Inter­view mit Attila Dabis: Vertei­digen wir die indi­genen euro­päi­schen natio­nalen Minder­heiten!

Attila Dabis · Foto: DR

Von Lionel Baland

Seit mehreren Monaten läuft auf Initia­tive des Szekler Natio­nal­rats (einer Orga­ni­sa­tion, die die unga­risch­spra­chige Szekler-Minder­heit in Rumä­nien vertritt) eine Kampagne für eine Euro­päi­sche Bürger­initia­tive (EBI) mit dem Titel „Kohä­si­ons­po­litik für die Gleich­stel­lung der Regionen und die Erhal­tung der regio­nalen Kulturen“.

Das Prinzip der EBI ist wie folgt: Eine Gruppe von Bürgern kann einen Antrag auf eine EBI bei der Euro­päi­schen Kommis­sion einrei­chen; wenn die Kommis­sion den Antrag akzep­tiert (was voraus­setzt, dass das Thema in den Zustän­dig­keits­be­reich der Kommis­sion fällt), hat der Ausschuss, der die EBI vorge­legt hat, dann ein Jahr Zeit, um mindes­tens eine Million Unter­schriften zu sammeln, wobei Mindest­quoten in mindes­tens 7 Ländern über­schritten werden müssen. Im Erfolgs­fall ist die Kommis­sion verpflichtet, das Dossier zu prüfen, und kann es so in einen Rechtsakt umwan­deln.

Im konktreten Fall besteht der Zweck der EBI darin, euro­päi­schen auto­chthonen natio­nalen Minder­heiten den direkten Zugang zu euro­päi­schen Förder­mit­teln zu ermög­li­chen, um ihre Kultur zu erhalten und ihre wirt­schaft­liche Entwick­lung zu fördern.

Lionel Baland, ein auf Euro­pa­po­litik spezia­li­sierter belgi­scher Jour­na­list, inter­viewte im Auftrag des fran­zö­si­schen Online-Portals Breizh-info.com einen der Initia­toren dieser EBI, den Ungarn Attila Dabis.

Bitte um Ihre kurze Vorstel­lung…

Attila Dabis: Ich bin Poli­tik­wis­sen­schaftler mit Sitz in Buda­pest, Ungarn. Seit 2012 bin ich Leiter der Abtei­lung für auswär­tige Ange­le­gen­heiten des Szekler Natio­nal­rats und seit 2016 der inter­na­tio­nale Koor­di­nator des Insti­tuts für den Schutz von Minder­hei­ten­rechten. Ich erhielt meinen Doktor­titel 2018. Der Titel meiner Disser­ta­tion lautet „Irrglauben an die Auto­nomie. Die Verfas­sungs­mä­ßig­keit der Szekler-Auto­nomie.“ Eine redi­gierte Version soll 2021 als Buch veröf­fent­licht werden.

Was ist das Szekler­land?

Attila Dabis: Das Szekler­land ist eine 13.500 km² große Region im südöst­li­chen Teil Sieben­bür­gens im heutigen Rumä­nien. 800.000 Menschen leben dort, von denen etwa 650.000 unga­risch spre­chen. Die Haupt­stadt dieser Region ist Maros­vá­sá­r­hely (rumä­nisch Târgu Mureș), eine Stadt mit 150.000 Einwoh­nern, zur Hälfte Szekler, zur Hälfte Rumänen.

Infolge des Vertrags von Trianon, der am 4. Juni 1920 den Ersten Welt­krieg für Ungarn been­dete, verlor das König­reich Ungarn zwei Drittel seines Terri­to­riums und seiner Einwohner (darunter damals mehr als 3,5 Millionen ethni­sche Ungarn, die haupt­säch­lich in der Nähe der neu fest­ge­legten Grenzen lebten) sowie 80–100% seiner Ressourcen: Öl, Gas, Gold, Silber, Eisenerz, Salz und Wald­pro­dukte. Diese Situa­tion hat das kollek­tive Gedächtnis der Ungarn seither tief geprägt.

Während das Szekler­land einst eine unga­ri­sche Grenz­re­gion war, wurde es nach dem Ersten Welt­krieg zu einem zentralen Terri­to­rium des rumä­ni­schen Staates. Trotz hunderter Jahre der Not haben die Szekler bis heute hart für die Bewah­rung ihrer Kultur und Iden­tität gekämpft. Dieser Erfolg ist vor allem darauf zurück­zu­führen, dass das Volk der Szekler einer­seits Teil der unga­ri­schen Kultur­na­tion ist, ande­rer­seits eine eigene regio­nale Iden­tität, eine eigene Flagge, ein eigenes Wappen und eine eigene Hymne hat. Wenn Sie die Region heute besu­chen, finden Sie Ortschaften, in denen 100% der Bevöl­ke­rung der unga­risch­spra­chigen Gemein­schaft der Szekler ange­hören.

Sie haben eine Euro­päi­sche Bürger­initia­tive ins Leben gerufen, die bereits eine Million Unter­schriften erhalten hat, was beein­dru­ckend ist. Erzählen Sie uns mehr darüber.

Attila Dabis: Wir sind der Meinung, dass die Regio­nal­ent­wick­lungs­po­litik der Euro­päi­schen Union den Regionen – wie etwa im Falle Frank­reichs Korsika, die Bretagne oder der Elsass – beson­dere Aufmerk­sam­keit schenken muss, da diese Regionen ethni­sche, kultu­relle oder sprach­liche Merk­male aufweisen, die sie von den umlie­genden Gebieten unter­scheiden.

Diese Regionen sollten von der Euro­päi­schen Union eine eigene finan­zi­elle Unter­stüt­zung erhalten, um ihre beson­deren Merk­male erhalten zu können. Die Initia­tive fordert die Euro­päi­sche Kommis­sion auf, endlich ihren in den Grün­dungs­ver­trägen enthal­tenen Verpflich­tungen nach­zu­kommen und aktiv zur Erhal­tung der kultu­rellen und sprach­li­chen Viel­falt der Euro­päi­schen Union beizu­tragen. Unser Ziel ist die Gleich­stel­lung der Regionen und die Förde­rung regio­naler Kulturen. Ferner wollen wir einen euro­päi­schen Diskurs über „staa­ten­lose“ Völker, Regionen und Nationen initi­ieren. Ein Thema, das die Euro­päi­sche Union viel zu lange vernach­läs­sigt hat.

Bisher war der Kampf um Stimmen für die Peti­tion in Ungarn am erfolg­reichsten, dies vor allem dank der Unter­stüt­zung durch die poli­ti­schen Parteien, von den konser­va­tiven Regie­rungs­par­teien bis zu den linken Oppo­si­ti­ons­par­teien, und dank der Mobi­li­sie­rung der Zivil­ge­sell­schaft (Künstler, Sportler, …). Es ist uns aber auch gelungen, eine beträcht­liche Anzahl von Unter­schriften in Ländern wie Öster­reich und Schweden zu sammeln, und wir würden uns auch freuen, viele fran­zö­sisch­spra­chige Regionen zu errei­chen, die direkt von dieser Initia­tive profi­tieren können.

Die meisten Unter­schriften wurden wegen des Coro­na­virus auf unserer Online-Platt­form – die von der Euro­päi­schen Kommis­sion zur Verfü­gung gestellt wurde – gesam­melt. Die Pandemie hat uns daran gehin­dert, während des Früh­jahrs in vielen Ländern Offline-Kampa­gnen durch­zu­führen, weshalb uns die euro­päi­schen Insti­tu­tionen bis zum 7. November 2020 zusätz­liche Zeit für die Samm­lung der gewünschten Unter­schriften gewährt haben. Wir haben bereits die nötige eine Million Unter­schriften, müssen jetzt aber noch in vier weiteren EU-Mitglied­staaten die notwen­dige Schwelle errei­chen, damit die Initia­tive ein Erfolg wird. Wir stehen kurz vor diesem Erfolg, und wir zählen auf alle unsere Leser, dass sie die Infor­ma­tionen und unsere Initia­tive so weit wie möglich verbreiten.

Warum sollte ein Fran­zose diese Sache unter­stützen?

Attila Dabis: Der fran­zö­si­sche jako­bi­ni­sche Staat hat sich gewei­gert, die einfache und unbe­streit­bare Tatsache anzu­er­kennen, dass Frank­reich kein homo­gener Natio­nal­staat ist. Tatsäch­lich handelt es sich um ein Land mit einer wirk­lich großen kultu­rellen und sprach­li­chen Viel­falt.

Der Rechts­stan­dard, der im Falle eines Erfolgs der Initia­tive erreicht werden soll, sollte allen natio­nalen Regionen, einschließ­lich der Bretagne, des Elsass, des Basken­landes oder Korsikas, Aner­ken­nung verschaffen. Darüber hinaus sollte diese euro­päi­sche Gesetz­ge­bung auch die notwen­digen finan­zi­ellen Mittel für diese Gemein­schaften bereit­stellen, um ihre beson­dere regio­nale Iden­tität inner­halb ihres eigenen Heimat­landes zu bewahren.

Wie kann diese Aktion unter­stützt werden?

Attila Dabis: Die Unter­zeich­nung der Initia­tive ist sehr einfach und schnell. Sie können einfach auf die Website zur Unter­schrif­ten­samm­lung klicken, und nach Eingabe der ange­for­derten Infor­ma­tionen, die sicher auf den Servern der Euro­päi­schen Kommis­sion gespei­chert werden, dieses Anliegen unter­stützen. Es ist auch wichtig, Leute um Sie herum zur Unter­schrift zu bewegen, die mit dem Inhalt der Initia­tive einver­standen sein könnten. Wir haben sechs Jahre lang vor dem Gerichtshof der Euro­päi­schen Union dafür gekämpft, diese Initia­tive auf den Weg bringen zu können. Die Unter­zeich­nung unserer Initia­tive dauert nur eine Minute!

Erschienen zuerst in fran­zö­si­scher Sprache bei Breizh-info.com.

 

Anmer­kung der Redak­tion von UNSER MITTELEUROPA:
Wir hatten uns im Sommer bemüht, diese Peti­tion auch bei den verschie­denen poli­ti­schen Parteien in Deutsch­land und Öster­reich (speziell in Hinblick auf Südtirol) bekannt­zu­ma­chen und um ihre Unter­stüt­zung zu werben, bisher aller­dings mit äußerst mäßigem (im Klar­text: keinem) Erfolg. Viel­leicht eine beson­dere Eigen­heit der heimi­schen Polit­land­schaft?

1 Kommentar

  1. Bin Ungarn-Fan, aber das wusste ich nicht.
    Was für ein Schicksal, nicht nur Land, sondern sogr Volks­fa­milie zu verlieren…

    Ungarn gehört wieder zuein­ander geführt.

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