Kann das christ­liche Erbe Europas geschützt werden?

Gründungsväter der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft · Quelle: Maison de Robert Schuman, Scy-Chazelles

Von János Latorcai

Vor siebzig Jahren, am 18. April 1951, wurde der Vertrag von Paris zur Grün­dung der Euro­päi­schen Gemein­schaft für Kohle und Stahl unter­zeichnet, ein direkter Vorläufer der Euro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft, die nur wenige Jahre später durch die Römi­schen Verträge gegründet wurde und als Vorläufer der Euro­päi­schen Union, wie wir sie heute kennen, ange­sehen werden kann.

Dieje­nigen, die einst die Eini­gung des euro­päi­schen Konti­nents voran­trieben, waren Männer, die von ihrem tiefen christ­li­chen Glauben geprägt waren: Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schuman. Dies ist so wahr, dass die beiden letzt­ge­nannten bereits den Prozess der Selig­spre­chung in der katho­li­schen Kirche begonnen haben. Dass sich die drei Staats­männer 1951 in einem Bene­dik­ti­ner­kloster am Rhein­ufer zum Nach­denken und Beten trafen, bevor die Verhand­lungen begannen, ist in diesem Zusam­men­hang ebenso verständ­lich wie symbol­trächtig. Sie alle waren sich bewusst, dass nach dem Zweiten Welt­krieg, im Schatten der kommu­nis­ti­schen Diktatur der Sowjet­union, einer der Sieger­mächte, der Wieder­aufbau Europas nur gelingen konnte, wenn er auf einem soliden, für alle akzep­ta­blen Funda­ment stand.

Sie glaubten fest daran, dass die Idee der antiken grie­chi­schen Demo­kratie endlich in einer modernen christ­li­chen Demo­kratie erfüllt werden könnte, die auf der Gleich­heit vor Gott – über Geschlecht, Rasse und Klasse hinweg – und auf der persön­li­chen Betei­li­gung und Verant­wor­tung aller Mitglieder der Gesell­schaft beruht. Sie haben auch von der grie­chi­schen Philo­so­phie gelernt, dass der effek­tivste Weg zur Lösung poli­ti­scher Konflikte in einer auf logi­scher Argu­men­ta­tion basie­renden Debatte besteht, in der man versucht, den anderen zu verstehen und dann einen Kompro­miss zu schließen, während man seine Prin­zi­pien bewahrt.

Sie wussten auch, als Erbe des alten Roms, dass Kompro­misse nur dann von Dauer sind, wenn sie in einem Vertrag veran­kert sind und jeder das Prinzip pacta sunt servanda, also den Grund­satz, dass ein Vertrag verbind­lich ist, respek­tiert. Dies war auch eine primäre histo­ri­sche Erfah­rung für die Grün­der­väter, denn, wie es das Zitat von de Gasperi ausdrückt: „Zwischen 1919 und 1939 wurden siebzig oder vierzig inter­na­tio­nale Verträge geschlossen, aber alle wurden zu bloßen Papier­fetzen, als sie ange­wendet und respek­tiert werden sollten.

Sie wussten sehr wohl, dass Verträge am besten nicht durch Zwang und Gewalt durch­ge­setzt werden sollten, sondern durch die mora­li­sche Iden­ti­fi­ka­tion der Parteien mit den darin enthal­tenen Zielen und Verpflich­tungen. Diese gemein­same mora­li­sche Basis war für die Grün­der­väter eindeutig die christ­liche Ethik.

Es lohnt sich also zu fragen: Wo steht Europa heute, sieben Jahr­zehnte nach dem Pariser Vertrag, und was ist aus dem Traum der Grün­der­väter geworden?

Von einer engen Koope­ra­tion, die nur wenige Wirt­schafts­be­reiche umfasste, hat sich die Euro­päi­sche Union zu einer breit gefä­cherten Gemein­schaft entwi­ckelt, die fast den gesamten Konti­nent umfasst. Sie hat eines ihrer wich­tigsten Ziele, wenn nicht das wich­tigste, erreicht: die Erhal­tung des Frie­dens. Ich glaube, dass der Frieden heute nicht die Abwe­sen­heit von Krieg ist, sondern mehr als das, und dass er eine gerech­tere, wenn auch keines­wegs voll­kom­mene Ordnung bietet als das Europa der gewalt­samen Konflikte der vergan­genen Jahr­hun­derte. Jahr­zehn­te­lang, bis zum Aufkommen des radi­kalen Islam, hat dieser Frieden uns allen Sicher­heit im tägli­chen Leben gegeben und unseren Konti­nent zur lebens­wer­testen Heimat der Welt gemacht. Ein Ort, an dem der Respekt vor der Menschen­würde mit einer starken Sorge um die Umwelt einher­geht und an dem Entschei­dungen mit Blick auf die Zukunft der nächsten Genera­tionen getroffen werden. Und der Binnen­markt und das EU-Förder­system boten auch die Hoff­nung, dass die Unter­schiede zwischen Gebieten, Regionen und Ländern mit unter­schied­li­chem wirt­schaft­li­chem Entwick­lungs­stand mit der Zeit abnehmen würden.

Letzt­lich erfor­derten die ehrgei­zigen Ziele eine immer brei­tere insti­tu­tio­nelle Basis, während die wach­sende Infra­struktur viele zu dem Fehl­schluss verlei­tete, dass alle bestehenden Schwie­rig­keiten durch eine zentra­li­sierte Koor­di­na­tion zwischen den Mitglieds­staaten über­wunden werden könnten. Viele Menschen glaubten und glauben immer noch aufrichtig, dass ein verein­teres und zentra­li­sier­teres Europa alle Probleme lösen kann.

Doch die Politik der Vertie­fung der Inte­gra­tion erhielt durch die Finanz- und Wirt­schafts­krise 2008 und deren Bewäl­ti­gung einen schweren Schlag, gefolgt von der Migra­ti­ons­krise 2015 und gipfelnd im Brexit-Refe­rendum von 2016. So sind wir im Jahr 2020 ange­kommen, in einem vom Brexit und der Migra­ti­ons­krise gebeu­telten Europa, das mit den nega­tiven Auswir­kungen der globalen Coro­na­virus-Epidemie konfron­tiert ist. Und die Anoma­lien rund um die Beschaf­fung und Produk­tion von Seuchen­be­kämp­fungs- und Impf­stoffen – man denke nur an die Stol­per­steine in Brüssel wegen der Export­be­schrän­kungen für Astra­Ze­neca-Impf­stoffe oder das umständ­liche Geneh­mi­gungs­ver­fahren – haben die Euro­skepsis weiter verstärkt.

Laut einer von Euro­news in Auftrag gege­benen Umfrage vom Oktober 2020 liegt der Euro­skep­ti­zismus jetzt bei etwa 30 %, während nur jeder zweite Deut­sche und jeder dritte Italiener und Fran­zose glaubt, dass man mehr Gutes als Schlechtes von der Inte­gra­tion habe. Trotzdem glauben 58 % der Deut­schen an die euro­päi­sche Einheit und sind der Meinung, dass das Verei­nigte König­reich mit dem Austritt aus der EU die falsche Entschei­dung getroffen hat, während die Mehr­heit der befragten Italiener und Fran­zosen der Meinung ist, dass die Wähler auf der Insel die rich­tige Entschei­dung getroffen haben und der Brexit lang­fristig Vorteile bringen wird.

All dies führt zu der Frage, warum die Wahr­neh­mung einer in vielerlei Hinsicht sehr erfolg­rei­chen Zusam­men­ar­beit in den Kern­staaten so ungünstig ist. Die jüngsten Ergeb­nisse sind eindeutig durch die allge­meine Anspan­nung im Zuge des Coro­na­virus-Ausbruchs beein­flusst, aber dies hat die Trends nicht verän­dert, sondern ledig­lich verstärkt.

Einige argu­men­tieren, dass das Problem in erster Linie ein Problem der insti­tu­tio­nellen Legi­ti­mität ist und dass der Anstieg des Euro­skep­ti­zismus vor allem auf das mangelnde Verständnis der Menschen für die Arbeits­weise der Brüs­seler Büro­kratie und die geringe Legi­ti­mität der EU-Führer in den Mitglieds­staaten zurück­zu­führen ist, trotz der Direkt­wahl des Euro­päi­schen Parlaments.

Ich bin über­zeugt, dass das Problem viel tiefer geht und nicht in erster Linie eine Frage der insti­tu­tio­nellen Legi­ti­mität ist, sondern eine Frage der Seele Europas. Genauer gesagt hat es mit der Art und Weise zu tun, wie die Verant­wort­li­chen der euro­päi­schen Inte­gra­tion in den letzten sieben Jahr­zehnten mit dem einzig­ar­tigen geis­tigen und kultu­rellen Erbe unseres Konti­nents umge­gangen sind.

Seit 1951 hat sich die euro­päi­sche Gemein­schaft stetig erwei­tert. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und den anschlie­ßenden Regime­wech­seln in Mittel- und Osteu­ropa ist die künst­liche Teilung unseres Konti­nents endgültig aufge­hoben worden. Und mit dem Beitritt zur EU im Jahr 2004 hat auch Ungarn und die meisten ehema­ligen Sowjet­block­staaten endlich wieder ihren Platz in der Gemein­schaft der demo­kra­ti­schen euro­päi­schen Staaten gefunden.

Aller­dings haben sich Idee und Praxis der euro­päi­schen Demo­kra­tien, insbe­son­dere der libe­ralen Demo­kratie in West­eu­ropa, in den letzten Jahr­zehnten stark verän­dert. Die 1948 verab­schie­dete Allge­meine Erklä­rung der Menschen­rechte hat den rich­tigen Ausgangs­punkt für die wach­sende Achtung der Menschen­würde, die im christ­li­chen Huma­nismus verwur­zelt ist, auf unserem Konti­nent gelie­fert. Heute jedoch wird diese grund­sätz­lich gute Praxis langsam zum Selbst­zweck, da sich die Werte immer mehr rela­ti­vieren. Dies zeigt sich auch in der „flexi­blen“ Ausle­gung inter­na­tio­naler Doku­mente von höchstem Niveau und Pres­tige. Ein Beispiel ist Artikel 23 des Inter­na­tio­nalen Pakts über bürger­liche und poli­ti­sche Rechte, ein 1966 verab­schie­detes UN-Doku­ment, in dem es heißt, dass die Familie die natür­liche und grund­le­gende Einheit der Gesell­schaft ist und das Recht hat, von der Gesell­schaft und dem Staat geschützt zu werden. Diese Idee ist für Progres­sive immer noch mehr oder weniger akzep­tabel, aber sie sind eher geneigt, die nächste Klausel zu rela­ti­vieren, die besagt, dass das Recht, zu heiraten und eine Familie zu gründen, für Männer und Frauen im heirats­fä­higen Alter aner­kannt werden sollte, und zwar aus Gründen der Menschenwürde.

Aus insti­tu­tio­neller Sicht haben sich die euro­päi­schen Demo­kra­tien immer mehr verfes­tigt, und dieser Prozess ist leider mit einer Abkehr vom Demos, also dem Volk, einher­ge­gangen und hat zu einer Art elitärer Poli­ti­sie­rung geführt. Dieses Problem ist in der Mehr­zahl der Natio­nal­staaten zu beob­achten, am auffäl­ligsten ist es jedoch in der Führung der Euro­päi­schen Union. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Wahl­be­tei­li­gung bei den Euro­pa­wahlen. Seit den ersten EP-Wahlen im Jahr 1979 ist die Wahl­be­tei­li­gung Jahr für Jahr von 63 % auf einen histo­ri­schen Tief­stand von 42,54 % im Jahr 2014 gesunken, bevor sie 2019 wieder auf über 50 % anstieg, was nicht zuletzt auf die verstärkte poli­ti­sche Ausein­an­der­set­zung mit der Migra­ti­ons­krise zurück­zu­führen ist, die alle EU-Bürger betrifft. Ob wir eine Trend­wende gesehen haben oder ob es einfach das Ergebnis einer Ausnah­me­si­tua­tion ist, die die Wahl­be­tei­li­gung in die Höhe getrieben hat, ist noch nicht klar, aber es ist klar, dass die Wahl­be­tei­li­gung im Vergleich zu natio­nalen Wahlen im glei­chen Zeit­raum extrem niedrig bleibt.

Einer der Gründe dafür ist, dass aufgrund der Struktur der EU, einschließ­lich der spezi­fi­schen Regeln für die Wahl der Euro­päi­schen Kommis­sion, die Korre­la­tion zwischen den bei Wahlen abge­ge­benen Stimmen und den umge­setzten Programmen auf euro­päi­scher Ebene viel schwä­cher ist als in den Mitglied­staaten. Zu beachten ist auch, dass die Kontroll- und souve­räne Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Euro­päi­schen Parla­ments viel schwä­cher ist als die der natio­nalen Parla­mente. Das letzt­ge­nannte Problem wird perfekt durch die euro­päi­sche Bürger­initia­tive Mino­rity Safe­Pack zu indi­genen Minder­heiten in Europa veran­schau­licht, die, nachdem sie die nötige Unter­stüt­zung der Bürger gesam­melt hatte, dem Euro­päi­schen Parla­ment vorge­legt wurde, das seine Entschlie­ßung mit einer riesigen Mehr­heit von 524 Ja-Stimmen, 67 Nein-Stimmen und 103 Enthal­tungen annahm und die Kommis­sion auffor­derte, einen Rahmen für den Schutz der Rechte von Ange­hö­rigen von Minder­heiten in der EU zu entwi­ckeln. Auf der anderen Seite sagte der zustän­dige Kommissar, dass es keinen Bedarf für weitere Gesetze in diesem Bereich gebe und das Thema im Wesent­li­chen von der Tages­ord­nung gestri­chen sei. Diese Praxis erin­nert unheim­lich an eines der bestim­menden Ideale der Herr­schaft Josephs II., des (unga­ri­schen) Königs mit dem Motto: „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“.

Leider ist der Fall kein Einzel­fall. In den letzten zehn Jahren gab es immer mehr Fälle, in denen unter Beru­fung auf hehre demo­kra­ti­sche Prin­zi­pien die euro­päi­sche Bevöl­ke­rung in entschei­denden Fragen, wie z.B. der Migra­ti­ons­krise, nicht konsul­tiert wurde oder in denen Entschei­dungen getroffen wurden, die ihnen zuwi­der­liefen, wie das Mino­rity Safe­Pack zeigt.

Trotz der schwer­wie­genden Probleme und internen Span­nungen setzen die Nutz­nießer des Systems alles daran, es zu erhalten. Wenn nötig, sind sie bereit, sogar die Grund­ge­setze der grie­chi­schen Philo­so­phie und Logik zu brechen, die den indi­vi­du­ellen und poli­ti­schen Diskurs seit Jahr­hun­derten bestimmen, vor allem wenn es bedeutet, eine schwer zu ändernde Verein­ba­rung zu umgehen.

Genau diese Praxis, und nicht die Achtung der Rechte der Vertrags­par­teien, ist in letzter Zeit auf dem Vormarsch. In vielen Fällen hat die Brüs­seler Führung gerade durch Umge­hung und Neuin­ter­pre­ta­tion der wich­tigsten Verträge versucht, Druck auf Mitglied­staaten auszu­üben, die bereit waren, ihre eigene Posi­tion im Streit­fall gegen die Mehr­heits­mei­nung zu vertei­digen. Diese Art des Vorge­hens unter­gräbt nicht nur das verbind­liche antike Rechts­prinzip des Vertrages, sondern bringt auch eines der schlimmsten Vermächt­nisse des antiken Roms an die Ober­fläche: den Imperialismus.

Es ist kein Zufall, dass die Grün­der­väter immer wieder auf diese Gefahr hinge­wiesen haben. Die euro­päi­sche Gemein­schaft war nicht als Zentral­macht konzi­piert, nicht als eine Art „heilige Allianz“, und es war nicht ihr Ziel, die euro­päi­schen Staaten in einem supra­na­tio­nalen Super­staat zu vereinen. Sie verstanden, dass die euro­päi­schen Nationen und Staaten eine histo­ri­sche Realität darstellten, dass ihre Unter­schiede nicht ein Nach­teil, sondern ein Vorteil für uns alle waren. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Schu­mans Ziel war nicht die Schaf­fung eines Super­staates, sondern die Stär­kung von Union, Kohä­sion, Koor­di­na­tion, also von Einheit, Zusam­men­halt und konzer­tierter Aktion, wie er in seinem Buch Für Europa erklärte. Schuman fügte hinzu, dass all dies in der Realität nur funk­tio­nieren würde, wenn das aus der christ­li­chen Lehre abge­lei­tete Prinzip der Demo­kratie und der Gleich­heit der Bezie­hungen zwischen den Nationen aufrecht­erhalten würde.

Es ist bedau­er­lich und schade, dass die christ­li­chen Grund­lagen, die den Grün­der­vä­tern viel­leicht am meisten am Herzen lagen, von der heutigen west­eu­ro­päi­schen Führung und der ihr nahe­ste­henden „Elite“ am wenigsten geschätzt werden. Tatsäch­lich erleben wir zuneh­mend einen bewussten und syste­ma­ti­schen Versuch, christ­liche Werte aus dem Alltag zu elimi­nieren, nicht nur in Bezug auf die Reli­gion und das reli­giöse Leben, sondern auch in Bezug auf die Denk­weisen und sogar die Kultur und ihre Symbole. Es findet eine komplette Infra­ge­stel­lung der histo­ri­schen Vergan­gen­heit statt, mit dem Ziel, die Tradi­tionen vergan­gener Jahr­hun­derte im Namen des so genannten Fort­schritts auszu­rotten. Aber wohin gehen wir und was sind die außer­ge­wöhn­li­chen Werte, die uns dazu bringen sollten, unser grie­chi­sches, römi­sches und vor allem christ­li­ches Erbe wegzuwerfen?

Die ideo­lo­gi­sche und poli­ti­sche Entwick­lung der west­li­chen Welt hat nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union eine grund­le­gende Wende genommen. Obwohl die Wurzeln dieses Wandels bis ins Jahr 1968 zurück­rei­chen, zerbrach das Bündnis zwischen Christ­de­mo­kraten und Libe­ralen ange­sichts der kommu­nis­ti­schen Bedro­hung erst Anfang der 1990er Jahre endgültig, doch die seitdem vergan­gene Zeit hat bei den Christ­de­mo­kraten tiefe Narben hinter­lassen. Das viel­leicht beste Beispiel dafür ist die Geschichte der Christ­lich-Demo­kra­ti­schen Partei Belgiens, die das Land viele Jahre lang regierte, bis 1999 eine Wahl­nie­der­lage zu einer grund­le­genden Über­ar­bei­tung ihres Programms führte, bei der sie ihr Enga­ge­ment für die Durch­drin­gung der Gesell­schaft mit christ­li­chen Ideen und Werten aufgab. Es ist dann durchaus verständ­lich, warum die ehema­lige Partei Christ­lich-Demo­kra­ti­sches Zentrum, nachdem sie sich formell von christ­li­chen Werten losge­sagt hatte, einige Jahre später ihren Namen in Huma­nis­tisch-Demo­kra­ti­sches Zentrum änderte.

Infolge einer ähnli­chen Selbst­auf­gabe der christ­de­mo­kra­ti­schen Parteien im Westen und der intel­lek­tu­ellen Vermäh­lung der Libe­ralen mit der Neuen Linken wurden christ­de­mo­kra­ti­sches Gedan­kengut und christ­de­mo­kra­ti­sche Werte bald in den Hinter­grund gedrängt, aber es dauerte nicht lange, bis der auf einem tradi­tio­nellen, indi­vi­dua­lis­ti­schen Ansatz basie­rende Libe­ra­lismus seinen ideo­lo­gi­schen Halt verlor. Der Ansatz der Neuen Linken, der immer noch auf dem Klas­sen­kampf basierte, sah den Libe­ra­lismus nicht mehr als mögli­chen Treff­punkt aller Kulturen, sondern als poli­ti­schen Ausdruck einer Gruppe von Kulturen, und als solcher galt er als unver­einbar mit anderen Kulturen. Deshalb wurden die kollek­ti­vis­ti­schen „multi­kul­tu­rellen“ und „anti­ras­sis­ti­schen“ Bewe­gungen geboren, die mit ihren gewalt­tä­tigen Demons­tra­tionen und wider­stands­losen wissen­schaft­li­chen und sozialen Beset­zungen versu­chen, die euro­päi­sche Kultur, wie wir sie kennen, auszu­rotten, indem sie die Geschichte und die Vergan­gen­heit umschreiben, wenn nötig, indem sie sie dauer­haft auslöschen.

Aber was viel­leicht am schreck­lichsten ist, ist, dass im Schatten der Orwell­schen „Nach­er­zäh­lung“ des 21. Jahr­hun­derts, der poli­ti­schen Korrekt­heit (PC), all diese Prozesse im Westen fast undenkbar werden. PC ist in der Tat ein mora­li­scher Abso­lu­tismus im Namen der Frei­heit, der durch die aufer­legte Selbst­be­schrän­kung die Meinungs­frei­heit und damit die Möglich­keit eines ehrli­chen und ausge­wo­genen Diskurses unter­gräbt. Wir sind jetzt an einem Punkt ange­langt, an dem jeder, der trotz alledem den Mut aufbringt, mit den Worten von Attila József „nicht nur das Wahre, sondern auch die Wahr­heit“ zu sagen, auch seinen Job und seine Exis­tenz riskiert. Der Fall von Zsolt Petry ist ein perfektes Beispiel für all dies, der seine ehrliche Meinung in Deutsch­land, wo die Meinungs­frei­heit so empfind­lich ist, mit seinem Job bezahlte. Die vorherr­schende west­liche Politik ist nun, wie Viktor Orbán es im Zusam­men­hang mit dem Fall Petry formu­lierte: eine Politik der Repression.

Gerade hier gibt es, trotz aller schein­baren Unter­schiede, mehr Gemein­sam­keiten als Unter­schiede zwischen der heutigen euro­päi­sierten Form und Funk­ti­ons­weise des bolsche­wis­ti­schen Athe­ismus und Mate­ria­lismus und seiner früheren sowje­ti­schen Version.

Wer das nicht sieht oder sich weigert, es zu sehen, über­sieht in der Tat eine der größten Lehren des 20. Jahr­hun­derts. Der nord­iri­sche Theo­loge Alister McGrath hat viel­leicht am deut­lichsten formu­liert, dass eine Gesell­schaft, die die Idee Gottes ablehnt und durch etwas anderes ersetzt, in einer schreck­li­chen Diktatur endet, weil in einer Gesell­schaft ohne Moral und Werte die dunkelsten mensch­li­chen Instinkte unge­hin­dert zum Vorschein kommen können.

Die Wieder­ein­füh­rung der Idee von Gott als Orga­ni­sa­ti­ons­prinzip der Gesell­schaft würde von den selbst­er­nannten Progres­siven und Libe­ralen als Verwei­ge­rung des sozialen Fort­schritts, als Anachro­nismus gebrand­markt werden. Abge­sehen von einigen Anar­chisten, die zuneh­mend die Notwen­dig­keit eines „Sauer­teigs“, der die Gesell­schaft zusam­men­hält, leugnen, wie man an den jüngsten gesell­schaft­li­chen Ereig­nissen, insbe­son­dere in den Verei­nigten Staaten, sehen kann, bestreitet dies heute jedoch niemand mehr.

In einer multi­kul­tu­rellen Gesell­schaft, wie sie sich die gegen­wär­tige links­li­be­rale Elite vorstellt, mit einer erstaun­li­chen Viel­falt an indi­vi­du­eller Selbst­be­stim­mung jenseits von Reli­gion und Herkunft, ist der mora­li­sche Rela­ti­vismus eindeutig vorherr­schend. Um es mit einem einfa­chen Beispiel zu illus­trieren: In dieser imagi­nären „schönen neuen Welt“ könnte ein Atheist legi­ti­mer­weise fragen, warum er nicht mehr Frauen haben kann. Die viel beschwo­rene Tole­ranz mag das Zusam­men­leben in einer solchen Gesell­schaft erleich­tern, aber sie hat sicher keine gemein­schafts­bil­dende Kraft. Viele sehen daher Wohl­stand als das Ideal, das eine zuneh­mend frag­men­tierte Gesell­schaft zusam­men­halten kann. Doch das sei ein grund­le­gender Fehler, warnte István Baran­ko­vics, denn Wohl­stand sei kein Ideal, sondern ein Mittel, um das Errei­chen geis­tiger und mora­li­scher Werte zu erleichtern.

Selbst wenn ich mich irren würde und es ein Ideal gäbe, das diese sehr poröse Gesell­schaft wie ein Sauer­teig zusam­men­halten könnte, wäre es mit Sicher­heit ein ganz anderes Europa als das, das wir kennen und auf das wir zu Recht stolz sind.

Deshalb glaube ich, dass die christ­li­chen Stif­tungen die einzige Alter­na­tive für Europa sind. Diese Grund­lagen haben histo­risch bewiesen, dass es möglich ist, trotz der Plura­lität der Welt­an­schau­ungen einen gewissen ethi­schen Konsens zu schaffen. Der ameri­ka­ni­sche Theo­loge Francis Schaffer schrieb, dass das trag­fä­higste Konzept das einer Nation ist, die von einer Art mora­li­schem Konsens regiert wird, der auf christ­li­chen Grund­lagen beruht. Der Staat darf seinen Bürgern niemals christ­liche Über­zeu­gungen aufzwingen, aber Gesetze müssen in ihrer Konzep­tion christ­lich sein und die gött­li­chen Werte von Frieden, Leben, Achtung der Menschen­würde, Liebe und Barm­her­zig­keit wider­spie­geln, wie wir sie aus der Bibel kennen.

Dem möchte ich in Anleh­nung an Umberto Eco, den nicht­gläu­bigen italie­ni­schen Schrift­steller und Philo­so­phen, hinzu­fügen, dass die Gestalt Christi ein Modell für Nicht­gläu­bige in der säku­laren Ethik sein kann, da Christus, der Sohn Gottes, der Sohn der univer­sellen Liebe, der Sohn der Verge­bung der Feinde, der Sohn Gottes, der sich für die Erlö­sung der anderen geop­fert hat, ein Geheimnis darstellt, das auch die Herzen der Nicht­gläu­bigen veredelt.

Deshalb gibt es, wenn uns die Zukunft Europas wichtig ist, keinen anderen Weg, wir müssen zu den Grund­lagen zurück­kehren, von denen Schuman, de Gasperi und Adenauer ausge­gangen sind.

Der erste Schritt auf diesem Weg besteht darin, zu erkennen, dass das Chris­tentum in Europa nicht nur eine Reli­gion ist, sondern eine Seins­weise, die unser Denken, unser Handeln, unsere Taten grund­le­gend beein­flusst und unsere gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tionen bestimmt. Ich glaube, dass dieses Axiom von den besten Denkern auf der linken und den besten Denkern auf der libe­ralen Seite gut verstanden wird, aber dass sie nicht in der Lage sind, es zu akzep­tieren. Deshalb tun sie alles, um das Chris­tentum aus den intel­lek­tu­ellen Wissen­schaften zu verdrängen oder gar die Konzepte und sozialen Insti­tu­tionen zu enteignen, die wir eigent­lich dem Chris­tentum verdanken.

Der zweite Schritt besteht daher notwen­di­ger­weise darin, frei vom mora­li­schen Abso­lu­tismus der poli­ti­schen Korrekt­heit zu versu­chen, unsere eigenen Begriffe zurück­zu­for­dern und sie gemäß ihrer ursprüng­li­chen Bedeu­tung in den Dienst der Gesell­schaft zu stellen. Ein reales Beispiel dafür ist der ursprüng­lich christ­liche Begriff des Fort­schritts, der in der popu­lären Vorstel­lung eines Groß­teils der Welt bereits das Gegen­teil von Fort­schritt ist. Was der Unter­schied zwischen beiden in der Realität bedeutet, kann kaum besser ausge­drückt werden als in den Worten von István Baran­ko­vics, einer der größten Gestalten der Christ­de­mo­kratie in Ungarn: „Fort­schritt im Sinne des mate­ria­lis­ti­schen Fort­schritts bedeutet, die Herr­schaft des Menschen über die Natur zu erwei­tern und sie in den Dienst des Vergnü­gens zu stellen. Nach dem christ­li­chen Ideal ist der Fort­schritt die harmo­ni­sche Beherr­schung der Natur und seiner selbst durch den Menschen, damit das mensch­liche Ideal in vollem Umfang verwirk­licht werden kann.“

In diesem Sinne muss in einem dritten Schritt der Gesell­schaft, der euro­päi­schen Gemein­schaft, ein hehres Ideal präsen­tiert werden, das eine Vision von einer Zukunft bietet, die es wert ist, dass man sie ergreift und opfert.

Weder das indi­vi­dua­lis­ti­sche und hedo­nis­ti­sche Konzept des „Lebe für heute“, das zur Ausbeu­tung des Planeten führt, noch die kollek­ti­vis­ti­schen Ideo­lo­gien, die dies leugnen, können die Lösung sein, da gerade ihr mora­li­scher Rela­ti­vismus die dauer­haften mora­li­schen Gesetze unter­gräbt, die die Grund­lage des bürger­li­chen Zusam­men­le­bens sind. Die christ­liche Demo­kratie kann jedoch sowohl die indi­vi­du­elle Leis­tung als auch das Wohl­ergehen der natür­li­chen Gemein­schaften fördern und ist daher auch in der Lage, die Wider­sprüche zwischen indi­vi­dua­lis­ti­schen und kollek­ti­vis­ti­schen Idealen aufzulösen.

Diese Vision einer euro­päi­schen Christ­de­mo­kratie in der heutigen kapi­ta­lis­ti­schen Welt kann nicht vom mate­ri­ellen Wohl­stand getrennt werden, aber sie muss mehr als das sein, weil der wirt­schaft­liche und poli­ti­sche Zusam­men­halt Europas ohne eine Lösung der mora­li­schen Probleme sicher­lich nicht lebens­fähig wäre. Die wirt­schaft­liche und tech­no­lo­gi­sche Explo­sion des 20. Jahr­hun­derts hat gezeigt, dass dieser ansonsten posi­tive Wandel nicht mit dem mora­li­schen Fort­schritt der Mensch­heit einher­ging, weshalb wir im 21. Jahr­hun­dert mehr denn je feste Anker brau­chen, die es uns ermög­li­chen, zwischen nütz­li­chen und gefähr­li­chen Inno­va­tionen zu unterscheiden.

Und die Enzy­klika von Papst Johannes Paul II, Veri­tatis sple­ndor, die die Lehre der Kirche über die Moral und die Erneue­rung des poli­ti­schen und sozialen Lebens enthält, kann uns bei der Lösung der mora­li­schen Probleme der poli­ti­schen Zusam­men­ar­beit leiten.

Die Enzy­klika unter­streicht, daß die Wahr­haf­tig­keit zwischen Regie­renden und Regierten, die Trans­pa­renz in der öffent­li­chen Verwal­tung, die Unpar­tei­lich­keit im Dienst an den öffent­li­chen Ange­le­gen­heiten, die Achtung der Rechte der poli­ti­schen Gegner und die ehrliche und ordnungs­ge­mäße Verwal­tung der öffent­li­chen Mittel alle­samt Prin­zi­pien sind, die im tran­szen­denten Wert der Person und in den objek­tiven mora­li­schen Erfor­der­nissen des Funk­tio­nie­rens des Staates wurzeln. Nach christ­de­mo­kra­ti­scher Auffas­sung hat jeder eine, wenn auch nicht gleiche, Verant­wor­tung für die öffent­liche Moral und die Entwick­lung der Demokratie.

Heute geht es den Bürgern der euro­päi­schen Gesell­schaften jedoch über­wie­gend nur noch um Rechte und die Pflichten, die Menschen gegen­über ihren Mitmen­schen und der Gesell­schaft haben, werden mehr oder weniger abge­stoßen. Die christ­liche Demo­kratie hingegen sieht die gegen­sei­tige Erfül­lung von Pflichten als Voraus­set­zung für die Ausübung von Rechten und damit für das Funk­tio­nieren der Demokratie.

Der vierte Schritt, um all das zu errei­chen, ist, dass die christ­lich-demo­kra­ti­schen Poli­tiker diesen Tugenden gerecht werden, wie wir es schon oft von László Varga gehört haben: „Es reicht nicht, ehrlich zu sein, man muss auch den Anschein erwe­cken, ehrlich zu sein.“ Und das ist keine leichte Aufgabe. Adenauer hat einmal gesagt: „Christ zu sein ist etwas sehr Großes, etwas sehr Schwie­riges. Wir sollten uns bescheiden damit begnügen, einfach zu sagen: Wir streben danach, Christen zu sein. Wir bemühen uns, als Christen zu leben, und auf diesem Weg wollen wir langsam immer höhere Grade der Voll­kom­men­heit erreichen.“

Wir, die späten Nach­folger der Grün­der­väter, müssen das geis­tige und poli­ti­sche Erbe, das uns diese großen euro­päi­schen Staats­männer hinter­lassen haben, nicht nur bewahren und vertei­digen, sondern im edelsten Sinne des Wortes weiter­ent­wi­ckeln und festigen.

Wenn wir uns als unga­ri­sche Christ­de­mo­kraten die ewigen Worte von István Baran­ko­vics zu Herzen nehmen, dass „eine Gesell­schaft und Kultur, die keine Vorstel­lung von ihrem Zweck hat, wie ein Mensch ist, für den das Leben seinen Sinn verloren hat“, dann können wir selbst verstehen, worauf Schuman sich bezog, als er diese These zu einem einzigen Satz verdich­tete und die Nach­welt warnte: „Europa wird christ­lich sein oder es wird nicht sein“.

Entweder wir können die Versuche stoppen, die Geschlechts­iden­tität, die natio­nale Souve­rä­nität und die Selbst­iden­tität u.a. aufzu­lösen, die eine Preis­gabe unserer Werte darstellen, oder nichts wird Europa, das sich im Griff der Migra­tion befindet, und uns vor der zweiten Hälfte von Schu­mans Gedanken schützen.

Das persön­liche Leben der Grün­der­väter, ihr mutiger Wider­stand während der athe­is­ti­schen Dikta­turen jener Zeit und die geis­tige Erneue­rung, die unter ihrer Führung nach dem Zweiten Welt­krieg folgte, verpflichten uns, mit aller Kraft dafür zu kämpfen, dass Europa nicht nur eine christ­liche Vergan­gen­heit, sondern auch eine christ­liche Zukunft hat.

Der Autor ist Vize­prä­si­dent der Natio­nal­ver­samm­lung und Vorsit­zender des Natio­nalen Exeku­tiv­ko­mi­tees der KDNP

Quelle: Magyar Nemzet


4 Kommentare

  1. Hören Sie doch bitte auf, Hoff­nungen auf das „Chris­tentum“ zu setzen. Ein Herr­gott oben nützt wenig wenn unten das Boden­per­sonal ein verrot­teter und links­ver­si­ffter Sauhaufen ist! Da muss wohl selbst der Hl. Geist als Erleuchter w.o geben.
    Bei derar­tigen herun­ter­ge­kom­menen und ehrlosen Figuren stellt wohl das Sehnen auf Erleuch­tung einen Triumph der Erfah­rung über die Hoff­nung dar.
    Der Segen „Urbi et orbi“ aus meinem Mund gespendet, würde bei wackeren Christen Hurra- und Bravo-Rufe zur Folge haben. DAS WÄRE WAHRES CHRISTENTUM!!!

  2. Vielen Dank – herz­li­chen Dank, Herr Latorcai und auch
    Herrn Altvater,
    auch genauso von meiner Seele gespro­chen – ich hoffe ich lese noch lange und viel mehr von Ihnen -
    GOTTES MÜHLEN MAHLEN LANGSAM – ABER SIE MAHLEN !!!

  3. Vielen herz­li­chen Dank für die exakte Beschrei­bung der Lage Europas!
    Herr Janos Latorcai, Sie haben „von meiner Seele gespro­chen“ ich wünschte Sie würden einer der führenden Persön­lich­keiten im EU Parla­ment werden, anstatt vielen korrupten Berufspolitiker.

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  4. Und was speziell hat nun das heid­nisch- päpst­liche Anti­chris­tentum in Rom inklu­sive der Ökumene mit meinem HErrn Jesus zu tun ? Ausser das er demnächst die Lügner und Menschen­mörder, voran die Jesuiten, richten wird? 

    „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

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