Gegen den Turbo­ka­pi­ta­lismus, der die Mittel­schicht proletarisiert

Foto: Centro Machiavelli

Von Nicola und Tiberio De Felice

In unserer poli­ti­schen Debatte wird bei dem Thema der welt­weiten Zentra­li­sie­rung des Reich­tums in den Händen einiger weniger Super­ka­pi­ta­listen wie Jeffrey Bezos und dem Speku­la­ti­ons­phä­nomen – eine direkte Folge des ersteren – der weit verbrei­teten Verar­mung der sozialen Schichten und insbe­son­dere der soge­nannten Mittel­schicht wenig effek­tive Aufmerk­sam­keit geschenkt. Dieses Phänomen voll­zieht sich mit zuneh­mender Geschwin­dig­keit und Konse­quenz gemäß einer Parabel, die derje­nigen sehr ähnelt, die in der Analyse der Dynamik des Kapi­ta­lismus beschrieben wurde, die das marxis­ti­sche Denken – viel­leicht zu voreilig – formu­lierte, das zynisch ein Szenario der „Prole­ta­ri­sie­rung“ der bürger­li­chen Klassen vorher­sagte, das wir nun tatsäch­lich erleben. Der Unter­schied besteht darin, dass aufgrund der fort­schrei­tenden demo­gra­fi­schen Krise und der verän­derten Rolle, die Kinder im fami­liären und gesell­schaft­li­chen Bereich einnehmen, heute nicht einmal mehr von einer Prole­ta­ri­sie­rung gespro­chen werden kann.

Wir leugnen nicht, dass dieses Phänomen, zumin­dest in Worten, von vielen Beob­ach­tern erfasst wird und dass es von fast allen poli­ti­schen Seiten aner­kannt und, zur Not, ange­pran­gert wird. Einfa­cher ausge­drückt, möchten wir sagen, dass es von der Politik nicht den Raum zu bekommen scheint, den es verdient, sowohl in Bezug auf die Analyse als auch in Bezug auf die Vorschläge zur Lösung der entstan­denen kriti­schen Fragen. Fast so, als ob sie fata­ler­weise als unver­meid­liche Tatsache der Zeit ange­sehen würde, die in ihren Auswir­kungen mit pallia­tiven Maßnahmen verschie­dener Art, wie z.B. Sozi­al­hilfe, zu lindern ist, anstatt sie zu verhin­dern oder zumin­dest in einigen ihrer auslö­senden Ursa­chen einzudämmen.

In den letzten Jahr­zehnten ging ein großer Impuls zur Zentra­li­sie­rung des Reich­tums von der unauf­hör­li­chen tech­no­lo­gi­schen Muta­tion im Fort­schritt aus. Letz­tere, die bereits seit der ersten indus­tri­ellen Revo­lu­tion vorhanden und in stän­digem Wachstum begriffen ist, hat im gegen­wär­tigen digi­talen Zeit­alter eine Netto-Beschleu­ni­gung erfahren, in dem die verbrei­tete Inno­va­tion – Frucht der wissen­schaft­li­chen Evolu­tion und des Massen-Engi­nee­rings – zusammen mit den finan­zi­ellen Mächten jenem Phänomen Leben einhaucht, das von einigen mit dem beschwö­renden Ausdruck „Turbo­ka­pi­ta­lismus“ oder Kapi­ta­lismus außer Kontrolle apostro­phiert wurde. Die tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tion ist in der Tat eine Frucht der Zeit, und die Annahme von Posi­tionen der bloßen Kritik an dem Phänomen als solchem wäre, noch bevor sie als kurz­sichtig und reak­tionär gebrand­markt wird, im wesent­li­chen anti­his­to­risch. Anders verhält es sich jedoch mit dem Thema der Zentra­li­sie­rung des Reich­tums und der daraus resul­tie­renden Verar­mung der Massen, das in den letzten Jahren – wie erwähnt – seine Haupt­an­triebs­kraft in der tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tion findet. In der gegen­wär­tigen Phase einer sehr schwie­rigen wirt­schaft­li­chen Situa­tion halten wir es für durchaus ange­bracht, sich zu fragen, ob es – nur um ein Beispiel vor aller Augen zu nennen – richtig und nach­haltig ist, dass der größte Teil der kommer­zi­ellen Akti­vi­täten in den Händen weniger großer E‑Com­merce-Konzerne liegt.

Die Beispiele für die Mono­po­li­sie­rung von Wirt­schafts­sek­toren zum Vorteil einiger weniger, die durch den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt begüns­tigt werden, könnten viele sein und immer mehr Kate­go­rien umfassen. Sie reichen von Taxi­fah­rern, die von großen Carsha­ring-Konzernen mit ihren futu­ris­ti­schen Flotten selbst­fah­render Autos bedroht werden, über die Besitzer von Tank­stellen, die durch das Phänomen der Elek­tri­fi­zie­rung von Motoren verdrängt werden, mit weit verbrei­teten Lade­sta­tionen, die in vielen Fällen direkt von Ener­gie­riesen verwaltet werden, bis hin zu den Arbei­tern der großen indus­tri­ellen Produk­tion, die im Modell der „Indus­trie 4.0“ immer weniger unver­zichtbar sind. Selbst die Stra­tegen der Streit­kräfte sagen voraus, dass für die nächsten Konflikte, die auf fern­ge­steu­erten Drohnen sowohl am Himmel als auch auf dem Meer basieren, keine großen Zahlen an Personal benö­tigt werden (vgl. das Programm „Soldato Futuro“ der italie­ni­schen Armee).

Allge­meiner ausge­drückt: Die konti­nu­ier­liche tech­no­lo­gi­sche Muta­tion und das globa­lis­ti­sche Modell mit delo­ka­li­sierter Produk­tion sind zuneh­mend auf zwei großen Bezugs­polen aufge­baut: die chine­si­sche Produk­tion und die Vertei­lung von Waren und Dienst­leis­tungen zum ausschließ­li­chen Vorrecht großer Unter­nehmen, die meist der angel­säch­si­schen Welt, insbe­son­dere den Verei­nigten Staaten, ange­hören. Das konkrete, für jeden im Alltag spür­bare Ergebnis ist, dass ein immer größerer Teil des von den Bürgern vor Ort erwirt­schaf­teten Einkom­mens dazu verwendet wird, Waren und Dienst­leis­tungen dieser Groß­kon­zerne zu vergüten (einer für alle Amazons), ohne dass die so genannten Terri­to­rien einen nennens­werten Nutzen davon haben. Daher wird eine Art einsei­tiger Abfluss der von den realen Ökono­mien der Nähe produ­zierten Ressourcen konfi­gu­riert, in einem entfernten und dekon­tex­tua­li­sierten Anderswo, mit Effekten von immer weniger „Zirku­la­ri­sie­rung“ (und konse­quenter Umver­tei­lung) des Reichtums.

In diesem Gesamt­bild hat die aktu­elle Phase der Pandemie nichts anderes getan, als einige der Prozesse (z.B. den Boom des E‑Commerce) des „Gigan­tismus“ zu beschleu­nigen, die bereits seit einiger Zeit bestehen. In diesem Sinne könnte man sagen, dass die epide­mio­lo­gi­sche Notlage in vielerlei Hinsicht nicht die Ursache, sondern der Auslöser für das Szenario der gegen­wär­tigen tiefen Wirt­schafts­krise war. Ein weiterer Aspekt des Phäno­mens, der berück­sich­tigt werden muss, ist die Plötz­lich­keit der Verän­de­rungen, die durch die tech­no­lo­gi­sche Muta­tion ange­trieben werden, die das Risiko birgt, kurz­fristig immer größere Teile der Bevöl­ke­rung in den Bereich der wirt­schaft­lich-sozialen Nutz­lo­sig­keit zu bringen, und die keine allmäh­liche und akzep­table Umver­tei­lung der von der Arbeits­lo­sig­keit betrof­fenen Subjekte zulässt.

Ange­sichts all dessen muss sich die Politik bereits mittel­fristig mit der Frage der Nach­hal­tig­keit dieses Wirt­schafts­mo­dells ausein­an­der­setzen und sich um konkrete Vorschläge bemühen, die geeignet sind, die oben beschrie­benen Phäno­mene einzu­dämmen, im Sinne einer stär­keren Vertei­lung des Reich­tums und einer Allmäh­lich­keit der Verän­de­rungs­pro­zesse. Damit soll die Posi­tion schwa­cher gesell­schaft­li­cher Körper­schaften, wie Bürger, Frei­be­rufler, Selb­stän­dige, kleine und mitt­lere Unter­nehmen, geschützt werden. Fehlt all dies, droht der Ruin nicht nur ökono­misch (Verödung des Produk­ti­ons­ge­füges und weit verbrei­tete Verar­mung), sondern auch – und erst recht – anthro­po­lo­gisch, wobei immer größere Teile der Bevöl­ke­rung – wenn es gut läuft – in das „Funk­tio­nieren einer Funk­tion“ verwan­delt werden. Das ist z.B. der Fall bei Arbei­tern in großen Logis­tik­la­gern oder bei riders, deren Tätig­keiten auch durch den Einsatz von Algo­rithmen orga­ni­siert und bewertet werden oder direkt in den Bereich der sozialen Nutz­lo­sig­keit gestellt werden (am Leben gehalten, solange es die Möglich­keit gibt, dank der Bereit­stel­lung von Subventionen).

Wir glauben, dass diese Fragen auch im Zusam­men­hang mit den euro­päi­schen Geldern, die zur Wieder­be­le­bung der Wirt­schaft infolge der aktu­ellen Epidemie ausge­geben werden, zentral sind. Der Rück­griff auf eine massive Dosis öffent­li­cher Inves­ti­tionen (das klas­si­sche Rezept zur Bewäl­ti­gung jeder Wirt­schafts­krise, wie es die keyne­sia­ni­sche Strö­mung des ökono­mi­schen Denkens vorgibt) ist in dieser Phase zwei­fellos eine rich­tige und wünschens­werte Maßnahme; aber auch hier ist die Vision des wirt­schaft­lich-sozialen Refe­renz­mo­dells kein zu vernach­läs­si­gender Faktor, sondern eine notwen­dige Prämisse. Es wird also viel über Inves­ti­tionen in Bildung und Ausbil­dung geredet; wir halten das für richtig, aber wir müssen uns fragen, welchen Sinn diese Inves­ti­tionen haben, wenn das zentra­li­sierte wirt­schaft­lich-soziale Modell immer weniger in der Lage ist, den gut „Gebil­deten“ und „Ausge­bil­deten“ irgend­einen würdigen Arbeits­platz zu bieten (mit Ausnahme der wenigen „Gehirne“, die von einer großen Unter­neh­mer­gruppe auf Abruf ausge­wählt werden). Dasselbe gilt für Inves­ti­tionen zugunsten von Infra­struk­tur­ar­beiten: Auch hier handelt es sich um eine unan­tast­bare Maßnahme, die jedoch ange­sichts eines nicht inklu­siven wirt­schaft­lich-sozialen Modells ihre Bedeu­tung zu verlieren droht. Für wen bauen wir Straßen, Häfen und Eisen­bahnen? Um das Geschäft der wenigen zu füttern, die den Lebens­raum aller anderen unter­graben? Kurzum: Die natio­nale Politik muss auf den Turbo­ka­pi­ta­lismus reagieren und die Einfüh­rung eines inklu­si­veren und gerech­teren wirt­schaft­lich-sozialen Modells in den Mittel­punkt ihrer Bemü­hungen stellen!

Quelle: Centro Machia­velli


Nicola De Felice
Senior Fellow des Centro Studi Machia­velli. Konter­ad­miral (res.), ehema­liger Komman­dant von Zerstö­rern und Fregatten, hat er wich­tige diplo­ma­ti­sche, finan­zi­elle, tech­ni­sche und stra­te­gi­sche Posi­tionen im Vertei­di­gungs- und Mari­ne­stab inne­ge­habt, sowohl im Inland als auch im Ausland, zur See und zu Land, wobei er tech­ni­sche Kapa­zi­täten anwandte, die darauf abzielen, die italie­ni­sche Vertei­di­gungs- und Sicher­heits­po­litik effektiv zu gestalten.

Tiberio De Felice
Studierte Rechts­wis­sen­schaften an der Sapi­enza Univer­sität Rom und ist auf juris­ti­sche Tätig­keiten spezia­li­siert. Ausge­bildet bei der Staats­an­walt­schaft der Stadt Rom, arbeitet er als frei­be­ruf­li­cher Rechts­an­walt, mit beson­deren Schwer­punkten im Verwal­tungs- und öffent­li­chen Recht.


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