Luthers Echo in Sieben­bürgen: 500 Jahre seit dem Reichstag zu Worms

Martin Luther auf dem Reichstag in Worms, Holzstatue in Bistritz, geschnitzt aus gebeiztem Hartholz. Der Sockel trägt den legendären Ausspruch als Inschrift: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.“ Über das nahezu lebensgroße Standbild Martin Luthers aus der Evangelischen Stadtpfarrkirche gibt es in Bistritz eine Legende, die besagt, dass es von einem französischen Kriegsgefangenen während des Ersten Weltkriegs geschnitzt worden sei, der es dann der Kirchengemeinde geschenkt habe. Tatsache ist (laut Eintrag im Inventar der Kirchengemeinde), dass das Standbild vom Tiroler Bildhauer Albino Pitscheider (1877-1962) im Jahr 1916 geschaffen wurde und eine Stiftung des sächsischen Bürgermeisters von Bistritz ist. Fotograf: Martin Eichler, München

Von Ulrich A. Wien

Die Sieben­bürger Sachsen über­nahmen die Refor­ma­tion aus Witten­berg. Schon sehr früh – um 1520 – und seitdem bis in die Gegen­wart fanden Luthers Schriften und Gedanken in Sieben­bürgen nach­hal­tigen Wider­hall. Neben Luther gilt vor allem Melan­chthon als Impuls­geber. Dessen Schüler, Damasus Dürr, der Pfarrer von Klein­pold, zählte seine Gemeinde um 1570 zu den „lutri­schen“. Schon 1565 haben sich die Sachsen an der Confessio Augustana orien­tiert, und auch die Glau­bens­formel von 1572 lehnte sich an diese an. Aller­dings entfal­tete sich die refor­ma­to­ri­sche Bewe­gung, sodass unter­schied­liche Rich­tungen sich auf Melan­chthon beriefen.

Der Landtag beschloss 1568 Verkün­di­gungs­frei­heit und verstärkte die bestehenden Tendenzen protes­tan­ti­scher Viel­falt. Schließ­lich beschloss der Landtag 1595 in Weißen­burg offi­ziell die Garantie der erreichten Mehr­kon­fes­sio­na­lität und etablierte Sieben­bürgen als Pionier­re­gion der Reli­gi­ons­frei­heit. Seit dem Beitritt zum Luthe­ri­schen Welt­bund vor fast 60 Jahren gehört die Evan­ge­li­schen Landes­kirche A. B. in Rumä­nien zum großen Welt­ver­band der Luthe­raner. Diese Konfes­si­ons­fa­milie geht zurück auf Wirken und Ausstrah­lung des Refor­ma­tors Martin Luther und der Witten­berger Refor­ma­tion im 16. Jahrhundert.

Am 17./18. April 1521 kam es zu einer welt­ge­schicht­li­chen Begeg­nung am Rande des Wormser Reichs­tags, wie sie unge­wöhn­li­cher hätte kaum sein können. Martin Luther, der inzwi­schen äußerst popu­läre Univer­si­täts­pro­fessor einer „am Rande der Zivi­li­sa­tion“ gele­genen, erst kürz­lich begrün­deten Landes­uni­ver­sität Witten­berg und Best­sel­ler­autor, war vom Reichs­he­rold nach Worms geholt worden. Der jüngst vom Papst als Ketzer gebannte Mönch trat im Bischofshof vor Kurfürsten, Poli­tiker und Zaun­gäste, vor allem aber vor den Univer­sal­mon­ar­chen – Karl V. (1500–1558).

Luthers Idee

Luthers Reise nach Worms hatte einem Triumphzug gegli­chen; überall war er erwar­tungs­voll aufge­nommen und zum Predigen aufge­for­dert worden. Die Reichs­stände befürch­teten Aufruhr. Aber Luther ging es nie um gesell­schaft­liche Revo­lu­tion. Seine Analyse sollte „zum Kern der Nuss“ vorstoßen! Er wollte eine Kirchen­re­form oder Refor­ma­tion: Ein Leben in der Nach­folge Jesu wie im Urchris­tentum. Sein Ziel war bedin­gungs­loses und konse­quentes Vertrauen in die Gnade Gottes, die sich im stell­ver­tre­tenden Sühnetod des Heilands Jesus Christus am Kreuz auf Golgatha offen­bart hatte. Intel­lek­tuell redlich sollte diese unmit­tel­bare Bezie­hung zwischen Mensch und dem gnädigen Gott sein. Glauben war Vertrauen in Gottes Zusage, die nur dann Heils­ge­wiss­heit begrün­dete, wenn sie auch mit vernünf­tigen Gründen und dem bibli­schen Zeugnis in Deckung zu bringen war. Inhalt der Verkün­di­gung war für Luther das reine und lautere Evan­ge­lium. Und es galt allen Menschen, wofür ganz beson­ders die Bibel in die jewei­lige Mutter­sprache über­setzt werden musste.

Seiten­schiff mit Luther-Gemäde und der Inschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“, Evan­ge­li­sche Kirche in Helds­dorf. Foto: Martin Eichler, München

Auftritt vor Kaiser und Reich

Luther hoffte, dass ihm der huma­nis­tisch gebil­dete und reform­theo­lo­gisch erzo­gene Herr­scher auf dem Wormser Reichstag eine ange­mes­sene Diskus­si­ons­at­mo­sphäre für seine theo­lo­gi­schen Reform­an­sätze ermög­li­chen würde. Für ihn über­ra­schend wurde er aller­dings am ersten Abend ohne Umschweife und bedin­gungslos aufge­for­dert zu wider­rufen. Erst am nächsten Tag gelang es Luther, mit einer über­zeu­genden Rede die Propa­gan­da­ho­heit zu erlangen. Mit Freimut stellte er sich vor das Audi­to­rium und berief sich auf sein subjek­tives Gewissen: „gefangen im Gewissen an dem Wort Gottes, derhalben ich nicht mag noch will wider­rufen, weil wider das Gewissen zu handeln beschwer­lich, unheilsam und gefähr­lich ist. Gott helfe mir! Amen.“ Einen großen Teil der Zuhörer hatte Luther mit seiner Rede für sich einge­nommen, und auch außer­halb des Saales machten die Menschen „ain gros geschrai“. Es folgte eine „Welle der Luther­be­geis­te­rung“ (Heinz Schil­ling), die mit weiteren Flug­schriften in der Folge­zeit die öffent­liche Meinung domi­nierte. Die „causa Lutheri“, die Luther-Sache, die eigent­lich auf einem Neben­schau­platz des Reform-Reichs­tags abge­han­delt werden sollte, bestimmte im Nach­hinein das histo­ri­sche Bild des Wormser Reichs­tags von 1521.

Doch Luther hatte den Herr­scher Karl V. nicht über­zeugt. Auch dieser konnte nicht anders. Denn seine univer­salen, poli­ti­schen Pläne konnte er nur mit einer die gesamte Chris­ten­heit umfas­senden „Katho­li­zität“, einer einheit­li­chen welt­an­schau­li­chen Basis errei­chen. Auch er berief sich auf sein Gewissen, auf sein Majes­täts­be­wusst­sein, das auf objek­tiven Insti­tu­tionen und Tradi­tionen grün­dete, um das habs­bur­gi­sche Zukunfts­mo­dell Europas voran­zu­treiben: Plus ultra – immer weiter, so sein Motto.

Politik der Habsburger

Der neue deut­sche König, der erwählte Kaiser Karl V. hielt in Worms seinen ersten Reichstag auf deut­schem Boden ab. Er war gerade 21 Jahre jung, in Burgund aufge­wachsen, bereits regie­render Herr­scher über Spanien und dessen Welt­reich (bis nach Mittel- und Südame­rika). Im Heiligen Römi­schen Reich deut­scher Nation – einer Wahl­mon­ar­chie – hatte er sich erfolg­reich bei der Königs­wahl durch­ge­setzt. Damit schien er der von Gott auser­wählte Welt­herr­scher werden zu können. Aber mit diesem Konzept sowie der konkreten, über­dehnten Herr­schaft ist er geschei­tert – auch wegen der verlo­renen reli­giösen Einheit, die der rastlos reisende Kaiser benö­tigt hätte, aber durch seine auf diversen Kriegs­schau­plätzen verzet­telte Energie verspielte. Nach der Königs­wahl war er im Oktober 1520 in Aachen zum deut­schen König gekrönt und bestieg als Nach­folger seines Groß­va­ters Maxi­mi­lian den Thron. Dieser hatte zu Lebzeiten ein Europa über­span­nendes Netz von Heirats­ver­bin­dungen einge­fä­delt. Die Habs­bur­ger­dy­nastie hatte unver­hofft viel Glück: Überall trat zu ihren Gunsten der Erbfall ein (gemäß dem berühmten Satz: tu felix Austria nube / du glück­li­ches Öster­reich heirate). Kriege führten sie im 16. Jahr­hun­dert trotzdem – in jahr­zehn­te­langer Konkur­renz zu Frank­reich (auch in Italien) und zu den Osmanen (auch in Afrika und auf dem Balkan). In Ungarn trat 1526 nach dem Schlach­tentod König Ludwigs II. Jagiello der Erbfall ein. Aber eine klas­si­sche Doppel­wahl trübte den poli­ti­schen Erfolg der Heirats­po­litik ein; gekrönt wurde zunächst der Konkur­rent, der sieben­bür­gi­schen Woiwode Johann Szapo­lyai: „Hans kunig“ so eine Quelle. Erst mit einmo­na­tiger Verspä­tung wurde im Dezember 1526 der Habs­burger Ferdi­nand, der Bruder Karls V., gewählt. Weil sich Szapo­lyai 1528/29 frei­willig den Osmanen unter­warf, konnte er mit deren Unter­stüt­zung seinen Herr­schafts­raum in Ungarn erhalten. Schließ­lich blieb Ungarn drei­ge­teilt: Den Westen und Norden beherrschten die Habs­burger mit König Ferdi­nand, das Zentrum regierten die Osmanen direkt. Der östliche Bereich, das histo­ri­sche Sieben­bürgen (mit ange­glie­derten Teilen im Nord­westen, den Partes adnexae), bildete das neuge­bil­dete Fürs­tentum Sieben­bürgen. Jede poli­tisch privi­le­gierte Gruppe bildete eine natio: Das waren die natio des unga­ri­schen Adels, die natio der Szekler und die natio der „Saxones“ auf Königs­boden (zusam­men­ge­fasst in der Nati­ons­uni­ver­sität der Sachsen). Alle drei Gruppen oder Nationen bildeten einen Regie­rungs­ver­band: eine unio trium nati­onum. Diese Art „Stän­de­mon­ar­chie“ oder „Bundes­staat“ wählte den Woiwoden bzw. Fürsten und regierte mit diesem zusammen auf Land­tagen und mit der Regie­rungs­kanzlei in Weißen­burg (Alba Iulia).

Erste Reak­tionen in Hermannstadt

In den Jahren nach 1520 erreichten Ideen der Witten­berger Refor­ma­tion das gebil­dete Bürgertum und Patri­ziat in Hermann­stadt. Diese hatten Händler (wohl von der Leip­ziger Messe) in gedruckten Schriften impor­tiert. Die Quellen berichten über Reak­tionen in der Bevöl­ke­rung, in den rats­füh­renden Schichten, bei den irri­tierten Geist­li­chen, aber auch bei den Menschen in umlie­genden Dörfern. Zettel mit spöt­ti­schen Versen gegen die bishe­rige Reli­gi­ons­praxis von Prozes­sionen oder geist­li­chen Bruder­schaften wurden an die Kirchen­türen geheftet. Ande­rer­seits sind mutter­sprach­liche Predigten in Privat­häu­sern gehalten worden, in denen auch deut­sche (evan­ge­li­sche) Lieder gesungen wurden. Vermut­lich haben auch evan­ge­li­sche Predigten in den Neben­kirche der Stadt statt­ge­funden. Dazu kam ein Kirchen­streik gegen den Priester in Baum­garten (Bongard) bei Schel­len­berg. Außerdem beun­ru­higte die nach­las­sende Bereit­schaft, für kirch­liche Zwecke zu stiften oder in Testa­menten entspre­chende Bestim­mungen zu treffen, die kirch­liche und welt­liche Obrig­keit. 1525/26 erreichten schließ­lich die Gegen­re­ak­tionen von obrig­keit­li­cher Seite ihren ersten Höhe­punkt: Auch vom unga­ri­schen König wurden den „Luthe­ra­nern“ strenge Strafen ange­droht. Im August 1526 wendete sich das Blatt: Die unga­ri­sche Elite (inklu­sive der mitkämp­fenden Bischöfe) war auf dem Schlacht­feld bei Mohács fast voll­ständig ausge­löscht worden. Daher über­la­gerten ausein­an­der­stre­bende und sich in einem Bürger­krieg äußernde poli­ti­sche Inter­essen die reli­giösen Kontro­versen. Die refor­ma­to­ri­sche Bewe­gung in Hermann­stadt „versan­dete“ (Adolf Schul­lerus). Eine offi­zi­elle Einfüh­rung der Refor­ma­tion wie beispiels­weise in den Reichs­städten Süddeutsch­lands unter­blieb. So ist zwar eine poli­ti­sche Dele­ga­tion zum Reichstag 1530 nach Augs­burg geschickt worden. Deren Auftreten ist in den Reichs­tags­pro­to­kollen aber nicht erwähnt; und die Verle­sung der Confessio Augustana hat sie verpasst, weil sie erst danach vor Ort eintraf.

Unter­schwel­lige Entwicklungen

Doch die Ideen blieben weiterhin unter der Ober­fläche wirksam. Erste Studenten aus Sieben­bürgen studierten an der Univer­sität Witten­berg. Der spätere Rats­herr und Refor­mator Kron­stadts, Johannes Honterus, hatte im Ausland (Regens­burg, Krakau und Basel) höchst­wahr­schein­lich bis 1532 die refor­ma­to­ri­sche Bewe­gung kennen­ge­lernt und impor­tiert. Kron­stadt wurde für die offi­zi­elle Einfüh­rung der Refor­ma­tion in Sieben­bürgen entschei­dend: Sie ist die aller­erste Stadt des christ­li­chen, d. h. evan­ge­li­schen Europas, über der die Sonne aufgeht, schreibt Johannes Honterus selbst­be­wusst in seiner Kosmo­gra­phie. Der Rat von Kron­stadt ergriff 1542 die Initia­tive. Als Motiv zur Kirchen­besse­rung wurde auch die Kritik der ortho­doxen Gemeinden und Gläu­bigen an der west­kirch­li­chen Reli­gi­ons­praxis erwähnt. Damit erfolgte ein nicht unwe­sent­li­cher Verweis auf die Mehr­kon­fes­sio­na­lität, die in dieser Über­lap­pungs­zone von Ost- und West­kirche bereits längst exis­tierte. 1543 wurden die wich­tigsten Drucke veröf­fent­licht (Refor­matio Coro­nensis eccle­siae, Consti­tutio Scholae Coro­nensis, Gesang­buch), und die huma­nis­ti­sche Stadt­re­for­ma­tion ergriff von Kron­stadt aus die gesamte Nati­ons­uni­ver­sität. Beson­ders die beiden ersten Super­in­ten­denten Paul Wiener und Matthias Hebler haben Luthers Theo­logie im Einfluss­be­reich der Nati­ons­uni­ver­sität dauer­haft veran­kert. Der Sieg der Osmanen in Buda am 29. August 1541 hatte – mit kleinen Unter­bre­chungen – die anti­re­for­ma­to­ri­sche Politik der Habs­burger für 150 Jahre gestoppt. Im Einfluss­be­reich des Osma­ni­schen Reiches mussten die Anhänger einer „Reli­gion des Buches“ zwar Sonder­ab­gaben leisten, aber die Hohe Pforte hielt sich meis­tens aus den internen reli­giösen Ange­le­gen­heiten der nicht-musli­mi­schen Unter­tanen heraus. Es entstand das den Osmanen souzeräne und tribut­pflich­tige Fürs­tentum Sieben­bürgen. In ihm entwi­ckelte sich inner­halb der kommenden fünf Jahr­zehnte eine „Pionier­re­gion der Religionsfreiheit“.

Vor der Schwarzen Kirche in Kron­stadt befindet sich das Denkmal für Johannes Honterus, 1898 vom Berliner Bild­hauer Harro Magnussen geschaffen. Honterus (1498–1549) war der bedeu­tendste sieben­bür­gi­sche Huma­nist und Refor­mator. Er bewirkte den Wechsel der Sieben­bürger Sachsen zum evan­ge­li­schen Glauben. Auch als Refor­mator des Schul­we­sens und als Verleger war er von großer Bedeu­tung. Foto­graf: Martin Eichler, München

Refor­ma­tion in Kron­stadt 1542/43

Witten­berg war das früheste und entschei­dende Ausstrah­lungs­zen­trum für die Refor­ma­tion in Sieben­bürgen. Dieses „Importgut“ wurde fast zeit­gleich als „Exportgut“ sogar in die rumä­ni­sche und unga­ri­sche Sprache über­setzt. Neben Martin Luther und dem Witten­berger Stadt­pfarrer Johannes Bugen­hagen befür­wor­tete auch Philipp Melan­chthon (1497–1560) die Kron­städter Refor­ma­tion schrift­lich. Vor allen anderen Refor­ma­toren war der huma­nis­ti­sche Gelehrte und Bildungs­ex­perte „Melan­chthon als Impuls­geber“ (Armin Kohle) jahr­zehn­te­lang die wich­tigste refor­ma­to­ri­sche Persön­lich­keit für Sieben­bürgen. Die Refor­matio Coro­nensis eccle­siae wurde in Witten­berg sofort nach­ge­druckt mit einem Vorwort von Melan­chthon. Auch die Schul­ord­nung nahm Melan­chthons Ideen (dem Nürn­berger Modell folgend) auf. Dadurch wurde die bereits jahr­hun­der­te­lange enge Verbin­dung von Schule und Kirche nun auf eine solide und bis ins 20. Jahr­hun­dert fort­dau­ernde Basis gestellt. Denn die Witten­berger Refor­ma­tion war nicht zuletzt eine Bildungs­be­we­gung. Luther hatte für ein allge­meines Schul­wesen, sogar für Mädchen­bil­dung in einer Flug­schrift an die „Rats­herrn aller Städte deut­sches Landes“ plädiert. Darüber hinaus wurden seine Kate­chismen welt­weit gelesen und gelernt. Honterus berei­tete mit der 1539 in Kron­stadt begrün­deten Druckerei der Refor­ma­tion die Bahn. Dort wurden zunächst huma­nis­ti­sche Schul­bü­cher gedruckt. Anschlie­ßend verließen kirch­liche Reform­texte, Kate­chismen und Agenden sowie Gesang­bü­cher die Drucker­presse und wurden verbind­lich gemacht.

Bemer­kens­wert ist die spiri­tu­elle Offen­heit der Kron­städter Refor­ma­tion. Obwohl sie sich gene­rell am Witten­berger Vorbild ausrich­tete, ging sie eigene Wege. Die Refor­ma­tion war auch eine Sing­be­we­gung und fand beson­ders durch die vielen neuen reli­giösen Lieder und Gesang­bü­cher lebhafte Aufnahme und Verbrei­tung in der breiten Masse der Bevöl­ke­rung. Lieder wurden vor allem zum auswendig gelernten Glau­bensgut und tief verin­ner­lichten Seel­en­trost. Obwohl es schon rund 20 Jahre Witten­ber­gi­sche Lied­tra­di­tion gab, entschied sich Kron­stadt zunächst anders. Es behielt seinen eigenen Gesang­buch­schatz konse­quent bei und druckte ihn in späteren Gesang­buch­aus­gaben immer wieder nach. Das erste Gesang­buch (1543) von Andreas Moldner zeigt eine eigen­ge­ar­tete Herzens­fröm­mig­keit. Dazu zählen eine klare Absage an die altgläu­bige Rom-Orien­tie­rung christ­li­cher Gemeinde. Sie ist aber vor allem in als bedroh­lich empfun­denen Zeiten für das Wirken des Heiligen Geistes offen und sieht sich in der Nach­folge Christi zu konse­quentem Lebens­stil und sitt­li­chem Handeln verpflichtet. Damit griff die Kron­städter Refor­ma­tion Ideen der Böhmi­schen Brüder und der Täufer auf. Auch ließ sie in den Anfangs­jahren die für Luther zentrale Recht­fer­ti­gungs­lehre, die beson­ders Gottes gnädige Barm­her­zig­keit gegen­über den noto­ri­schen Sündern heraus­stellte – das Heil allein aus Gnade –, uner­wähnt. Statt­dessen wurde die sitt­lich tugend­hafte Haltung und Lebens­weise beispiels­weise von Valentin Wagner, dem Nach­folger des 1544 zum Pfarrer einge­setzten Refor­ma­tors Johannes Honterus, in den Mittel­punkt gerückt: „So wird dich Gott und deine Tugend in den Himmel tragen.“

Statue Philipp Melan­ch­tons an der Schule in Wolken­dorf im Burzen­land. Foto: Martin Eichler, München

Melan­chthon als prägende Gestalt

Während seiner vier Jahr­zehnte dauernden Lehre in Witten­berg hat Melan­chthon unter anderem hunderte Studenten aus Sieben­bürgen und Ungarn weit mehr geprägt als Luther. Philipp Melan­chthons Rhetorik-Lehr­buch hat nach­hal­tigen Einfluss auf die refor­ma­to­ri­sche Predigt in diesem Raum ausgeübt. Seine Theo­logie und sein brief­li­cher Rat waren viel­fach gefragt, nicht zuletzt im Blick auf die seit Ende der 1550er Jahre in Sieben­bürgen strit­tige Abend­mahls­lehre. Auch in dieser Hinsicht war seine deutungs­of­fene Antwort wesent­lich: Beide theo­lo­gi­schen Rich­tungen (die Schwei­ze­ri­sche und die Witten­ber­gi­sche) beriefen sich auf den Prae­ceptor Germa­niae et Hunga­riae (Lehrer Deutsch­lands und Ungarns). Die säch­si­schen Pfarrer in Klau­sen­burg, Franz Hertel (Davidis) und Kaspar Helth über­nahmen mit ihrer Gemeinde zunächst die Theo­logie der Schwei­ze­ri­schen Refor­ma­tion und nach 1566 sogar die Ideen der italie­ni­schen und polni­schen Anti­tri­ni­ta­rier, welche der Hofarzt Giorgio Biand­rata nach­drück­lich förderte.

Vier rezi­pierte Reli­gionen – Die Entste­hung der Pionier­re­gion der Religionsfreiheit

Die theo­lo­gi­schen Posi­tionen im Protes­tan­tismus des 16. Jahr­hun­derts waren in Bewe­gung. Die Weiter­ent­wick­lungen führten zu Vermitt­lungs­be­mü­hungen, Unsi­cher­heiten, aber auch zu Gegen­sätzen. Das Fürs­tentum Sieben­bürgen wurde in den 1560er Jahren als protes­tan­ti­scher Staat wahr­ge­nommen, in dem die katho­li­sche Kirche verküm­merte und die rumä­ni­schen Ortho­doxen durch den Land­tags­be­schluss von 1568 zur Aufgabe ihrer reli­giösen Praxis genö­tigt werden sollten. Prak­tisch gestat­tete der Landtag den Pfar­rern 1568 und 1571 Verkün­di­gungs­frei­heit, womit aber zunächst kein klares Profil verbunden war. Der mit der anti­tri­ni­ta­ri­schen Rich­tung sympa­thi­sie­rende Fürst Johann II. Sigis­mund Szapo­lyai suchte eine Harmo­ni­sie­rung zu errei­chen. Ob seine Stra­tegie auf eine einheit­liche unita­ri­sche Landes­kirche hinaus­lief? Es ist zu vermuten. Aber das Projekt blieb Frag­ment, denn der Fürst starb im März 1571. Wenige römisch-katho­li­sche Gemeinden blieben – meist im Szekler­land – noch erhalten. Die den Osmanen genehmen, katho­li­schen Báthory-Fürsten bemühten sich mit viel­fäl­tigen Maßnahmen, den Sog der anti­trin­ta­ri­schen Bewe­gung zu brechen. Neben dem Neue­rungs­verbot in reli­giöser Hinsicht nötigte Stephan Báthory die Synode und den neuen in Birt­hälm resi­die­renden Super­in­ten­denten Lucas Unglerus zur Aner­ken­nung der Confessio Augustana. Doch die 1572 von Unglerus verfasste Glau­bens­formel versuchte einen Spagat: Einer­seits sollte dem Willen des Fürsten formell entspro­chen werden, ande­rer­seits aber sollten die Formu­lie­rungen viel Ausle­gungs­spiel­raum lassen, um vor allem in der Sakra­ments­theo­logie diver­gie­rende Posi­tionen äußer­lich zusam­men­zu­halten. „Eine konfes­sio­nelle Klärung voll­zogen sie nicht mit“ (Robert Kolb). Einen gewissen Abschluss der orga­ni­sa­to­ri­schen und begriff­li­chen Klärung erzwang der Fürst Sigis­mund Báthory mit einem für die Verfas­sungs­ge­schichte Sieben­bür­gens und Gesamt­eu­ropas denk­wür­digen Land­tags-Beschluss, indem er 1595 die zum Landtag in Weißen­burg Versam­melten mili­tä­risch bela­gerte. Diese beschlossen die Aner­ken­nung von vier Konfes­sionen im Landtag als religio recepta. Gewis­ser­maßen grund­ge­setz­lich veran­kert wurde die Exis­tenz­ga­rantie für Katho­liken, Anhänger der Confessio Augustana, Kalvi­nisten und „Arianer“ (Unita­rier). Die poli­tisch nicht­pri­vi­le­gierten rumä­ni­schen Ortho­doxen wurden nun aber „tole­riert“. Diese Konstel­la­tion darf man aller­dings nicht idea­li­sieren. Denn Sieben­bürgen war keine Insel der Tole­ranz. Die jewei­ligen Landes­fürsten förderten in der Folge­zeit immer die eigene Konfes­sion zum Nach­teil der anderen. Trotzdem kann Sieben­bürgen als Pionier­re­gion der Reli­gi­ons­frei­heit bezeichnet werden, die bis ins 18./19. Jahr­hun­dert hinein ihres­glei­chen sucht. Im Vergleich zu anderen Regionen Europas waren die Rege­lungen weder so weit­ge­hend noch so dauer­haft gesi­chert. Die bereits am Ende des Mittel­al­ters erprobte, weit­ge­hend fried­liche Mehr­kon­fes­sio­na­lität Sieben­bür­gens der Frühen Neuzeit hat sich als Marken­zei­chen bis in die Gegen­wart der welt­weiten Ökumene erhalten. Auch das in Hermann­stadt ange­sie­delte Institut für Ökume­ni­sche Forschung sieht sich dieser Tradi­tion verpflichtet.

1817 wurde auch in Sieben­bürgen an den Beginn der Witten­berger Refor­ma­tion und Luthers 95 Thesen erin­nert. Vor der Kontrast­folie des fins­teren Mittel­al­ters wurde durch Super­in­ten­dent Daniel Georg Neuge­boren im Geist der Aufklä­rung die Tole­ranz­ge­schichte Sieben­bür­gens als Frucht von Luthers Refor­ma­tion erin­nert – und damit eine das künf­tige Geschichts­bild prägende Deutung vorge­nommen. Luthers theo­lo­gi­sches Frei­heits­kon­zept wurde im 19. Jahr­hun­dert kultur­pro­tes­tan­tisch, manchmal sogar frei­sinnig verstanden. Luther wurde als deut­scher Natio­nal­held konstru­iert. An diese Vorstel­lungen lehnte sich die sieben­bür­gisch-säch­si­sche Luther­ver­eh­rung an, setzte aber eigene Akzente, die an die Früh­zeit der Kron­städter Refor­ma­tion anknüpften. Deren sitt­li­cher, die christ­li­chen Tugenden heraus­stel­lender Charakter fand in der Nächs­ten­liebe, die in diako­ni­schen Einrich­tungen verwirk­licht wurde, ein zeit­ge­mäßes Echo. In diesem Sinne wurden „leben­dige Denk­mäler“ begründet. 1883 – im Gedenken an Luthers 400. Geburtstag – gab es zwei solcher Initia­tiven: das „Luther­haus“ genannte Waisen­haus in Hermann­stadt und die Idee der evan­ge­li­schen Kran­ken­pfle­ge­an­stalt in Hermann­stadt, die 1887 schließ­lich einge­weiht werden konnte. In diese Linie ist auch der Refor­ma­tions-Dank des Jahres 1917 einzu­ordnen: 200.000 Kronen spen­deten die Gemein­de­glieder der Landes­kirche für die drin­gend nötige Erwei­te­rung des Landes­kirch­li­chen Waisen­hauses in Birthälm.

Durchaus gegen­sätz­lich verlief die Rück­be­sin­nung auf die Refor­ma­tion in den Jahr­zehnten nach dem Ersten Welt­krieg. Einer­seits beein­flusste die soge­nannte Luther­re­nais­sance auch die theo­lo­gisch redliche Luther-Rezep­tion, die von Bischof Viktor Glondys und Bischofs­vikar Fried­rich Müller-Langen­thal geför­dert wurde. Ande­rer­seits wurde ein natio­na­lis­tisch verengtes Verständnis von Volks­kirche radi­ka­li­siert. Bischofs­vikar Dr. Franz Herfurth meinte 1918, das allge­mein geteilte kultur­pro­tes­tan­ti­sche Selbst­ver­ständnis folgen­der­maßen defi­nieren zu können: „Die säch­si­sche Mutter führt ihr Kind früh zu Gott und kettet sein Herz an Familie und Volk. Evan­ge­lisch sein und säch­sisch sein sind Wech­sel­be­griffe. Recht und Brauch und Sprache haben uns zum Volk, der deut­sche Glaube hat uns zur Gemein­schaft der Kirche, beides zur Volks­kirche zusammen geschmiedet.“ Dieser „deut­sche Glaube“ wurde ein Vier­tel­jahr­hun­dert später durch den Pfarrer im Landes­kon­sis­to­rium Andreas Schreiner in natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sinne als „Volks­re­li­gion“ verstanden und präzi­siert: Es sei weder Verrat noch Verleug­nung des Chris­ten­tums, wenn „mit Rück­sicht auf das vorwie­gend völki­sche Gemein­schafts­emp­finden in unserer Landes­kirche die […] Bezeich­nung ‚evan­ge­lisch A. B.’ fallen“ gelassen würde, „um uns einfach eine ‚deut­sche’ Kirche zu nennen“. In „dogma­tisch nach­läs­siger Haltung“ sollte das Augs­bur­gi­sche Bekenntnis der Landes­kirche nur noch als formal­ju­ris­ti­sches Feigen­blatt dienen. Kein Wunder, dass die Landes­kirche 1945 dem Vorwurf als „hitle­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tion“ ausge­setzt und vom Verbot bedroht war.

Nach dem Zweiten Welt­krieg haben Bischof Müller-Langen­thal und die Profes­soren am Theo­lo­gi­schen Institut die Landes­kirche bewusst an der als Grund­lage wieder­ent­deckten Theo­logie Luthers ausge­richtet. Dabei sollte vor allem die betonte Unter­schei­dung der kirch­li­chen und staat­li­chen Kompe­tenzen im Sinne von Luthers Zwei-Reiche-Lehre den Zugriff des Staates auf das inner­kirch­liche Leben weitest­ge­hend zurück­drängen. Je nach Gele­gen­heit geschah das mit Vorsicht, aber auch mit an Luthers Vorbild orien­tiertem Freimut. In der bedrü­ckenden Lage des Jubi­lä­ums­jahres 1983 griff dies auch Bischof Albert Klein in seinem Kanzel­wort auf. Er erin­nerte nicht nur an Luthers Bibel­über­set­zung, seinen Kate­chismus und das „Herz­stück“: die Kreu­zes­theo­logie. Darüber hinaus verwies er auf die diako­ni­sche Grund­funk­tion von Kirche und das protes­tan­ti­sche Resis­tenz­po­ten­tial, den christ­li­chen Freimut: „Im Glauben an Jesus Christus hat Martin Luther die Befreiung von Menschen­furcht und Todes­angst erfahren. Er ist nicht müde geworden, die evan­ge­li­schen Gemeinden zum Bekenntnis der Wahr­heit Gottes und zum Dienst der Liebe aufzu­rufen und so die Frei­heit eines Chris­ten­men­schen zu bewähren.“

Anmer­kung der Redaktion:

Der Beitrag greift neue Forschungs­er­geb­nisse auf, die in zwei Neuerschei­nungen präsen­tiert werden:

Ulrich A. Wien (Hg.): „Common Man, Society and Reli­gion in the 16th century / Gemeiner Mann, Gesell­schaft und Reli­gion im 16. Jahr­hun­dert. Fröm­mig­keit, Moral und Sozi­al­dis­zi­pli­nie­rung im Karpa­ten­bogen“. Göttingen 2021 (Refo500 Academic Studies 67). ISBN: 9783525571002

Ulrich A. Wien (Hg.): „Themen­heft: 500 Jahre Rezep­tion der Refor­ma­tion in Sieben­bürgen und Ungarn: Anfänge und Netz­werke von Konfes­si­ons­plu­ra­lismus in der Über­lap­pungs­zone von West- und Ostkirche“. Berlin 2021 (Journal of Early Modern Chris­tia­nity 8/1). ISSN 2196–6648 oder: e‑ISSN 2196–6656.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Sieben­bür­gi­schen Zeitung.


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