In memo­riam Hugo Portisch

Bild: Wikimedia/ Manfred Werner - Tsui

Gast­kom­mentar von Ursula Stenzel

Einer der ganz Großen ist von uns gegangen, Hugo Portisch im hohen Alter von 94 Jahren verstorben. Ich komme gerade aus dem Fern­seh­studio von OE 24 TV, wo man unter anderem mich gebeten hat, einige persön­liche Erin­ne­rungen, die ich an Hugo Portisch habe, mit der Öffent­lich­keit zu teilen, also auch mit Ihnen. Hugo Portisch war ein großer Lehr­meister des Jour­na­lismus in Öster­reich, ich habe als junge Redak­teurin seine Repor­tagen, „So sah ich …“ verschlungen und er war ein wich­tiger Ratgeber für mich.

Er ermu­tigte mich den Beruf der Jour­na­listin zu ergreifen, mein erstes großes Inter­view durfte ich an seiner Seite machen: Er inter­viewte Golda Meir anläss­lich ihres Besuchs in Öster­reich 1973 für das Fern­sehen und ich für den Hörfunk. Ich schickte ihm meine ersten Artikel, die ich noch während der Mittel­schul­zeit über das geteilte Europa schrieb, und er war der erste, den ich fragte, was er davon hielte, wenn ich dem Ruf des dama­ligen Vize­kanz­lers Wolf­gang Schüssel folgte, ins Euro­pa­par­la­ment zu gehen. Seine Antwort wird mir immer in Erin­ne­rung bleiben und ich beschreibe dies auch in meinem Buch, das demnächst heraus­kommt: „Ja, machen Sie das … viel Ferien, viel Ferien …“

In vielen Sendungen saß er als Live-Kommen­tator neben mir als Zeit-im-Bild-Mode­ra­torin. Einmalig seine Live-Analysen von großem Gehalt für die Allge­mein­heit verständ­lich zu bringen. Bis zuletzt machte er sich hand­schrift­liche Notizen und kaum war das Rotlicht an, legte er los – quasi ohne Netz. Unver­gess­lich für mich auch unsere gemein­same Sendung anläss­lich der Frei­las­sung der ameri­ka­ni­schen Geiseln aus Teheran im Jänner 1981, als unun­ter­bro­chen ein Telefon läutete ohne das am anderen Ende in Washington Klaus Emme­rich dran war – auch ein Großer, dessen Ableben mich mit Trauer erfüllt, und Hugo Portisch begann die Hörmu­schel zu zerlegen: „Kann man das nicht abstellen?“ – man konnte nicht, denn das Telefon, das läutete, stand irgendwo unsichtbar für uns unter dem Studio­tisch – ein unver­gess­li­ches „Hoppala“.

Ein blei­bendes Vermächtnis sind seine zeit­ge­schicht­li­chen Doku­men­ta­tionen ‚Öster­reich 1‘ und ‚Öster­reich 2‘, in denen er Zeit­ge­schichte für Öster­reich aufar­bei­tete, ohne jeden mora­lin­sauren erho­benen Zeige­finger. Er riss nie Gräben auf, er schüt­tete sie zu. Dies präde­sti­nierte ihn dazu die Rolle Öster­reichs im Dritten Reich diffe­ren­ziert zu sehen, einer­seits als Opfer, dessen staat­liche Exis­tenz durch den Anschluss ausge­löscht wurde, ande­rer­seits aber auch als Land der Täter und vieler Mitläufer, wobei er nie eine Kollek­tiv­schuld sah. Er urteilte, aber er verur­teilte nie.

In die Politik wollte er nie gehen, weil er sich nicht verein­nahmen lassen wollte, von niemandem. Für ihn war die Unab­hän­gig­keit des Jour­na­lismus – auch des öffent­lich-recht­li­chen ORF, ein beherr­schendes Anliegen, für dessen Reform er mit einem von ihm mit-initi­ierten Volks­be­gehren eintrat. Immer wieder zitierte er einen seiner Profes­soren in den USA, wohin er nach dem Krieg, wie viele andere seiner Genera­tion, auch ein Stipen­dium erhalten hatte: Check, Recheck, Double­check – und „audiatur et altera pars“ – also auch immer den anderen hören, nie die allein selig­ma­chende Wahr­heit für sich in Anspruch nehmen.

Dieser Beitrag erscheint auch auf dem Blog von Ursula Stenzel


4 Kommentare

  1. Meiner Ansicht nach war es eine als Impfung getarnte Hinrich­tung wegen Verbre­chen gegen die Menschlichkeit.

  2. Als aner­kannter, hoch­ver­ehrter, viel­fach ausge­zeich­neter Bericht­erstatter mit einer großen Fange­meinde, würde ich doch gerne wissen was denn diese „kurze Krank­heit“ war, die den eigent­lich „Pumperlgs­unden“ so schnell das Leben gekostet hat, immerhin war er ja Impf–Testimonial fürs Regie­rungs­pro­gramm! Man bekommt leider keine Veröf­fent­li­chung (Krone) wenn man so eine Frage stellt, traurig aber wahr!

  3. Das Leben schreibt die bizarrsten Geschichten, zum 75 Jährigen Jubi­läum der Benes­de­krete verstirbt Portisch der diesen Thema keine Silbe schenkte. Ein profunder Kenner und Bewahrer der Geschichte öster­reichs. (Zynismus Ende)

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