Fran­zö­si­scher Histo­riker: Orbán versteht die Heraus­for­de­rungen des neuen Jahrhunderts

Premierminister Viktor Orbán im Gespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron · MTI/Pressebüro des Premierministers/Benko Vivien Cher

Auch die osteu­ro­päi­schen Länder haben keine Sehn­sucht nach dem Westen, sie wollen das dortige System nicht kopieren, sondern ihren eigenen kultu­rellen Weg gehen, sagt der fran­zö­si­sche Histo­riker Max-Erwan Gasti­neau, der in den Sonn­tags­nach­richten von Kossuth Radio ein Inter­view über die grund­le­genden Unter­schiede zwischen Mittel­eu­ropa und dem Westen gab.

- Herr Gasti­neau, Sie haben vor ein paar Tagen einen Artikel in einer der größten fran­zö­si­schen Zeitungen, Le Figaro, veröf­fent­licht, in dem Sie über das unga­ri­sche Pädo­phi­len­ge­setz geschrieben haben. Es ist nicht das erste Mal, dass Sie die unga­ri­sche Regie­rung vertei­digen. Warum haben Sie das Bedürfnis, dem Westen die Hinter­gründe dieser Entschei­dungen zu erklären?
– Es ist nicht meine Aufgabe, die unga­ri­sche Regie­rung zu vertei­digen, sondern zu versu­chen, Europa zu erklären, dass es zwei Europas gibt, histo­risch und kultu­rell. Ich mag die Arro­ganz des Westens nicht, der denkt, dass die west­liche Demo­kratie überall ange­wendet werden sollte und die beste Demo­kratie der Welt ist. Es ist, als ob sie uns glauben machen will, dass die Osteu­ro­päer nicht so viel wert sind, wie sie sind.
Zunächst einmal muss man die Geschichte dieser Länder kennen, Polen, Ungarn, um zu verstehen, warum sie dies oder jenes tun.

Deshalb schreibe ich relativ viel über Ungarn, weil ich glaube, dass das, was Ungarn tut, die Vertei­di­gung eines Gesell­schafts­mo­dells ist und dass es auf einer Kritik des Libe­ra­lismus beruht. Für mich ist das eine sehr inter­es­sante These und sie basiert sehr auf der Realität, auf der Wahrheit.

Wir, die Fran­zosen, sollten, statt zu kriti­sieren, einige dieser Theo­reme über­nehmen und inte­grieren, was Buda­pest im Falle der Union und des Westens kritisiert.

- Und warum inter­es­sieren Sie sich für diese Art von Illiberalismus?
– Das liegt daran, dass die Menschen heute dazu neigen, Europa mit libe­ralen Werten zu verwech­seln. Natür­lich ist der Libe­ra­lismus eine wich­tige Philo­so­phie, die Menschen­rechte sind wichtig, alles, was auf dem Indi­vi­duum basiert, aber die Gesell­schaften, ob im Westen oder im Osten, basieren nicht nur auf diesen Rechten. Wir haben Tradi­tionen, Geschichte, Moral. Europa ist nicht nur auf Rechten, auf dem Indi­vi­duum aufge­baut, sondern auch auf Geschichte, auf Kultur und auf einer Einheit, in der wir das Chris­tentum finden. Europa braucht beide Pole, Indi­vi­duen und soziale Gemein­schaften. Ich glaube, dass all das zusammen leben kann, der auf Indi­vi­duen basie­rende Westen und die konser­va­tive Gesell­schafts­struktur Mitteleuropas.

- Sieb­zehn der 27 Länder, die über das Pädo­phi­len­ge­setz debat­tierten, waren gegen Ungarn und sieben waren dafür. Zu letz­teren gehören die Slowakei, Slowe­nien, Polen, die Tsche­chi­sche Repu­blik und Litauen. Ist das kein Zufall?
– Nein. Aber auch in Frank­reich will man das nicht verstehen, obwohl es unzäh­lige Debatten im Fern­sehen gab. Hier denken sie, dass alle mit den Brüs­seler Werten über­ein­stimmen, sie merken nicht, dass es Unter­schiede gibt. Nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen verschie­denen Ländern. Wenn wir uns anschauen, welche Länder gegen Ungarn und welche für Ungarn waren, sehen wir, dass es einen deut­li­chen Unter­schied gibt. Der Westen muss erkennen, dass die libe­rale Moral, die in den 1960er und 1970er Jahren entstanden ist, im Osten nicht so stark vertreten ist, gerade wegen ihrer Tradi­tionen und ihrer beson­deren Geschichte. Letz­teres wird hier im Westen tenden­ziell vernach­läs­sigt. Deshalb müssen wir einander kennen, die Geschichte der Ungarn. Ich bin sicher, dass viele von Ihnen mit libe­ralen Prin­zi­pien gegen den Kommu­nismus gekämpft haben, aber im Grunde ist die Gesell­schaft eher konser­vativ. Das schreiben mittel­eu­ro­päi­sche Schrift­steller wie der in Frank­reich sehr bekannte Tscheche Kundera. Während man im Westen 1968 für die Verän­de­rung der Moral und die Demon­tage der Gesell­schaft kämpfte, baute man im Osten im Gegen­teil auf Gemein­schaften und bewahrte das Chris­tentum, das vom Kommu­nismus bedroht war. Mit anderen Worten: Es gab zwei Europas in ’68, genauso wie es jetzt zwei Europas gibt. Und natür­lich gibt es Oppo­si­tion und Riva­lität zwischen ihnen. Mittel­ost­eu­ropa will Europa retten, fühlt sich bedroht und braucht Hilfe, um zu überleben.

- Macht der Westen nicht denselben Fehler in Asien oder Afrika? Oder in arabi­schen Ländern wie dem Irak, wo die Situa­tion schlimmer ist als noch vor zwanzig Jahren?
– Ja, und darüber habe ich in meinem Buch geschrieben. Im Jahr 1989 glaubten Amerika und die west­liche Welt, dass alle Völker der Welt auf dem glei­chen Funda­ment aufge­baut seien. Sie wollten das gleiche Modell auf dem Balkan, in Mittel­eu­ropa, in Südafrika oder in Latein­ame­rika sehen. Dies war bis zum soge­nannten Arabi­schen Früh­ling der Fall. Wir glaubten an die gleiche Prophe­zeiung, an die gleiche Unifor­mie­rung. Diese Ära ist vorbei. Ich denke, dass die osteu­ro­päi­schen Länder keine Sehn­sucht mehr nach dem Westen haben, sie wollen das dortige System nicht kopieren, sie gehen lieber ihren eigenen kultu­rellen Weg.

Das Gleiche sehen wir in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Asien. China oder Singapur folgen einem anderen Modell. Sie glauben, vor allem aufgrund der Lehren von Konfu­zius, dass die Welt aus verschie­denen Kulturen besteht und dass wir erfolg­reich sein können, ohne das west­liche Modell zu adap­tieren, das sie in den 1990er Jahren aufzwingen wollten.

- Und was glauben Sie, wer wird wen eher verstehen? Von West nach Ost oder andersherum?
– Nicht alles ist schwarz und weiß, denn es gibt Unter­schiede zwischen den mittel­eu­ro­päi­schen Staaten, es gibt Debatten, es gibt Sozi­al­de­mo­kraten, Konser­va­tive oder Libe­rale, genau wie im Westen. Auch in Frank­reich gibt es einen sehr starken Glauben an die Notwen­dig­keit, fran­zö­si­sche und euro­päi­sche Tradi­tionen zu vertei­digen. Viele Fran­zosen sind gegen Multi­kul­tu­ra­lismus oder gegen Regen­bo­gen­fa­mi­lien. Viele wollen keine Migranten, die nicht inte­gra­ti­ons­fähig sind. Und es gibt eine wach­sende Praxis, dass das Volk den Poli­ti­kern seinen Willen aufzwingt. Dies ist zum Beispiel in Groß­bri­tan­nien geschehen. Sie erwarten fami­liäre Stärke und Respekt vor der euro­päi­schen Tradi­tion im Ange­sicht der Globalisierung.

- Gibt es eine Chance, dass Emma­nuel Macron eines Tages verstehen wird, was Orbán will?
– Nein, das glaube ich nicht. Wenn Sie seine Reden, seine Debatten lesen, werden Sie sehen, dass Macron ein Mann der neun­ziger Jahre des letzten Jahr­hun­derts ist. Er glaubt immer noch, dass es einen welt­weiten Konsens darüber gibt, was Demo­kratie ist oder was Menschen­rechte sind. Er hat nicht verstanden, dass dies ein Stück Idea­lismus des Westens ist. In den neun­ziger Jahren begann etwas anderes zu passieren. Ich habe viele Reden von Orbán gelesen, aus denen hervor­ging, dass es in der Welt viel Bewe­gung gab. Huntington sagte dasselbe, als er über den Zusam­men­prall der Zivi­li­sa­tionen sprach. Viel­leicht hat Macron das alles verstanden, dennoch klam­mert er sich an die Wurzeln einer alten Welt. Und von diesen Wurzeln her ist die fran­zö­si­sche Tradi­tion, der fran­zö­si­sche oder euro­päi­sche Geist geerbt. Er setzt auf abstrakte Werte und versucht ein Mittel­eu­ropa zu über­winden, das auf konser­va­tiven Tradi­tionen beruht. Deshalb hat er auch die Wahlen vor ein paar Tagen verloren. Diese Ergeb­nisse haben zwar auch gezeigt, dass sich ein großer Teil der Fran­zosen von der Politik abge­wandt hat. Dies geschieht in Form von physi­scher Empö­rung, indem sie nicht wählen gehen. „Warum sollte ich gehen?“ – fragen sie. Seit dreißig Jahren sind die Probleme die glei­chen: Arbeits­lo­sig­keit, Migra­tion, die zu Inter­na­li­sie­rung, Isla­mi­sie­rung und dann Terro­rismus führt. Da sind die verlas­senen ehema­ligen Indus­trie­re­gionen, das Problem der Bildung. Darauf hat die Politik schon lange keine Antwort mehr. Und wenn sie das nicht tun, warum sie wählen? Die Fran­zosen sind immer noch an der Politik inter­es­siert, aber sie sehen die Inkom­pe­tenz der Poli­tiker, ihre Unfä­hig­keit, die Probleme der fran­zö­si­schen Nation zu lösen.

- Ein junger Histo­ri­ker­kol­lege von Ihnen, Thibaud Gibelin, hat ein Buch mit dem Titel „Orbán spielt und gewinnt“ geschrieben. Sind Sie damit einverstanden?
– Ich denke, Orbán ist ein talen­tierter Fidesz-Poli­tiker, der versteht, was das Volk will. Wenn ich an poli­ti­schen Debatten in den fran­zö­si­schen Medien teil­nehme und er erwähnt wird, sage ich, dass er nicht nur ein Poli­tiker ist, nicht nur ein guter Stra­tege, sondern auch ein guter Theo­re­tiker. Er setzt das, was er sagt, in die Praxis um, und das ist für mich als Histo­riker sehr inter­es­sant, ob wir mit ihm über­ein­stimmen oder nicht. Und er ist sicher­lich einer jener seltenen Poli­tiker, die eine Vision haben und diese Vision auch in die Tat umsetzen. Ja, Viktor Orbán spielt, und er gewinnt, weil er eine Vision von der Welt hat, die mit der Vision des unga­ri­schen Volkes und, im weiteren Sinne, mit der Vision der Völker Europas über­ein­stimmt. Und das ist eine Rück­be­sin­nung auf die Nationen, die Vertei­di­gung bedrohter natio­naler Kulturen und Tradi­tionen und das Bild eines starken Staates, der sich an den Inter­essen der Nation orientiert.

Quelle: hirado.hu


4 Kommentare

  1. Orban hat verstanden, dass das Chris­tentum notwendig zum fried­li­chen Zusam­men­leben und vor allem auch wirt­schaft­lich gutem Zusam­men­leben ist.
    Die heutigen soge­nannten west­li­chen Werte sind nur noch Egoismus, Erben­wollen, Konsum, Bequem­lich­keit, „Bildung“, die nur noch aus Sex und Fern­sehen besteht. Deswegen ist es für Ideo­logen so leicht, die heutigen West­eu­ro­päer zu versklaven. West­eu­ro­päi­sche Inter­lek­tu­elle haben nie gelernt, sich selbst Infor­ma­tionen vieler Art zu beschaffen, nach­zu­denken, abzu­wägen und ein eigenes Urteil, eine eigene Entschei­dung zu treffen. Vermut­lich sind wir aber schon so weit versklavt, dass solche Selber­denker von Schulen, Univer­si­täten, Medien ausge­schlossen werden.
    Für die Bequem­lich­keit verkaufen die Menschen sich selbst als Sklaven, denn sie schreien förmlich:
    – her mit der Impfung – ich will reisen
    – her mit der Bargeld­ab­schaf­fung – meine Bank­karte ist so bequem und außerden glaube ich an die sekünd­liche Geldwäsche
    – her mit der staat­li­chen Unter­stüt­zung, denn der Staat hat Geld – woher? haben sie vergessen, dass alles Staats­geld vom arbei­tenden Bürger kommt und nur die Schulden vom „Staat“= verun­treu­enden Politikern
    – her mit dem guten Klima – menschen­ge­machtes CO2 hat keinen Einfluß auf „das Klima“, aber wir haben uns schon so weit mani­pu­lieren lassen, dass wir dafür sind selbst Konjung­tur­pro­gramme zu bezahlen, Dämm­stoff­in­dus­trie und ihrer Hand­werker, auch wenn das Rent­ner­ehe­paar dann aus seinem abbe­zahlten Häus­chen raus muss, Abwäl­zung der Kosten des Stras­sen­baus auf die Anwohner, auch wenn viele sich hoch dafür verschulden müssen, Elek­tro­autos, auch wenn die Batte­rien umwelt­ver­schmut­zend herge­stellt und erst recht entsorgt werden müssen und der Lade­strom kommt woher? von den fran­zö­si­schen Atom­kraft­werken an der deut­schen Grenze, teuer einge­kauft und, und, und

    • Warum streicht man in der BRD nicht die GEZ-Zwangs­bei­träge? Die jähr­liche Kauf­kraft eines jeden Haus­halts steigt um 200 EURO. Tausende von Rechts­an­wälten und Gerichts­voll­zieher können sinn­vol­lere Arbeiten verrichten. Die GEZ-Zwangs­bei­träge werden nicht gestri­chen, weil Staat Nimmer­satt die GEZ-Zwangs­bei­träge als Insi­gnien der Macht wie eine Mons­tranz vor sich herträgt. 

      Inzwi­schen hat jeder Lebens­be­reich seine „GEZ“, und darum weichen kleine und mitt­lere Unter­nehmen aus Deutsch­land vermehrt nach Ungarn aus!

  2. Spätes­tens wenn man bemerkt, daß inzwi­schen in der BRD kein einziges Anti­bio­tikum-Medi­ka­ment mehr herge­stellt wird, wird klar, daß der EU-Zentra­lismus seine Bürger versklavt. Zum besseren Verständnis muß gesagt werden, daß inzwi­schen in der BRD kein einziges Anti­bio­tikum-Medi­ka­ment mehr herge­stellt werden darf!

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