Inter­view mit Massimo Magliaro
(Movi­mento Sociale Italiano)

Massimo Magliaro · Foto: Lionel Baland / TV Libertés

Von Lionel Baland *

Massimo Magliaro war ein führendes Mitglied der italie­ni­schen natio­na­lis­ti­schen Partei MSI (Italie­ni­sche Sozi­al­be­we­gung) und stand dem ehema­ligen Führer dieser poli­ti­schen Forma­tion, Giorgio Almi­rante, sehr nahe. Nach dessen Tod im Mai 1988 wurde Massimo Magliaro Jour­na­list beim italie­ni­schen Rund­funk, dann Direktor der RAI Inter­na­tional und schließ­lich Präsi­dent der RAI Corpo­ra­tion, der ameri­ka­ni­schen Toch­ter­ge­sell­schaft der RAI. Lionel Baland inter­viewte ihn für die fran­zö­si­sche Internet-Platt­form Euro­Li­bertés.

1/ In der Ausgabe Nr. 11 der Cahiers d’his­toire du natio­na­lisme, die Sie geschrieben haben, erzählen Sie die Geschichte der italie­ni­schen Sozi­al­be­we­gung (MSI) – und Italiens – von 1946 bis 1995. Aus Ihrem Text geht hervor, dass Ihr Land in diesen Jahren sehr starke poli­ti­sche Span­nungen und zahl­reiche Akte physi­scher Gewalt, einschließ­lich blutiger Angriffe, erlebt hat. Wie erklären Sie diese Situa­tion? Waren die Geheim­dienste der Verei­nigten Staaten oder die italie­ni­schen Geheim­dienste hinter­rücks an solchen Hand­lungen betei­ligt? Wenn ja, zu welchem Zweck?

Mein Land lag an der Grenze zwischen Ost und West. Besser noch, zwischen einer bestimmten Vorstel­lung vom Westen und einer bestimmten Vorstel­lung vom Osten. Der Westen reprä­sen­tierte die Frei­heit, sich auszu­drü­cken, sich zu orga­ni­sieren, Politik zu machen, Geld zu verdienen und Wohl­stand zu erwerben; der Osten war die härteste und grau­samste Diktatur der Geschichte, der Gulag, die Berliner Mauer, der Eiserne Vorhang, Millionen von Toten, Hungersnot, Poli­zei­kon­trollen überall, poli­ti­sche Frei­heit und Meinungs­frei­heit nicht exis­tent. All dies geschah nicht nur in Russ­land, sondern in allen Ländern des Warschauer Paktes. An der italie­ni­schen Ostgrenze lag Titos Jugo­sla­wien, das, bevor es (mit Nasser und Nehru) ein Dritte-Welt-Regime wurde, ein stolzer Soldat Stalins und des Heimat­landes des Welt­kom­mu­nismus, der UdSSR, war.

Die Kommu­nis­ti­sche Partei Italiens, die die größte kommu­nis­ti­sche Partei auf dieser Seite war, war reich (mit sowje­ti­scher Hilfe) und bewaffnet (mit den Waffen­la­gern der Wider­stands­be­we­gung, die von Luigi Longo und Pietro Secchia, den mili­tä­ri­schen Führern der Roten Parti­sanen, befeh­ligt wurden – in Wahr­heit waren die meisten von ihnen Parti­sanen). All dies führte dazu, dass Italien unwei­ger­lich zum Schau­platz einer stän­digen natio­nalen und inter­na­tio­nalen Konfron­ta­tion wurde. Gewalt und Terro­rismus waren die Folge dieser ange­spannten Situa­tion.

2/ Hatte der Qualun­quismus (die „Jedermann“-Front), der sich in Italien am Ende des Zweiten Welt­kriegs entwi­ckelte, einen Einfluss auf MSI ?

Es war ein sehr rela­tiver und vor allem sehr kurzer Einfluss. Diese Bewe­gung, die von einem Thea­ter­autor, Guglielmo Gian­nini, ange­führt wurde, lebte nur so kurze Zeit, dass… die natio­nale Befrie­dung, das Ende der Säube­rung gegen die Faschisten, die Kritik an der sehr jungen Parti­to­kratie stra­te­gi­sche Argu­mente von MSI waren, die sehr schnell den qualun­quis­ti­schen Wähler­pool leerten. Unter den ersten Führungs­per­sön­lich­keiten von MSI waren nicht mehr als fünf oder sechs Personen, die vor der Grün­dung der Partei am Qualun­quismus fest­ge­halten hatten.

3/ Die Entfüh­rung und Ermor­dung des Christ­de­mo­kraten Aldo Moro, eines Anhän­gers des „histo­ri­schen Kompro­misses“ zwischen den Christ­de­mo­kraten und den Kommu­nisten, durch die Roten Brigaden im Jahr 1978 erregte die Aufmerk­sam­keit der euro­päi­schen Öffent­lich­keit. Glauben Sie, dass die Verei­nigten Staaten und Italien sich dafür einge­setzt haben, dass Moro nicht frei­ge­lassen und damit von ihm befreit wurde? Was war der Sinn dieses Kompro­misses mit den Kommu­nisten für die Christ­de­mo­kraten?

Italien ist ein Land voller poli­ti­scher Myste­rien: Ustica, das Massaker im Bahnhof von Bologna (Ange­klagter: die radi­kale Rechte; schuldig: die Paläs­ti­nen­ser­gruppe von Habbasch), der Tod von Sindona, der Angriff auf Falcone und danach auf Borsel­lino, das Wesen der Roten Brigaden (gebildet von wem? finan­ziert von wem? gedeckt von wem? in wessen Dienst?), das Massaker auf der Piazza Fontana, die ganze Stra­tegie der Span­nung usw. Moros Ermor­dung ist (oder war) viel­leicht das größte dieser Rätsel. Geheim­nis­voll wie die Roten Brigaden. Rätsel wie die Verfol­gung von Craxi, der als einziger mit linken Terro­risten verhan­deln wollte, um Moro gegen den Willen der Mehr­heit der Christ­de­mo­kratie zu befreien. Ein Myste­rium, wie z.B. die nach wie vor bestehende Klas­si­fi­zie­rung bestimmter Doku­mente, die sich auf diese Geschichte beziehen. Ja, die USA mochten Moro nicht. Sie mochten Andreotti. Und das Inter­esse der Christ­de­mo­kraten war es, um jeden Preis zu über­leben, auch mit den Kommu­nisten, mit denen die Christ­de­mo­kraten nie ein Feind waren. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Christ­de­mo­kratie im Wider­stand zu den Roten stand und dass inner­halb der Christ­de­mo­kratie die Macht seit Kriegs­ende in den Händen des „liberal-progres­siven“ Flügels von Alcide De Gasperi und seiner poli­ti­schen Söhne (gegen die „national-katho­li­sche“ Frak­tion von Luigi Sturzo) lag.

4/ Im Januar 1995 löste sich MSI in Fiuggi selbst auf. Die Natio­nale Allianz (NA) hielt dort dann ihren ersten Kongress ab. Sie schreiben: „In seinem Eröff­nungs­be­richt bekräf­tigt Fini, dass die Thesen des AN-Kongresses, die von einer Gruppe verschie­dener intel­lek­tu­eller Auszüge verfasst wurden, ‚die Inhalte einer liberal-demo­kra­ti­schen poli­ti­schen Forma­tion sind‘ “.

MSI nahm zwischen Mai und Dezember 1994 an der Regie­rung Berlus­coni I teil und erzielze bei der zweiten Runde der Kommu­nal­wahlen Ende 1993 sehr gute Ergeb­nisse, vor allem in Rom (Gian­franco Fini erhielt fast 47%) und Neapel (Ales­sandra Musso­lini gewann über 44%). Warum beschloss damals Fini, MSI und ihre ideo­lo­gi­sche Linie zu liqui­dieren? Wie erklären Sie sich das Schei­tern dieser Stra­tegie? Hätte das MSI-Programm in dieser Ära nach dem Kalten Krieg nicht aufrecht­erhalten werden? Oder hat die Bewe­gung nicht mehr in die Zeit gepasst?

Das Innen­leben von MSI war stets gespalten in die Debatte zwischen denen, die für den Eintritt in das System der Parti­tok­tratie (Partei­en­herr­schaft) um jeden Preis waren, und denen, die Nein zu dieser unna­tür­li­chen Heirat sagten, wobei sie sich daran erin­nerten, dass der ideale, kultu­relle, doktri­näre, poli­ti­sche und mensch­liche Ursprung von MSI darin bestand, die Parti­to­kratie heraus­zu­for­dern. Als Gian­franco Fini den Platz von Giorgio Almi­rante einnahm, war er von der ersten Gruppe umgeben, der Gruppe, die man als zentris­tisch bezeichnen kann. Von hier aus wurden sofort die Wurzeln gekappt, von denen ich gespro­chen habe. Dann kam der Ansatz, den wir kennen. Der Preis für den Eintritt in die goldenen Hallen der Macht mit den Privi­le­gien der Macht (Fern­sehen, Geld, Klientel, Zeitungen, Reisen, Botschaften, Groß­un­ter­nehmen usw.) wurde in wenigen Wochen bezahlt. Und dann kam die Kata­strophe: Der Einzug in die Halle der Macht (ein Einzug, der, wie wir uns erin­nern, nicht kurz war) hinter­ließ keine Spur von der Rechten. Keine Spur. Was bedeu­tete es, an die Macht gelangt zu sein, um das zu tun, was die italie­ni­schen und inter­na­tio­nalen Macht­zen­tren wollten, die ihnen die Tür geöffnet haben?

Giorgia Meloni

5/ Heut­zu­tage haben die beiden patrio­ti­schen Parteien, die Lega und die Fratelli d’Italia, den Wind in den Segeln. Ihnen werden in den Umfragen zusammen mehr als 40% gegeben. Tragen die Fratelli d’Italia, ange­führt von der schönen Giorgia Meloni, das poli­ti­sche Erbe von MSI? Wurden Rahmen und Struk­turen von MSI wieder­her­ge­stellt? Haben sich die Lega und ihr Führer Matteo Salvini seit dem poli­ti­schen Kurs­wechsel der ideo­lo­gi­schen Linie von MSI ange­nä­hert? Gibt es inner­halb der Struk­turen der Lega oder in ihrer Nähe Erben von MSI?

Nein. Ich möchte ehrlich sein. Die Lega hat nichts mit MSI gemeinsam. Sie entstammt einer Geschichte der Sezes­sion (Nord­ita­lien gegen den Rest Italiens), die nun beendet ist, weil diese Idee zusam­men­ge­bro­chen ist. Und genau aus diesem Grund hat sich die Lega Salvinis näher an natio­nale Themen heran­ge­wagt. Aber das ist nur taktisch, nichts mehr.

Was die Fratelli d’Italia betrifft, so ist der Diskurs anders. Sie sind die Erben von MSI und AN. Sie haben diese Wähler­schaft erworben und erwei­tert. Gut. Die Krisen der italie­ni­schen Politik, der herr­schenden Klasse und der Regie­rung sind nicht episo­den­haft. Es sind struk­tu­relle Krisen. Sie sind die Folge der Krise des Systems. Und dann muss eine Rechte wie die der Fratelli d’Italia diesen Kampf für die Alter­na­tive zum System führen, als die Nummer eins in ihrem Leben, in ihrem Kampf und in ihrer Präsenz an der Macht, wenn die Macht in Zukunft in ihre Hände fällt. Ich hoffe, dass all dies geschehen wird.

6/ Ist die Fünf-Sterne-Bewe­gung (M5S), deren Aushän­ge­schild Beppe Grillo ist und deren Anführer zwischen 2017 und 2020 Luigi Di Maio war, der seinen eigenen Vater einst als örtli­chen MSI-Führer ansah, von MSI beein­flusst worden?

Luigi Di Maio kann man vergessen. Er war als Steward im Fußball­sta­dion von Neapel tätig. Grillo ist ein Ex-Schau­spieler, der vor Jahren Erfolg hatte. Das ist alles, was er ist. Sie gehören zur heutigen italie­ni­schen Maske­rade. Morgen werden wir sagen: Die Italiener wurden einst, einmal in ihrer Geschichte, von einem solchen Di Maio regiert. Di Maio. Wer? Wer war das?

 

Dieses Inter­view erschien zuerst in fran­zö­si­scher Sprache bei Euro­Li­bertés.

 


 

*) Lionel Baland

ist ein fran­zö­sisch­spra­chiger belgi­scher Schrift­steller und Jour­na­list (lionelbaland.hautetfort.com). Er spricht zudem Flämisch, Deutsch und Englisch und hat in den französisch‑, flämisch- und deutsch­spra­chigen Teilen Belgiens sowie in den Nieder­landen gear­beitet und in Deutsch­land gelebt. Er ist Autor von vier Büchern:

  • Léon Degrelle et la presse rexiste, Déterna, Paris, 2009
  • Jörg Haider, le phénix. Histoire de la famille poli­tique libé­rale et natio­nale en Autriche, Éditions des Cimes, Paris, 2012
  • Xavier de Grunne. De Rex à la Résis­tance, Gode­froy de Bouillon, Paris, 2017
  • Pierre Nothomb, collec­tion Qui suis-je ?, Pardès, Paris, 2019

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