Heute Selig­spre­chung des polni­schen Kardi­nals Stefan Wyszyński, „Primas des Jahrtausends“

Stefan Wyszyński · Foto: Nationaal Archief / Wikimedia CC0 SA-BY 1.0

Am 12. September wird Kardinal Stefan Wyszyński, Erzbi­schof von Warschau und Primas von Polen in den Jahren 1948–1981, in Warschau selig­ge­spro­chen werden. Die von den Polen lang erwar­tete Zere­monie sollte im Mai letzten Jahres statt­finden. Aufgrund der Pandemie wurde sie jedoch auf dieses Jahr verschoben, obwohl der kano­ni­sche Selig­spre­chungs­pro­zess des ehema­ligen Primas von Polen bereits 1989 auf Initia­tive von Johannes Paul II., seinem Freund und engsten ehema­ligen Mitar­beiter, eröffnet worden war. Am selben Tag wird sich dem Kreis der Seligen der katho­li­schen Kirche auch Mutter Elżbieta Róża Czacka anschließen, die sich in Laski um Blinde kümmerte und Stefan Wyszyński von den 1920er Jahren bis zu seinem Tod in den 1960er Jahren sehr nahe stand.
 

Kardinal Wyszyński ist heute zwei­fellos eine der am meisten verehrten Persön­lich­keiten der polni­schen Kirche. Er berei­tete sein Land nicht nur auf die Feier­lich­keiten zum tausend­jäh­rigen Jubi­läum der Chris­tia­ni­sie­rung Polens im Jahr 1966 vor – unter dem kommu­nis­ti­schen Regime – sondern wird von seinen Lands­leuten als der bedeu­tendste Primas in der Geschichte der polni­schen Kirche ange­sehen. Diese beiden Umstände brachten ihm den Spitz­namen „Primat des Jahr­tau­sends“ ein.

Stefan Wyszyński wurde 1901 in Zuzela (Podla­chien), etwa 100 Kilo­meter östlich von Warschau, geboren. 1920 trat er in das Pries­ter­se­minar in Leslau (Włocławek) ein, wo er vier Jahre später die Pries­ter­weihe empfing. Am 5. August 1920 feierte er seine erste Messe in der Kapelle der Jung­frau Maria in Tschen­sto­chau, wo sich die berühmte wunder­tä­tige Ikone der Schwarzen Madonna befindet. In den Jahren 1925–1929 setzte er sein Studium an der Katho­li­schen Univer­sität Lublin an der Fakultät für Kirchen­recht und Sozial- und Wirt­schafts­wis­sen­schaften fort. Während seines Studiums war er in der Seel­sorge mit Studenten und Semi­na­risten tätig. Er unter­nahm auch eine lange Studi­en­reise durch West­eu­ropa, auf der er sich beson­ders für die Probleme der Gewerk­schaften, die Orga­ni­sa­tionen der katho­li­schen Arbei­ter­ju­gend und vor allem für die sozialen Lehren und Bewe­gungen inter­es­sierte. In den 1930er Jahren lehrte er Kirchen­recht und Sozi­al­wis­sen­schaften am Höheren Seminar, orga­ni­sierte und leitete die Christ­liche Arbei­ter­uni­ver­sität in Leslau und gab ab 1931 die für ihre Qualität geschätzte Zeit­schrift für katho­li­sche Priester in Polen, „Pries­ter­li­ches Athe­näum“ (Ateneum Kapłańskie), heraus. 1939 wurde Abt Wyszyński vom polni­schen Primas August Hlond zum Mitglied des Sozi­al­rats ernannt, um ihn zu beraten.

Als der Zweite Welt­krieg ausbrach, verließ Wyszyński auf Wunsch seines Bischofs Leslau. Er versteckte sich in Wroci­szewo, dann in Laski bei Warschau und schließ­lich in Zako­pane in den südpolni­schen Bergen. Während des Warschauer Aufstands 1944 diente er als Seel­sorger der Gruppe „Kampinos“ der polni­schen Heimat­armee (Armia Krajowa, AK), die in und um Laski (bei Warschau) operierte, sowie als Seel­sorger des aufstän­di­schen Kran­ken­hauses in Laski. Unmit­telbar nach dem Krieg kehrte Pater Wyszyński nach Leslau zurück und begann mit dem Wieder­aufbau des dortigen im Krieg zerstörten Pries­ter­se­mi­nars. 1945 wurde er zum Rektor des Priesterseminars.

1946 wurde er von Papst Pius XII. zum Bischof der Diözese Lublin ernannt.  Zwei Jahre später, 1948, wurde Bischof Stefan Wyszyński nach dem Tod von Kardinal August Hlond – für den eben­falls ein Selig­spre­chungs­pro­zess eröffnet wurde – Erzbi­schof von Gnesen und Warschau bzw. Primas von Polen. In seinem Hirten­brief zum Tag seines Amts­an­tritts schrieb der neue Erzbi­schof: „Ich bin weder Poli­tiker noch Diplomat, weder Akti­vist noch Reformer. Ich aber bin euer geist­li­cher Vater, der Hirte und Bischof eurer Seelen, ich bin ein Apostel Jesu Christi…“.

Er begann seine Mission in sehr schwie­rigen Zeiten, mitten in der stali­nis­ti­schen Ära. Von Anfang an versuchte er, einen Modus vivendi für die Kirche im kommu­nis­ti­schen Polen zu finden. Er wählte den Weg der mit der Regie­rung unter­zeich­neten Verein­ba­rung, die in Erman­ge­lung einer Verfas­sung die Bezie­hungen zwischen Kirche und Staat regeln sollte. Diese Verein­ba­rung wurde von den polni­schen Kommu­nisten nie einge­halten. 1953 wurde dem neu ernannten Kardinal Stefan Wyszyński der Reise­pass für die Reise zum Konsis­to­rium in Rom verwei­gert.  Die Verfol­gung der Kirche verschärfte sich, die Verhaf­tungen von Bischöfen und Pries­tern nahmen zu, und die Regie­rung versuchte, in die Beset­zung von kirch­li­chen Ämtern einzu­greifen. Der Kardinal veröf­fent­lichte seinen berühmten Hirten­brief an die Behörden der Volks­re­pu­blik Polen im Namen des Episko­pats: „Wir werden der Stimme unserer apos­to­li­schen Beru­fung und unseres pries­ter­li­chen Gewis­sens folgen, indem wir in innerem Frieden und in dem Bewusst­sein wandeln, dass wir nicht den geringsten Grund gaben, uns zu verfolgen, dass das Leiden unser Los ist, nicht für etwas anderes, sondern für die Sache Christi und der Kirche Christi. Wir dürfen die Dinge Gottes nicht auf dem Altar des Kaisers opfern. Non possumus!

Einige Monate später wurde Kardinal Wyszyński verhaftet und aus Warschau depor­tiert. Er wurde sukzessiv in Rywałd Królewski bei Grau­denz (Grud­ziądz), in Spring­born im Ermland (Stoczek Warmiński), in Neustadt an der Prudnik (Prudnik) bei Oppeln und in Komańcza in den Bies­zczady, einer Berg­re­gion im Südosten Polens, inhaftiert.

In Komańcza verfasste der Primas von Polen am 16. Mai 1956 den Text der erneu­erten Gelübde der Nation, die am 26. August 1956 in Klaren­berg (Jasna Góra) als Gelübde der Nation von einer Million Pilgern und dem polni­schen Episkopat feier­lich verkündet wurden. Am 26. Oktober 1956 wurde Stefan Kardinal Wyszyński schließ­lich frei­ge­lassen. Bei seiner Rück­kehr nach Warschau herrschte ein Klima großer Freude und Hoff­nung für die Kirche in Polen. In den Jahren 1957–1965 leitete er die Große Novene vor dem Mill­en­ni­ums­ju­bi­läum der Chris­tia­ni­sie­rung Polens. Es handelte sich um ein Programm zur geist­li­chen Erneue­rung des polni­schen Volkes, das neun Jahre lang Exer­zi­tien umfasste, in denen der Primas uner­müd­lich das Wort Gottes in ganz Polen predigte. Auf seine Initia­tive hin wurde in allen polni­schen Pfar­reien mit der Visi­ta­tion der Kopie der Ikone der Jung­frau Maria aus Klaren­berg begonnen.

Am Vorabend des tausend­jäh­rigen Jubi­läums der polni­schen Taufe rich­tete er im Namen des polni­schen Episko­pats einen Brief an die deut­schen Bischöfe, in dem er sie zur gemein­samen Feier des Jubi­läums einlud mit den Worten: „Wir vergeben und bitten um Verge­bung“. In den 1960er Jahren nahm der polni­sche Primas aktiv an der Arbeit des Zweiten Vati­ka­ni­schen Konzils teil und brachte wert­volle Erfah­rungen aus der Kirche in Polen mit, ebenso wie bei den aufein­ander folgenden Konklaven in den 1960er und 1970er Jahren.

Das letzte Konklave, an dem Kardinal Wyszyński 1978 teil­nahm, wählte auf den Thron Petri seinen engen Freund, der als sein Nach­folger vorge­sehen war, den Erzbi­schof von Krakau, Karol Wojtyła, der den Namen Johannes Paul II. annahm. Ein Jahr später hatte der Primas des Jahr­tau­sends die Freude, den polni­schen Papst bei seiner ersten Pilger­reise in seine Heimat zu empfangen. In den 1970er Jahren und insbe­son­dere in der Zeit der Entste­hung der Bewe­gung Soli­dar­ność blieb Kardinal Wyszyński eine große Auto­rität für die Katho­liken und ein Garant für Gleich­ge­wicht und sozialen Frieden in Polen. In der Sorge um seine Heimat und das Wohl des Volkes forderte er immer wieder die Verant­wor­tung sowohl der Regie­renden als auch der Oppo­si­tion ein. Er verstarb am 28. Mai 1981, dem Hoch­fest der Himmel­fahrt des Herrn.

Sein Begräbnis fand am 31. Mai in Warschau statt und war eine der größten reli­giösen und patrio­ti­schen Veran­stal­tungen im Nach­kriegs­polen. Nach kommu­nis­ti­schen Angaben nahmen etwa 120.000 Menschen an der Trau­er­feier teil, während unab­hän­gige Beob­achter die Zahl auf eine halbe Million schätzten.

Leider wird dies bei der Selig­spre­chungs­ze­re­monie des Primas des Jahr­tau­sends nicht der Fall sein. Aus sani­tären Gründen im Zusam­men­hang mit der Pandemie wurde die Zahl der Teil­nehmer auf 8.000 Personen begrenzt, die in mehreren Sektoren unter­ge­bracht sind und einen Abstand von andert­halb Metern einhalten müssen. Eine spon­tane Teil­nahme an der Messe ist nicht möglich, da alle Gläu­bigen und Zele­branten eine beson­dere Einla­dung der Kirchen­ge­meinden brau­chen. Die übrigen Gläu­bigen werden gebeten, sich zu diesem Anlass nicht zu versam­meln und die Feier im Fern­sehen zu verfolgen.

3 Kommentare

  1. Ein polni­scher Histo­riker bemerkte in einer TV-Diskus­sion: „Jede zweite polni­sche Biogra­phie ist eine Fälschung!“

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