„Lasst uns vertrau­ens­voll in die Zukunft sehen”

Bildquelle: facebook.com/orbanviktor

Von Irén Rab

Seit Wochen denke ich an den unga­ri­schen Schrift­steller István Örkény, genauer gesagt an eine seiner Minu­ten­no­vellen. „Lasst uns vertrau­ens­voll  in die Zukunft sehen” schrieb er irgend­wann in den ’60er Jahren, als die Arbei­ter­klasse und die LPG-Bewe­gung ihren poli­ti­schen Sieg verkündet und das Funda­ment des Sozia­lismus gelegt hatten. Das Ziel, die höchste Form des Sozia­lismus, also den Kommu­nismus zu errei­chen, würde inner­halb von 1–2 Genera­tionen zustande kommen, meinten die Parteiideologen.

Das Zukunft­bild der Novelle wurde nicht von der Ideo­logie, sondern vom Sarkasmus des Schrift­stel­lers gestaltet.

Was für eine Zukunft steht einem Volk offen, welches seine Vergan­gen­heit und sein Pres­tige seit langem verloren hat und völlig hoff­nungslos in irrealen Träumen lebt?

Wir müssen noch 110–115 Jahre abwarten” – schrieb Örkény – „und dann, an einem schönen Sommertag werden alle Glocken des Landes läuten.”  Sein Schild in allen Breiten strahle wie zu alten Zeiten!  Genau wie eine Para­phrase des Zukunfts­bildes von unga­ri­schen Natio­nal­lie­dern, ein Örkény-Absurd.

Mit dieser Novelle habe ich alle meine Sprach­kurse begonnen, damit die deut­schen Studenten einmal sehen, warum es sich eigent­lich lohnt, die unga­ri­sche Kultur und Menta­lität kennen­zu­lernen! Der Humor von Örkény gefiel den Studenten gut, – er war ein Ansporn sofort Unga­risch zu lernen! Ich bildete ein Verb aus dem Wort „magyar” und brachte ihnen sofort die Konju­ga­tion bei. So sind die Ungarn, dachten die Studenten, humor­voll, voller Selbst­ironie, die  Bedin­gung des Überdauerns.

Heute finde ich die Novelle gar nicht grotesk, ich halte sie für eine wahr werdende  Realität.

Von den verspro­chenen 110 Jahren ist erst die Hälfte vergangen und von der surrea­lis­ti­schen Utopie bewegen wir uns in Rich­tung der Verwirk­li­chung. Jede Zeile der Novelle hat Aktua­litätAls ob die heutige unga­ri­sche Regie­rungs­po­litik anhand von Örkénys absurdem Zukunfts­bild arbeiten würde!

Das Glocken­läuten „wird die Minute, die große und seit langem aktu­elle Minute, als die tausend­jäh­rige Pech­strähne Ungarns endet.” Anders, mit den Worten des Minis­ter­prä­si­denten ausge­drückt: die Hundert Jahre unga­ri­sche Einsam­keit nehmen ein Ende. „Der könig­liche Palast in Visegrád wird mit riesigen Räumen, Hänge­gärten, mit Pracht, Prunk, Protz neu gebaut.”

Dem Natio­nalen Hausz­mann-Projekt nach wird die Budaer Burg neu errichtet, das Natio­nale Burg­pro­gramm rekon­stru­iert 19 Burgen im Land für touris­ti­sche und kultu­relle Zwecke.

Das Entwick­lungs­pro­gramm beinhaltet auch die Visegráder Burg, ihre Hoch­burg, Unter­burg und den Salamon-Turm bzw. die Rekon­struk­tion des von Örkény verspro­chenen könig­li­chen Palasts.

Visegrád wird dereinst nicht die Haupt­stadt dieses kleinen Landes, sondern die Haupt­stadt der Unga­ri­schen Donau­re­pu­blik werden,  4–5 Meere werden ihre Ufer waschen. Das ist wohl eine Über­trei­bung, eine unga­ri­sche Sehn­sucht, doch erst die Hälfte der Zeit ist vorbei.

Die Welt­po­litik kennt und erkennt heute im mittel­eu­ro­päi­schen Raum die Visegrád-Gruppe, und deren Mitglieder halten poli­tisch und wirt­schaft­lich zusammen. Sie haben gemein­same kultu­relle und geis­tige Werte, gemein­same reli­giöse Tradi­tionen, welche sie bewahren und weiter verstärken wollen.

Die Zusam­men­ar­beit der Visegrád-Staaten initi­ierte – wie einst­mals im Jahr 1334 der dama­lige unga­ri­sche König, Károly Róbert – wieder Ungarn, und die heutige gemein­same Politik scheint der unga­ri­schen Leit­linie zu folgen.

Visegrád ist der symbo­li­sche Sitz dieser inter­re­gio­nalen Zusam­men­ar­beit. Es gibt in der Region momentan nur ein Meer – wenn wir den Plat­tensee nicht mitzählen -, aber diese Zahl kann mit Kroa­tien und Slowe­nien, die den V4 schöne Augen machen, weiter erhöht werden. Wir haben wohl noch 50 Jahre. Die Hundert Jahre Einsam­keit von Trianon scheinen – dank der Visegrád-Koali­tion – vorbei zu sein.

Die hundert Jahre, als Ungarn  – immer abhängig von den  Macht­in­ter­essen und von poli­ti­schen Spielen – mal isoliert, mal weiter­am­pu­tiert, mal der Exis­tenz­grund­lage beraubt, oder mit den anderen zusammen auf dem Altar des Kalten Krieges geop­fert wurde.

Die Visegrád-Staaten spinnen den Faden, gründen über­re­gio­nale kultu­relle und wirt­schaft­liche Projekte, es werden endlich die infra­struk­tu­rellen Netze ausge­baut, sie schützen gemeinsam die EU-Grenzen und enga­gieren sich für einander in der euro­päi­schen Politik. Auf dem V4-Gipfel im Februar 2019 habe ich die Frau Kanz­lerin gesehen, als sie zwischen den vier Minis­ter­prä­si­denten herum­stand, ihren konser­va­tiven Hand­kuss duldete, nickte und alles bejahte. Es ist immer gut, uns auf die erfolg­reiche Seite zu stellen, Deutsch­land gehört geogra­phisch letzend­lich zu Mittel­eu­ropa. Die Herren waren sehr höflich ihr gegen­über, aber möchten ihre erreichten Posi­tionen und die zusam­men­hal­tende männ­liche Freund­schaft wohl behalten. Obwohl Deutsch­land mit zwei weiteren Meeren zu Örkénys Traum beitragen könnte!

Nach Örkénys absurder Version würde es in Europa eine Nieder­rhei­ni­sche Unga­ri­sche Repu­blik geben, „deren Bewohner keine Ungarn sind, sondern schäbig geklei­dete, armse­lige Nieder­rhein­länder.” Örkény hat nicht geschrieben, ob diese Nieder­rhein­länder Deut­sche seien. Er hätte dies auch nicht schreiben können, weil das Wort „Wirt­schafts­mi­grant” in den 60er Jahren, als das Funda­ment des Sozia­lismus gerade gelegt wurde, noch nicht bekannt war. Die vor den Retor­sionen von 1956 geflüch­teten Ungarn nannte man Dissi­denten. In diesen Zeiten sickerten die türki­schen Gast­ar­beiter nach Deutsch­land ein, und wie die Benen­nung zeigt, kamen sie zu Gast, also kurz­zeitig. Heute haben 25 Prozent der Bevöl­ke­rung einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund und gemäß des UNO-Berichts ist Deutsch­land das am dritt­meisten von Migranten bewohnte Land der Welt. Noch dazu hat es auch die zweit­äl­teste Gesell­schaft der Welt, das deut­sche Durch­schnitts­alter liegt bei 44 Jahren. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wenn ich an die wirt­schaft­li­chen Daten denke. Die deut­schen Wirt­schafts­ex­perten haben schon die Frage gestellt: Wird unser Land der kranke Mann Europas?

Nach Örkény werden die schä­bigen Nieder­rhein­länder ihr Land Nieder­rhei­ni­sche Unga­ri­sche Repu­blik nennen. Aus Aber­glauben, denn

„es lässt sich nicht beschreiben, wie schön es sein wird, Ungar zu sein! Viel­leicht genügt es zu sagen, dass sich der Name ’magyar’ in diesen 115 Jahren zum Verb verwan­delt. Dieses Verb wird in allen leben­digen Spra­chen exis­tieren, und es wird in jeder Sprache eine posi­tive Bedeu­tung haben.”

Sei es so! Schade, dass ich diese Zukunft nicht mehr erleben kann.


Dr. phil. Irén Rab ist Kulturhistorikerin

 
Dieser Beitrag erschien zuerst bei UNGARNREAL, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


1 Kommentar

  1. “ Heute haben 25 Prozent der Bevöl­ke­rung einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund und gemäß des UNO-Berichts ist Deutsch­land das am dritt­meisten von Migranten bewohnte Land der Welt. “ Migra­ti­ons­hin­ter­grund ist eine statis­ti­sche Fest­le­gung : zum Unter­schied : in Deutsch­land zählt als Migrant auch eine Kind , wenn ein Eltern­teil auch Deut­scher ist. In Öster­reich zählt aber ein Kind mit einem Eltern­teil Österreicher/in nicht als Migrant . Und ein wesent­li­cher weiterer Teil dieser Statistik : bis 1949 sind die aus den ehema­ligen östli­chen Teilen Deutsch­land und den weiteren östli­chen Ländern nach Deutsch­land gekom­menen Deut­schen noch Flücht­linge und danach erhalten auch diese die Bezeih­nung „Migrant“ . Es muß doch ein Unter­schied sind , wenn ein Deutsch­stäm­miger , der auch sofort den deut­schen Pass bekommt, hier in Deutsch­land ankommt und ein anderer Mensch aus irgend einem anderen Land.

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