Kampf um die Weltherrschaft

Von András Kosztur

Statt des „Endes der Geschichte“ treten wir in eine Periode inten­si­verer geopo­li­ti­scher Kämpfe und eines neuen Kalten Krieges ein.

Die histo­ri­sche Dynamik der Globalisierung

Von einer wirk­lich globalen Welt­ord­nung, oder, nach Carl Schmitt, von einem Nomos der Erde, können wir erst ab dem 16. Jahr­hun­dert spre­chen, aber wir können auch klein­räu­mige „Globalisierungs“-Prozesse und eine Art vorglo­bale Welt­ord­nung in der ferneren Vergan­gen­heit entde­cken. So hatte sich im Nahen Osten bereits im 2. Jahr­tau­send v. Chr. ein eini­ger­maßen globa­li­siertes Milieu entwi­ckelt, in dem Baby­lo­nisch (sozu­sagen das dama­lige Englisch), die lingua franca war und in dem die rechts­ideo­lo­gi­sche Grund­lage der inter­na­tio­nalen Bezie­hungen die „Über­setz­bar­keit der Götter“ (Jan Assmann) bildete. Mit dem Nieder­gang der baby­lo­ni­schen und parallel dazu der ägyp­ti­schen Zivi­li­sa­tion lösten sich die Reiche, die große Teile der Region verei­nigt hatten (Assyrer, Chaldäer, Perser, Make­do­nier, Römer), in diesem Gebiet gegen­seitig ab. Das Baby­lo­ni­sche wurde schließ­lich durch das Grie­chi­sche und Jahr­hun­derte später durch das Arabi­sche verdrängt, aber die Region blieb während der grie­chisch-römi­schen Zivi­li­sa­tion der Antike und der Konfron­ta­tion zwischen Islam und Chris­tentum weit­ge­hend geeint und blieb ein Punkt des Zusam­men­stoßes und der Begeg­nung zwischen verschie­denen Zivilisationen.

Ein weiteres Merkmal der vorglo­balen Welt­ord­nung ist die domi­nante Rolle der eura­si­schen Region – das Kern­land Halford Mack­in­ders. Die endlosen Ebenen im Herzen der Alten Welt waren sowohl ein tren­nendes als auch ein verbin­dendes Medium (die Seiden­straße) für eine Abfolge von sess­haften Zivi­li­sa­tionen, die an ihrer Peri­pherie aufstiegen und fielen, und die Wellen von Nomaden aus den Tiefen der Region waren eine trei­bende Kraft der histo­ri­schen Ereig­nisse. Diese vorglo­bale Welt­ord­nung, zu der nur die Zivi­li­sa­tionen der Alten Welt gehörten, war eine land­ba­sierte, in der sich die Schiff­fahrt weit­ge­hend auf Flüsse und Binnen­meere beschränkte und Teile davon, abge­sehen von der oben erwähnten „Nabe“ des Nahen Ostens, sozu­sagen getrennte Welten waren.

Die Entde­ckungs­reisen west­li­cher Seefahrer an der Wende vom 15. zum 16. Jahr­hun­dert brachten einen radi­kalen Wandel mit sich, der nicht nur Amerika in die Macht­kämpfe in Eura­sien und Afrika einbezog und damit eine euro-atlan­ti­sche statt eura­si­sche Ordnung schuf, sondern auch die „Umrun­dung des Globus“, wobei Francis Drakes Reise die Möglich­keit globaler Kriegs­füh­rung aufzeigte. Zur glei­chen Zeit über­nahm der Moskauer Staat die Kontrolle über das Kern­land und been­dete damit eine histo­ri­sche Serie von Nomadenwellen.

In dieser Zeit begann, nach einem anderen Schmitt’schen Begriff, das jus publicum Euro­paeum, die euro­pa­zen­trierte Welt­ord­nung, in der die ganze Welt von wenigen euro­päi­schen Führungs­mächten abhängig wurde. Höhe­punkt war die Kongo-Konfe­renz in Berlin 1884, auf der west­liche Führer, getrieben von einem Gefühl der zivi­li­sa­to­ri­schen Mission und natür­lich inter­es­siert an billigen Rohstoffen und Arbeits­kräften, prak­tisch den gesamten afri­ka­ni­schen Konti­nent unter sich aufteilten. Im 19. Jahr­hun­dert kontrol­lierte Groß­bri­tan­nien als führende Seemacht der Welt fast alle wich­tigen Schiff­fahrts­kno­ten­punkte (Gibraltar, Malta, Suez, Singapur, Hong­kong, Kapstadt, Ceylon usw.) und wurde zu einem globalen Impe­rium, das sich über den gesamten Planeten erstreckte. Zwischen 1890 und 1918 lässt sich bereits der Nieder­gang dieser euro­pa­zen­trierten Ordnung erkennen, als die Verei­nigten Staaten auf der Grund­lage des Monroe-Prin­zips die Euro­päer zuneh­mend aus dem ameri­ka­ni­schen Teil der Welt verdrängten und Japan die russi­sche Posi­tion im Fernen Osten angriff. Weit davon entfernt, den Prozess der Globa­li­sie­rung aufzu­halten, führte der Nieder­gang des jus publicum Euro­paeum zu einem Welt­krieg, an dem fast alle Länder der Erde betei­ligt waren.

Welt­he­ge­monie statt Weltteilung

Das klischee­hafte Ziel des Ersten Welt­kriegs war es, die Welt neu aufzu­teilen, aber letzt­lich führte er zum Aufstieg zweier Mächte, die bereits nach der Hege­monie über die Welt strebten. Eine davon waren die Verei­nigten Staaten, die nach Wilsons Prin­zi­pien versuchten, die Welt nach ihrem eigenen Bild zu formen. Doch am Ende distan­zierte sie sich dank einer innen­po­li­ti­schen Kehrt­wende sogar von dem von ihr initi­ierten Völker­bund und verfolgte fast zwei Jahr­zehnte lang eine isola­tio­nis­ti­sche Politik (was frei­lich ihre Hege­monie in Amerika nicht oder nur teil­weise beein­träch­tigte). Der andere Staat, der globale Ziele verfolgte, war die auf den Ruinen Russ­lands neu entstan­dene Sowjet­union, die das Ziel der kommu­nis­ti­schen Welt­re­vo­lu­tion aufgab und statt­dessen ein Programm des „Sozia­lismus in einem Land“ verfolgte, die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen zu ihren Nach­barn norma­li­sierte und bis Mitte der 1930er Jahre de facto eine Politik des Isola­tio­nismus betrieb.

Der Rückzug der beiden Staaten mit messia­ni­schen Agenden rückte, etwas anachro­nis­tisch, die Probleme der euro­päi­schen konti­nen­talen Hege­monie und damit der kolo­nialen Herr­schaft wieder in den Vordergrund.

Das tradi­tio­nelle, west­fä­li­sche System der inter­na­tio­nalen Bezie­hungen, das auf bila­te­ralen Bezie­hungen und gele­gent­li­chen Bünd­nissen zwischen (euro­päi­schen) Natio­nal­staaten beruhte und in der Praxis darauf abzielte, eine konti­nen­tal­eu­ro­päi­sche Hege­monie auszu­schließen, erwies sich nun jedoch als nicht mehr prak­ti­kabel, nicht zuletzt wegen des Macht­va­kuums, das an der Stelle Öster­reich-Ungarns entstanden war. Das zwischen­staat­liche System, das ein Gleich­ge­wicht anstrebte, wurde durch das Konzept des Groß­raums hinweg­ge­fegt, und für einen Moment schien es, als sei die Welt effektiv in vier „große Räume“ aufge­teilt: das deutsch(-italienisch) geführte Neue Europa, die japa­ni­schen groß­ost­asia­ti­schen gemein­samen Räume der Aufklä­rung, das von den USA domi­nierte Amerika (mit den Resten des Briti­schen Empire) unter dem Monroe-Prinzip und die Sowjetunion.

Der deut­sche Angriff auf die Sowjet­union und der japa­ni­sche Angriff auf die Verei­nigten Staaten erschüt­terten jedoch die Aussichten dieses – man könnte sagen globalen – west­fä­li­schen Systems, und der Zusam­men­bruch der Staaten des Drei­er­paktes bedeu­tete das Ende des Groß­macht­kon­zepts, zumin­dest für eine gewisse Zeit. Es blieben zwei Mächte auf der Bild­fläche, die beide die Welt­herr­schaft anstrebten, die aber durch die zwin­gende Kraft der Umstände am Ende des Zweiten Welt­krieges dennoch eine neue Auftei­lung der Welt erreichten. Diesmal gab es keine offene Konfron­ta­tion um die Welt­herr­schaft, aber auf dem Spiel stand im Kalten Krieg letzt­lich das endgül­tige Ende des Groß­macht­kampfes in einer sich zuneh­mend globa­li­sie­renden Welt.

Der Zusam­men­bruch der Sowjet­union und des sozia­lis­ti­schen Blocks bot das trüge­ri­sche Verspre­chen des Letz­teren, das jüngste Beispiel ist Francis Fuku­yamas Theorie vom „Ende der Geschichte“, die den Triumph der libe­ralen Demo­kra­tien verkün­dete. In den 1990er Jahren kann man in der Tat von einer Hege­monie der USA und ihres Modells der libe­ralen Demo­kratie spre­chen. Die meisten Staaten des ehema­ligen sozia­lis­ti­schen Blocks versuchten, ihn zu adap­tieren, aber auch China, das sich auf dem Weg zu Reformen befand, wurde zuneh­mend in das von den USA domi­nierte System der Welt­wirt­schaft inte­griert. Nur einige wenige „Schur­ken­staaten“ (Irak, Iran, Nord­korea, Syrien, Vene­zuela) standen dem vollen Triumph im Weg, aber in den frühen 2000er Jahren begann man, sie zu liquidieren.

Aber dann tauchte Sand im Getriebe auf. Die „Demo­kra­ti­sie­rung“ Afgha­ni­stans und des Iraks war alles andere als ein Erfolg (ganz zu schweigen vom anschlie­ßenden „Arabi­schen Früh­ling“), und auch Russ­land und eine Reihe post­so­zia­lis­ti­scher Staaten begannen, Anpas­sungen auf dem Weg eines Modell­wech­sels nach west­li­chem Vorbild hin zu einem System vorzu­nehmen, das stärker auf die lokale Ebene ausge­richtet ist. Vor allem aber ist China zuneh­mend zu einem Konkur­renten im Bereich Outsour­cing geworden, und das Projekt One Belt One Road (OBOR) hat offen ein Modell vorge­stellt, das dem US-Modell Konkur­renz macht. Dieses Modell stellt zudem die jahr­hun­der­te­lange west­liche Domi­nanz grund­le­gend in Frage, da es die Reinte­gra­tion der euro-atlan­ti­schen Welt­ord­nung in eine eura­si­sche verspricht. Und die 2020 durch das Coro­na­virus ausge­löste – gesund­heit­liche, wirt­schaft­liche, poli­ti­sche und spiri­tu­elle – Krise hat nicht nur geopo­li­ti­sche Konflikte, sondern auch Wider­sprüche inner­halb der west­li­chen Welt verschärft.

Iden­ti­täts­so­zia­lismus

Nach Oswald Speng­lers groß ange­legter Morpho­logie der Welt­ge­schichte ist der Grund­be­griff der letzten Epoche der abend­län­di­schen („faus­ti­schen“) Geschichte der Sozia­lismus, aber er verwen­dete den Begriff nicht in seinem tradi­tio­nellen Sinn, d. h. in Bezug auf die sozio­öko­no­mi­sche Theorie. Laut Spengler ist das Ziel des modernen west­li­chen Sozia­lismus impe­ria­lis­tisch, basie­rend auf dem unbe­grenzten Willen zur Macht, und sein Wesen ist, dass „woran wir glauben, jeder glauben muss; was wir wollen, muss jeder wollen. […] alle müssen sich unseren poli­ti­schen, sozialen und wirt­schaft­li­chen Idealen anpassen, sonst gehen sie zugrunde“ (Preu­ßentum und Sozia­lismus, 1919).

Es waren die beiden Arten dieses so genannten ethi­schen Sozia­lismus, die während der beiden Welt­kriege aufein­ander trafen und den zukünf­tigen Kurs des Westens bestimmten (dies war natür­lich nur ein Element in der Reihe der Groß­mäch­te­kon­fron­ta­tionen, die als Zweiter Welt­krieg bekannt sind). Ersterer ging sieg­reich aus dem Kampf zwischen dem, was Spengler als sozia­lis­ti­schen Kapi­ta­lismus im obigen Sinne betrach­tete, dem engli­schen (säch­si­schen) Kapi­ta­lismus, und dem „preu­ßi­schen Sozia­lismus“ hervor, der zum grie­chisch-deut­schen Natio­nal­so­zia­lismus verzerrt wurde. Dann kam es gemäß der Logik der „revo­lu­tio­nären“ Prozesse zu einem allmäh­li­chen Bruch in den Reihen der Sieger, und dieser Bruch wurde nach dem Ende des Kalten Krieges beson­ders akut.

Ende der 2010er Jahre wurde der Gegen­satz zwischen der eher konser­va­tiven popu­lis­ti­schen und der progres­siven „Partei“ inner­halb der west­li­chen Eliten deut­lich (das Wort „Partei“ ist hier natür­lich in einem mehr oder weniger bild­li­chen, vormo­dernen Sinn zu verstehen, als ein loses, infor­melles Netz­werk, das um bestimmte Inter­essen und Werte herum orga­ni­siert ist, und nicht als eine orga­ni­sierte und diszi­pli­nierte moderne Partei). Ersterer will den Westen bewahren und damit seine globale Führungs­rolle sichern, während letz­terer die Unter­schiede zwischen dem Westen und dem Rest der Welt auslö­schen und die Mensch­heit zu einer multi­kul­tu­rellen, offenen Gesell­schaft einer einzigen univer­sellen Zivi­li­sa­tion verschmelzen will (in der Tat lässt sich der Unter­schied zwischen den beiden Posi­tionen in der Debatte zwischen Huntington und Fuku­yama ablesen).

Die Krisen­pro­zesse, die durch die Coro­na­virus-Epidemie ausge­löst wurden, gaben der Fort­schritts­partei die Gele­gen­heit, zu versu­chen, lose Enden zu verknüpfen und auf die Popu­lis­ti­sche Partei zurück­zu­schlagen, die in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre unter den west­li­chen Staaten orga­ni­siert wurde. Ein Schlüs­sel­ele­ment war der Sturz von US-Präsi­dent Donald Trump, bei dem sich das mit dem US-Tiefen Staat verfloch­tene Silicon Valley, das in den letzten Jahr­zehnten zur trei­benden und domi­nie­renden Kraft der Fort­schritts­partei geworden ist, ganz offen in den demo­kra­ti­schen Wahl­pro­zess einge­mischt hat, zumin­dest zum Schein. Die Zuver­sicht der Tech-Giganten wurde durch den starken Anstieg der Nach­frage nach digi­talen Werk­zeugen und Online-Lösungen im vergan­genen Jahr gestärkt, der auch den Reichtum der Olig­ar­chen, die bereits zu den reichsten der Welt gehören, um jeweils mehrere zehn Milli­arden Dollar erhöht hat.

Die fort­schritt­liche Partei ist in Wirk­lich­keit eine globale Olig­ar­chie des globalen Gross­ka­pi­tals, der inter­na­tio­nalen Büro­kratie und der inein­an­der­grei­fenden Geheim­dienste, die durch die fort­schrei­tende Digi­ta­li­sie­rung über die Mittel zur Siche­rung ihrer Macht verfügt.

Edward Snow­dens Enthül­lungen vor fast einem Jahr­zehnt gaben uns einen Einblick in die Praxis der High-Tech-Über­wa­chung, und die Mono­pol­stel­lung großer Unter­nehmen und die zuneh­mende allge­meine Einbet­tung in die digi­tale Sphäre haben die Möglich­keiten für eine solche totale Kontrolle erhöht. Sie lehnen aber auch die tradi­tio­nellen Methoden der Kontrolle nicht ab, deren Ideo­logie, basie­rend auf der obigen Spengler’schen Defi­ni­tion und der Natur dieser Ideo­logie als basie­rend auf verschie­denen „Iden­ti­täts­gruppen“, als Iden­ti­täts­so­zia­lismus bezeichnet werden könnte, oder man könnte den Orwell’schen Begriff „Anglo-Sozia­lismus“ verwenden, da es sich letzt­lich um das Macht­in­stru­men­ta­rium einer kollek­tiven Olig­ar­chie handelt, das die „Partei­dis­zi­plin“ und die Herr­schaft über die Mehr­heit gewährleistet.

Von #metoo– und BLM-Kampa­gnen über die Unter­stüt­zung der LGBTQ-Bewe­gung bis hin zu Geset­zes­ent­würfen, die Kinder dazu ermu­tigen, ihre Eltern auszu­spio­nieren, und zu immer neueren Quoten­plänen – eine Reihe von Maßnahmen und Plänen soll die Gesell­schaft durch schwer fass­bare recht­liche Kate­go­rien in Schach halten. Das Fehlen präziser Defi­ni­tionen und Regeln ist kein Manko, das es zu über­winden gilt, sondern ein Mittel, das sicher­stellt, dass jeder ein „Hass­ver­bre­chen“ begehen kann und vor das Gericht der öffent­li­chen Meinung oder – in schwer­wie­gen­deren Fällen – der Justiz gestellt und – vorerst – mora­lisch vernichtet werden kann.

Vor einer entschei­denden Schlacht

Die Fort­schritts­partei fühlt sich nun im Sattel und wird in den kommenden Jahren versu­chen, ihr Macht­mo­nopol in der west­li­chen Welt auszu­bauen. Natür­lich ist der Erfolg alles andere als eindeutig, was sich nicht nur an der hohen Zahl der Stimmen für Trump zeigt, sondern auch an der wach­senden Zahl euro­päi­scher Eliten, die anschei­nend eine größere Distanz zum ameri­ka­ni­schen Zentrum suchen. Die Logik der oben erwähnten „Revo­lu­tionen“ könnte auch hier gelten und eine neue Spal­tung inner­halb des Sieger­la­gers entstehen, zumal die „Tren­nung“ Europas von den USA in den letzten Jahren immer wieder thema­ti­siert worden ist.

Beim gegen­wär­tigen Stand der Dinge können wir jedoch nur zwei Blöcke entstehen sehen: einer­seits den von Washington geführten „ozea­ni­schen“ Block mit der EU, Groß­bri­tan­nien und Austra­lien, und ande­rer­seits China und dessen Verbün­deten, einschließ­lich Russ­land, nach Orwell „Eura­sien“ genannt. Die Führungs­rolle des ersteren im chine­sisch-russi­schen Tandem steht nicht mehr in Frage, ebenso wenig wie die Tatsache, dass nach Trump nun Biden den Fehde­hand­schuh gegen den wach­senden Einfluss Chinas aufnehmen muss. Trotz des Anscheins sind die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Struk­turen der beiden gegne­ri­schen Zentren sehr ähnlich.

Wir sehen sowohl in Peking als auch in Washington eine Allianz von Staats­tech­no­kraten – einschließ­lich der Führer der Gewalt­ap­pa­rate – und (High­tech-)Olig­ar­chen (die beiden Olig­ar­chien sind eng mitein­ander verflochten), mit dem einzigen Unter­schied, dass in China der Partei­staat und in den USA die Olig­ar­chie domi­nieren. Der tradi­tio­nelle Kapi­ta­lismus der freien Markt­wirt­schaft ist nicht nur in China, sondern auch in den USA nicht vorhanden, zumin­dest nicht in den Schlüs­sel­sek­toren, die von wenigen mono­po­lis­ti­schen Firmen mit engen Verbin­dungen zum Staat beherrscht werden. Das von Peking einge­rich­tete Über­wa­chungs­system ist auch in den Verei­nigten Staaten weit fortgeschritten.

Obwohl beide Zentren globale Ziele verfolgen, ist der Unter­schied spürbar: Während die chine­si­sche Vision eines „geeinten mensch­li­chen Schick­sals“ die Akzep­tanz kultu­reller Viel­falt fördert und auf die Stei­ge­rung des globalen Wohl­stands abzielt, zielt die aus den USA stam­mende grün-progres­sive Vision (Great Reset. 2020) gerade auf den Abbau der „über­kon­su­mie­renden“ Wohl­fahrts­ge­sell­schaft und natür­lich auf die Besei­ti­gung der Unter­schiede zwischen den Nationen.

Um den berühmten Satz zu para­phra­sieren, der von der bour­bo­ni­schen Restau­ra­tion nach den napo­leo­ni­schen Kriegen inspi­riert wurde, hat China alles gelernt und nichts vergessen. Einer­seits vermeidet sie die Fehler der west­li­chen Kolo­nia­listen und ameri­ka­ni­schen Ideo­logen, die den Gebieten unter ihrer wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Herr­schaft ihre eigenen Werte aufzwangen und damit deren natür­li­chen Wider­stand provo­zierten. Aber China begeht auch nicht die gleiche Torheit wie die Deut­schen und Japaner in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts, die im Gefühl ihrer wach­senden Macht eine offene Konfron­ta­tion mit den führenden Mächten ihrer Zeit provo­zierten. Chinas stra­te­gi­sches Ziel in seiner Riva­lität mit den USA ist es, jede offene Konfron­ta­tion auf einen Zeit­punkt zu verschieben (verzö­gern, vermeiden – siehe Sun Tzu), an dem sie für die Chinesen günstig wird oder sogar ganz vermieden werden kann. Ein typi­sches Beispiel dafür ist das Inter­view mit dem chine­si­schen Poli­tik­wis­sen­schaftler Yan Xuetong, in dem letz­terer sagte, dass der Nieder­gang der USA für niemanden eine Über­ra­schung sei, da alle Impe­rien irgend­wann unter­gehen und die USA wahr­schein­lich das gleiche Schicksal erleiden werden wie das briti­sche Empire.

Der letzt­end­liche Fall der USA, unter welchen Umständen auch immer, würde keines­falls die voll­stän­dige Welt­herr­schaft China bedeuten (es ist sogar zwei­fel­haft, ob so etwas über­haupt möglich ist). Genau wie nach dem „Sieg“ der USA könnte auf einen mögli­chen chine­si­schen Erfolg im neuen Kalten Krieg der Aufstieg neuer Mächte folgen. Ange­sichts der aktu­ellen „Isla­mi­sie­rung“ der west­li­chen Hälfte Europas könnte der neue Rivale sogar eine Art isla­mi­sches Impe­rium sein – ein Neo-Osma­ni­sches oder das von Michel Houel­le­becq (Unter­wer­fung, 2015) beschrie­bene Szenario ist nicht mehr undenkbar. Genauso wie die oben beschrie­bene „revo­lu­tio­näre“ Logik nahe­legt, dass auf einen chine­sisch-russi­schen Erfolg eine chine­sisch-russi­sche Riva­lität folgen könnte.

All dies ist jedoch noch in weiter Ferne, da die kommenden Jahre wahr­schein­lich in der Atmo­sphäre eines neuen Kalten Krieges verbracht werden. Es ist zu früh, das Ende der Verei­nigten Staaten vorher­zu­sagen, genauso wie wir nicht sicher sein können, dass dieser Kalte Krieg nicht zu irgend­einem unpas­senden Zeit­punkt in einer offenen Konfron­ta­tion enden wird. Fast sicher ist jedoch, dass wie im „alten“ Kalten Krieg beide Seiten auf diese entschei­dende Konfron­ta­tion vorbe­reitet sein werden, ob sie nun statt­findet oder nicht.

Der Autor ist Forschungs­leiter am Institut des XXI. Jahr­hun­derts, Buda­pest (XXI. Század Intézet)


Verwen­dete Literatur

  • Jan Assmann. Religio duplex: Ägyp­ti­sche Myste­rien und euro­päi­sche Aufklä­rung.
  • П. М. Бицилли: «Восток» и «Запад» в истории Старого света [1922] Uő.: Избранные труды по филологии. Наследие, Москва, 1996, 22–34.
  • Francis Fuku­yama: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?
  • Michel Houel­le­becq: Unter­wer­fung.
  • Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen: Die Neuge­stal­tung der Welt­po­litik im 21. Jahr­hun­dert.
  • Halford John Mack­inder: The Geogra­phical Pivot of History, Geogra­phical Journal, 23 (1904), 421–437.
  • George Orwell: 1984.
  • Андрей Савиных: Два плана глобальной модернизации, БЕЛТА, 2021. február 4., www.belta.by/comments/view/dva-plana-globalnoj-modernizatsii-7656/
  • Carl Schmitt: Der Nomos der Erde im Völker­recht des jus publicum Euro­paeum [1950]. Duncker & Humblot, Berlin, 1988.
  • Edward Snowden: Perma­nent Record: Meine Geschichte.
  • Oswald Spengler: Der Unter­gang des Abend­landes: Umrisse einer Morpho­logie der Welt­ge­schichte.
  • Oswald Spengler: Preu­ßentum und Sozia­lismus.


Dieser Beitrag erschien am 18. März 2021 auf dem LÁTÓSZÖG-BLOG und

wurde von der VISEGRÁD POST, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION, aus dem Unga­ri­schen übersetzt.


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