Lorenzo Fontana (Lega): „Ungarn ist unser Bezugspunkt“

Lorenzo Fontana · Foto: Márton Ficsor / Mandiner

Der Globa­lismus will uns wurzellos, tradi­ti­onslos und kulturlos machen, und die Rechte muss deshalb den Kultur­kampf aufnehmen, sagt Lorenzo Fontana, der stell­ver­tre­tende Gene­ral­se­kretär der italie­ni­schen Lega und ehema­lige Minister für euro­päi­sche Angelegenheiten.

Mátyás Kohán, Jour­na­list bei Mandiner, unserem unga­ri­schen Medi­en­partner, sprach mit Lorenzo Fontana.

Lorenzo Fontana (*1980, Verona) ist stell­ver­tre­tender Gene­ral­se­kretär der italie­ni­schen Lega für auswär­tige Ange­le­gen­heiten, Mitglied des italie­ni­schen Parla­ments, ehema­liges Mitglied des Euro­päi­schen Parla­ments und ehema­liger Minister für Familie und danach Minister für euro­päi­sche Ange­le­gen­heiten in der ersten Regie­rung Giuseppe Conte.

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Am Donnerstag traf sich der Gene­ral­se­kretär der Lega, Matteo Salvini, in Buda­pest mit dem unga­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten Viktor Orbán und dem polni­schen Regie­rungs­chef Mateusz Mora­wi­ecki. Wie wurde das Treffen in Ihrer Partei aufgenommen?

Es war ein großer Erfolg – zum einen, weil wir die Möglich­keit hatten, uns mit zwei Minis­ter­prä­si­denten auszu­tau­schen, und zum anderen, weil in unserem Land, für unsere Wähler und unsere Unter­stützer, Ungarn und Polen zwei wich­tige Länder sind, die Europa genau so verän­dern wollen wie wir. Jeder erwartet, dass wir gemeinsam etwas Wich­tiges für die Zukunft tun können, dass wir versu­chen können, die Euro­päi­sche Union zu verändern.

Und wie war die Reak­tion seitens der anderen italie­ni­schen Parteien?

Sicher­lich sind viele Menschen besorgt – nicht nur in Italien, sondern auch in Europa -, dass wir eine Alter­na­tive zur derzei­tigen Euro­päi­schen Union anbieten wollen, insbe­son­dere zur Euro­päi­schen Volks­partei, die einige ihrer ursprüng­li­chen Grund­lagen verloren hat. Europa basiert auf christ­li­chen Wurzeln, aber sie wurden wegge­rissen. Dann gibt es den Schutz der Grenzen, der kleinen und mitt­leren Unter­nehmen, den Schutz lokaler Tradi­tionen… Die Schön­heit Europas liegt gerade in seiner Kultur, in seinen kultu­rellen Unter­schieden, in seinem gegen­sei­tigen Respekt für die Kulturen.

Wenn die EU tota­litär wird, wird es gefährlich.

Wir wissen, dass sich die sozia­lis­ti­sche Menta­lität im Vergleich zu der Art und Weise, wie sie sich leider vor vielen Jahren in Ungarn und Italien mani­fes­tiert hat, nicht sehr verän­dert hat. Wir wissen, dass es gefähr­lich wird, wenn wir dem nicht Einhalt gebieten.

Lorenzo Fontana · Foto: Márton Ficsor / Mandiner

Minis­ter­prä­si­dent Orbán sprach von einer Renais­sance der euro­päi­schen Rechten. Wie sehen Sie die Rolle Ungarns bei dieser Renaissance?

Ungarn ist sehr wichtig. Ich komme aus einer Region, Vene­tien, die auch Teil der Monar­chie war. Für uns ist Ungarn als Teil der ehema­ligen öster­rei­chisch-unga­ri­schen Monar­chie von großer histo­ri­scher Bedeu­tung. Ungarn hat bei uns immer eine gewisse Anzie­hungs­kraft, einen gewissen Respekt in kultu­reller und histo­ri­scher Hinsicht gehabt. Wir haben immer gedacht, dass Ungarn ein großes Poten­zial hat.

Mir gefällt beson­ders die Stärke des unga­ri­schen Volkes und von Viktor Orbán:

Während er zur Vertei­di­gung seines Volkes vorrückt, kämpft er gleich­zeitig gegen alle. Das wird in Italien, beson­ders in meiner Region, sehr geschätzt. Nur weil alle Main­stream-Medien Ungarn angreifen, heißt das nicht, dass die Menschen Ungarn nicht respek­tieren. Das passiert in Ungarn wohl genauso wie bei uns.

West­eu­ropa hat äußerst ernste Iden­ti­täts­pro­bleme – vor ein paar Wochen wurde berichtet, dass in Frank­reich Imame aufge­for­dert werden, für Homo­se­xua­lität zu werben… Wie können sich die Kräfte der euro­päi­schen Rechten zusam­men­schließen, um die LGBTQ-Propa­ganda zu bekämpfen?

Das ist gar nicht so einfach, denn wir spre­chen über eine Ideo­logie, die dem Tota­li­ta­rismus des zwan­zigsten Jahr­hun­derts sehr ähnlich ist. Was wir um uns herum sehen, der poli­tisch korrekte Globa­lismus, ist eine neue Form des Tota­li­ta­rismus. Deshalb müssen sich alle Kräfte für die Vertei­di­gung der Iden­tität auf euro­päi­scher, aber auch auf globaler Ebene zusam­men­schließen. Als Vertei­diger der Iden­tität müssen wir den Globa­lismus in jedem System bekämpfen, wo wir können.

Der erste Schritt ist, sich zusam­men­zu­schließen, um eine kriti­sche Masse zu werden,

was deut­lich macht, dass dieser neue Tota­li­ta­rismus, der unter dem Vorwand, als Rechte auszu­geben, was gar keine Rechte sind, voran­schreitet, von einer großen Zahl von Menschen abge­lehnt wird. Sie versu­chen, uns als die „Bösen“ hinzu­stellen, während wir nichts weiter als das fried­liche Leben vieler Bürger verteidigen.

In Ungarn wird der Kampf gegen die Gender-Theorie mit beson­derer Kraft geführt, auch auf Regie­rungs­ebene. Was denken Sie darüber und wie laufen diese Debatten in Italien?

Aus meiner Sicht ist es ein Versuch, die Familie und alle, die in fami­liären Bindungen leben, zu zerstören. Ich denke, dass der Globa­lismus, dieser neue Tota­li­ta­rismus, die Menschen einsam, allein­ste­hend, ohne fami­liäre oder gemein­schaft­liche Bindungen machen will: indi­vi­dua­lis­tisch, nur auf Produk­tion und Konsum ausge­richtet, nihi­lis­tisch, nur von unmit­tel­barem, flüch­tigem Vergnügen getrieben und völlig ohne Werte. Aber:

Es gibt keine Zukunft für dieses Menschen­bild! Dieses Modell ist selbstzerstörerisch.

Unsere Gesell­schaft basiert auf den Werten der Familie, der Gemein­schaft, der Soli­da­rität und der gegen­sei­tigen Hilfe, nicht auf den Werten des Ultra-Kapi­ta­lismus oder dieses Globa­lismus, der uns wurzellos, tradi­ti­onslos und kulturlos machen will. Ein solcher Mensch ist leichter zu formen, leichter zu kontrol­lieren. Bei der Gender-Theorie geht es eindeutig um diesen Kampf, sie reprä­sen­tiert eine völlig andere Vision von Mann und Familie. Ohne Fami­lien und Nach­kommen hat ein Land jedoch keine Zukunft.

Lorenzo Fontana · Foto: Márton Ficsor / Mandiner

Wie kann ange­sichts all dessen eine Mehr­heit im Euro­päi­schen Parla­ment und in der euro­päi­schen Öffent­lich­keit erreicht werden?

Ich denke, dass es in erster Linie einen Kultur­kampf geben muss. Aus kultu­reller Sicht müssen wir akzep­tieren, was wir als den rich­tigen Weg für die Gesell­schaft sehen. Wir brau­chen Orga­ni­sa­tionen, die die Linke und die Globa­listen bereits haben, die in die Medien, in die Schulen, in die Bildung gehen und der jungen Genera­tion klar machen, was die falschen Ideen sind, die nicht nur nirgendwo hinführen, sondern auch zur Selbst­zer­stö­rung der Gesell­schaft führen.

Der Kampf muss immer zuerst von einem philo­so­phisch-kultu­rellen Stand­punkt aus gewonnen werden.

Die Politik ist der letzte Schritt, sie macht nur real, was in der Kultur geschaffen werden muss. Wir haben noch viel zu tun in der Frage der Kultur, in der Frage der Philo­so­phie. Es ist kein Zufall, dass ich immer noch an der Univer­sität studiere und bald meinen dritten Abschluss in Philo­so­phie machen werde.

Wie führt die Lega diesen Kultur­kampf in Italien?

Ich selbst gebe oft Trai­nings­kurse für junge Leute aus der Lega und anderen Gruppen, und wir helfen und fördern unsere Intel­lek­tu­ellen, denn das sind immer die Leute, die von den Linken boykot­tiert werden, die keine Möglich­keit haben, für die großen Zeitungen zu schreiben, keine Möglich­keit, berühmt zu werden, Bücher zu verkaufen. Und wir müssen einen Weg finden, dass diese Menschen wert­ge­schätzt werden. Das ist auf der rechten Seite sehr schwierig. Auf der linken Seite skiz­zierte Antonio Gramsci, der große italie­ni­sche kommu­nis­ti­sche Philo­soph, die Notwen­dig­keit der Über­nahme von Kultur, Schulen und öffent­li­cher Verwal­tung in Italien. Diese Lehre ist an vielen Orten in Europa befolgt worden, und nun müssen auch wir unseren eigenen Gram­scia­ni­schen Akti­ons­plan entwi­ckeln, Intel­lek­tu­elle unter­stützen, sie fördern, ihnen helfen, die öffent­liche Meinung zu formen. Das ist es, was ich versuche zu tun.

Es gibt ein schwie­riges Thema im Prozess der Bünd­nis­bil­dung auf der euro­päi­schen Rechten – die Frage der Russen. Die Polen sind stark anti­rus­sisch einge­stellt, während es in Ungarn etwas mehr Sympa­thie gibt. Wie steht die Lega zu diesem Thema?

Es ist ganz klar, dass sich Europa nicht aus seiner atlan­ti­schen Posi­tion, aus dem Bündnis mit den Verei­nigten Staaten zurück­ziehen kann. Das ist klar. Was mich betrifft, so müssen wir uns jedoch, wenn es um Russ­land geht, bemühen, es uns nicht zum Feind zu machen. Es besteht die Gefahr, dass, wenn wir zu viel Feind­se­lig­keit gegen­über Russ­land schüren, dieses in die Arme der Chinesen getrieben wird.

Und die zukünf­tige Macht, die mir zu Recht Sorgen macht, aber auch Europa und die USA, ist China.

China ist tota­litär, kommu­nis­tisch und, wenn man so will, ein Aushän­ge­schild für den Globa­lismus: Es ist frei von funda­men­talen Werten und hat das Poten­tial, jede unserer Volks­wirt­schaften zu zerstören. Deshalb verfolgen wir unse­rer­seits einen prag­ma­ti­schen Ansatz gegen­über Russ­land. Wenn es aggressiv ist, werden wir uns dagegen wehren, aber wir werden darauf achten, dass wir in geschäft­li­cher Hinsicht eine gute Bezie­hung aufrecht erhalten. Diese müssen wir beibe­halten, damit Russ­land nicht in die Fänge Chinas gerät, was für die Sicher­heit Europas kata­stro­phal wäre. Mir ist bewusst, dass es hier nicht so sehr um Sympa­thie für die Russen gibt, schon aus histo­ri­schen Gründen – aber das ist ein ideo­lo­gi­scher Ansatz. Wir arbeiten daran, unseren Ansatz prag­ma­tisch zu gestalten und berück­sich­tigen dabei die Dynamik der Geopo­litik – die uns in Zukunft in schlim­mere Situa­tionen führen könnte. Ich denke im übrigen, dass am vergan­genen Donnerstag eine intel­li­gente Posi­tion gegen­über Russ­land einge­nommen wurde. Es ist eben keine Liebes­be­zie­hung, aber wir sind uns bewusst, dass wir clever sein und die Chancen nutzen müssen.

Die Lega ist nun Teil einer tech­ni­schen Koali­tion, die vom ehema­ligen EZB-Präsi­denten Mario Draghi geführt wird. Was können wir von einer Draghi-Regie­rung, die auch von der Lega unter­stützt wird, in Bezug auf Einwan­de­rung und Außen­po­litik erwarten, insbe­son­dere in Bezug auf Ungarn?

Was für Ungarn zu erwarten ist, kann man ab vergan­genen Donnerstag bereits sehen.

Für uns ist Ungarn ein Bezugs­punkt und Minis­ter­prä­si­dent Orbán ist ein guter Freund; er hat uns immer unter­stützt, deshalb respek­tieren und schätzen wir ihn.

Zur Einwan­de­rungs­po­litik: Die Lega ist in dieser Koali­tion genau deshalb, um zu versu­chen, all diese vom Staat getrof­fenen poli­ti­schen Maßnahmen zu beein­flussen. Wir hatten zwei Möglich­keiten: entweder wir treten in die Regie­rung ein und versu­chen, sie nach unseren eigenen Über­zeu­gungen zu beein­flussen; oder wir bleiben draußen und über­lassen die Regie­rung den Linken. Statt­dessen wollten wir von innen heraus kämpfen, um nicht alles der Linken zu über­lassen, deren Politik in den letzten andert­halb Jahren, wie schon zuvor, eine Kata­strophe war. Natür­lich sind wir nicht glück­lich – und ich bin beson­ders nicht glück­lich, dass wir bei den Sozia­listen sind – aber es war die einzige Möglich­keit, unserer Stimme Gehör zu verschaffen, auch in Bezug auf die Einwan­de­rungs- und Außenpolitik.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei MANDINER, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


1 Kommentar

  1. Mit dem eigent­li­chen Gegner stra­te­gisch zu koalieren, kann ein letzter Anker­ver­such sein, wenn es darum geht, einem endgül­tigen Abdriften noch bedingt entge­gen­zu­wirken. Es ist ein Mittel, den Verlust des Eigenen zu bremsen. Unsere Iden­tität werden wir damit lang­fristig kaum bewahren oder wieder­erlangen können. Dennoch ist es die viel­leicht letzte Option der Lega.
    Gramsci und seine Brut hatten bis zum jetzigen Zeit­punkt gut 100 Jahre Zeit. Das sind 100 Jahre gesam­melter Versäum­nisse seitens der Konservativen.

    Um nun einen Gang durch die Insti­tu­tionen zu beginnen, ist es bereits um Jahr­zehnte zu spät. Auch wenn es konser­va­tivem Denken zutiefst wider­strebt, so müßte der Zug vermut­lich zunächst entgleisen, um eine Kurs­än­de­rung zu errei­chen. Für ein Zurück ist er schon zu lange abgefahren.

    Das Bestehende werden wir mit konser­va­tiven Mitteln oder gar aus eigener Kraft nicht bewahren können, und schon gar nicht werden wir das Gewe­sene wieder­erlangen. Ein konser­va­tiver Umsturz ist nun mal reinste Kontra­dik­tion, besten­falls eine Utopie.

    Wenn ich mir die Wahl­er­geb­nisse betrachte, und das ganz beson­ders unter Jung­wäh­lern sowie ganz allge­mein unter den so selbst­herr­li­chen „Nicht­wäh­lern“, dann fällt es oft schwer, mich dem Sog zu entziehen, an dessen Grund es lautet:

    …Bald riecht es nach Leichen, das Leben wird weichen,
    vorbei ist das Denken und Reden;
    möge das Rest­licht für uns noch reichen,
    Kadaver im Garten Eden. 

    Und trotz alledem, wir machen weiter!!
    Die nächste Demo kommt – ius ad bellum

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