Grze­gorz Kuch­ar­czyk: „Die preu­ßi­schen Eliten betrach­teten Polen als einen geschei­terten Staat“

Grzegorz Kucharczyk · Foto: Leszek Sosnowki, Public Domain

Grze­gorz Kuch­ar­czyk ist ein polni­scher Histo­riker, Professor für Geis­tes­wis­sen­schaften, und auf die Geschichte des poli­ti­schen Denkens im 19. und 20. Jahr­hun­dert und auf die Geschichte Deutsch­lands spezia­li­siert. Eines seiner letzten Bücher mit dem Titel „Preußen, fünf Jahr­hun­derte“ (Prusy, Pięc wieków) wurde im Herbst 2020 von der polni­schen Stif­tung für Geschichte und Kultur (Fund­acja Kultura i Historia, FHiK) veröf­fent­licht. Professor Kuch­ar­czyk legt darin eine synthe­ti­sche Studie zur Geschichte des Hohen­zol­lern­staates vom 16. bis zum 20. Jahr­hun­dert vor. In dem Versuch, einen neuen Blick auf diese Geschichte zu werfen, konzen­triert sich der Autor auf die poli­ti­sche Geschichte, bezieht aber auch andere wich­tige Aspekte wie Kultur, Gesell­schaft und Wirt­schaft mit ein.

Sébas­tien Meuwissen: Wenn wir über Preußen spre­chen, denken wir an Schlag­worte wie „Mili­ta­rismus“, „Diszi­plin“ oder „Bruta­lität“. Einige Leute nannten dieses Gebiet sogar das „Sparta des Nordens“. In Polen hat Preußen keinen guten Ruf. Und das aus gutem Grund: Mehr als 70 % des heutigen Polens standen einst unter preu­ßi­scher Besat­zung. Außerdem stand die Politik dieses mittel­eu­ro­päi­schen Staates in scharfem Kontrast zu der seines östli­chen Nach­barn. Ab dem 16. Jahr­hun­dert erreichte Polen-Litauen ihren Höhe­punkt und ihre Führer begannen eine Reihe von Fehlern zu machen, die den Hohen­zol­lern­staat zu einer Macht im euro­päi­schen Maßstab werden ließen. Wie kam es zu dieser Verän­de­rung der Dynamik?

Grze­gorz Kuch­ar­czyk: Die polni­sche Außen­po­litik gegen­über dem preu­ßi­schen Nach­barn vom 16. bis zum 18. Jahr­hun­dert bestand aus einer langen Reihe von verpassten Gele­gen­heiten. Es war das Gegen­teil von dem, was die Hohen­zol­lern taten. In dieser Zeit nutzte Preußen fast jede Gele­gen­heit, um seine Ziele zu errei­chen. Erstens ging es darum, die Souve­rä­nität des jungen Staates zu erhalten. Zwei­tens, die Schwä­chung Polen-Litauens von innen. Der Große Kurfürst Fried­rich Wilhelm I. von Bran­den­burg schrieb in seinem poli­ti­schen Testa­ment, dass man sich um die Bezie­hungen zur [polni­schen] Repu­blik, die niemals stirbt, kümmern müsse. Es muss verstanden werden, dass er dies nicht aus irgend­einer Sympa­thie für Polen heraus geschrieben hat. Mit „Repu­blik“ meinte er das Parla­ment. Tatsäch­lich reichte es aus, einen einzigen Abge­ord­neten mit der Anwei­sung zu bestechen, das liberum veto zu nutzen, um den Sejm und den Staat zu lähmen. Wir als Polen hatten die Möglich­keit, den Lauf der Dinge in dieser Region auch nach der Auto­nomie des Herzog­tums Preußen im Jahre 1525 zu beein­flussen. Obwohl ethnisch deutsch, war die Oppo­si­tion des preu­ßi­schen Adels und Bürger­tums gegen die bran­den­bur­gi­sche Herr­schaft eine Chance für uns.

Sie sahen das polni­sche System als ein Beispiel für Frei­heit und Recht. Die Ankunft der Hohen­zol­lern in Königs­berg wurde jedoch als frei­heits- und rechts­feind­lich angesehen.

Leider konnte Polen, das sich selbst mitten in inneren Konflikten befand, diesen Vorteil nicht ausnutzen.

Sébas­tien Meuwissen: Der Fall Preußen ist ziem­lich einzig­artig, wenn man die verschie­denen euro­päi­schen Staaten dieser Zeit betrachtet. Bis zum 16. Jahr­hun­dert beschränkte sich das preu­ßi­sche Terri­to­rium grob auf die heutige Enklave Kali­nin­grad und den Nord­osten des heutigen Polens. In den folgenden Jahr­hun­derten entwi­ckelte sich das, was manche einen „Projekt­staat“ nennen. Können Sie uns erklären, woraus dieses Projekt bestand?

Grze­gorz Kuch­ar­czyk: Im Vergleich zu anderen euro­päi­schen Staaten ab dem 16. und 17. Jahr­hun­dert stellt Preußen eine Ausnahme dar. Preußen als Staat ist durch mehrere Elemente entstanden. Die Dynastie der Hohen­zol­lern verei­nigte die Mark Bran­den­burg mit dem alten Deut­schen Orden. 1525, nach der Annahme des Protes­tan­tismus durch den letzten Hoch­meister des Deut­schen Ordens Albrecht von Hohen­zol­lern, wurde Preußen zu einem welt­li­chen Fürs­tentum (ein welt­li­cher Staat) und einem Vasall des König­reichs Polen. Aus dem Zusam­men­schluss von Berlin (Bran­den­burg) und Königs­berg (dem ehema­ligen Deut­schen Orden) entstand der preu­ßi­sche Staat. Aber das war noch nicht genug. Diese beiden Einheiten sollten durch eine gemein­same Verwal­tung und ein gemein­sames Ethos verbunden werden. Dies wird erst im 18. Jahr­hun­dert geschehen. Das Schlüs­sel­ele­ment, das die Verbin­dung der beiden Einheiten ermög­licht, wird sich als die Armee erweisen.

König Fried­rich Wilhelm I., bekannt als „der Solda­ten­könig“, stellte prak­tisch alle Bereiche seines Staates in den Dienst der Armee. Was im Fall von Preußen ziem­lich einzig­artig ist, ist wirk­lich das Ausmaß dieses Phäno­mens. Fast jeder Aspekt des Funk­tio­nie­rens des Staates sollte in der ersten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts der Armee dienen.

Während­dessen versank Polen-Litauen in immer größerem Chaos.

Sébas­tien Meuwissen: Sie betonen in Ihrem Buch mehr­fach eine goldene Regel Fried­rich Wilhelms I., wonach es ratsam ist, „das Gesetz der güns­tigen Umstände“ anzu­wenden. Mit anderen Worten: Es geht darum, im Rahmen der Außen­po­litik des Staates prag­ma­tisch zu sein, indem man die Schwä­chen der Rivalen maximal ausnutzt, um sie zu schwä­chen und die eigene Posi­tion zu stärken. Die Nach­folger Fried­rich Wilhelms I. wendeten diese Regel in den folgenden Jahr­zehnten buch­sta­ben­ge­treu an, allen voran sein direkter Nach­folger Fried­rich II. Wie schafften es die Hohen­zol­lern, ihren Staat zu einer so gewal­tigen Macht in Mittel­eu­ropa zu machen? Und wie schafften sie es, den neuen, über­wie­gend polni­schen, ethni­schen Minder­heiten ihren Willen aufzuzwingen?

Grze­gorz Kuch­ar­czyk: Fried­rich II. kann als der letzte große preu­ßi­sche Herr­scher der Hohen­zol­lern-Dynastie ange­sehen werden, obwohl die Hohen­zol­lern bis 1918 auf dem preu­ßi­schen Thron saßen. Nach dem Tod Fried­richs II. im Jahr 1786 konnte keiner seiner Nach­folger an seine Dynamik und Effi­zienz als Staats­ober­haupt oder gar an die Quali­täten seines Vaters, Fried­rich Wilhelm I., heran­rei­chen. Diese beiden Führer waren die wahren Begründer von Preu­ßens Macht und Einheit.

Aus der Zeit der mehr als 40 Jahre währenden Herr­schaft Fried­richs II. von 1740 bis 1786 entwi­ckelte sich ein Phänomen, das das 19. beherr­schen wird. Es ist eine Form der Span­nung zwischen dem Wunsch nach Inte­gra­tion und Moder­ni­sie­rung des preu­ßi­schen Staates.

In der Tat können die von Fried­rich II. annek­tierten Gebiete im heutigen Sprach­ge­brauch als echte Ände­rung der Macht­ver­hält­nisse bezeichnet werden, da sie das poli­ti­sche System im mittel­eu­ro­päi­schen Raum verän­dern. Diese Erfolge bringen Heraus­for­de­rungen im Bereich der Inte­gra­tion mit sich. Die Anne­xion Schle­siens durch Preußen im Jahr 1740 als Folge des Konflikts mit Öster­reich ermög­lichte es Fried­rich II., den Schaden des Sieben­jäh­rigen Krieges zu begrenzen und 1763 einen Frie­dens­ver­trag zu schließen. Es ist in der Mitte des 18. Jahr­hun­derts, dass diese echte Ände­rung der Macht­ver­hält­nisse statt­findet. Erstens genügt ein Blick auf die Karte Europas, um zu verstehen, dass Fried­rich II. durch die Einnahme Schle­siens das Nerven­zen­trum seines Staates, Berlin, vor einem mögli­chen öster­rei­chi­schen Angriff in Sicher­heit bringt. Zwei­tens rückt er selbst deut­lich näher an Wien heran. Drit­tens umzin­gelt er dabei Polen.

Dieser Prozess blieb nicht stehen, denn die Nach­folger Fried­richs II. setzten eines der wich­tigsten Ziele Preu­ßens aus dem 16. Jahr­hun­dert weiter um, nämlich die Abrun­dung seiner Grenzen auf Kosten des östli­chen Nach­barn. Anläss­lich der Teilungen Polens Ende des 18. Jahr­hun­derts wurden gerade die Gebiete Ostpom­merns und Groß­po­lens (Posen) annek­tiert, wodurch sich das preu­ßi­sche Terri­to­rium unun­ter­bro­chen von Königs­berg bis Breslau ausdehnte.

Die dama­ligen polni­schen Führer waren sehr naiv und sahen nicht, dass zwischen diesen beiden Städten Posen lag, das unwei­ger­lich von seinem germa­ni­schen Nach­barn geschluckt werden würde.

Diese Entwick­lungen gingen offen­sicht­lich mit einer Verän­de­rung der Bevöl­ke­rung in ethni­scher, aber auch in reli­giöser Hinsicht einher. Das „katho­li­sche Problem“ in Preußen lag ab diesem Zeit­punkt gerade in der Expan­sion in diese Gebiete, die über­wie­gend von Katho­liken, also Polen, bewohnt waren.

Neben dem „polni­schen Problem“ wurde die Anne­xion dieser Gebiete von dem begleitet, was man ein „jüdi­sches Problem“ nennen würde. Tatsäch­lich nahm nach der dritten Teilung Polens der Anteil der Juden inner­halb der neuen preu­ßi­schen Grenzen erheb­lich zu. Legt man zudem eine Karte aus dieser Zeit über eine Karte des heutigen Polens, so sieht man, dass drei Viertel des heutigen Polens damals unter der Herr­schaft der Hohen­zol­lern standen. Dies war der Beginn einer langen Reihe von Inte­gra­ti­ons­pro­blemen inner­halb dieses Staates. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder die Heraus­for­de­rungen der Moder­ni­sie­rung, die für eine gute wirt­schaft­liche Entwick­lung unab­dingbar sind.

Sébas­tien Meuwissen: Wenn man an Preußen denkt, kommt einem direkt eine Person in den Sinn, nämlich Otto von Bismarck. Aus den Schriften Bismarcks gewinnt man den Eindruck, dass die Polen ein Volk von rück­stän­digen Wilden seien, die zivi­li­siert werden müssten. Was halten Sie von diesem Überlegenheitskomplex?

Grze­gorz Kuch­ar­czyk: Das Gefühl der kultu­rellen Über­le­gen­heit der preu­ßi­schen poli­ti­schen und intel­lek­tu­ellen Eliten gegen­über der polni­schen Bevöl­ke­rung war bereits im 18. Jahr­hun­dert gut veran­kert. Man braucht nur zu lesen, was Fried­rich II. in seinem poli­ti­schen Testa­ment über seinen slawi­schen Nach­barn schrieb. Er bezeich­nete die Polen als „die letzte der euro­päi­schen Nationen“ wegen der angeb­li­chen Unzu­läng­lich­keiten ihres poli­ti­schen Systems und ihrer sozialen Orga­ni­sa­tion, die als chao­tisch ange­sehen wurden. Es gibt keinen Mittel­stand, der Adel ist egois­tisch und die Bauern sind arm bzw. werden von diesem egois­ti­schen Adel diskri­mi­niert. So wurde Polen von den poli­ti­schen und intel­lek­tu­ellen Eliten Preu­ßens im 18. Jahr­hun­dert als ein Staat ohne Zukunft und sogar ohne Geschichte wahrgenommen.

Liest man, was so bedeu­tende Persön­lich­keiten wie Imma­nuel Kant, Georg Wilhelm Fried­rich Hegel und Wilhem von Humboldt über Polen schrieben, so wird deut­lich, dass Polen weithin als geschei­terter Staat ange­sehen wurde. In diesem Zusam­men­hang wurde die Teilung Polens am Ende des 18. Jahr­hun­derts aus preu­ßi­scher Sicht als Chance und Möglich­keit der Moder­ni­sie­rung für die Polen gesehen. Die Polen sollten froh sein, in diesen Kultur­staat inte­griert zu werden.

In dieser Tradi­tion wurde auch Bismarck ausge­bildet. Zu dieser Tradi­tion muss eine weitere hinzu­ge­fügt werden, die ebenso wichtig ist. Es ist die tiefe Über­zeu­gung der preu­ßi­schen Führung, dass jede Auto­nomie – geschweige denn Unab­hän­gig­keit – Polens eine Gefahr für die Staats­raison Preu­ßens darstellt.

In einem Brief an seine Schwester schrieb Bismarck, die Polen sollten „wie Wölfe geschlagen werden […], bis sie ihren Lebens­willen verlieren“.

Dieser Brief wurde während Bismarcks Aufent­halts in Sankt Peters­burg geschrieben. Frus­triert beob­ach­tete er die Ände­rung der Haltung der Russen gegen­über Polen. Die Russen dachten über eine mögliche Aufwei­chung ihrer Politik gegen­über ihrem west­li­chen Nach­barn nach. Es war sogar die Rede von einer mögli­chen Form der Auto­nomie für Polen. Es waren die preu­ßi­schen Führer, und insbe­son­dere Bismarck, die diese Projekte anpran­gerten, da sie der Meinung waren, dass selbst die geringste polni­sche Auto­nomie ein „exis­ten­zi­elles Risiko für die preu­ßi­schen Inter­essen“ darstellen würde. Derselbe Bismarck, der öffent­lich wieder­holte, die Polen seien „eine chao­ti­sche Nation, unfähig, sich selbst zu orga­ni­sieren“, war sich sehr wohl bewusst, dass sie in der Tat durchaus in der Lage waren, sich nicht nur selbst zu orga­ni­sieren, wenn sie die Gele­gen­heit dazu hatten, sondern sogar Preußen zu bedrohen. Diese Menta­lität erin­nert wieder an das 18. Jahr­hun­dert und Fried­rich II., als er an seinen Freund Voltaire schrieb, wie anar­chisch und unfähig, einen Staat zu führen, diese Polen seien. Gleich­zeitig schrieb er alar­mierte Briefe an Zarin Katha­rina II., um sie davon zu über­zeugen, die Reformen des polni­schen parla­men­ta­ri­schen Systems im Jahr 1774 zu stoppen. Fried­rich II. war der Meinung, dass die Abschaf­fung des liberum veto-Prin­zips es Polen ermög­li­chen würde, wieder eine euro­päi­sche Macht zu werden.

So gab es einer­seits ein Gefühl der zivi­li­sa­to­ri­schen Über­le­gen­heit gegen­über den Polen und ande­rer­seits die Über­zeu­gung, dass es „entweder wir oder die Polen“ sein würde.

Sébas­tien Meuwissen: Machen wir einen Sprung ein halbes Jahr­hun­dert nach vorne. Wenn wir uns die Karten der verschie­denen deut­schen Wahlen Anfang der 1930er Jahre ansehen, sehen wir, dass die Partei Adolf Hitlers, die NSDAP, ihre besten Ergeb­nisse in den östli­chen Regionen (Ostpreußen, Vorpom­mern usw.) des Reiches erzielte. Es scheint sogar, dass Hitler ohne diese „preu­ßi­sche“ Unter­stüt­zung wahr­schein­lich nicht Kanzler hätte werden können. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Grze­gorz Kuch­ar­czyk: Das ist eine ziem­lich komplexe Frage. Hat Preußen dazu beigetragen, Hitler und den Natio­nal­so­zia­lismus an die Macht zu bringen? Ich würde sagen, dass es die Preußen waren, die dazu beigetragen haben, die Bürger Preu­ßens. Ich möchte daran erin­nern, dass nach der Abschaf­fung der Monar­chie in Deutsch­land im November 1918 Preußen als Repu­blik über­lebt hat. Dies ist ein bemer­kens­wertes Ereignis in der Geschichte. Zum ersten Mal war Preußen ohne einen König. Diese Repu­blik währte kaum fünf­zehn Jahre. In der Zwischen­kriegs­zeit war das preu­ßi­sche Element im Deut­schen Reich weit­ge­hend domi­nant. Preußen machte etwa zwei Drittel des Terri­to­riums der dama­ligen Weimarer Repu­blik aus. Es war daher selbst­ver­ständ­lich, dass die Entschei­dungen dieser großen Terri­to­rien erheb­li­chen Einfluss auf ganz Deutsch­land hatten.

Ich weise in meinem Buch darauf hin, dass die NSDAP in protes­tan­tisch geprägten Regionen die besten Ergeb­nisse erzielte. Im Gegen­satz dazu war die stabilste Wähler­schaft in über­wie­gend katho­li­schen Gebieten zu finden. Die Ergeb­nisse der Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Partei waren dort deut­lich niedriger.

Sébas­tien Meuwissen: Welches Verhältnis hat das heutige Deutsch­land zu seiner preu­ßi­schen Geschichte?

Grze­gorz Kuch­ar­czyk: In der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts war die vorherr­schende Meinung in West­deutsch­land, dass man sich von Preußen und seinen Tradi­tionen distan­zieren müsse.

Konrad Adenauer wollte Berlin nicht als Haupt­stadt eines verei­nigten Deutsch­lands, weil es „zu sehr von preu­ßi­scher Bruta­lität erfüllt“ sei. Wie wir wissen, hörte Helmut Kohl entweder nicht auf seinen Vorgänger oder teilte dessen Meinung in dieser Sache nicht.

Auf jeden Fall gibt es jetzt eine Art preu­ßi­sche Wieder­ge­burt, vor allem der Hohen­zol­lern-Dynastie. Ein Beispiel ist die kürz­lich erfolgte voll­stän­dige Restau­rie­rung des Hohen­zol­lern­schlosses im Zentrum Berlins. Es ist seit letztem Jahr für die Öffent­lich­keit zugäng­lich. Es heißt jetzt Humboldt-Forum. Es gibt Gale­rien, Ausstel­lungen und Bücher­samm­lungen. Ziel dieses Projektes ist es, chine­si­schen, japa­ni­schen oder ameri­ka­ni­schen Touristen zu zeigen, dass diese Hohen­zol­lern doch nette Menschen waren. Sie sammelten Bücher, Gemälde, spielten Flöte und schrieben auf Fran­zö­sisch an ihre philo­so­phi­schen Freunde. Und schließ­lich: Wovon reden diese Polen, wenn sie sich über den preu­ßi­schen Expan­sio­nismus beklagen?

Anläss­lich des 300. Geburts­tages Fried­richs II. wurde 2012 in Deutsch­land eine ganze Reihe von Gedenk­ver­an­stal­tungen orga­ni­siert. Es gab Sonder­aus­stel­lungen, Fern­seh­sen­dungen, vor allem auf dem Sender ARTE, in denen Fried­rich II. als Herr­scher der Aufklä­rung vorge­stellt wurde, als Moder­ni­sierer, der auf Fran­zö­sisch schrieb und mit Voltaire befreundet war. Wir sind also Zeuge einer gewissen Neude­fi­ni­tion Preu­ßens. Es geht nicht mehr um einen brutalen und mili­ta­ris­ti­schen Staat, sondern um einen fort­schritt­li­chen und moder­ni­sie­renden Staat.

 

Sébas­tien Meuwissen

Sébas­tien Meuwissen ist ein belgisch-polni­scher Jour­na­list und Absol­vent des Insti­tuts für Höhere Studien für soziale Kommu­ni­ka­tion in Brüssel sowie der katho­li­schen Univer­sität von Louvain-la-Neuve. Korre­spon­dent von verschie­denen Medien für Mittel­eu­ropa arbeitet er derzeit als Jour­na­list für den unga­ri­schen Pure-Player Stand for Chris­tians (S4C).

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der VISEGRÁD POST, unserem­Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


2 Kommentare

  1. Ich kennte paar Polen hier in Sydney, u. einer, Jazek hatte mir erzählt, ich bin exBer­liner dass the schlimsten im verschwun­dened Polen die Russen ware, die beste die Öste­rei­cher u. bei den Preussen musste man Arbeiten u dafür wurde man Ehrlich behan­delt. Hatte nichts gegen die Deut­schen über­haupt. Die Russen warren was anderes. Damals.

  2. Es wird geschrieben, dass von dem heutigen Polen 70 % zu Preußen gehörten. Aber wie ist dazu die Bevöl­ke­rung gewesen ? Nur in der preu­ßi­schen Provinz Posen gab es eine polni­schen Mehr­heit , auch in der ehemals preu­ßi­schen Provinz West­preußen, die größ­ten­teils bereits 1919 zu Polen kam , war eine deut­sche Mehr­heit. Bei den 3 Teilungen ab 1772 kam der weitaus größte Teil an Rußland. Die beiden Teile , die Öster­reich erhiehlt, waren fast nur mit Polen bewohnt: de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens . Die deut­schen Gebiete die nach 1945 besetzt und ange­glie­dert wurden, waren vorher rein deutsch bewohnt, mit ganz geringen Ausnahmen u.a. in Ober­schle­sien, die sich bei Volks­ab­stim­mung 1923 auch für Deutsch­land ausspra­chen. In diesen Gebieten wurden über 8 Mio. Deut­sche vertrieben – aber aus dem ostpol­ni­schen Vorkriegs­ge­biet kamen nur 1,5 Mio. Polen nach Westen. Das sind die Unter­schiede zu Lasten der Deutschen !

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