Jaime Nogueira Pinto: „Es ist eine absurde Idee zu glauben, dass der Markt Demo­kratie bringt“

Jaime Nogueira Pinto · Bidquelle: Wikipedia (cc)

Von Álvaro Peñas
 

Jaime Nogueira Pinto hat einen Abschluss in Rechts­wis­sen­schaften von der Univer­sidade Clás­sica de Lisboa und einen Doktor­titel in Poli­tik­wis­sen­schaften vom Insti­tuto Supe­rior de Ciên­cias Sociais e Polí­ticas der Univer­sidade Técnica de Lisboa. Er lehrte Poli­tik­wis­sen­schaft und inter­na­tio­nale Bezie­hungen am Insti­tuto Supe­rior de Ciên­cias Sociais e Polícas, der Univer­sidade Cató­lica, der Univer­sidade Lusíada und der Univer­sidade Autó­noma. Er ist Mitglied der Heri­tage Foun­da­tion (Washington DC), des Insti­tute of Poli­tical Studies (Bendern, Liech­ten­stein), des Circle (London) und Mitglied der Real Academia de Cien­cias Morales y Polí­ticas (Madrid).

Jaime Nogueira Pinto war eine führende Persön­lich­keit der poli­ti­schen und kultu­rellen Rechten Portu­gals, Gründer der Zeit­schriften „Polí­tica e Futuro Presente“, Heraus­geber der Zeitung „O Século“ und Verwalter von „Bert­rand“. Er schreibt regel­mäßig Beiträge für die Presse und verschie­dene audio­vi­su­elle Medien und ist Autor von Büchern über zeit­ge­nös­si­sche portu­gie­si­sche Geschichte, Poli­tik­wis­sen­schaft und inter­na­tio­nale Bezie­hungen. Sein neuestes Buch, „Hege­monie – 7 Duelle um die Welt­macht“, veröf­fent­licht von Edito­rial Crítica (Grupo Planeta), ist soeben erschienen.

Álvaro Peñas: Sie stellen diese Woche Ihr neues Buch „Hege­monie“ vor.

Jaime Nogueira Pinto: Ja, am Dienstag, den 19. Oktober im Corte Inglés in Lissabon. Ich werde von zwei Experten für chine­si­sche Inves­ti­tionen in Portugal begleitet, denn im letzten Teil des Buches geht es um den sich abzeich­nenden Konflikt zwischen den Verei­nigten Staaten und China. Die Verei­nigten Staaten als domi­nie­rende Macht und China als aufstre­bende Macht.

Álvaro Peñas: Der kommende Konflikt…

Jaime Nogueira Pinto: Graham Allison schrieb in „Die Thuky­d­ides-Falle“, dass immer dann, wenn eine domi­nante Macht auftritt und eine aufstre­bende Macht auftaucht, der Zusam­men­stoß, der Krieg, prak­tisch unver­meid­lich ist. In Alli­sons Buch ist es merk­würdig, dass eines der von ihm ange­führten Beispiele für vermie­dene Kriege der Fall Spaniens und Portu­gals am Ende des 15. Mit dem Vertrag von Tordes­illas wurde eine vorhe­rige Auftei­lung der Erobe­rungen und der Schiff­fahrts­wege vorge­nommen und so eine Konfron­ta­tion vermieden, die die Expan­sion beider Länder begüns­tigte. Das ist inter­es­sant, aber sie spra­chen über Dinge, die erst noch kommen sollten. Es ist immer einfa­cher, Dinge früher zu regeln, als wenn sie bereits bestehen.

Das ist nicht mein Ansatz, obwohl er auch bei Thuky­d­ides zu finden ist. Thuky­d­ides spricht von den Trieb­kräften des mensch­li­chen Handelns: Furcht, Ehre und Gier. Angst ist eine Trieb­feder, Menschen und Poli­tiker haben Angst. Die Furcht Spartas vor der aufstre­benden Macht Athens war der Auslöser für den Pelo­pon­ne­si­schen Krieg. Ehre, das Streben nach Ruhm, das wir in den Kriegen großer Eroberer wie Alex­ander, Cäsar, Napo­leon und sogar Hitler beob­achten können. Und schließ­lich die Gier, die von den großen wirt­schaft­li­chen Inter­essen vertreten wird, eine ratio­na­lere Art, einen Konflikt zu erklären. Ich habe versucht zu erklären, wie diese drei Elemente sieben große Konflikte beein­flusst haben, die ich als Duelle bezeichnet habe: den Pelo­pon­ne­si­schen Krieg, die Puni­schen Kriege, die Kriege Karls V. gegen die Fran­zosen, die Protes­tanten und die Türken, die fran­zö­sisch-engli­schen Kriege im 18. Jahr­hun­dert, die deut­schen Kriege, den Kalten Krieg und nun diesen Konflikt, der jetzt beginnt.

Bei Konflikten gibt es immer eine Mischung aus mehreren Faktoren, und das ist das Thema meines Buches. Was gibt es an wirt­schaft­li­cher Ratio­na­lität, was gibt es an Ehre oder Ruhmesstreben und was gibt es an Angst in den Führern und in den Menschen. Alle Ideo­lo­gien, die versu­chen, die trei­benden Kräfte des mensch­li­chen Handelns auf einen einzigen Grund zu redu­zieren, sind sehr gefähr­lich. Der Marxismus zum Beispiel mit seiner Redu­zie­rung auf die ökono­mi­sche Frage und die Klas­sen­spal­tung. Natür­lich gibt es Klassen und soziale Konflikte, das ist für das Studium der Geschichte sehr wichtig, aber es ist nicht die einzige Erklä­rung. Wir dürfen nicht in diese Falle tappen.

Álvaro Peñas: Was wird Ihrer Meinung nach in diesem zukünf­tigen Konflikt zwischen den Verei­nigten Staaten und China mit Europa passieren?

Jaime Nogueira Pinto: Europa, die EU, wollte schon immer das Beste von beiden Seiten haben: Geschäfte mit China und mili­tä­ri­schen Schutz vor den USA. Dies wird nicht möglich sein, und die USA werden die EU um eine Entschei­dung bitten. Der natür­liche Pfeiler der euro­päi­schen Vertei­di­gung war Russ­land, ein christ­lich-ortho­doxes Land, das jedoch aus ideo­lo­gi­schen Gründen abge­lehnt wurde. Außerdem ist es Russ­land gelungen, mit einer Wirt­schaft, die an 17. oder 18. Stelle in der Welt steht, dank mili­tä­ri­scher und ener­gie­po­li­ti­scher Faktoren zu einer Groß­macht zu werden. Und, was sehr wichtig ist, es ist ein Land, das seine Verbün­deten rettet. Putin hat Al-Assad in Syrien gerettet, er war sein Verbün­deter und hat ihn in der schlimmsten Zeit unter­stützt. Die Gering­schät­zung Europas und Bidens gegen­über Russ­land ist ein schwerer geopo­li­ti­scher Fehler.

Álvaro Peñas: Aber Russ­land hat sich an China gewandt.

Jaime Nogueira Pinto: Ja, aber histo­risch gesehen gab es nicht viele Gründe. Sie sind Nach­barn, haben völlig unter­schied­liche Kulturen und sind in der Vergan­gen­heit auch mili­tä­risch anein­an­der­ge­raten. Während des Kalten Krieges unter­stützten die Chinesen die USA bei der Isolie­rung der Sowjet­union. Es gab also keine Grund­lage für eine gute Verstän­di­gung, aber diese ganze poli­tisch korrekte Ideo­logie trieb Russ­land in die Arme Chinas.
Eine sehr schöne Ideo­logie, aber dann ist es ihnen egal, wenn die Taliban, die die Menschen­rechte, die Frauen und die Homo­se­xu­ellen nicht beson­ders achten, Afgha­ni­stan über­nehmen. Es gibt jetzt eine Art Kampagne, um die „guten Taliban“ zu zeigen und zu behaupten, dass sie sich sehr verän­dert haben, aber es ist klar, dass sie sich über­haupt nicht verän­dert haben. Es ist eine Schande für unsere Welt, diese manichäi­sche Rhetorik von „wir sind die Guten, wir sind die Reinen, wir sind die Vertei­diger der Menschen­rechte“. Und jetzt geht es nicht nur um Menschen­rechte, sondern auch um die Rechte von Tieren, und bald werden wir auch die Rechte von Pflanzen und Steinen haben. Das Schlimmste ist, dass die poli­ti­schen Entschei­dungen mit diesem Wahn­sinn im Hinter­kopf getroffen werden.

Álvaro Peñas: Eine Figur, die sich all dem wider­setzt und poli­tisch immer mehr an Bedeu­tung gewinnt, ist der unga­ri­sche Premier­mi­nister Viktor Orbán.

Jaime Nogueira Pinto: Ja, ich habe ihn in Porto für die Wochen­zeit­schrift „Expresso“ inter­viewt. Ich habe ihn vor einigen Jahren kennen­ge­lernt, und er ist eine Figur, die den Wider­stand gegen all das in den Mittel­punkt stellt, indem er volks­nahe, natio­nale, konser­va­tive und reli­giöse Werte und wirt­schaft­liche Frei­heit gut mitein­ander verbindet. Ich denke, er macht seine Sache gut, und er befasst sich mit dem Aspekt des Kultur­kampfes, den ein großer Teil des rechten Flügels immer wieder verachtet.

Orbán packt die großen Themen an, wie den demo­gra­fi­schen Nieder­gang Europas, den er mit Maßnahmen zur Förde­rung der Gebur­ten­rate bekämpft. Und vor allem hat er eine Eigen­schaft, er hat keine Angst, Dinge zu sagen, schwarz ist schwarz und weiß ist weiß. Das macht den Unter­schied und versetzt ihn in eine stra­te­gisch und ideo­lo­gisch rich­tige Posi­tion. Bei den aufstre­benden natio­nalen oder rechts­ge­rich­teten Kräften gibt es zwei Arten von Fami­lien: eine eher popu­lis­ti­sche, die durch den wirt­schaft­li­chen Nieder­gang Europas, die Verla­ge­rung von Indus­trien und die wirt­schaft­li­chen Verluste der Mittel- und Arbei­ter­klasse aufgrund der Globa­li­sie­rung sehr erregt ist, und eine tradi­tio­nel­lere, die mehr an christ­li­chen Fami­li­en­werten fest­hält und eher konser­vativ ist. Orbán bildet ein gutes geome­tri­sches Zentrum für die beiden Strö­mungen, für das, was man die natio­nale Rechte Europas und der west­li­chen Welt nennen könnte.

Álvaro Peñas: Was halten Sie von Chega?

Jaime Nogueira Pinto: Ich bin nicht von der Chega, aber ich denke, dass sie eine gute ausglei­chende Rolle auf der rechten Seite in einem poli­ti­schen System spielen, das sehr links ausge­richtet ist. Deshalb halte ich ihre Arbeit für positiv. Das große Problem in Portugal ist, dass mit der Revo­lu­tion das poli­ti­sche System und vor allem die poli­ti­schen Werte nach links gedriftet sind. In den Jahren ‚74 und ‚75 wurden die Versuche, rechte Parteien zu gründen, manu mili­tari liqui­diert. Parteien wie die Fort­schritts­partei, die der akade­mi­schen Rechten entstammte, wurden verboten und ihre Führer landeten im Gefängnis oder im Exil. Und alle Rechts­ex­tre­misten wurden, wie in meinem Fall, zu Präven­tiv­haft verur­teilt oder mussten das Land für mehrere Jahre verlassen. Der im System zuge­las­sene rechte Flügel war die Rechte der Linken. Dies ist ein sehr wich­tiger Begriff, um das poli­ti­sche System Portu­gals zu verstehen. Ein System, das Chega durch­bro­chen hat und das sein Verdienst ist.

Álvaro Peñas: In Spanien war es dasselbe, bis VOX auftauchte.

Jaime Nogueira Pinto: Natür­lich war es das. Und da in Spanien die natio­nale Einheit in Frage steht, haben sich die Menschen viel schneller mobi­li­siert. In anderen Ländern war es eine Frage der natio­nalen Iden­tität mit Einwan­de­rungs­pro­blemen. In Portugal haben wir nichts von alledem. Was wir haben, ist immer noch das Ergebnis einer linken Revo­lu­tion, die jede intel­lek­tu­elle oder werte­ba­sierte Antwort zunichte gemacht hat.

Álvaro Peñas: Es ist klar geworden, dass Fuku­yama sich geirrt hat, aber das ist nicht das Ende der Geschichte.

Jaime Nogueira Pinto: Ich habe Fuku­yama mehr­mals auf Konfe­renzen getroffen und er war sogar hier in Portugal, und selbst dann habe ich mit ihm darüber disku­tiert, dass die Geschichte nicht zu Ende ist. Ich glaube, es war ein Kommentar zu Hegel. Man muss mit diesen deut­schen Philo­so­phen vorsichtig sein, denn sie sind sehr verfüh­re­risch, sie regen sich über den Lauf der Geschichte auf und ziehen los wie Don Quijote gegen die Wind­mühlen, aber man muss den Konsens von Sancho haben, den gesunden Menschen­ver­stand. Fuku­yama war am Ende des Kalten Krieges über­zeugt, er war begeis­tert von den Märkten, weil jeder eine Menge Geld verdienen würde und die Theorie leicht zu verstehen war. Und die Menschen mögen es, wenn ihnen jemand den Schlüssel zum Verständnis der Welt gibt. „Sehen Sie, die Welt funk­tio­niert jetzt, weil alles Demo­kratie und Markt sein wird“, oder wenn man Ihnen sagt, dass etwas aus irgend­wel­chen ideo­lo­gi­schen Gründen oder Verschwö­rungs­theo­rien nicht funk­tio­niert. Wie lautete die Diagnose im Fall von China? Es fängt an, reiche Männer und eine Mittel­schicht zu haben, also wird es eine Demo­kratie sein. Dies wurde gesagt, weil sie nicht einmal sahen, dass es eine Reihe von auto­kra­ti­schen und sogar auto­ri­tären Regimen gibt, in denen es eine Markt­wirt­schaft und eine einzige Partei gab. Es ist eine absurde Vorstel­lung zu glauben, dass der Markt Demo­kratie bringt.

Álvaro Peñas: Das erin­nert uns an den Marxismus.

Jaime Nogueira Pinto: Natür­lich. Der ameri­ka­ni­sche Kapi­ta­lismus und seine Werte sind eine Paral­lel­form des ziel­stre­bigen Marxismus. Die Menta­lität der großen Millio­näre ist der der Marxisten sehr ähnlich: eine globa­lis­ti­sche Herr­schaft mit ein oder zwei wesent­li­chen Regeln und einer völligen Miss­ach­tung der natio­nalen und fami­liären Iden­tität sowie der reli­giösen Werte. Nichts inter­es­siert sie, der Markt wird alles lösen und liquidieren.

Álvaro Peñas: Aus diesem Grund über­nimmt der Globa­lismus alle Thesen der modernen Linken.

Jaime Nogueira Pinto: Ja, es gibt eine objek­tive Allianz. Außerdem war Marx ein großer Bewun­derer und Enthu­siast der zerstö­re­ri­schen Kraft des Kapi­ta­lismus, und er sagte, dass der Kapi­ta­lismus sich selbst zerstören würde. In diesem Sinne denke ich, dass dieje­nigen von uns, die glauben, dass die Welt mit Natio­nal­staaten, mit vom Staat unab­hän­gigen Fami­lien, mit reli­giösen Werten, mit der Frei­heit, auch Dumm­heiten zu sagen, ein besserer und freierer Ort ist, dafür kämpfen müssen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei EL CORREO DE ESPAÑA, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION


1 Kommentar

  1. Etwas scha­erfer formu­liert Hoch­fi­nanz und Marxismus funk­tio­nieren nach aehn­li­chem Prinzip, das des Raeu­bers ist gemeint!
    Also nach eher straf­recht­li­chen Kate­go­rien, also Wegnahme mit Gewalt, Ausplu­en­de­rung im Endergebnis!
    Sonst haette ich Hinzu­fue­gung vorzunehmen!
    Alf v.Eller Hortobagy
    unabh.Politikberater
    und
    Jurist

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