Marion Maré­chal: „Eine große demo­gra­phi­sche Verschie­bung findet statt“

Marion Maréchal · Foto: Visegrád Post / Ferenc Almássy

Marion Maré­chal beant­wor­tete Fragen eines neuen konser­va­tiven ameri­ka­ni­schen Mediums

Tyszka-Drozdowski: Sie haben vorhin gesagt, dass das größte Problem in der fran­zö­si­schen Politik die Unfä­hig­keit ist, eine „Mehr­heits­rea­lität“ aufzu­bauen, einen Konsens zu schaffen. Können Sie uns mehr über dieses Problem sagen und was Ihrer Meinung nach getan werden kann, um es zu lösen?

Marion Maré­chal: Frank­reich leidet unter einer Viel­zahl von Spal­tungen. Eine wich­tige Unter­tei­lung ist die des Terri­to­riums, zwischen Metro­polen und Peri­phe­rien. (…) Die zweite Abtei­lung ist ethnisch. Macron selbst sagte kürz­lich, dass mehr als 10 Millionen Fran­zosen Familie auf der anderen Seite des Mittel­meers haben. Ich denke, das ist eine konser­va­tive Schät­zung. Frank­reichs Bevöl­ke­rung beträgt 60 Millionen. Heute hat ein Drittel der in Frank­reich gebo­renen Kinder mindes­tens einen Eltern­teil, der nicht Fran­zose ist. In dieser Statistik sind also nicht alle Migranten der zweiten oder dritten Genera­tion enthalten. Es findet ein großer demo­gra­fi­scher Wandel statt, zu dem noch die reli­giöse Kluft hinzu­kommt. Die Einwan­de­rung nach Frank­reich erfolgt haupt­säch­lich aus Afrika und Nord­afrika, und zwar haupt­säch­lich aus dem musli­mi­schen Raum. Histo­risch gesehen hat es in Frank­reich noch nie eine so starke isla­mi­sche Einwan­de­rung gegeben. Heute gibt es in Frank­reich mehr prak­ti­zie­rende Muslime als prak­ti­zie­rende Katho­liken. Und es muss offen gesagt werden, dass viele musli­mi­sche Glau­bens­vor­stel­lungen und Bräuche mit der fran­zö­si­schen Lebens­weise unver­einbar sind (…)

Die Wähler­schaft wird durch das Zusam­men­zählen von Minder­heiten gebildet, aber niemand kümmert sich um die Schaf­fung einer verbin­denden Vision, einer Idee von einem gemein­samen Schicksal. Aus meiner Sicht ist dies die größte poli­ti­sche Heraus­for­de­rung in Frank­reich: einen Konsens, eine gemein­same Vision zu finden. Ich habe keine vorge­fer­tigten Lösungen. Deshalb funk­tio­niert unsere Demo­kratie so schlecht, deshalb gibt es so viele Proteste auf der Straße, weil die Demo­kratie ohne „fait majo­ri­taire“ nicht richtig funk­tio­niert. Wenn dieses Element fehlt, kommt es zu einem Krieg der Minder­heiten, und genau das erleben wir gerade. Dieser Krieg wird auch durch den Indi­vi­dua­lismus ange­heizt, der in den west­li­chen Gesell­schaften Einzug gehalten hat. In Frank­reich, das sehr entchrist­licht ist, hat der Indi­vi­dua­lismus eine außer­ge­wöhn­liche Stärke entwickelt.

Tyszka-Drozdowski:Ist Éric Zemmour Ihrer Meinung nach in der Lage, diese Mehr­heit, dieses „Mehr­heits­faktum“ zu schaffen?

Marion Maré­chal : Zemmour spricht im Namen der schwei­genden Mehr­heit, einer Mehr­heit, die zu lange geschwiegen hat. In Frank­reich lebt diese schwei­gende Mehr­heit – die meines Erach­tens immer noch die Mehr­heit ist – in einem Zustand der zivi­li­sa­to­ri­schen Unruhe. Es hat das Gefühl, dass ihm seine Kultur, sein Land, seine Geschichte genommen wird. Diese Mehr­heit bringt dieses Gefühl nicht immer zum Ausdruck, denn es ist eine Emotion, und es ist schwierig, dafür eine poli­ti­sche Form zu finden. Aber ich denke, Zemmour drückt eine Sorge aus, die die meisten Fran­zosen heute empfinden. Die Über­zeu­gung, dass es zu viel Einwan­de­rung gibt, ist in der gesamten Gesell­schaft verbreitet.

Tyszka-Drozdowski: Ich möchte damit schließen, dass ich Ihnen die gleiche Frage stelle, die Alain Peyre­fitte de Gaulle gestellt hat… Wird Frank­reich noch existieren?

Marion Maré­chal: Das hoffe ich. Ich will mir die Frage gar nicht stellen. Ich kann nicht akzep­tieren, dass es anders ist. Frank­reich ist das Land meiner Vorfahren. Ich komme aus der Bretagne und kann mir nicht vorstellen, dass das Land meiner Vorfahren, in dem sie seit tausend Jahren begraben sind, aufge­geben werden könnte. Ich weigere mich, mir diese Frage zu stellen. Ich schöpfe meine Hoff­nung aus der Geschichte Frank­reichs, Polens und Ungarns. In Frank­reich haben wir nie die exis­ten­zi­elle Angst gehabt, zu verschwinden wie die Ungarn oder die Polen. Polen hat Teilungen erlebt, immer unter der Bedro­hung einer deut­schen oder russi­schen Hege­monie. Ungarn musste sich den osma­ni­schen Inva­sionen und der Kolo­ni­sie­rung durch Öster­reich wider­setzen. In unserer Geschichte haben wir diese Angst, die Angst, nicht mehr zu exis­tieren, nie gekannt. Heute beginnen wir es zu spüren, es ist etwas Neues für uns. Sie hat verschie­dene Erschei­nungs­formen, sie ist etwas Neues in unserer Geschichte. Wir haben in der Geschichte große Zusam­men­brüche erlebt, wie 1940, die Nieder­lage von Sedan, die Reli­gi­ons­kriege oder die Revo­lu­tion. Aber wir haben auch große Aufer­ste­hungen erlebt. Wie Jeanne d’Arc, die Rätsel­hafte, wie können wir sie verstehen? Sie war 19 Jahre alt und führte die Befreiung Frank­reichs an. Es ist ein Wunder der Geschichte. Wenn dieses histo­ri­sche Wunder nur ein einziges Mal geschah und von einem 19-Jährigen voll­bracht wurde, gibt es immer noch Grund zur Hoff­nung und zur Annahme, dass diese tausend­jäh­rige Nation über verbor­gene Ressourcen verfügt, die wir nicht vermuten. Ich glaube, dass die Fran­zosen uns wieder über­ra­schen werden und dass sie genug Vita­lität haben, um nicht von der Geschichte begraben zu werden.

Quelle: LaLettrePatriote.com


2 Kommentare

  1. gegen deutsch­land wurd schon seit längeren ein krieg geführt, gegen schweden, frank­reich und italien neuer­lich daselbe. “ die schweden haben kein recht auf ihren iden­tität, ihre geschichte und ihren kultur“ – so lautete eine ausage. dsselbe gilt offen­sicht­lich fpr andere euro­päern. in afrika, asien, südame­rika redet man nie so
    also, wenn die erwähnten grös­sere europ. staaten mal erle­digt sind, sind die klei­neren noch schneller die geschichte.
    und – wenn die “ waffe“, dh die “ eroberer“ mal “ siegen“ dürfen – für wie lange dann?
    was werden die puppen­spieler dann unternehmen?
    die geschichte hat es schon gezeigt.

  2. Irrtümer:

    Die Gutste Jeanne d’Arc war Deut­scher Abstam­mung, stammte aus Loth­ringen und stritt wohl eher für ein archai­sches Chris­tentum als für eine Kolo­ni­al­macht Frankreich!

    Wann und wo mußte sich Ungarn einer Kolo­ni­sie­rung durch Öster­reich wider­setzen? Die fran­zö­si­sche Kolo­nia­li­sie­rung von Habs­bur­gisch Loth­ringen, und die mehr­fachte totale Zerstö­rung der „Deut­schen Rhein­pfalz“ sind dagegen real. Die Fran­zö­si­sche Hymne kündet noch heute stolz davon!

    Inter­es­sant auch der Hinweis auf ein wieder­erstan­denes Polen. Es war das Deut­sche Reich, welches 1916 Polen als Staat grün­dete. Zum Dank wurden alle, Millionen von Deut­schen, östlich der Oder vertrieben!

    Und von der segens­rei­chen fran­zö­si­schen Besat­zungs­zeit mit 800 Kilo­ka­lo­rien pro Mann und Tag, durfte ich mich als Kind persön­lich Über­zeugen. Das heutige Indus­trie­ge­biet in Colom Bechar wurde mit in Deutsch­land geklauten Maschinen und von Deut­schen Zwangs­ar­bei­tern erbaut!

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