Im Namen der Theiß

DER DOKUMENTARFILM VON DIMITRY LJASUK LEHRT UNS AUCH VERANTWORTUNG GEGENÜBER DER NATUR UND PATRIOTISMUS · Foto: Im Namen der Theiß (Screenshot)

Nur der Mensch kann der Theiß eine solche selbst­zer­stö­re­ri­sche Torheit antun

 

Tamás Pataki

Hier ist der Müll des Menschen – Dimitry Ljasuks Doku­men­tar­film Im Namen der Theiß beginnt mit depri­mie­renden und scho­ckie­renden Bildern. Wir sind in Raho in den Unter­kar­paten, wo es keine offi­zi­elle Müll­de­ponie gibt, also wirft jeder seinen Müll an die Ufer der Theiß. Nur wenige Meter vom Fluss entfernt haben sich wahre Müll­berge gebildet, und bei Hoch­wasser werden diese gefähr­li­chen, sich langsam zerset­zenden Schad­stoffe in die Theiß und von dort nach Ungarn gespült.

- Das große Problem für den Theiß-See ist die Verschmut­zung und die riesige Menge an Plastik, die die Theiß aus ihrem Einzugs­ge­biet einbringt: aus Rumä­nien, der Ukraine, der Slowakei und aus unga­ri­schen Haus­halten. Wir müssen die Probleme zeigen“, sagte Dimitry Lyasuk, ein halb-ukrai­ni­scher, halb-unga­ri­scher unab­hän­giger Filme­ma­cher und Lokal­pa­triot der Theiß. Zunächst klingt es etwas seltsam, einen Fluss als Heimat zu betrachten, aber wenn Sie sich seinen Doku­men­tar­film Im Namen der Theiß ansehen, werden Sie sehen, dass da viel Substanz drin steckt. Der neue Film von Dimitry Lyasuk handelt von der Müll­pro­ble­matik an der Theiß und in den Unter­kar­paten, und wie die Prot­ago­nisten aus den Unter­kar­paten sowie unga­ri­sche und ukrai­ni­sche Frei­wil­lige gegen die mensch­liche Verant­wor­tungs­lo­sig­keit kämpfen.

Der Blinde kann sehen, dass die Verschmut­zung der Theiß eine tickende ökolo­gi­sche Bombe ist, die Ungarn, aber auch die Tier­welt des Schwarzen Meeres zerstört.

Der Film mischt Bilder von YouTube-Repor­tern im Gonzo-Stil mit spek­ta­ku­lären Droh­nen­auf­nahmen und Aufnahmen im Doku­men­tar­stil – eine kuriose Mischung, die das Marken­zei­chen des Autors ist und ihm gut steht. Der Film ist manchmal lyrisch – die Geständ­nisse über die Theiß, die Geogra­phie der Geliebten – und manchmal ist er sehr unver­blümt mit dem Unprak­ti­schen, oder besser gesagt dem Müll, konfron­tiert. Eine weitere seiner Tugenden ist, dass er uns nicht nur Slogang-Geschichten erzählt, sondern Geschichten, die wirk­lich mensch­lich sind.

Ein sisy­phus­hafter Kampf gegen den Müllriesen

Der Doku­men­tar­film erzählt die Geschichte von zwei Männern aus den Unter­kar­paten, die, genervt von der Situa­tion, beschlossen, auf eigene Faust zu handeln. Viktor Buchynsky, ein Inge­nieur und Öko-Akti­vist, betreibt einen Abfall­ver­wer­tungshof und versucht, die Leute in der Gegend dazu zu bringen, ihren Müll zu ihm zu bringen, den sie dann selektiv sortieren und versu­chen zu recy­celn, ebenso wie der Öko-Akti­vist Béla Franz. Ihr Kampf mag als Sisy­phus­ar­beit erscheinen, vor allem ange­sichts der Menge an Müll, aber was sie tun, ist vorbild­lich, denn sie weigern sich einfach, die Situa­tion zu akzep­tieren, sich geschlagen zu geben und weiter­zu­ma­chen – im Grunde sind es Menschen wie diese, die dem Begriff Patrio­tismus Substanz verleihen. Denn im Namen der Theiß geht es auch um Patrio­tismus, darum, dass sich Patrio­tismus nicht in Phrasen ausdrü­cken sollte, sondern in Verant­wor­tung für die Heimat, und darüber hinaus: in Taten. Es wäre gut, wenn dieser Film auch in Schulen gezeigt würde, denn wir können nicht nur einen Blick auf den Fluss werfen, sondern auch auf den Alltag der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung in den Unterkarpaten.

Viktor Buchynsky, Inge­nieur, Öko-Akti­vist auf dem Hof der Abfall­ver­wer­tungs­an­lage · Foto: Im Namen der Theiß (Screen­shot)

Dimitry Lyasuk macht nicht an Ungarns Grenzen halt, er reist von der Quelle der Theiß bis zum Schwarzen Meer, um an den Ufern des Donau­deltas alle zu enttäu­schen. Es gibt male­ri­sche Küsten­ab­schnitte rund um die Mündung des St.-Georgs-Arms der Donau am Schwarzen Meer, aber man muss nur ein paar Meter in die bewal­dete und buschige Küsten­zone gehen, um auf einen vertrauten Haufen von Müll und PET-Flaschen zu stoßen. Dimitry unter­sucht die Flaschen eine nach der anderen. Anhand der verwa­schenen Etiketten lässt sich leicht erkennen, aus welchem Land sie stammen: Die meisten sind ukrai­nisch und rumä­nisch, aber es gibt auch welche aus der Slowakei und aus Ungarn. Er spricht auch mit Menschen im Donau­delta, die ihr ganzes Leben in der Nähe des Wassers verbracht haben, weshalb die Situa­tion für sie beson­ders schmerz­haft ist. Der Doku­men­tar­filmer hält dann einen lyri­schen Monolog, unter anderem diesen:

„Der in den Fluss gewor­fene oder am Ufer zurück­ge­las­sene Müll ist ein Nagel im Sarg des Schwarzen Meeres. Wenn wir nicht aus unseren Fehlern lernen, wenn wir uns nicht ändern und wenn wir nicht handeln, werden wir eines Tages aufwa­chen und fest­stellen, dass das Meer tot ist. Wir haben es getötet.“

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In der Doku­men­ta­tion ruft er natür­lich auch die Verur­sa­cher der Verschmut­zung auf den Plan, und da klar ist, dass alle Staaten für die Sauber­keit der von ihnen durch­flos­senen Flüsse verant­wort­lich sind, liegen die größten Probleme, die Quelle des Ärgers, in der Ukraine, denn dort entspringt der Fluss. Seit mehr als 15 Jahren gelingt es den ukrai­ni­schen Behörden nicht, zu verhin­dern, dass das Hoch­wasser der Theiß Berge von Müll aus den (meist ille­galen) Depo­nien an ihren Ufern nach Ungarn transportiert.

Die Nach­läs­sig­keit der Behörden und die Gleich­gül­tig­keit des ukrai­ni­schen Staates sind ungeheuerlich.

Und während ich den Film sehe, denke ich immer wieder, dass István Ráth-Végh, wenn er noch leben würde, in seinem Buch Die Kultur­ge­schichte der mensch­li­chen Dumm­heit ein eigenes Kapitel über die Verschmut­zung und Vergif­tung der Theiß schreiben würde.

Sehr geehrter Herr Präsi­dent Zelensky!

Gegen Ende des Films spricht Lyasuk Dimitry direkt in die Kamera und schickt im Namen der Theiß eine Botschaft an den ukrai­ni­schen Präsidenten:

- Sehr geehrter Herr Präsi­dent Zelensky, ich bin hier, um Sie respekt­voll zu bitten, etwas zu tun. Ich bin hier, um Sie zu bitten zu verhin­dern, dass das riesige Stück Müll, das Sie hinter mir sehen, in der Theiß landet. Flüsse sind keine Müll­de­po­nien. Tausende von Menschen in Ungarn kämpfen dafür, die Theiß von Müll zu befreien, der zu einem großen Teil aus der Ukraine stammt. Ich bin einer von ihnen […]“

Ob der Appell seinen Adres­saten erreicht, ist eine Frage der Zukunft. Besser noch: Dimitry Lyasuk iden­ti­fi­ziert in seinem Doku­men­tar­film nicht nur das Problem, scho­ckiert den Zuschauer oder konfron­tiert ihn mit den Fehlern seiner Mitmen­schen, sondern zeigt auch, was man gegen all diesen Müll tun kann. Die über­mensch­liche Arbeit der beiden Prot­ago­nisten reicht offen­sicht­lich nicht aus, und es ist ein drin­gender staat­li­cher Eingriff nötig, um dem Müll­haufen in Rachow ein Ende zu setzen, der nur durch den Bau einer modernen Müll­ver­ar­bei­tungs­an­lage und die Orga­ni­sa­tion des Müll­trans­port­sys­tems in den Unter­kar­paten besei­tigt werden kann. Das sind natür­lich staat­liche Aufgaben, aber ihr Erfolg wird auch eine Verän­de­rung in den Köpfen der Menschen erfor­dern, denn alles wird im Kopf entschieden.

Selbst wenn jemand beschließt, keine PET-Flaschen mehr in die Theiß zu werfen, ist das ein kleiner Erfolg.

Quelle: Magyar Nemzet


2 Kommentare

  1. „Die Nach­läs­sig­keit der Behörden und die Gleich­gül­tig­keit des ukrai­ni­schen Staates sind ungeheuerlich“.
    Aber nicht nur die, JEDER EINZELNE trägt dazu bei. Man kann überall dort, wo Zuge­reiste wohnen, massiver Umwelt­ver­schmut­zung und Dreck sehen.
    Die bekommen es einfach nicht hin, sauber zu leben und Unrat nicht überall hin zu werfen. Die schmeißen selbst in Wohn­ge­bieten Abfälle aus dem Fenster, oder vom Balkon. Man kann nur ange­wi­dert sein. Und Merkels-Maul­körbe fliegen auch überall herum, die nicht nur von Zuge­reisten einfach auf den Gehweg geworfen werden. Das ist nicht nur unschön und ein Ärgernis, es beweist auch, dass es KEINE Pandemie gibt, denn dann müssten die Dinger als Sonder­müll behan­delt werden…

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  2. Nichts dazu gelernt haben bei uns in Nieder­ös­ter­reich auch einige Unver­bes­ser­liche, da wir zwar eine Müll­tren­nung und Verwer­tung haben, jedoch finde ich immer wieder Stoffe im Müll­be­hälter, die dort absolut nichts zu suchen haben.
    Also wenn es bei uns schon nicht so toll klappt, dann können die Menschen in diesen ehemals kommu­nis­ti­schen Ländern nicht so einfach lernen, dass sie sich damit nur selbst schaden und langsam vergiften. Man muss in den Schulen Gesund­heit und Vermei­dung von Krank­heiten erst lehren, damit ein Bewusst­sein dafür entstehen kann.

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