Einheits­freude und Tren­nungs­schmerz

Jungschütze beim Südtiroler Schützenbund · Foto: SSB

Zwie­späl­tige Erin­ne­rung an die Wieder­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands, das Trianon-Trauma Ungarns, den Erhalt der Landes­ein­heit  Kärn­tens sowie die Anne­xion des südli­chen Tirol durch Italien

Von Rein­hard Olt *

Der Oktober 2020 zwingt  zur Verge­wis­se­rung  bedeu­tender  Ereig­nisse, die auf das engste mitein­ander korre­spon­dieren. Wenn­gleich nicht auf den ersten Blick zu erkennen, so besteht zwischen der Erin­ne­rung an 30 Jahre Verei­ni­gung der beiden deut­schen Rumpf­staaten BRD und DDR, an 100 Jahre Kelsen-Verfas­sung für Öster­reich, an 100 Jahre Volks­ab­stim­mung in Kärnten, an die terri­to­riale Kastra­tion Ungarns sowie an die formelle Anne­xion des südli­chen Teils des eins­tigen Kron­landes Tirol durch Italien eine – wenn auch kontras­tive, so doch – innere Verbin­dung.

Die Wieder­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands war die glück­liche Antwort auf die seit 1945 stets im poli­ti­schen Raum stehende „Deut­sche Frage“. Möglich wurde die deut­sche Einheit durch Erosion und Auflö­sung des Ostblocks zufolge der Implo­sion des sowjet­kom­mu­nis­tisch-mosko­wi­ti­schen sowie des titois­tisch-balkan­kom­mu­nis­ti­schen Herr­schafts­sys­tems und der zwischen Usedom (Meck­len­burg-Vorpom­mern) und Eichsfeld (Thüringen) raum­grei­fenden „Abstim­mung mit den Füßen“.

Die von dem bedeu­tenden Völker- und Staats­rechtler Hans Kelsen entwor­fene  Bundes­ver­fas­sung, auf die Österreich(er) zurecht stolz ist (sind), mani­fes­tierte die Ablö­sung des über Jahr­hun­derte bestim­menden  monar­chi­schen Herr­schafts­prin­zips durch den repu­bli­ka­nisch-demo­kra­ti­schen Rechts­staat. Sie markiert(e) damit aber auch die Reduk­tion des eins­tigen Staats­ge­biets infolge der für die Verlierer des Ersten Welt­kriegs in den 1919/1920 unter­zeich­neten Pariser „Vorort­ver­trägen“ von den Sieger­mächten, insbe­son­dere von Frank­reich, „frie­dens­ver­trag­lich“ diktierten terri­to­rialen und mate­ri­ellen Verluste.

Kärnten, wo die Sieger­mächte auf ameri­ka­ni­schen Druck hin am 10. Oktober 1920 eine Volks­ab­stim­mung erlaubt hatten, entging – maßgeb­lich zufolge des mehr­heit­li­chen Votums der slowe­ni­schen Minder­heit Südkärn­tens für Verbleib bei Öster­reich – der vom jugo­sla­wi­schen SHS-Staat (König­reich der Serben, Kroaten und Slowenen)  verlangten Landes­tei­lung. Ohne Volks­ab­stim­mung wurden hingegen per Vertrag von Saint-Germain-en-Laye (1919) das Mießtal dem SHS-Staat sowie das Kanaltal  Italien über­eignet.

Mittel­punkt des histo­ri­schen Tirols · Foto: SSB

Die Teilung Tirols

Von dem, was nach kriegs­be­dingter Auflö­sung des vorma­ligen öster­rei­chisch-unga­ri­schen Impe­riums durch die Heraus­bil­dung neuer Natio­nal­staaten an terri­to­rialer Substanz für die zunächst an ihrer Exis­tenz­fä­hig­keit zwei­felnde Repu­blik (Deutsch-)Österreich verblieb, war  die erzwun­gene Abtre­tung Südti­rols (mitsamt Welschtirol/Trentino) an Italien zwei­fellos das für das kollek­tive Bewusst­sein  der ohne­dies notlei­denden Bevöl­ke­rung einschnei­dendste Ereignis. Das Zerreißen Tirols, die formelle Anne­xion des südli­chen Landes­teils am 10. Oktober 1920, kontra­punk­to­risch und dekla­rativ just am Tag der Kärntner Volks­ab­stim­mung voll­zogen,  ist und bleibt, wie der in nämli­chem Jahr  am 4. Juni  im Frie­dens­diktat von Trianon bestimmte Verlust Ungarns  von zwei Drit­teln (sic!) des Terri­to­riums, eine Wunde, die nicht verheilen kann – denn damit sind nicht nur Menschen- und Selbst­be­stim­mungs­rechte verletzt worden, sondern Völker und Seelen.

„Bella Italia“, das von alters her die Sehn­süchte sonnen­hung­riger nörd­li­cher Hemi­sphä­ren­be­wohner  beflü­gelnde „Land, wo die Zitronen blühen“ (Goethe), muss sich all seinen heutigen beschö­ni­genden und begü­ti­genden poli­ti­schen Parolen zum Trotz gefallen lassen, nicht allein von histo­risch bewussten Betrach­tern der „Südtirol-Causa“ als hinter­häl­tiger, sich verstel­lender poli­ti­scher Akteur einge­stuft zu werden. Schon Bismarck ließ mit seiner Bemer­kung nach der quasi parallel voll­zo­genen Eini­gung Italiens, die ja erst mit der „Presa di Roma“, der Einnahme der Ewigen Stadt 1870, voll­endet war, und der maßgeb­lich von ihm herbei­ge­führten Reichs­grün­dung 1870/71 aufhor­chen, im Gegen­satz zum „satten“ (satu­rierten) preu­ßisch-deut­schen Kaiser­reich sei das sardi­nisch-toska­nisch-sizi­lia­ni­sche König­reich Italien ein „hung­riger“ Staat. „Italien hat einen großen Appetit, aber sehr schlechte Zähne“, bemerkte der Reichs­kanzler über seinen dama­ligen Verbün­deten.

„Großer Appetit, schlechte Zähne“

Viel­fach lieferte Italien hernach  Beweise für Bismarcks abfäl­liges Diktum. Um seinen natio­nal­ro­man­tisch verbrämten, quasi der Idee des „Impe­rium Romanum“ verschrie­benen und von „sacro egoismo“ („heiligem Eigen­nutz“) getrie­benen „Hunger“ nach terri­to­rialer Auswei­tung am adria­ti­schen Gegen­ufer, in Nord(ost)afrika sowie nicht zuletzt entlang der alpinen Wasser­scheide zu stillen und stets ziel­ge­richtet auf „Sieges­spur“ und Sieger-Seite zu sein, wech­selte es nach Belieben die Fronten.

Tirol auf einer Land­karte von 1874 · Foto: Flickr Commons

Südtirol war das  konti­nen­tale „Torten­stück“ dieses dem Macht- und Land­hunger geschul­deten Seiten­wech­sels von 1915. Das Gebiet zwischen dem heutigen Salurn und dem Brenner-Pass rundete das Risor­gi­mento-Begehr Welsch­tirol / Tren­tino,  zuvor Bestand­teil Gesamt­ti­rols, nach Norden hin bis zur stets von den italie­ni­schen Natio­na­listen einge­for­derten Grenz­zie­hung an der Wasser­scheide ab. Dafür hatte die König­lich Geogra­phi­sche Gesell­schaft  das geophy­si­ka­li­sche Rüst­zeug gelie­fert, der auch jener Deut­schen­hasser Ettore Tolomei ange­hörte, der mit der von faschis­ti­schen Gewalt­taten auch in Bozen beglei­teten Macht­über­nahme ab 1922 Musso­lini als Entna­tio­na­li­sie­rungs­fa­na­tiker im südli­chen Tirol (kultur)geschichtsfälschend dienstbar war.

Nichts von dem, was der eins­tige Minis­ter­prä­si­dent Luigi Luzzatti nach der Unter­zeich­nung des Frie­dens­dik­tats von St.Germain (10. September 1919) im römi­schen Parla­ment sagte – „Es muß eine Ehren­pflicht für die Regie­rung und für das Parla­ment sein, den Deut­schen, die nur wegen der abso­luten Notwen­dig­keit,  unsere Grenzen vertei­digen zu können, ange­glie­dert wurden, ihre auto­nomen Einrich­tungen zu bewil­ligen“ – wurde zuge­standen. Im Gegen­teil: selbst die trien­ti­ni­schen (Welsch-)Tiroler Reichs­rats­ab­ge­ord­neten  Enrico Conci und Alcide DeGas­peri – er sollte unmit­telbar nach dem Zweiten Welt­krieg, als den Südti­ro­lern wiederum die Selbst­be­stim­mung verwei­gert wurde, aber­mals eine verhäng­nis­volle Rolle spielen – schlugen Töne an, welche sich nicht im geringsten von jenen der Schwarz­hemden unter­schieden. So schrieb DeGas­peri in einem Artikel unter dem Titel „Tirolo addio“, der am 4.12.1918 in der von ihm heraus­ge­ge­benen Zeitung „Il Nuovo Tren­tino“ erschien:  „Tiroler, euer Leben war unser Tod, nun wird unser Leben euer Tod sein.“

Begräb­niszug von Franz Inner­hofer in Bozen 1921: der Kondukt im südli­chen Abschnitt der Spar­kas­sen­straße · Foto: SHB

Der faschis­ti­sche Furor

Mit dem ersten von faschis­ti­schen Schlä­ger­trupps am 24. April 1921 in Bozen Getö­teten, dem Marlinger Lehrer Franz Inner­hofer, nahm die Knecht­schaft der Südti­roler ihren Lauf. Benach­tei­li­gung, Ernied­ri­gung, Drohungen, Gewalt, Folter, Mord waren sozu­sagen an der Tages­ord­nung.  Geschichts­fäl­schungen und die Italia­ni­sie­rung von Vor- und Fami­li­en­namen (bis hin zu jenen auf Grab­steinen) sowie von Orts- und Flur­namen, Verbot öffent­li­chen Gebrauchs der deut­schen Sprache, verbunden mit der massen­haften Ansied­lung von ethni­schen Italie­nern in den eigens aus dem Boden gestampften Indus­trie- und Gewer­be­zonen, mit der Zerschla­gung von Vereinen und Verbänden mittels Verbots sowie der Instal­la­tion rein italie­ni­scher Struk­turen, dem Ersatz gewählter Orts­vor­steher durch faschis­ti­sche Amts­bür­ger­meister, dem Austausch  des für Sicher­heit und Ordnung zustän­digen Perso­nals sowie der Kujo­nie­rung von Medien und Kultur­ein­rich­tungen, schließ­lich der Errich­tung des unsäg­li­chen „Sieges­denk­mals“ und vielem mehr hatten zum Ziel, den südli­chen Teil Tirols in eine rein italie­ni­sche Provinz zu verwan­deln.

Am rigo­ro­sesten wütete der faschis­ti­sche Umer­zie­hungs­furor an den Schulen. In einer höchst anspre­chenden, sach­kun­digen Doku­men­ta­tion, die der Verein Südti­roler Geschichte zusam­men­stellte und soeben im effekt!-Verlag (Neumarkt/Etsch) erschien, ist luzide veran­schau­licht, was unter der bereits ein Jahr nach der Einver­lei­bung Südti­rols in den italie­ni­schen Staats­ver­band vom dama­ligen  italie­ni­schen Vize­prä­fekten der Provinz Bozen, Giuseppe Bolis, getä­tigten Aussage zu verstehen gewe­senen Richt­linie des faschis­ti­schen Erzie­hungs­we­sens gemeint war: „Die Deut­schen brau­chen keine Schulen, und wir brau­chen auch keine Deut­schen“.

Sieges­denkmal in Bozen aus der Epoche des Faschismus · Foto: SHB

Als sich alle kolo­nia­lis­ti­schen Zwangs­maß­nahmen, die Bevöl­ke­rung des „Hoch­e­tsch“ („Alto Adige“, gemäß damals verord­neter, allein­gül­tiger Benen­nung) zu assi­mi­lieren, als fruchtlos erwiesen, zwangen die „Achsen­partner“ Musso­lini und Hitler die Südti­roler in einem perfiden Opti­ons­ab­kommen, sich entweder für das Deut­sche Reich zu entscheiden und über den Brenner zu gehen oder bei Verbleib in ihrer Heimat schutzlos der gänz­li­chen Italia­nità anheim zu fallen. Obschon die meisten für Deutsch­land optierten, verhin­derte der Zweite Welt­krieg die kollek­tive Umsied­lung. 1946 lehnten die Alli­ierten die Forde­rung nach einer Volks­ab­stim­mung in Südtirol ab, woraufhin sich in Paris die Außen­mi­nister Öster­reichs und Italiens auf eine Über­ein­kunft zugunsten der Südti­roler verstän­digten, die Bestand­teil des Frie­dens­ver­trags mit Italien wurde.

Südti­roler Optanten 1940 nach ihrer Ankunft in Inns­bruck

Das Gruber-DeGas­peri-Abkommen vom 5. September 1946 sah die poli­ti­sche Selbst­ver­wal­tung vor, und im Kultu­rellen wurden mutter­sprach­li­cher Unter­richt sowie die Gleich­stel­lung der deut­schen mit der italie­ni­schen Sprache auf allen Feldern des gesell­schaft­li­chen Lebens garan­tiert. In Südtirol selbst taten italie­ni­sche Parti­sanen und Insur­genten alles, um das Gebiet, das nach der Abset­zung Musso­linis 1943 als faktisch unter der Supre­matie des Obersten Kommis­sars der „Opera­ti­ons­zone Alpen­vor­land“ und Gauleiter von Vorarl­berg-Tirol Franz Hofer stand, quasi der „Ricon­quista italiana“ den Weg zu bereiten. Der Publi­zist Helmut Golo­witsch hat soeben minu­tiös doku­men­tiert, wie diese Insur­genten im Zusam­men­wirken mit weiter­be­stehenden Behörden und Cara­bi­nieri der Repub­blica di Salò, dem verblie­benen Refu­gium Musso­linis unter mili­tä­ri­scher Protek­tion von Wehr­macht und SS, alles daran­setzten, die Südtirol-Frage auf ihre Art und Weise ein für allemal zugunsten des Umfallers und Kriegs­ge­winn­lers Italien zu lösen. Viele der Übergriffe­ geschahen unter der Verschwie­gen­heit der neuen poli­ti­schen Ober­schicht Südti­rols sowie der Alli­ierten. (Helmut Golo­witsch: „Repres­sion. Wie Südtirol 1945/46 wieder unter das Joch gezwungen wurde“, Neumarkt/Etsch, Effekt! Verlag 2020, ISBN-9788897053682)

Der Trick des Trien­ti­ners DeGas­peri

Zwar erließ Rom dann 1948 das vorge­se­hene Auto­nomie-Statut und dekla­rierte es – wie zwischen Vertrags­part­nern und Sieger­mächten verab­redet – zum Bestand­teil der italie­ni­schen Verfas­sung. Aller­dings wurde die Provinz Bozen-Südtirol mit der Nach­bar­pro­vinz Trient in einer Region („Tren­tino – Alto Adige“) zusam­men­ge­fasst. Dieser Trick des verschla­genen Trien­ti­ners DeGas­peri führte die Majo­ri­sie­rung der deut­schen und der ladi­ni­schen Volks­gruppe durch die italie­ni­sche herbei, die im Tren­tino absolut domi­nant war.

Dagegen und gegen die vom „demo­kra­ti­schen Italien“ unge­bro­chen fort­ge­führte Ansied­lung weiterer Italiener in ihrer Heimat protes­tierten die Südti­roler 1957 unter der Parole „Los von Trient“. Mit Anschlägen auf „Volks­wohn­bauten“ und andere italie­ni­sche Einrich­tungen machte der „Befrei­ungs­aus­schuss Südtirol“ (BAS) die Welt auf die verwei­gerte Selbst­be­stim­mung und die unein­ge­lösten vertrag­li­chen Zusi­che­rungen Roms aufmerksam. 1960 trug der dama­lige öster­rei­chi­sche Außen­mi­nister Bruno Kreisky den Konflikt vor die Vereinten Nationen, und da Italien trotz zweier UN-Reso­lu­tionen nicht einlenkte, erreichten die Anschläge im Sommer 1961 ihren Höhe­punkt. Rom verlegte 22.000 Soldaten sowie Cara­bi­nieri in den Norden und stellte das Land unter Ausnah­me­recht mit all den damit verbun­denen rigo­rosen Gewalt­maß­nahmen gegen die Bevöl­ke­rung, insbe­son­dere das Foltern von inhaf­tierten BAS-Akti­visten.  Südtirol rückte infol­ge­dessen auch inter­na­tional in den Mittel­punkt des Welt­ge­sche­hens, woran sich heute außer der Erleb­nis­ge­nera­tion und Histo­ri­kern kaum noch jemand erin­nert.

„Paket“ und zweites Auto­no­mie­statut

Nach unzäh­ligen zähen Verhand­lungs­runden zwischen Wien und Rom im Beisein von Vertre­tern beider Tirol einigte man sich auf die Entschär­fung des Konflikts, indem man 137 Einzel­maß­nahmen an einen „Opera­ti­on­s­ka­lender“ band – also an eine zeit­li­chen Vorgabe für die Umset­zung – und in einer soge­nannten „Paket-Lösung“ verschnürte. Bevor diese am 20. Januar 1972 als „Zweites Auto­no­mie­statut“ in Kraft treten konnte, musste ihm die Südti­roler Volks­partei (SVP), die seit 1945 maßgeb­liche poli­ti­sche Kraft im Bozner Land­haus, zustimmen. Auf der SVP-„Landesversammlung“ in der Kurstadt Meran kam 1969  eine knappe Mehr­heit dafür zustande.

Es sollte weitere zwanzig Jahre und unge­zählter Verhand­lungen im Reigen stets wech­selnder italie­ni­scher Regie­rungen in Anspruch nehmen, die wesent­li­chen Bestim­mungen über die Selbst­ver­wal­tung umzu­setzen sowie die annä­hernde Gleich­stel­lung der deut­schen mit der italie­ni­schen Sprache im öffent­li­chen Leben sowie die Stel­len­be­set­zung gemäß ethni­schem Proporz zu verwirk­li­chen. Erst 1992 konnte das „Paket“ für erfüllt und am 11. Juni der Südtirol-Konflikt durch Abgabe der „Streit­bei­le­gungs­er­klä­rung“ vor den Vereinten Nationen formell für beendet erklärt werden. Zuvor hatte der dama­lige italie­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Giulio Andreotti im römi­schen Parla­ment sowie mittels eines Briefes nach Wien die Zusi­che­rung gegeben, dass Ände­rungen daran nur mit Zustim­mung der Südti­roler vorge­nommen werden dürften.

Ohne Perspek­tive

Letz­teres ist seitdem viel­fach nicht einge­halten oder im Sinne der von Rom  in Anspruch genom­menen zentral­staat­li­chen „Ausrich­tungs- und Koor­di­nie­rungs­be­fugnis“ (AKB) stark verwäs­sert worden. Die SVP fand sich immer öfter bereit, von Rom dekre­tierte Ände­rungen an Substanz und Charakter des Statuts letzt­lich in „kompro­miss­le­ri­sche“ Reduktionsforme(l)n zu kleiden. Sie nahm diese Ände­rungen  hin, um den Anschein von „Convivenza/Zusammenleben“  aufrecht zu erhalten sowie die von ihr ebenso wie von den jeweils in Rom Regie­renden verab­so­lu­tierte, angeb­lich „beste Auto­nomie der Welt“ nach innen außen als „modell­haft“ anzu­preisen. Und  nicht zuletzt auch, um möglichst die  ihr insbe­son­dere seit den 1980er Jahren zuge­wach­sene poli­tisch-ökono­mi­sche  Macht zu erhalten, von deren  ökono­misch-finan­zi­ellen wie sozialen Pfründen das Gros ihrer in Gemeinden,  Provinz und Region wirkenden Funk­ti­ons­träger profi­tiert.

Von der „Auto­nomie-Partei“ SVP, deren gedul­diger, lang­wie­riger, mitunter bis zur Selbst­ver­leug­nung reichendes  poli­ti­sches Wirken für ein erträgliche(re)s Dasein der Südti­roler, zuvor­derst für eine prospe­rie­rende Wirt­schaft und eine geord­nete Verwal­tung, die den Zuständen in Italien hohn­spricht, nicht gering geschätzt werden soll,  ist daher insbe­son­dere unter ihrer gegen­wär­tigen Führung nicht zu erwarten, dass sie je an eine Ände­rung des Status quo auch nur denkt oder gar einen „Plan B“ in die Schub­lade legte, um für Even­tua­li­täten gerüstet zu sein. Demge­gen­über  weisen alle austro-patrio­ti­schen Kräfte beid­seits des Alpen­haupt­kamms und von Vorarl­berg bis ins Burgen­land völlig zurecht  darauf hin, dass in sämt­li­chen Befunden aus mehreren demo­sko­pi­schen Erhe­bungen der letzten Jahre – sowohl in Südtirol, als auch in Öster­reich selbst – klar zutage tritt, dass sich die weit über­wie­gende Mehr­heit der Befragten stets für die Besei­ti­gung bzw. Über­win­dung des Teilungs­zu­stands ausge­spro­chen hat.

„100 Jahre Unrecht machen keinen Tag Recht“

Es kann daher nicht verwun­dern, dass sich Tiroler im Zusam­men­hang mit dem deut­schen Staats­fei­ertag  (3. Oktober) zur Erin­ne­rung an die Wieder­ver­ei­ni­gung 1990 die Frage stellen, was „das Bundes­land Tirol, die Auto­nome Provinz Bozen-Südtirol und die Repu­blik Öster­reich zur Verei­ni­gung Süd‑, Ost- und Nord­ti­rols unter­nehmen“. Dabei wissen die derart Fragenden von vorn­herein, was sie, wenn über­haupt, aus Wien, Inns­bruck und Bozen gege­be­nen­falls zur Antwort erhalten, nämlich dass „die einst tren­nenden Grenzen seit dem EU-Beitritt Öster­reichs nicht mehr wahr­nehmbar, ja sogar über­wunden“ seien und sich die „Landes­ein­heit durch EUro­päi­sie­rung verwirk­li­chen“ lasse, was insti­tu­tio­nell bereits in der „Euregio Tirol Südtirol Tren­tino“ bzw. dem  „Euro­päi­schen Verbund für terri­to­riale Zusam­men­ar­beit“ (EVTZ) seinen Ausdruck finde. Kollek­ti­verfah­rungen im Zusam­men­hang mit Grenz­schlie­ßungen wegen der Abwehr des Flücht­lings­zu­stroms respek­tive mit Grenz­kon­trollen aufgrund der Corona-Pandemie strafen derar­tige poli­ti­sche Beschö­ni­gungen ebenso Lügen wie der Blick auf die unver­kenn­bare Rena­tio­na­li­sie­rung der Staa­ten­ge­mein­schaft EU, deren Mons­tro­sität, Entschei­dungs­schwäche  und Kraft­lo­sig­keit als inter­na­tio­naler Akteur.

Verei­ni­gungen wie Schützen (SSB), Heimat­bund (SHB) und deutsch­ti­roler Land­tags­op­po­si­tion halten indes daran fest, immer wieder  – und in diesem Gedenk-Herbst umso mehr – das völker­rechts­wid­rige Zerreißen Tirols und die stete Verwei­ge­rung der Selbst­be­stim­mung ins Gedächtnis zu rufen. Beispiel­haft und aller Ehren wert sind in diesem Zusam­men­hang das „Kennt­lich­ma­chen  der Mitte Tirols“ durch einen geweihten Markie­rungs­stein, den der Schüt­zen­be­zirk Brixen in unmit­tel­barer Nähe des Schutz­hauses „Latz­fonser Kreuz“ im Gebirge auf Gemein­de­ge­biet von Klausen errich­tete, sowie die von Trient bis Wien orga­ni­sierte Plakat­ak­tion des SHB unter der Losung „100 Jahre Unrecht schaffen keinen Tag Recht“.

Südtirol: 100 Jahre Unrecht · Foto: SHB

*) Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Rein­hard Olt war 27 Jahre poli­ti­scher Redak­teur der Frank­furter Allge­meinen Zeitung (F.A.Z.) und von 1994 bis 2012 deren Korre­spon­dent in Wien für Öster­reich, Ungarn, Slowe­nien, zeit­weise auch für die Slowakei. Daneben nahm er Lehr­auf­träge an deut­schen, öster­rei­chi­schen und unga­ri­schen Hoch­schulen wahr. Seit 1990 ist er Träger des Tiroler Adler-Ordens, seit 2013 des Großen Adler-Ordens. 1993 erhielt er den Medi­en­preis des Bundes der Vertrie­benen (BdV). 2003 zeich­nete ihn der öster­rei­chi­sche Bundes­kanzler mit dem Leopold-Kunschak-Preis aus, und der öster­rei­chi­sche Bundes­prä­si­dent verlieh ihm den Profes­soren-Titel. 2004 wurde er mit dem Otto-von-Habs­burg-Jour­na­lis­ten­preis für Minder­hei­ten­schutz und kultu­relle Viel­falt geehrt und ihm das Goldene Ehren­zei­chen der Stei­er­mark verliehen. 2012 promo­vierte ihn die Eötvös-Loránt-Univer­sität in Buda­pest zum Ehren­doktor (Dr. h.c.), verbunden mit der Ernen­nung zum Professor, und 2013 verlieh ihm der öster­rei­chi­sche Bundes­prä­si­dent das Ehren­kreuz für Wissen­schaft und Kunst.

1 Kommentar

  1. Wie sollte ein einiges Tirol aussehen, wenn doch Südtirol nicht zu Öster­reich kommen will? Ein drittes Land? Und dann Vorarl­berg eine Exklave?
    Der Artikel ist sehr gut geschrieben und lässt nichts Wesent­li­ches aus ausser dieser folgen­schweren Frage.

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