Erdoğans impe­riale Träume: Nach Wien?

Erdoğan in imperialer Pose · Foto: Boulevard Voltaire

„Die Türkei hat das klare Ziel, das türki­sche Impe­rium wieder zu errichten.“ Diese Aussage, die durchaus Sinn macht, wurde von Nikol Pachi­nian, dem arme­ni­schen Premier­mi­nister, während eines Inter­views mit France 24 gemacht.

Die zwei­fellos von Ankara fern­ge­lenkte Aggres­sion Aser­bai­dschans gegen die arme­ni­sche Enklave Berg-Kara­bach ist die jüngste Episode einer beispiels­losen impe­ria­lis­ti­schen türki­schen Raserei seit dem Fall des Osma­ni­schen Reiches.

Der Krieg in Syrien war für Erdoğan eine Gele­gen­heit, wieder­holt in das Nach­bar­land einzu­fallen, um die Kurden zu bestrafen oder ganz einfach einen Teil des syri­schen Terri­to­riums zu besetzen, wie zum Beispiel die Provinz Idleb im Nord­westen. Als Mitglied der NATO kam die Türkei in den Genuss einer unglaub­li­chen ameri­ka­ni­schen und euro­päi­schen Nach­sicht, und wenn Putin nicht da gewesen wäre, um den Vormarsch der türki­schen Armee einzu­dämmen, wissen wir nicht, wie weit sie gegangen wäre.

Dann war es Libyen, wohin mehrere Tausend (wir spre­chen von 12.000) turk­me­ni­sche isla­mis­ti­sche Söldner aus Syrien entsandt wurden, um dem Verbün­deten Sarradsch zu helfen, der sich gegen­über den Streit­kräften von Marschall Haftar in mili­tä­ri­schen Schwie­rig­keiten befand. Auch hier waren es die Russen, die den türki­schen Vormarsch blockierten, indem sie die turk­me­ni­schen Horden daran hinderten, die liby­schen Ölquellen zu erobern. Dies hinderte Erdoğan nicht daran, ein völlig ille­gales Seefahrts­ab­kommen mit Libyen zu unter­zeichnen, um eine gemein­same Meeres­zone zwischen den beiden Ländern zu schaffen. Als ob Kreta oder Zypern gar nicht existierten.

Denn das östliche Mittel­meer ist das dritte Ziel des uner­sätt­li­chen Sultans. Wütend darüber, durch die jüngsten Gasfunde auf See in den Hoheits­ge­wäs­sern Zyperns, Grie­chen­lands, Israels, Liba­nons und Ägyp­tens an den Rand gedrängt worden zu sein, will Erdoğan seine Nach­barn zwingen, ihm ein Stück des Kuchens zu über­lassen. Von ille­galen Bohrungen unter dem Schutz von Kriegs­schiffen bis hin zu mehr­fa­chen Einschüch­te­rungen sind die Span­nungen auf ein gefähr­li­ches Niveau ange­stiegen. Erst unter der Andro­hung euro­päi­scher (aber nicht ameri­ka­ni­scher…) Sank­tionen ist die türki­sche Flotte in ihre Häfen zurück­ge­kehrt und wartet auf die nächste Gele­gen­heit. Denn die wirt­schaft­liche Lage der Türkei ist mehr als mittel­mäßig, und der Sultan kann es sich nicht leisten, sich einem Arsenal von Sank­tionen zu unter­werfen. Dies ist eine gewisse Achil­les­ferse Erdoğans, die glück­li­cher­weise seine wieder­ge­won­nene mili­tä­ri­sche Effi­zienz kompensiert.

Parallel zu dieser sehr auffäl­ligen aggres­siven Politik hat Erdoğan eine diskre­tere, aber viel­leicht sogar gefähr­li­chere reli­giöse Akti­vität entwi­ckelt. Über das Symbol der Umwand­lung der Hagia Sophia in eine Moschee hinaus finan­ziert er eine sehr inten­sive reli­giöse Akti­vität in mehreren euro­päi­schen Ländern, insbe­son­dere in Deutsch­land, Frank­reich und auf dem Balkan. Mit der Finan­zie­rung von Moscheen und der Entsen­dung von Imamen, von denen viele türki­sche Beamte sind, ist das Spek­trum breit und profi­tiert von einer beun­ru­hi­genden Passi­vität unserer poli­ti­schen Führer.

Die aktive Unter­stüt­zung des aser­bai­dscha­ni­schen Angriffs auf das arme­ni­sche Berg-Kara­bach ist der jüngste Avatar der türki­schen Expan­si­ons­po­litik. Die Methode ist dieselbe wie in Libyen: Liefe­rung von Hoch­leis­tungs-Angriffs­drohnen und Entsen­dung isla­mis­ti­scher Söldner aus Turk­me­ni­stan. Dies kann den Verlauf des Krieges verän­dern. Der vorhe­rige war größ­ten­teils von der arme­ni­schen Armee gewonnen worden, aber die Türkei war damals nicht dabei.

All dies ist Teil einer ehrgei­zigen Stra­tegie im Dienste des Islam und des türki­schen Expan­sio­nismus. Die Türken mögen viel­leicht nicht bis nach Wien kommen, wie der arme­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent sagte (wobei er sich auf die histo­ri­schen Präze­denz­fälle des 16. und 17. Jahr­hun­derts bezog), aber es ist an der Zeit, sich der Gefahr bewusst zu werden.

Träumen wir besser nicht vom hypo­the­ti­schen Wagemut der west­li­chen Welt und hoffen wir lieber, dass Russ­land wieder einmal das letzte Boll­werk sein wird.

Dieser Beitrag erschien zuerst in fran­zö­si­scher Sprache bei Boule­vard Voltaire.

3 Kommentare

  1. Fr. Merkel, die sich von Erdogan gänz­lich abhängig gemacht hat, wird NICHTS gegen ihn unter­nehmen. Es fällt auf, dass sie weder seine Menschen­rechts­ver­let­zungen in der Türkei noch seine krie­ge­ri­schen Manöver in Syrien, in Libyen, im Mittel­meer (Zypern, Grie­chen­land etc.) je kriti­siert hat oder kriti­siert. Es ist nicht opportun! Eine Frau, die so gerne von „unseren Werten“ spricht etc.. Was sind das für Werte ‑in der Praxis?

  2. Schon lange bekannt.
    Europa schläft!

    luegenpresse2.wordpress.com/2019/01/23/erdoganunsere-grenze-beginnt-vor-wienwie-lange-wird-es-noch-eu-beihilfen-fuer-die-tuerkei-geben/

    Erdo­gans Rede in Izmir: “Unsere Grenze startet nicht von Izmir. Unsere Grenze beginnt von Wien bis zu den Küsten der Adria, nach Osttur­ki­stan (China’s Uigu­ren­re­gion) und nach Norden des Schwarzen Meeres.”

    Erdogan Izmir rally speech for his party conven­tion on Jan.5, 2019

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