In memo­riam Prof. Ernst Gehmacher

Prof. Ernst Gemacher † · Foto: Bürgerinitiative Zivilcourage

Von Dr. Johann Hüth­mair (Obmann, Bürger­initia­tive Zivilcourage)

Der Sozi­al­for­scher Prof. DI Ernst Gehma­cher ist im 95. Lebens­jahr von uns gegangen

Prof. DI. Ernst Gehma­cher ist im 95. Lebens­jahr von uns gegangen. Wir halten ihn in guter Erin­ne­rung. Der Autor, Dr. Johann Hüth­mair, hatte noch kurz vor seinem Tode mit ihm über die Corona-Auswir­kungen telefoniert.

Ernst Gehma­cher hatte 1965 das Markt- und Meinungs­for­schungs­in­stitut IFES gegründet. Er war einer der prägenden demo­kra­ti­schen Intel­lek­tu­ellen der Sieb­ziger- und Acht­zi­ger­jahre. Obwohl er der linken partei­po­li­ti­schen Szene zuge­re­chet wurde, stand er weit über den Dingen von Partei­po­litik und betrach­tete sich selber als Bürger einer Gemein­schaft. Er war ein über­zeugter Euro­päer und Demo­krat, seine Denkensart war die der präven­tiven Konfliktregelung.

Der in Salz­burg gebo­rene Sozio­loge Ernst Gehma­cher hatte über Jahre mit dem Obmann der „Bürger­initia­tive Zivil­cou­rage“ engen Kontakt. Wir haben uns meist im Café Raimund beim Volks­theater getroffen und über Gott und die Wellt geplau­dert, erzählt Dr. Johann Hüth­mair. Gehma­chers fein­füh­lige Beob­ach­tungs­gabe für gesell­schaft­liche latente Konflikte und Strö­mungen machten unsere Gespräche sehr lebendig.

Anläss­lich der Grün­dungs­feier der „Bürger­initia­tive Zivil­cou­rage“ (BiZ) hielt Professor Ernst Gehma­cher den Eröff­nungs­vor­trag über die histo­ri­sche Herlei­tung Europas. Gehma­cher gilt als einer der Pioniere der Sozial­forschung und als Begründer der Theorie des Sozi­al­ka­pi­tals. Seine Erklä­rungen zur Ge­schich­te der kultu­rellen Gemein­schaft Europas, betrach­tet in langen Zyklen von jeweils unge­fähr 300 Jahren, lassen die Ereig­nisse sehr verständ­lich werden; seine Thesen sind gut struk­tu­riert und zum Nach­empfinden aufbe­reitet. Man erkennt, wie die Impe­rien ihre Spuren als eine Art kultu­reller Fußab­druck quer durch die Geschichte Europa hinter­ließen. Die Epochen­übergänge dauern Genera­tionen: „Das Alte ist noch nicht weg, das Neue ist noch nicht da.“ Die offi­zi­elle Geschichte wird jeweils von den Sieger­mächten geschrieben, das ist seit tausenden Jahren so. Jedoch alle Weisen und Natur­völker wissen: Ohne histo­ri­sche Wahr­heit keine Kraft! Professor Gehma­chers auf hohem Abstrak­ti­ons­ni­veau geführte Betrach­tungen über die Ausprä­gungen der gesell­schaft­li­chen Entwicklungs­schübe in Europa sollen dazu anleiten, die Geschichts­erzählungen auch aus anderen Perspek­tiven zu sehen.  Sozio­logen sehen den Konflikt als Impuls­geber für die Koope­ra­tion. Eine konstruk­tive Konflikt­re­ge­lung muss in der Basis wurzeln, um im Großen wirken zu können, so wie gesell­schaft­liche Entwick­lungen stets von unten nach oben wirken.

Zu System­ver­halten konnte Gehma­cher tref­fende Erklä­rungen einbringen. „So geht es nicht weiter, die Ereig­nisse werfen die fragilen Global­ver­net­zungen aus der Bahn“, meinte er schon vor Jahren. Nun haben wir Covid, was seine Theorie bestä­tigt. „Bäume wachsen nicht in den Himmel“.

Gehma­cher hatte Inte­gra­ti­ons­kurse gehalten. Er ließ die Teil­nehmer ihre Reli­gion im Verhältnis zu den anderen Reli­gionen auf der Skala von 1 bis 10 bewerten. Anfangs war die eigene Glau­bens­über­zeu­gung mit 9 oder 10 Punkten ange­geben, die übrigen weit abge­schlagen. Nach einigen Semi­nar­sit­zungen im Diskurs über Reli­gi­ons­in­halte näherten sich die Einstu­fungen „meine Reli­gion“ den übrigen weit­ge­hend an, sobald säku­lare Ethik als Maßstab debat­tiert wurde. Daher sind Unter­wer­fungs­ideo­lo­gien nicht inte­gra­ti­ons­be­reit, da Themen der „säku­laren Ethik“ von der Hier­ar­chie ausge­klam­mert werden. Von diesem Thema berichtet etwa seine Schrift „Ist man als Wissen­schafter Buddhist?“ Das Gegen­teil von Glau­bens­re­li­gion ist nicht Wissen­schaft, sondern Spiri­tua­lität, wie es auch Professor Thomas Metzinger als Metha­phi­lo­soph darlegt.

Prof. Gehma­cher hat viel zum Thema zu Sozi­al­ka­pital geforscht und Beiträge veröf­fent­licht. Ihm zufolge hatten die Ur­völker in Amerika während der vergleichs­weise kurzen Zeit ihrer „Mais­kultur“ keinen so hohen Organisations­grad erreicht, während die Einwan­derer aus Europa (Getrei­de­kultur) den einzelnen unter­ein­ander rivalisie­ren­den Stämmen orga­ni­sa­to­risch und tech­nisch weit über­legen waren. Indien und China (Hong­kong, Macao, Goa etc.) hingegen hatten aus der „Reis­kultur“ eine hohe und lange Gesell­schafts­ent­wick­lung, daher verliefen die Koloniali­sierungen der konkur­rie­renden Euro­päer in Asien anders als in Amerika oder Afrika.

In Gesprä­chen mit mir erklärte Professor Gehma­cher mit heiterem Gemüt, man müsse Struk­turen erkennen, diese beim Namen nennen und die Zeichen der Zeit beachten. Auch wenn er diesem Motto treu bliebe, hätte er nicht die Absicht so zu enden wie Sokrates, Jesus oder Gior­dano Bruno, aber mit neunzig Lebens­jahren bestehe diese Gefahr für ihn ohnehin nicht mehr, fügte er lachend hinzu. Dies war jedoch in seinen jungen Jahren, 1944 als Kriegsdienst­verweigerer, ganz anders. Damals war diese Gefahr groß und die Beherr­schung der Angst wurde ein zentrales Thema für seine Entwicklung.

Wir bedanken uns herz­lich bei Professor Gehma­cher für seine Beiträge zur Gesell­schafts­ent­wick­lung. Wir bleiben ihm im Geist verbunden.

 

Gehma­chers Fest­rede zur Grün­dung der „Bürger­initia­tive Zivil­cou­rage“: www.youtube.com/watch?v=V3qH93eIYFQ

Laudatio: Goldenes Ehren­zei­chen des Landes Wien

Nachruf in Die Presse:  www.diepresse.com/5927159/wanderer-und-sozialforscher-ernst-gehmacher-ist-tot?from=rss


1 Kommentar

  1. Ein großer Wissen­schafter, emsiger Verbreiter seiner Thesen und humor­voller Gesprächs­partner ist von uns gegangen. Zudem war er ein über­zeu­gender „alter Sozi­al­de­mo­krat“, wie man ihn heut­zu­tage nur mehr selten findet. RIP, Ernst Gehmacher!

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