György Matolcsy: „Pole, Ungar, zwei Brüderlein“

Bildquelle: Visegrád Post

Polen und Ungarn traten 1990 in den Regime­wechsel ein und wiesen dabei erheb­liche Unter­schiede im Entwick­lungs­stand auf. Das Pro-Kopf-Entwick­lungs­ni­veau der Polen lag bei 39,6 % des EU-Durch­schnitts, während die verfüg­baren Schät­zungen für Ungarn zu dieser Zeit 56,9 % desselben Durch­schnitts ergaben. Im Jahr 1990 war die unga­ri­sche Wirt­schaft somit etwa 17 % näher an der euro­päi­schen Wirt­schaft als die polnische.

Im Jahr 2020 war Polen dagegen 36,5 % näher am EU-Durch­schnitt, während die Ungarn nur 17,1 % näher dran waren, was bedeutet, dass der polni­sche Aufhol­pro­zess fast doppelt so schnell war wie der ungarische.

Im Jahr 2019, am Vorabend von Covid-19, hatte Ungarn die Polen trotz ihres früheren Vorsprungs endlich über­holt. Im Jahr 2020 scheint Polen jedoch besser auf die durch die Epidemie ausge­löste Krise reagiert zu haben. Es ist dieser unga­ri­sche Rück­gang von fast 5 % aufgrund von Covid-19, der viel größer ist als der Rück­gang von 2,7 % in Polen, der erklärt, warum Polen bis Ende 2020 wieder an der Spitze liegt. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 2021 haben sich beide Volks­wirt­schaften von der Krise erholt und ihr Vorkrisen-BIP-Niveau wieder erreicht, aber der polni­sche Vorsprung aus dem Jahr 2020 bleibt bestehen: Heute liegt Polen an der Spitze.

Trotz der Tatsache, dass sich die beiden Länder in Bezug auf Größe, Bevöl­ke­rung und wirt­schaft­liche Dynamik um eine Größen­ord­nung unter­scheiden, gibt es viele Ähnlich­keiten zwischen dem polni­schen und dem unga­ri­schen Modell.

Schauen wir uns einige dieser Ähnlich­keiten an.

Beide Volks­wirt­schaften haben ihren Rück­stand erfolg­reich aufgeholt.

Seit dem Zweiten Welt­krieg haben sich 18 Nationen der Welt der Gruppe der entwi­ckelten Länder ange­schlossen. Für den IWF wird die Schwelle dieser Gruppe bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 17.000 Dollar (in konstanten Dollar) pro Jahr über­schritten. Zu den letzten zehn Ländern, die sich der Gruppe ange­schlossen haben, gehören sechs mittel- und osteu­ro­päi­sche Länder: Tsche­chien, die Slowakei, Slowe­nien und die drei balti­schen Staaten. Polen und Ungarn könnten die nächsten sein, die sich anschließen.

Beide Länder haben ihre Aufhol­stra­tegie auf Indus­trie­ex­porte gestützt, genauer gesagt auf eine für den Export produ­zie­rende Verarbeitungsindustrie.

Der unga­ri­sche Aufhol­pro­zess beruht ebenso wie der polni­sche auf hohen Inves­ti­ti­ons­quoten, hohen Tech­no­lo­gie­im­porten und einem stetigen Zustrom auslän­di­scher Direkt­in­ves­ti­tionen, die durch EU-Hilfen ergänzt werden. Der Erfolg beider Volks­wirt­schaften beruht auf der Kombi­na­tion von gut ausge­bil­deten und moti­vierten Arbeits­kräften mit einem stän­digen Angebot an moderner Tech­no­logie, effi­zi­entem Manage­ment und Export­märkten, die durch den Zufluss von Produk­tiv­ka­pital aus dem Ausland garan­tiert werden.

Beide Volks­wirt­schaften haben sich erfolg­reich an den Globa­li­sie­rungs­pro­zess der letzten zwei Jahr­zehnte angepasst.

Der Aufstieg Chinas mit seinem wach­senden Binnen­markt hat neue Export­mög­lich­keiten für die Welt­wirt­schaft geschaffen. Die deut­sche Ausnahme, die diesen neuen Kontext ausnutzt, brauchte und braucht auch weiterhin die billigen und gut ausge­bil­deten Arbeits­kräfte unserer Region. Die Märkte in Mittel- und Osteu­ropa expan­dieren ständig. Der Zustrom von US-Kapital in alle Länder der Region hat die interne Moder­ni­sie­rung beschleu­nigt, einschließ­lich der digi­talen Trans­for­ma­tion, der Entwick­lung einer zuneh­mend komplexen Export­struktur und finan­zi­eller Innovationen.

Beide Länder haben eine hohe Erwerbs­be­tei­li­gung, eine nied­rige Arbeits­lo­sig­keit und expor­tieren viele Arbeitskräfte.

Seit mehreren Jahr­zehnten ist Polen – wie auch Ungarn seit 2010 – in der Lage, einen Arbeits­markt zu orga­ni­sieren, der das über­kom­mene Plan­mo­dell ablöst. Der unga­ri­sche Arbeits­markt hat sich nie von den Verlusten erholt, die durch die Anwen­dung der Schock­the­rapie als Modell für den Über­gang zur Markt­wirt­schaft entstanden sind, aber seit 2010 hat er bereits zu den polni­schen Ergeb­nissen aufgeschlossen.

Neben diesen Konver­genzen sind die Unter­schiede zwischen den beiden Modellen ebenso deut­lich und erklären letzt­lich die doppelte Geschwin­dig­keit des polni­schen Aufhol­pro­zesses im Vergleich zum ungarischen.

Führen wir also auch die letz­teren auf.

Die „Trans­for­ma­ti­ons­ver­luste“, die durch den Über­gang zur Markt­wirt­schaft verur­sacht wurden, waren in Polen weniger schwer­wie­gend, in Ungarn dagegen bedeutender.

Der Vorteil der Polen zeigte sich bereits 1990, denn in Polen waren die durch den Über­gang zur Markt­wirt­schaft verur­sachten Verluste weniger schwer­wie­gend als in Ungarn. Inner­halb von drei Jahren, von 1990 bis 1993, rich­tete die Schock­the­rapie in Ungarn einen Schaden von histo­ri­schem Ausmaß an, so dass das unga­ri­sche BIP Ende 1993 um 18,3 % unter das Niveau von Ende 1989 fiel. In Polen sank das BIP von 1990 bis 1991, also inner­halb von zwei Jahren, um nur 16,7 %. Nachdem beide Volks­wirt­schaften in die Wachs­tums­phase einge­treten waren, verlief das Wachstum in Polen – bis 1998 – wesent­lich dyna­mi­scher als in Ungarn, so dass sich die Entwick­lungs­kluft, die die beiden Länder anfangs trennte, zu verrin­gern begann. Auf die west­liche Finanz­krise 2008–2009 haben die Polen sehr gut reagiert: Durch den Wegfall des Haus­halts­de­fi­zits konnten sie eine Rezes­sion vermeiden und 2009 sogar ein Wachstum von 2,8 % erzielen. In Ungarn, das Opfer einer doppelten Krise (intern und extern) sowie eines Miss­ma­nage­ments der Krise wurde, kam es zu einer Rezes­sion von 6,6 %. So haben uns die Polen allein im Jahr 2009 um zehn Prozent „über­flü­gelt“.

Die Polen haben das Zeit­fenster, das sich in den Jahren vor und nach dem EU-Beitritt auftat, viel besser genutzt als Ungarn.

Nach 1998 erzielte Ungarn die besten Ergeb­nisse, aber ab 2004 beschleu­nigte sich der polni­sche Aufhol­pro­zess, gemessen am EU-Entwick­lungs­durch­schnitt, während er sich bei uns verlang­samte. Dann kam die Kata­strophe von 2008–2009, so dass Polen bis 2010 mit Ungarn gleich­ge­zogen hat. Seit 2010 liefern sich die „zwei Brüder­lein“ ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem der eine oder andere knapp domi­niert: im Moment sind es die Polen.

Der „Grad des Selbst­be­wusst­seins“ der Polen über­trifft den der Ungarn.

Die Polen – seien es Bürger, Regie­rungen oder Wirt­schafts­ak­teure – messen ihren Entwick­lungs­stand an Deutsch­land, während das unga­ri­sche Bild von ihrer Zukunft nicht sehr klar ist. In der Folge führt die dyna­mi­sche und mobi­li­sie­rende natio­nale Stra­tegie Polens wiederum zu ebenso starken wirt­schaft­li­chen Stra­te­gien. In Ungarn scheint eine Über­le­bens­men­ta­lität zu herr­schen, mit dem Bestreben, „jedes Mal ein biss­chen besser zu werden“. Für die Polen war die Notwen­dig­keit, mit Deutsch­land gleich­zu­ziehen, ein histo­ri­scher Imperativ.

Das polni­sche Modell hat gegen­über dem unga­ri­schen einen Modernisierungsvorteil.

Die entschei­dende Ursache für den doppelten Aufhol­pro­zess Polens ist, dass Polen die wich­tigsten Moder­ni­sie­rungs­in­stru­mente besser nutzt als wir. Sie sind viel erfolg­rei­cher beim Aufbau einer digi­talen Wirt­schaft. Was den Anteil der digi­talen Wirt­schaft am BIP angeht, gehört Polen jetzt zu den zwanzig führenden Ländern. Es hat Unter­nehmen von Welt­rang im Bereich der Finanz­tech­no­lo­gien (Fintech) und in anderen Berei­chen der digi­talen Indus­trie gegründet. Heute ist es beispiels­weise eines der welt­weiten Zentren für Videospiele.

Die Bilanz der letzten 30 Jahre zeigt, dass die Polen von 1990 bis 2010 zwei­fels­ohne erfolg­rei­cher waren als die Ungarn; seither haben wir uns jedoch im Wesent­li­chen weiter­ent­wi­ckelt. In den Berei­chen, in denen sie uns voraus sind – stra­te­gi­sches Denken, Fähig­keit, auf den Moder­ni­sie­rungs­wellen zu reiten, digi­taler Wandel, stabiles Wachstum um die vier Prozent – können uns gut konzi­pierte Regie­rungs­pro­gramme helfen, unseren Rück­stand aufzu­holen. Ande­rer­seits ist es ebenso wahr, dass Polen ohne solche Programme schnell einen beträcht­li­chen Vorsprung vor uns gewinnen könnte.

György Matolcsy
Präsi­dent der Unga­ri­schen Nationalbank

2 Kommentare

  1. LEBE BESTAENDIG UND KEIN UNGLUECK EWIG
    10.10.Okt. Gilbard 2021
    o. 3821 n. St.
    Moin moin Kameraden,

    laut Medi­en­be­richten zeigt der Pole nun wieder sein wahres Gesicht EU austritt!
    Nachdem er die Gelder geschröpft hat zieht er sich nun auf sein gesi­chertes „Alten­teil“.
    Bei Englän­dern ist das ein anderer histo­ri­scher Hintergrund!
    EU Länder auf einen Gleich­stand zu bringen ist mit den größten anti­se­mi­ti­schen Volk nicht möglich!
    Wieviele „Flücht­linge“ hat Polen aufgenommen ?
    Diese „armen“ Polen müßten doch zu Ihren Schicksal erklärter Vergan­gen­heit immer hilfe leistet werden!

    Mit artgläu­bigen Schützengruß
    Jens Peter Riesner
    Mt.d.R.
    Pro Gloria Et Patria
    Bran­den­burg Preußen

    1
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