Haben die Habs­burger die unga­ri­sche Vorge­schichte wirk­lich umgeschrieben?

Ungarische Bilderchronik: Eroberung des Karpatenbeckens durch die Magyaren. Von Anonymus (P. Magister) - Chronicon Pictum, facsimile edition stored at the University of Maryland library., Gemeinfrei, Wikimedia

Ein Gespräch mit János B. Szabó, Histo­riker am Buda­pester Geschichts­mu­seum, über einige wenig bekannte Details der unga­ri­schen Vorgeschichtsforschung.

Von Gábor Tóth

- Viele Menschen glauben, dass sich die Habs­burger im 18. und 19. Jahr­hun­dert in die unga­ri­sche Urge­schichts­for­schung einge­mischt und den Ungarn ihre skythisch-hunni­schen Vorfahren vorent­halten haben. Ist das wirk­lich so passiert?

- Nach der Nieder­lage der Revo­lu­tion von 1848/49 und dem Unab­hän­gig­keits­krieg war nicht mehr viel „Liebe“ zur Habs­burger-Dynastie übrig, so dass es üblich wurde, die öster­rei­chi­schen Herr­scher im Nach­hinein zu verachten. Diese Ansichten wurden nach der Nieder­lage im Ersten Welt­krieg noch stärker.

Mir ist jedoch kein wirk­li­cher Beweis dafür bekannt, dass die Habs­burger die ruhm­reiche Vergan­gen­heit der Ungarn leugnen wollten: Das wäre nicht wirk­lich in ihrem Inter­esse gewesen.

Die habs­bur­gi­schen Herr­scher hielten sich lange Zeit an die konsti­tu­tio­nellen Spiel­re­geln des mittel­al­ter­li­chen unga­ri­schen König­reichs, solange sie für sie wichtig und nütz­lich waren. Unter diesem Gesichts­punkt: Wenn der Vorfahre der unga­ri­schen Könige Attila ist, dann ist es auch ihr Vorfahre.

Mór Than: Das Fest des Attila, 1870 · Quelle: Wikipedia.hu

Ich weiß, dass auch heute noch viele Menschen denken, dass die Habs­burger fremde Eindring­linge in Ungarn waren, aber nach 1527, also fast 400 Jahre lang, war die Situa­tion viel kompli­zierter. So gab es zum Beispiel, abge­sehen von kurzen Zeit­räumen, nicht einmal eine „eindrin­gende“ Armee. Die Herr­scher der Habs­burger-Dynastie wurden jedoch der Rechts­form nach mit der Heiligen Krone gekrönt, was bedeutet, dass ihre Herr­schaft auf der Zustim­mung ihrer unga­ri­schen Unter­tanen beruhte.

Mit anderen Worten: Ihre Herr­schaft in Ungarn beruhte auf der Konti­nuität der mittel­al­ter­li­chen unga­ri­schen Könige.

- Haben die habs­bur­gi­schen Herr­scher also als unga­ri­sche Könige geset­zes­treu gehandelt?

- Zum größten Teil ja, zumin­dest formal mussten sie sich an die Gesetze ihrer Vorgänger halten. Die Tradi­tionen der dama­ligen Zeit waren noch sehr stark. Zu Beginn des 18. Jahr­hun­derts berief sich Ferenc Rákóczi II. selbst auf die Goldene Bulle von 1222, als er den Unab­hän­gig­keits­krieg auslöste.

Ein Doku­ment, das fünf­hun­dert Jahre früher entstanden war!

Ferenc Rákóczi II. in Mór Thans Gemälde „Der Reichstag von Ognod“, 1864. Das spätere Gemälde von König Attila zeigt die „Verwandt­schaft“ · Quelle: Wikipedia.hu

Im Rahmen der Goldenen Bulle bestand die Möglich­keit, dass seine Bewe­gung von den Habs­bur­gern als legitim aner­kannt worden wäre und dass sie eine Art Abkommen zur Wieder­her­stel­lung der verletzten Rechte geschlossen hätten.

Es ist kein Zufall, dass die Entthro­nung nur wenige Jahre nach dem Beginn der Bewe­gung von Rákóczi stattfand.

In der heutigen schnell­le­bigen und sich rasch verän­dernden Welt scheint dieser Ansatz unver­ständ­lich. Denken Sie daran, wie oft Ungarn allein in den letzten hundert Jahren eine völlig neue Legis­la­tur­pe­riode, eine Verfas­sung, ein Grund­ge­setz hatte – und wieder von vorne anfangen musste.

- Verstehen wir deshalb die Stra­tegie der habs­bur­gi­schen Herr­scher in Ungarn nicht?

- Aus der Sicht der Kuruzzen-Natio­na­listen werden wir das alles nie verstehen. Die betref­fende Epoche lässt sich nur aus ihrer eigenen Perspek­tive wirk­lich verstehen. Wie sie wirk­lich funk­tio­nierten und was das Haus Habs­burg wirk­lich motivierte.

Solange diese mittel­al­ter­li­chen Rahmen­be­din­gungen bestanden, waren sie die Quellen ihrer Legitimität.

Lange Zeit war nur die Würde der Monar­chie, die auf den heiligen Stephan zurück­geht, wichtig, das mittel­al­ter­liche Regnum, nicht aber die unzäh­ligen Völker, die in ihm lebten oder seine Vergan­gen­heit. Sie hatten wenig Grund, die Ungarn ihrer „Vorfahren“ zu „berauben“. Ganz zu schweigen davon, dass auch in diesem Fall nur die Vorfahren der adligen Nation, die einen sehr kleinen Prozent­satz der Gesamt­be­völ­ke­rung ausmachte, aber poli­ti­sche Rechte besaß, von Inter­esse sein konnten, während die Vorfahren der Bürger­li­chen, die mehr als 90 Prozent der Bevöl­ke­rung ausmachten und eben­falls größ­ten­teils anderer Herkunft waren, vor der Entste­hung des modernen Bürger­volks­we­sens niemanden wirk­lich interessierten.

Heute sind sie die Vorfahren der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, nicht der ehema­ligen Adligen…

Wahl von Maria Theresia zur Königin von Ungarn, 1741 (Detail) · Quelle: Wikipedia.com

- Pál Hunfalvy, ein Verfechter der finno-ugri­schen Verwandt­schaft, wurde zu Lebzeiten für einen öster­rei­chi­schen Agenten gehalten, der versuchte, die Auto­rität der unga­ri­schen Abstam­mung zu untergraben.

- Soweit wir derzeit wissen, sind dies unbe­wie­sene Speku­la­tionen. Richtig ist, wie wir aus Hunfvy’s eigenen Erin­ne­rungen wissen, dass der Vorwurf, ein Agent zu sein, bereits in den 1850er Jahren gegen ihn erhoben wurde.

Das ist kaum verwun­der­lich, denn während der Bach-Ära befand sich das ganze Land in einem „Agen­ten­rausch“.

Inzwi­schen gibt es jedoch zahl­reiche Archiv­quellen über öster­rei­chi­sche Agenten im 19. Jahr­hun­dert, aber es wurden keine Belege für Pál Hunfalvy im Beson­deren gefunden.

Pál Hunfalvy ist Linguist, Ethno­loge und Histo­riker · Quelle: Wikipedia.hu

- Wollte er die natio­nale Vergan­gen­heit nicht untergraben?

- Über­ra­schen­der­weise diente Hunfalvys Tätig­keit in vielen Berei­chen den Inter­essen der Schaf­fung der modernen unga­ri­schen Nation. Wenn wir heute rein nach der alten, edlen Geschichts­auf­fas­sung denken würden, würde die Masse unseres Volkes kaum in den Begriff der unga­ri­schen Nation passen.

Die Tatsache, dass wir uns heute alle als Mitglieder einer Nation fühlen können, unab­hängig von unserer Herkunft, ist genau das Ergebnis der Genera­tion Hunfalvys.

- Wie das?

- Denn sie dachten nicht in Begriffen der Herkunfts­na­tion, sondern der Kultur, d.h. sie betrach­teten – im Gegen­satz zur mittel­al­ter­li­chen Auffas­sung – nicht nur dieje­nigen als Mitglieder der Nation, die von adliger Herkunft waren. Auf diese Weise konnten sie den Begriff der Nation erwei­tern, was im 19. Jahr­hun­dert drin­gend notwendig war.

Sie glaubten und erklärten, dass jeder, der die unga­ri­sche Sprache und Kultur beherr­sche, Mitglied der unga­ri­schen Nation werden könne.

In dieser Zeit entstand das Motto „Die Nation lebt in ihrer Sprache!“ – die jeder kennt, aber nur wenige denken über ihre Bedeu­tung nach.

Unga­ri­sche Trachten aus der Reform­zeit · Quelle: Wikipedia.hu

Hunfalvy selbst lernte – als Zipser Sachse – erst im Alter von sieb­zehn Jahren Unga­risch. Sie selbst sind also ein Zeugnis für den Erfolg des dama­ligen Assi­mi­la­ti­ons­pro­gramms. Petőfi hieß Petro­vics, und unter den drei­zehn Märty­rern von Arad waren die aus Ungarn stam­menden Märtyrer in der Minder­heit. Tatsäch­lich war Hunfalvys wich­tigster Diskus­si­ons­partner, eine weitere führende Figur im „türkisch-ugri­schen Sprach­krieg“, Ármin Vámbéry, jüdi­scher Herkunft.

- Dies könnte dann als erfolg­reiche Assi­mi­la­tion betrachtet werden.

- Mit Erfolg, denn als die Monar­chie aufge­löst wurde, war der Anteil der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung von rund 40 Prozent in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts auf über 50 Prozent gestiegen. Offen­sicht­lich aber nicht, weil unga­ri­sche Mütter mehr Kinder hatten als Slowaken und Rumänen.

Dies konnte nur geschehen, weil die Ungarn ein attrak­tives Assi­mi­la­ti­ons­ziel für andere im Land lebende Natio­na­li­täten darstellten.

Wenn wir das 19. Jahr­hun­dert und die prähis­to­ri­schen Themen dieser Zeit auf diese Weise betrachten, sehen wir die Rolle von Pál Hunfalvy in einem ganz anderen Licht.

Der anonyme Chro­nist von Béla III, die Statue des Anonymus im Stadt­wäld­chen. Von Miklós Ligeti, 1903 · Quelle: Flickr.com

- Ist dies der Zeit­punkt, an dem die alte adlige Vergan­gen­heit zu einem zentralen Bestand­teil des neuen natio­nalen Bewusst­seins wurde?

- Größ­ten­teils ja, denn in unserem Land war es nicht so einfach, sich zu verän­dern wie etwa in Frank­reich, wo der Adel tradi­tio­nell von den erobernden Franken abstammt. Dort wurde dieses Bild nach der Revo­lu­tion für die neue, bürger­liche Nation einfach durch die Formel „unsere Vorfahren sind Gallier“ ersetzt.

Hunfalvy sah eindeutig die Rolle der histo­ri­schen Legi­ti­mität bei der neuen Nationenbildung.

Und mit der Grün­dung des König­reichs Rumä­nien erkannte er als einer der Ersten die Gefahren, die die Einheit des unga­ri­schen Staates in Sieben­bürgen bedrohten. Er wusste auch, dass die Gesta Hunga­rorum des Anonymus die einzige – von den Ungarn aner­kannte – histo­ri­sche Quelle ist, in der die Rumänen in Sieben­bürgen vor der Erobe­rung erwähnt werden!

Er versuchte daher, die Rolle des anonymen Notars von König Béla – und damit zwangs­läufig auch die Glaub­wür­dig­keit der gesamten mittel­al­ter­li­chen Chro­nik­über­lie­fe­rung – zu schmä­lern, damit sie nicht zum Nähr­boden für die heutigen Ansprüche der Rumänen wird.

Doch nicht als solcher wird er in Erin­ne­rung behalten, sondern als öster­rei­chi­scher „Agent“, der die Ungarn ihrer glor­rei­chen Vorfahren beraubte.

Attila der Hunnen­könig, Geißel Gottes, Zerstörer Aqui­leias. Stich aus dem 17. Jahr­hun­dert · Quelle: Wikipedia.hu

- Nach dem Regime­wechsel war es István Kiszely, der wirk­liche und einer der größten Agenten des sozia­lis­ti­schen Regimes, der der laut­stärkste Verfechter von Hunfalvys „Agentur“ war.

- Warum dieses „Ablenkungs“-Thema ange­spro­chen wurde, ist eine Frage der Psycho­logie. Er war nicht der einzige, der, als er die Lieder der „neuen Zeit“ hörte, einen beson­deren „Profil­wechsel“ vollzog und sich in die damals modi­sche „unga­ri­sche Urge­schichts­for­schung“ flüch­tete, um wenig fundierte, aber sensa­tio­nell klin­gende Aussagen zu machen. Erstaun­lich ist, wie viele Menschen das gekauft haben.

Für uns Fach­leute ist einer der auffäl­ligsten Punkte bei all dem, dass die heutige Online-Kultur fast keine Authen­ti­fi­zie­rung mehr benötigt.

Bei vielen wich­tigen histo­ri­schen Fragen sind heute emotio­nale Aufla­dungen der entschei­dende Faktor. Und Gerüchte, Über­zeu­gungen und falsche Vorstel­lungen haben oft zu einem beliebten Gesell­schafts­spiel geführt, das die Gesell­schaft immer weiter von jeder erkenn­baren histo­ri­schen Realität entfernt. Und doch ist die einzige Lektion, die wir lernen müssen…

Quelle: Vasarnap.hu


3 Kommentare

  1. Ich weiß nicht, ob es gesund für ein Volk ist, fremde Völker assi­mi­lieren zu wollen. Da wird nur Misch­masch draus.

  2. Es kann der frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nach­barn nicht gefällt! (Aus Schil­lers Lied von der Glocke) Die Roma­nows, Habs­burger, Hohen­zol­lern und selbst die Osmanen waren weitaus tole­ranter als ihre bösen Nach­barn in London, Paris und Rom.

    Die Zwie­tracht­säer aus London, Paris und Rom bestimmten seit der fran­zö­si­schen Revo­lu­tion was die neue Klasse der Intel­lek­tu­ellen zu äußern hatten. „Ich tue bös und schreie laut zuerst!“ (Aus Shake­speare) Das war die neue revo­lu­tio­näre Aufklä­rung. Die erste Strophe der Fran­zö­si­schen Hymne fordert die Fran­zosen bis heute dazu auf, den Elsäs­sern ihre weißen Hälse durchzuschneiden.

    • „Die Roma­nows, Habs­burger, Hohen­zol­lern und selbst die Osmanen waren weitaus tole­ranter als ihre bösen Nach­barn in London, Paris und Rom.“

      Über die Jh. etwas ausein­an­der­ent­wi­ckelt, aber derselbe Stall.

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