Europa und das „Great Game“ des 21. Jahrhunderts

Foto: Facebook / European

Von David Engels

Als vor wenigen Tagen der unga­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Viktor Orbán sich weigerte, eine der übli­chen „Besorgnis-Erklä­rungen“ der EU zu unter­schreiben, in dem es um die Lage der Menschen­rechte in Hong-Kong gehen sollte, ging der übliche „Aufschrei“ durch die west­li­chen Medien, die hier ein weiteres Beispiel für die „illi­be­ralen“ Tendenzen des unga­ri­schen Schur­ken­staats erblickten. Nun liegt mir nichts ferner, als die Ereig­nisse in China zu verharm­losen oder den Kurs gutzu­heißen, mit dem Peking seine peri­pheren Provinzen an die Kandare nimmt. Ange­sichts der gewalt­samen Ausschrei­tungen in den USA, in Spanien oder in Frank­reich und dem zuneh­menden Verlust demo­kra­ti­scher Grund­werte überall im Westen stellt sich aller­dings die Frage, ob man mit Steinen werfen sollte, wenn man im Glas­haus sitzt, wie ein anschau­li­ches deut­sches Sprich­wort sagt – umso mehr, wenn man die Selek­ti­vität betrachtet, mit der der Westen sich zwar immer dann, wenn es medial opportun ist, zum Vertei­diger der Menschen­rechte aufschwingt, gleich­zeitig aber, wenn keiner genau hinguckt, milli­ar­den­schwere Wirt­schafts­ver­träge mit eben denselben, just verur­teilten Regie­rungen schließt und nur allzu gerne mit Dikta­toren paktiert, wenn sie eben nur auf „unserer“ Seite stehen. Nun sollte man diese Über­le­gungen nicht als zyni­schen Appell für einen mora­li­schen Rela­ti­vismus mißver­stehen; ganz im Gegen­teil geht es mir eher um die Überlegung,

daß der Westen sich früher oder später zu einer echten gewissen ideo­lo­gi­schen Konse­quenz durch­ringen sollte, um endlich nach außen wie nach innen halb­wegs glaub­haft dazu­stehen und zu verhin­dern, daß sowohl viele Bürger als auch unsere Nach­barn sich zuneh­mend ange­ekelt von der west­li­chen Doppel­moral zurück­ziehen, ja sich gar gemeinsam zu unserem Sturz verschwören.

Sollte Außen­po­litik auf der allei­nigen Grund­lage der Menschen­rechte statt­finden, wie der gegen­wär­tige Selbst­an­spruch heißt, so sollte man diese wohl zunächst nach innen umsetzen (es gäbe hier alle Hände voll zu tun) und dann eben auch in völliger Gleich­wer­tig­keit nach außen – mit der wahr­schein­li­chen Folge, daß so ziem­lich alle Bezie­hungen nach Asien wie nach Afrika voll­ständig abge­bro­chen werden müßten, ganz zu schweigen von den zu erwar­tenden kata­stro­phalen Konse­quenzen nicht zuletzt im Bereich der Wirt­schafts­po­litik, hat man sich doch aus eigener Verschul­dung so abhängig gemacht von der Indus­trie Ostasiens, daß der Aufbau eigener Struk­turen zumin­dest in kurz- wie mittel­fris­tiger Perspek­tive nahezu unmög­lich geworden ist. Wollen wir das wirk­lich? Dann nur zu!

Oder aber, man setzt als oberste Prio­rität den Schutz der euro­päi­schen Inter­essen und nicht (selektiv verstan­dener) „Menschen­rechte“ und gründet die Außen­po­litik unseres Konti­nents zunächst auf die Garantie unserer stra­te­gi­schen Unab­hän­gig­keit und maxi­malen wirt­schaft­li­chen Autonomie,

enthält sich dann aber vorerst jenes zahn­losen und unglaub­wür­digen verbalen Inter­ven­tio­nismus, um dann später, auf einer gesunden Basis und einer Posi­tion echter Stärke und Glaub­wür­dig­keit daran gehen zu können, sich für Recht und Gerech­tig­keit auch im Ausland einzusetzen.

Davon sind wir natür­lich noch weit entfernt, umso mehr, als der gegen­wär­tigen poli­ti­schen Elite Europas jegli­cher Sinn für Geopo­litik abhan­den­ge­kommen ist bzw. sie sich als Spiel­ball der Interessen

einfluß­rei­cher Lobbies einsetzen läßt, die ganz eigene Ziele verfolgen und eben nicht das Wohl der abend­län­di­schen Zivi­li­sa­tion in ihrer Gänze im Herzen tragen.

Die Welt der Zukunft, ja eigent­lich schon der Gegen­wart ist von wirt­schaft­lich-poli­ti­schen Groß­räumen domi­niert, die zwar sicher­lich nach rela­tiven Hege­mo­nien über ihre Peri­pherie streben, aber keine Möglich­keit haben, dauer­haft eine echte Welt­herr­schaft zu erringen. China, Indien, Rußland, die USA und Brasi­lien sind zu Herzen neuer multi­la­te­raler Impe­rien geworden, die im besten Fall ein unsi­cheres Gleich­ge­wicht bewahren und sich nur an ihrer Peri­pherie reiben, im schlimmsten Fall aber in selbst­zer­stö­re­ri­sche Konflikte stürzen könnten.

Europa muß diese Situa­tion einsehen; muß sich, ob es will oder nicht, als weiteren Spieler dieses neuen, hoch­ge­fähr­li­chen „Great Game“ begreifen und sich die entspre­chenden Insti­tu­tionen geben, dieses Spiel aktiv und effi­zient mitzu­spielen, um nicht unter­zu­gehen. Dazu gilt es frei­lich, sowohl jene Ewig­gest­rigen aufzu­klären, die immer noch glauben, ein Europa von 40 winzigen und zänki­schen Natio­nal­staaten hätte auch nur den Ansatz einer Chance in dieser Situa­tion, als auch bloßzulegen,

daß jene, die heute Europa zu schützen vortäu­schen, in Wirk­lich­keit den Ausver­kauf der abend­län­di­schen Inter­essen betreiben.

Dies geht aller­dings nur durch die Bewußt­wer­dung unserer gemein­samen histo­ri­schen Iden­tität, denn ohne eine solche muß die Hoff­nung auf Soli­da­rität und somit poli­ti­sche Kohä­sion chimä­risch bleiben. Hier liegt daher der eigent­liche Hebel für die Welt­stel­lung Europas im 21. Jahrhundert.

David Engels ist ein belgi­scher Histo­riker, der derzeit am Zachodni-Institut in Posen (Polen) arbeitet. Als Spezia­list für alte, insbe­son­dere für römi­sche und seleu­ki­di­sche Geschichte ist er auch ein Denker des euro­päi­schen Konser­va­tismus, der sich seit über einem Jahr­zehnt mit Fragen der Iden­tität, vor allem in der fran­zö­sisch- und deutsch­spra­chigen Presse, befasst. 2013 veröf­fent­lichte er Le Déclin, wo er die derzei­tige Euro­päi­sche Union und die rück­läu­fige Römi­sche Repu­blik metho­disch verglich. 2019 veröf­fent­lichte er Reno­vatio Europae: Plädoyer für einen hespe­ria­lis­ti­schen Neubau Europas, gefolgt von Que faire?, Zwei Werke, die sich der Zukunft Europas zuwandten; das erste befasste sich mit der Reform der Insti­tu­tionen und das zweite wandte sich an die einzelnen

2 Kommentare

  1. Ich bin ein alter Mann, denke schon etliche Jahre über Möglich­keiten zur Umkeh­rung nach und sehe absolut keine Chance. Wir stecken in einem Glau­bens-Schlag­eisen, in dem die Wahr­heit durch eine „neue“ verdrängt worden ist. Das Christ­liche Abend­land glänzt in Deutsch­land ausschließ­lich durch reno­vierte Kirchen. Die sind seit dem Konzil leer­ge­redet, auch leer­ge­pre­digt worden.
    Wenn man die Unge­heu­er­lich­keiten zur Kenntnis nimmt, die sich aus vielen deut­li­chen Signalen abzeichnen, kann nur eine Kata­strophe zur Vernunft zurück führen. Heuer?

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