Jenő Szűcs: Drei Europas

Tabula Hungariae · Bildquelle: Wikipedia

Von Yann Caspar
 
In seinem Vorwort zu Jenő Szűcs‘ Les trois Europes (L’Har­mattan, Paris 1985) schätzt der fran­zö­si­sche Histo­riker Fernand Braudel das Werk seines unga­ri­schen Kollegen sehr hoch ein: „Wir begrüßen mit Dank­bar­keit […] Jenő Szűcs‘ bril­lantes Buch, das einen Umriss, ein origi­nelles Para­digma der Geschichte unseres Konti­nents darstellt: Darin unter­scheiden sich in der Tat der Westen, Mittel­ost­eu­ropa und Osteuropa.“
 
Mit zahl­rei­chen Belegen ausge­stattet, zeigt Szűcs Buch große Gelehr­sam­keit in der Rechts­ge­schichte und Leich­tig­keit im Umgang mit Begriffen, die mit der Geschichte des Feuda­lismus zu tun haben, um die These von der Exis­tenz dreier euro­päi­scher Regionen zu stützen. Die heutige Visegrád-Gruppe entspricht dabei in etwa dem, was er Mittel­ost­eu­ropa nennt, in der Mitte und gefangen zwischen West- und Osteuropa.

Szűcs unter­sucht die Trenn­li­nien dieser drei Europas anhand der Ostgrenze des Karo­lin­ger­rei­ches um das Jahr 800, der durch das Schisma von 1054 entstan­denen Linie und der durch die zweite Leib­ei­gen­schaft um 1500 gezo­genen Linie.

Obwohl Ostmit­tel­eu­ropa inner­halb des Westens geboren wurde und zu ihm gehört, erklärt Szűcs, dass es eine Region in der Defen­sive ist und zwischen zwei Gruppen aufge­rieben wird, die unter­schied­liche Welt­wirt­schaften bilden. Sie kamen durch die großen Expan­sionen in die Moderne zustande: der Westen durch die Anne­xion Amerikas und Osteu­ropa durch die Anne­xion Sibi­riens hin zum Pazifik.

Die Entsen­dung von Legaten nach Qued­lin­burg (973), die Krönung Stephans in Ungarn (1000), die Piasten in Polen und die Přemys­liden in Böhmen machen diese Region zu einem Teil von Europa Occi­dens. Szűcs hört jedoch nicht auf, auf die Beson­der­heiten Ostmit­tel­eu­ropas hinzu­weisen, die es von weiter west­lich gele­genen Regionen unter­scheiden: eine von konzen­tri­schen Kreisen umge­bene Macht, eine Hyper­tro­phie des Adels (und das frühe Auftreten eines kleinen, unkul­ti­vierten, selbst­herr­li­chen Adels), ein Mangel an Frei­heits­kreisen, die die Entwick­lung der städ­ti­schen Wirt­schaft ermög­lichten, und eine fehlende Tren­nung zwischen Gesell­schaft und Staat.

Die Staaten in dieser Region waren zunächst Forma­tionen vom Typus „suite du prince“ (Gefolg­schaft), folgten aber nicht der glei­chen Entwick­lung wie ihre west­li­chen Nach­barn, die feudalen Zerfall und die Rück­kehr der zentralen Macht erlebten. Sie sind gekenn­zeichnet durch eine Blockade der aufstei­genden Gesetz­lich­keit und durch einen früh erstarrten Adel.

„Wenn unga­ri­sche Histo­riker, die tradi­tio­nell ‚etatis­tisch‘ orien­tiert sind, sich darüber freuen, dass die Einheit des mittel­al­ter­li­chen unga­ri­schen Staates nie durch den feudalen Zerfall gebro­chen wurde, vergessen sie, dessen nega­tive Auswir­kungen zu erwähnen“, so der Autor.

Gekenn­zeichnet durch eine „Defor­ma­tion west­li­cher mittel­al­ter­li­cher Formen“, hätte sich dieses Ostmit­tel­eu­ropa dennoch in seiner Beson­der­heit behaupten können, wenn es nicht bald (in Wirk­lich­keit ab der ersten Krise des Feuda­lismus zwischen 1300 und 1450) dazu gekommen wäre, dass es „den Preis für die Rekon­va­les­zenz des Westens zahlen musste.“ Obwohl es Teil des Westens ist, ist Mittel­ost­eu­ropa zugleich dessen Peri­pherie, die dem Zentrum dient, um dessen Krisen aufzufangen.

Es ist fast schon banal zu sagen, dass diese Beob­ach­tung auch heute noch gültig ist. Gibt es in der Tat viele Unter­schiede zwischen der aktu­ellen Lage und den Lösungen, die der Westen in der Krise der städ­ti­schen Wirt­schaft im Mittel­alter (Kapi­tal­transfer) hervor­brachte und später der Politik der Arbeits­tei­lung, die das nach dem West­fä­li­schen Frieden aus West­eu­ropa entfernte Haus Habs­burg im Rahmen seines mittel­eu­ro­päi­schen Reiches umsetzte?

Das Inter­esse dieses Buches liegt jedoch weniger in den wirt­schaft­li­chen Bezie­hungen, die es uns zu verstehen erlaubt, als viel­mehr in der Aktua­lität seiner Über­le­gungen zur Orga­ni­sa­tion der Macht in Mittel- und Osteu­ropa und seinem Verhältnis zum west­li­chen Nachbarn.

Das Ausbleiben des Zerfalls des Feuda­lismus und des Tren­nungs­pro­zesses zwischen Staat und Gesell­schaft in dieser Region erklärt, warum es auch heute noch recht selten ist, sich in diesen Ländern sozial entfalten zu können, ohne in so genannte Herr­schaften inte­griert zu werden. Daher ist das Klein­ge­werbe in dieser Region, insbe­son­dere in Ungarn, nicht sehr aktiv.

Einen unter unga­ri­schen Histo­ri­kern etablierten Ansatz aufgrei­fend, wonach Ungarn nach der Nieder­lage von Mohács (1526) aus einer Reihe von blinden Flecken und schlechten Kompro­missen mit dem Westen bestand, beschwört Szűcs unga­ri­sche Illu­sionen herauf und beklagt, dass den „natio­nalen Eliten“ ständig einge­redet wird, sie seien in Aufruhr, während ihre Agita­tion sehr oft nur ein Symptom ihrer mentalen und poli­ti­schen Abhän­gig­keit vom Westen ist.

Dies trifft den Kern der unga­ri­schen depres­siven Natur, die man als den Konflikt zwischen der Selbst­sug­ges­tion des Rebellen und der Passi­vität des Nil Admi­rari zusam­men­fassen kann, wie ihn der Dichter Mihály Babits schildert.

Als Produkt seiner Geschichte ist auch Jenő Szűcs, – der von sich sagt, er habe István Bibó als seinen Meister‑, in dieser Abhän­gig­keit vom Westen gefangen. Er scheint zu bedauern, dass seine Region nicht in der Lage war, dem west­li­chen Entwick­lungs­mo­dell voll­ständig zu folgen, da sie auch von Elementen der östli­chen Entwick­lung (weit verbrei­tete Leib­ei­gen­schaft, Verstaat­li­chung der Gesell­schaft) beein­flusst wurde.

Obwohl er es nicht so deut­lich sagt – er schreibt in den frühen 1980er Jahren – ist es klar, dass er nicht weit davon entfernt ist, die Entwick­lung im Osten mit dem Gefängnis der Menschen gleich­zu­setzen, als ob alles, was aus dem Westen kam, gut und alles, was aus dem Osten kam, schlecht wäre.

Szűcs beschreibt akri­bisch, wie sehr Mittel­ost­eu­ropa durch eine Verzer­rung der west­li­chen Entwick­lung geprägt wurde. Wenn man sieht, was diese genuin west­liche Entwick­lung erreicht hat, ist man in der Lage, sich über die Ergeb­nisse ihrer Defor­ma­tion in Ostmit­tel­eu­ropa zu wundern. Einige sagen, ein biss­chen schlechter als der Westen, andere sagen, ein biss­chen besser. In jedem Fall ist Jenő Szűcs Arbeit absolut unver­zichtbar, um die Eigen­heiten dieser Region zu erkennen.

Yann Caspar
Der studierte Jurist und Wirt­schafts­wis­sen­schaftler Yann Caspar inter­es­siert sich für poli­ti­sche und wirt­schaft­liche Fragen im post­so­wje­ti­schen Raum. Der Franko-Ungar ist auch Autor zahl­rei­cher lite­ra­ri­scher Kolumnen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der VISEGRÁD POST, unserem Partner bei der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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