Statistikamt.

Die meisten Ungarn leben in den Bezirken Nitra (ung. Nyitra) und Trnava (ung. Nagy­s­zombat). Die Volks­zäh­lung von 2011 zeigte, dass die meisten Menschen mit unga­ri­scher Natio­na­lität in Komárno (ung. Komárom, dt.Komorn) leben, gefolgt von Duna­jská Streda (ung. Dunaszer­da­hely) und Bratis­lava (ung. Pozsony, dt. Pressburg).

Die ersten Vorfahren der Ungarn kamen um die Wende des 9. und 10. Jahr­hun­derts in das slowa­ki­sche Gebiet, vor allem in den südöst­li­chen und südwest­li­chen Teil des Landes. Allmäh­lich, im 11. Jahr­hun­dert, ließen sie sich auch in der heutigen Südslo­wakei nieder. Die slowa­ki­schen und unga­ri­schen Vorfahren teilten sich denselben Lebens­raum, das öster­rei­chisch-unga­ri­sche Reich, bis zu dessen Zerfall im Jahre 1918. Mit der Grün­dung der Tsche­cho­slo­wakei wurden die auf dem Gebiet der Südslo­wakei lebenden Ungarn zu einer natio­nalen Minderheit.

Quelle: Slovak Spec­tator


2 Kommentare

  1. Es war einfach eine unge­rechte aber einfache Grenz­zie­hung 1918 entlang der Donau anstatt zwischen den mehr­heit­lich unga­risch und slova­ki­schen Orten zu trennen. Aber sonst mal gesagt: 1867 entschied sich die Regie­rung von Luxem­burg für die rein deut­sche Bevöl­ke­rung die fanzö­sche Sprache einzu­führen. Heute wird dort fran­zö­sisch geschrieben , aber mit jedem gebür­tigem Luxem­burger kann man auch deutsch sprechen.

  2. Nur zwei Spra­chen? Achgott­chen. Dann kommt mal nach West­deutsch­land. Dort hört man auf der Straße, Super­markt, ÖPNV und in den Wohn­sied­lungen der Innen­städte mehr türkisch und afri­ka­nisch als deut­sche Stimmen. Und wenn ihr die Klin­gel­schilder an den Häusern der Innen­städte von west­deut­schen Groß­städten anschaut, dann sind von 10 Klin­gel­schil­dern viel­leicht noch 3 mit deut­schen Namen.

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