„Isla­mi­scher Staat“ hält nicht-musli­mi­sche Sklaven in der Türkei

Yezidische Kinder, ehemalige Gefangene des Islamischen Staates, in Syriens östlicher Provinz Deir ez-Zor am 6. März 2019

Kämpfer des Isla­mi­schen Staats in Syrien und im Irak haben sich mit ihren Gefan­genen in die Türkei zurückgezogen

An den Toren der Stadt eine impo­sante Tafel mit dem Bildnis Atatürks. Weiter hinten gehen Frauen mit dem Niqab und mit Hand­schuhen durch die Straßen. Wir sind in Kırşehir, zwei Stunden Fahrt von der türki­schen Haupt­stadt entfernt. Hier wurden im Winter 2017 Amir und Amira Hussein gefunden, zwei jesi­di­sche Kinder, die während der Entfüh­rung von 6.000 Frauen und Kindern dieser reli­giösen Minder­heit durch den „Isla­mi­schen Staat“ (IS) im August 2014 im Nord­westen des Iraks entführt wurden.

Nach Angaben des unab­hän­gigen Mediums Gazete Duvar haben die Entführer der beiden Kinder versucht, sie bei den türki­schen Behörden als ihre eigenen Nach­kommen zu regis­trieren. Die türki­schen Behörden erkannten jedoch, dass es sich um entführte Kinder handelte und brachten Amir und Amira im Kırşehir-Waisen­haus unter, bevor sie das iraki­sche Konsulat infor­mierten. Ihre ältere Schwester, Hadiya Hussein, kämpfte dann einen drei­jäh­rigen Rechts­streit, um sie in den Irak zurück­zu­bringen. Da die Kinder nur unter die Vormund­schaft ihrer vermissten Eltern gestellt werden konnten, wurden sie im Herbst 2020 von Ankara direkt an die kurdi­sche Regio­nal­re­gie­rung (KRG) übergeben.

Meis­tens verhan­deln die Schmuggler über die Frei­las­sung der Gefangenen

Dies ist ein glück­li­ches Ende einer Episode, die jedoch die Anwe­sen­heit jesi­di­scher Geiseln und ihrer Entführer in der Türkei offen­bart. Im vergan­genen Februar nahm die türki­sche Polizei ein jesi­di­sches Mädchen aus den Händen eines iraki­schen Staats­an­ge­hö­rigen, der für den IS gekämpft hatte, bevor er sich in den nörd­li­chen Vororten von Ankara nieder­ließ. Der Mann hatte versucht, sie auf einer Skla­ven­auk­tions-Website loszuwerden.

Während die türki­schen regie­rungs­freund­li­chen Medien die Rolle der Behörden bei der Rettung des jesi­di­schen Mädchens im vergan­genen Februar betonen und dass mindes­tens drei weitere Geiseln auf diese Weise befreit wurden, behauptet eine Quelle, die an klan­des­tinen Rettungs­ak­tionen betei­ligt war, dass sie infor­mell an der Befreiung von mehreren hundert Jesiden im Land betei­ligt gewesen sei. In den meisten Fällen verhan­deln Schmuggler die Frei­las­sung von Gefan­genen im Austausch gegen ein Löse­geld, das an die Entführer gezahlt wird. In einigen Fällen werden, sobald der Aufent­haltsort der Geiseln fest­steht, Razzien durch­ge­führt, um die Geiseln gewaltsam zu bergen und sie zu ihren Fami­lien im Irak zurückzubringen.

Abdallah Shrem, 46, ist einer dieser „rettenden“ jesi­di­schen Schmuggler. Dieser ehema­lige iraki­sche Imker behauptet, bei der Rettung von 399 jesi­di­schen Geiseln geholfen zu haben, von denen die über­wie­gende Mehr­heit in Syrien und sechs in der Türkei waren. Abdallah schätzt, dass heute noch zwischen 400 und 450 Yeziden von ehema­ligen IS-Kämp­fern fest­ge­halten werden, die sich in der Türkei nieder­ge­lassen haben. „Nachdem der IS geschwächt war, gingen viele seiner Kämpfer mit ihren Fami­lien in die Türkei, um in Sicher­heit zu sein“, sagt er. Von den Geiseln, die Abdallah in der Türkei gerettet hat, waren die meisten in Istanbul. Andere waren in Ankara oder Kırşehir. Alle waren in den Händen von iraki­schen Turkmenen.

Das Jahr 2016 war ein Wende­punkt, denn mit dem Angriff auf den türki­schen Staat über­schritt der IS eine rote Linie

„Er lieferte auch einige aus den Händen von Kämp­fern der Syri­schen Natio­nal­armee (SNA), einer dispa­raten Forma­tion aus ehema­ligen Kräften der Freien Syri­schen Armee (FSA) und dschi­ha­dis­ti­schen Milizen, die nun von der Türkei kontrol­liert wird. Einige IS-Mitglieder haben sich den Reihen der SLA ange­schlossen und halten ihre jesi­di­schen Geiseln fest“, sagt Abdallah. „Und wenn die Gefan­genen in den Händen der SLA sind, ist es schwie­riger, über ihre Frei­las­sung zu verhan­deln, weil sie von der Türkei unter­stützt wird.“ Diese von der SLA rekru­tierten Ex-IS-Kämpfer befinden sich Berichten zufolge sowohl in Nord­sy­rien als auch in der Türkei. „Ich habe ein Kind aus den Händen eines Irakers befreit, der für den IS gekämpft hatte, bevor er sich den Reihen der NSA anschloss“, erzählt der Schmuggler.

Heute lebt er in Ankara und arbeitet für eine türki­sche Sicher­heits­firma. Azad Baris, ein Akti­vist der jesi­di­schen Diaspora in Deutsch­land, leitet auch Aktionen zur Rettung gefan­gener Jesiden in der Türkei. „Kürz­lich“, sagt er, „kontak­tierte mich ein Lehrer in einer Stadt am Schwarzen Meer und sagte, in einer seiner Klassen sei ein jesi­di­sches Mädchen. Dann ist das Mädchen plötz­lich verschwunden.“ Wie Abdullah Shrem und andere Mitglieder der jesi­di­schen Gemein­schaft sagt Azad Baris, dass er die türki­schen Behörden wieder­holt um Hilfe gebeten hat. Vergeb­lich, sagen sie.

Es ist allge­mein bekannt, dass die türki­schen Grenz­schützer zumin­dest bis 2015 Rekruten der Terror­gruppe IS unge­straft an die syri­sche Front ließen. Doch während viele Mitglieder der EI ihren Weg in die Türkei gefunden haben, insbe­son­dere nach den mili­tä­ri­schen Deba­keln der Orga­ni­sa­tion im Jahr 2017 und dem Fall des „Kali­fats“ im März 2019, soll die Unklar­heit besei­tigt worden sein, seit der IS direkt türki­sche Staats­ziele ange­griffen hat. Wie im Mai 2016, als ein türki­sches Mitglied des IS einen Auto­bom­ben­an­schlag vor einer Poli­zei­sta­tion in der Stadt Gazi­antep verübte.

„Das Jahr 2016 markiert einen Wende­punkt, weil der IS mit dem Angriff auf den türki­schen Staat eine rote Linie über­schritten hat“, argu­men­tiert Berkay Mandiraci, Forscher bei der Inter­na­tional Crisis Group (ICG) und Mitautor eines Berichts über türki­sche IS-Rück­kehrer. Das war der Zeit­punkt, an dem Ankara begann, den IS als eine echte Heraus­for­de­rung zu sehen.“ Für Onur Güler, einen Anwalt, der mehr als 70 mutmaß­liche Dschi­ha­disten, darunter vier fran­zö­si­sche Staats­an­ge­hö­rige, vertei­digt hat, haben die vom IS verübten Anschläge am Istan­buler Flug­hafen im Juli 2016 und im Nacht­club Reina am 1. Januar 2017 diesen Wandel in Ankaras Haltung gegen­über dem IS noch verstärkt.

Die türki­schen Behörden haben mir geholfen, aber was wird mit den Schul­digen passieren? Ich möchte sie vor Gericht sehen

„Heute ist die Anti-Terror-Politik gegen den IS sehr hart“, sagt er. „Das betrifft sowohl türki­sche als auch auslän­di­sche Zellen.“ Nach Angaben der Nach­rich­ten­agentur Anadolu haben die türki­schen Behörden im Jahr 2020 2.343 Mitglieder fest­ge­nommen, die verdäch­tigt werden, dem IS anzu­ge­hören. Diese Zahl steigt seit Anfang 2021 auf mehr als 1.200 Verdäch­tige, davon 307 im Monat Juni.

Für den Anwalt ist jedoch klar, dass Mitglieder des IS von den türki­schen Behörden milder behan­delt werden als andere als terro­ris­tisch einge­stufte Gruppen wie die PKK oder die nebu­losen Gülen-Anhänger. Zumin­dest vor Gericht. In der Praxis nimmt die Justiz IS-Mitglieder auf eine ‚isla­mi­schere‘ Art und Weise und daher mit mehr Nach­sicht wahr“, argu­men­tiert er. Die Justiz neigt zu der Ansicht, dass die Rekruten des IS von spiri­tu­ellen Motiven ange­trieben werden. Solange der Türkei also kein Schaden zuge­fügt wurde, hat der Staat mehr Mitge­fühl mit ihnen.“

Eine Nach­sicht, die, so der Anwalt, für „die Mehr­heit“ der IS-Ausländer aus Syrien gelten würde. „Unter den fran­zö­si­schen Ange­klagten, die ich vertei­digt habe, war zum Beispiel einer, der Präsi­dent Erdogan sehr mochte. Was die Iraker betrifft, so sehen sie die Türkei als ein Para­dies. Dies spielt bei den Beur­tei­lungen eine Rolle.

So halten mehrere unserer jesi­di­schen Gesprächs­partner die Zusage Ankaras, die Geiseln auf seinem Boden zu befreien, für „weit­ge­hend unzu­rei­chend“. Bis heute ist, abge­sehen von dem Verdäch­tigen, der mit der Rettungs­ak­tion im Februar in Verbin­dung gebracht wird, kein Entführer straf­recht­lich verfolgt worden. Zum großen Unmut von Hadiya Hussein, der Schwester der beiden in Kirsehir gefun­denen Kinder: „Die türki­schen Behörden haben mir geholfen, aber was wird mit den Tätern passieren? Ich will sie vor Gericht sehen.“

Quelle: JDD


1 Kommentar

  1. Diese Kinder sehen wirk­lich ausge­mer­gelt und hilfs­be­dürftig aus – im Gegen­satz zu den dick und rund gefres­senen und ausse­henden mit allem bestens ausge­stat­teten möslö­mi­schen hier einge­schloisten Mügrünten, die eher an roiche Urlauber als an arme „Flöcht­lönge“ erin­nern – m. E..

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